Zum Geleit

Dass die theologische Vision des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. mit diesem Buch zum ersten Mal auch deutschsprachigen Leserinnen und Lesern zugänglich gemacht wird, freut mich sehr. Persönlich habe ich in Begegnungen in Istanbul (2016) und Tübingen (2017) die herzliche Gastfreundschaft und die ökumenische Aufgeschlossenheit des Ehrenoberhauptes der weltweiten Orthodoxie kennengelernt. Der Ökumenische Patriarch ist einer der wichtigsten religiösen Impulsgeber unserer Zeit. Deswegen ist es längst überfällig, dass seine Gedanken über die wissenschaftlichen und ökumenischen Expertenkreise hinaus auch einer breiteren deutschen Leserschaft bekannt werden.

Es ist inspirierend, dem Ökumenischen Patriarchen zuzuhören: Seine Worte zur Ökologie sind ebenso wie seine Überlegungen zum Wesen des Menschen unmittelbarer Ausdruck seines weltbezogenen orthodoxen Glaubens. Die Bedeutung, die Bartholomaios der Heiligkeit der Schöpfung Gottes zuspricht, gewinnt – um nur ein Beispiel dafür zu nennen – vor dem Hintergrund der Klima-, Umwelt, Hunger- und Flüchtlingskrisen unserer Zeit eine besondere Aktualität.

Entschiedener als manche traditionellen Ansätze evangelischer oder römisch-katholischer Theologie betrachtet Bartholomaios aus orthodoxer theologischer Sicht die Menschheit als Teil eines kosmischen Gesamtsystems. Dieses feingliedrige Gefüge, sagt der Patriarch, dürfen wir Menschen niemals durch kurzfristige ökonomische Interessen beschädigen oder gar zerstören. Die Umwelt kann für den Ökumenischen Patriarchen nicht von einer abstrakt gedachten und aus ihrem natürlichen Kontext herausgelösten „Menschheit“ abgetrennt werden. Vielmehr gehören nach seiner Ansicht die Pflanzen und Tiere ebenso in das komische Heilsgeschehen hinein wie wir Menschen.

Einem ganzheitlichen Ansatz verpflichtet sind auch die Worte des Ökumenischen Patriarchen zur Beziehung zwischen dem dreifaltigen Gott und uns Menschen: Nur in der zwischenmenschlichen Beziehung und zugleich der Beziehung zu Gott finden wir Menschen wahre Erfüllung, beginnt Bartholomaios seine Überlegungen mit einem in der theologischen Tradition des Ostens wie des Westens weit verbreiteten Gedanken. Doch mit einem etwas anderen Akzent als westliche Theologie der Gegenwart diesen Gedanken weiterentwickeln würde, geht der Patriarch in einem zweiten Schritt nicht gleich zum biblischen Motiv der Gottesebenbildlichkeit als einer Garantie unverletzbarer Rechte jedes einzelnen Menschen über. Stattdessen spricht er zuvor über das Motiv der Gottesebenbildlichkeit als einer Auskunft über das Wesen des Menschen: Wie der dreifaltige Gott so ist auch der Mensch, sagt Bartholomaios, gar nicht anders bestimmbar als über seine Existenz in der Beziehung.

Weil der dreieinige Gott als Vater, Sohn und Geist bereits in sich selbst ein „beziehungshaftes Sein“ besitzt, kommt dieses „beziehungshafte Sein“ nach der Auffassung des Patriarchen entsprechend auch dem Menschen zu, der ja „in Gottes Bild“ geschaffen ist. An mehreren Stellen seines Buches verleiht Bartholomaios diesem Gedanken eine für ihn persönlich sehr charakteristische sozialethische Zuspitzung und stellt fest, dass wir Menschen nur dann erfüllt leben, wenn wir uns um unsere marginalisierten und benachteiligten Mitmenschen auf dieser Erde kümmern.

Ausgeprägter als der im deutschen theologischen Kontext vermutlich am intensivsten rezipierte orthodoxe Theologe Dumitru Staniloae (1903–1993) und in einer Weise, die an seinen griechischen Mitbruder, den Metropoliten Johannes Zizioulas (*1931), erinnert, entfaltet Patriarch Bartholomaios in seinem Buch ein Kirchen- und Amtsverständnis, das er selbst „ein dynamisches, ja fast charismatisches Verständnis der Kirche“ nennt.

Für die evangelische Theologie und für die Ökumene, die heute das fruchtbare Gespräch mit den pfingstlichen Bewegungen suchen, lohnt es sich, hier aufmerksam auf ihre orthodoxen Geschwister zu hören: Als eine rein historische Größe hat Kirche nach Bartholomaios’ Ansicht keine Relevanz. Bartholomaios’ Betonung der unverminderten Gegenwart des Heiligen Geistes in der Kirche stellt alles kirchliche Handeln und Sprechen in einen endzeitlichen Zusammenhang. Gottesdienst und Amt versteht der Patriarch deshalb als Gaben aus Gottes Zukunft an die Gegenwart. Könnte diese doch auch neutestamentliche Sichtweise womöglich auch einen Impuls für das evangelisch-katholische ökumenische Gespräch zu Amt und Kirche geben, das sich in der Vergangenheit sehr stark auf die Frage nach historischen Kontinuitäten konzentriert hat?

Eine weitere bereichernde Perspektive, die dieses Buch eröffnen könnte, betrifft die Bedeutung des interreligiösen Dialoges, dem sich das Ökumenische Patriarchat seit langer Zeit in vorbildlicher Weise widmet. Auch in diesem Bereich hat der Patriarch Inspirierendes und zugleich auch Ermutigendes zu sagen. Dialog ist für Bartholomaios kein taktisches Spiel, das von opportunistischen Erwägungen geleitet wird, sondern eine besondere Weise der geistlichen Begegnung, die Gott selbst den dialogführenden Menschen schenkt und die auf segensreiche Weise beide Seiten verändern kann.

Damit rückt der Dialog dem orthodoxen Zentralbegriff der „Erfahrung“ nahe, die der Ökumenische Patriarch als das Bewusstsein beschreibt, das eigene Leben als Geschenk Gottes zu empfangen und den Schöpfer für diese Gabe zu preisen. Aus der so verstandenen „Erfahrung“ des Dankes gegenüber dem Schöpfer speist sich das gesamte ökumenische, interreligiöse und soziale Engagement des Ökumenischen Patriarchen.

Für die Evangelische Kirche in Deutschland freue ich mich über das Erscheinen des Buches des Ökumenischen Patriarchen, dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche.

Bischof Heinrich Bedford-Strohm

Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland