Vorwort zur deutschen Ausgabe

in Begegnung mit dem Mysterium
Freier Zugang

Begegnung mit dem Mysterium – unter diesem Titel wendet sich Seine Allheiligkeit der Ökumenische Patriarch Bartholomaios im vorliegenden Buch an orthodoxe und nicht-orthodoxe Leser, um einen Einblick in die orthodoxe Theologie des 21. Jahrhunderts, vor allem aber auch in die gelebte Lebenswirklichkeit der Orthodoxie zu liefern. Es ist mir eine besondere Ehre, einige einleitende Bemerkungen zu diesem wichtigen Buch zu machen; es freut mich ganz besonders, dass auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, seinerseits in das Buch einführt.

Begegnung ist ja ein Leitmotiv im Leben des Ökumenischen Patriarchen, der nach seinem Studium in Chalki an katholischen und evangelischen Hochschulen und Universitäten studiert hat, der bei der „Kommission für Glaube und Kirchenverfassung“ des Weltkirchenrates ebenso wie in der internationalen Gesellschaft für das Recht der Ostkirchen entscheidende Akzente gesetzt hat. Nach seinem Amtsantritt als Ökumenischer Patriarch im Jahre 1991 hat er die Begegnung mit den übrigen Vorstehern der autokephalen orthodoxen Kirchen sozusagen institutionalisiert, indem er mehrfach ein fortan Synaxis genanntes Konsultations- und Entscheidungsgremium einberief. Begegnung praktizierte Patriarch Bartholomaios aber auch in ökumenischer Hinsicht: Erwähnt seien hier seine vielen Reisen, die ihn zum Beispiel mehrfach nach Rom führten, wo er mit allen Päpsten seiner langen Amtszeit zusammentraf. Gleiches lässt sich über die Begegnungen mit den Vertretern der reformatorischen Kirchen und des Ökumenischen Rates der Kirchen sagen. Patriarch Bartholomaios ist von den Staatsoberhäuptern und Regierungschefs unzähliger Länder empfangen und geehrt worden. Die Zahl seiner Ehrendoktorate wächst ständig: Auch dies weist ja auf die interdiziplinäre Kompetenz des Geehrten und seine Dialogbereitschaft hin. Desgleichen ist im interreligiösen Gespräch die Stimme des Patriarchen nicht zu überhören und leistet einen bedeutenden Beitrag. Und mit dem Stichwort „Begegnung“ lässt sich sicherlich auch das historische „Heilige und Große Konzil der Orthodoxen Kirche“ beschreiben, das im Sommer 2016 in Kreta stattfand, und bereits heute als der Höhepunkt der Lebensleistung des unermüdlichen Patriarchen Bartholomaios gilt. Das Konzil von Kreta, an dem ich persönlich als Mitglied der Delegation des Ökumenischen Patriarchates teilnehmen durfte, war ja nicht nur eine Begegnung der Konzilsväter und ihrer jeweiligen Delegationen, zu denen übrigens auch weibliche Delegierte gehörten. Auch ökumenischen Gästen, zu denen auch der bereits erwähnte Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland gehörte, sind wir in der Orthodoxen Akademie von Kreta, in Heraklion und Chania in jenen heißen Sommertagen des Konzils begegnet. Aber die eigentliche – und bleibende – Bedeutung des Konzils war ja, was man als die Begegnung der Orthodoxen Kirche mit der Moderne, mit der heutigen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und ökumenischen Wirklichkeit bezeichnen kann. Sowohl in der „Botschaft“ des Konzils, als auch in der Enzyklika spiegelt sich das aufrichtige und dynamische Engagement des Patriarchen wider. So heißt es zu Beginn der Botschaft des Konzils: „Die Grundlage unserer theologischen Diskussionen war die Gewissheit, dass die Kirche nicht für sich selbst lebt. Sie übermittelt das Zeugnis des Evangeliums der Gnade und Wahrheit und bietet der ganzen Welt die Gaben Gottes: Liebe, Frieden, Gerechtigkeit, Versöhnung, die Kraft des Kreuzes und der Auferstehung und die Erwartung der Ewigkeit.“1

Eine ganz besondere Dimension der Begegnung ist für den Patriarchen der Dialog zwischen Glauben und Naturwissenschaften. Es geht ihm dabei nicht darum, die wissenschaftliche Forschung zu bevormunden, und er bezieht – trotz seiner auch auf diesem Gebiet zweifellos vorhandenen Kompetenz – nicht zu jeder wissenschaftlichen Frage Position. Für ihn bedeutet die Begegnung mit der Naturwissenschaft vielmehr, unbekannte Dimensionen der Schöpfung Gottes sichtbar zu machen. Deshalb hört er auch die ihm vielfach zugedachte Bezeichnung des „Grünen Patriarchen“ nicht ungern, da diese für ihn zunächst den Lobpreis des Schöpfers beschreibt, der eine zentrale Rolle in seinem Leben spielt. Dass dieser Lobpreis dann zum Erkennen und Anerkennen der eigenen Schuld gegenüber der Schöpfung Gottes und schließlich zum tatkräftigen Engagement zur Bewahrung derselben führt, versteht sich von selbst. So gipfelt dann die Konzilsbotschaft in folgender Feststellung: „Das Heilige und Große Konzil hat unseren Horizont in Richtung der vielfältigen und vielgestaltigen Welt von heute erweitert. Es hat unsere Verantwortung in Raum und Zeit, allerdings immer in der Perspektive der Ewigkeit, hervorgehoben.“2 Diese Horizonterweiterung der Kirche, die man als Leitmotiv des Konzils, aber auch seines Vorsitzenden, des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios, bezeichnen kann, ist allerdings kein simples Aggiornamento, keine Anpassung an innerweltliche Realitäten, sondern ein diachronisches Ziel.

An dieser Stelle kommt nun der Begriff des Mysteriums ins Spiel, den Seine Allheiligkeit für dieses Buch gewählt hat. Auch in diesem Werk nimmt – wie in vielen seiner Reden und Vorträge – dieser in der orthodoxen Theologie und Spiritualität dominierende Terminus eine zentrale Rolle ein. Für den Patriarchen beschreibt er nicht nur die Erfahrung der Beziehung zu Gott, sondern bereits jede zwischenmenschliche Begegnung. Für ihn bezeichnet das Mysterium die Vielschichtigkeit und den Reichtum, den es in jedem Mitmenschen zu entdecken gilt. Niemals kann man jemanden nur auf einen Aspekt seiner Persönlichkeit reduzieren. Deshalb muss man dem Anderen immer wieder mit einem liebevollen Wahrnehmen begegnen. Patriarch Bartholomaios wendet hier den in der orthodoxen Theologie häufig verwandten Begriff der apophatischen Sprache auch auf die Anthropologie an. In diesem Sinn beschäftigt sich der Verfasser dann in diesem Werk auch mit ethischen Fragen der heutigen Theologie, ebenso wie mit den Sakramenten oder dem Gebet der orthodoxen Kirche.

Kurz gesagt: Ich wünsche diesem Buch eine weite Verbreitung, denn es führt in die Grundlagen orthodoxer Theologie ein; es ist von einer begnadeten kirchenleitenden Persönlichkeit unserer Zeit geschrieben und ist deshalb ein Werk, das so angelegt ist, dass es in herausragender Weise hält, was sein Titel verspricht: Begegnung mit dem Mysterium!

Metropolit Augoustinos von Deutschland

Exarch von Zentraleuropa

Vorsitzender der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD)

Anmerkungen
1

Botschaft des Heiligen und Großen Konzils, zit. n. Synodos. Die offiziellen Dokumente des Heiligen und Großen Konzils der Orthodoxen Kirche (Kreta 18.–26. Juni 2016), Bonn 2018, S. 42.

2

Ebd., S. 49.

Begegnung mit dem Mysterium

Das orthodoxe Christentum von heute verstehen. Aus dem Englischen übersetzt von Renate Sbeghen