Patriarch Bartholomaios

Biographische Skizze

in Begegnung mit dem Mysterium
Freier Zugang

Ich bin nur … ein Diener auf einer Mission.

Hlg. Barsanuphius von Gaza (6. Jh.)

Der jetzige Ökumenische Patriarch Bartholomaios wurde am 29. Februar 1940 als Demetrios Archondonis auf der kleinen Insel Imvros (heute Gökçeada) unweit der Küste der Türkei geboren und getauft. Am 22. Oktober 1991 wurde er zum 270. Erzbischof der 2000 Jahre alten, vom Hlg. Andreas gegründeten Kirche gewählt und dient ihr als Erzbischof von Konstantinopel, Neu-Rom und Ökumenischer Patriarch. Seitdem präsidiert Seine Allheiligkeit unter allen orthodoxen Oberhäuptern als das geistliche Oberhaupt von 300 Millionen Gläubigen. Seit den Jahren seiner Kindheit und während seiner kirchlichen Amtszeit hat er eine gleichmäßige Mischung von Autorität und Verletzlichkeit gezeigt.

Als Sohn des lokalen Kaffeehausbesitzers Christos Archondonis, der gelegentlich auch als Barbier arbeitete, wuchs der junge Demetrios in dem bescheidenen Dorf Aghii Theodori (die Heiligen Theodore)1 auf der kleinen bergigen Insel im Ägäischen Meer auf. Christos und Merope hatten vier Kinder – das älteste war ein Mädchen, und Demetrios war der zweite von drei Jungen. Sein Vater war streng, seine Mutter sanft. In den Sommerferien arbeitete Demetrios im Café und eignete sich soziale Kompetenzen im Dorfzentrum an, wo sich die Männer versammelten, um zu reden, Kaffee zu trinken und die Sorgen-Perlen zu klicken, wenn sie über Politik und das Los der Welt diskutierten.

Damals lebten etwa 8000 orthodoxe Christen auf Imvros. Heute, nachdem das Leben wieder friedlich geworden ist, bleiben nur noch wenige Einwohner auf der Insel; ein Großteil des Landes wurde beschlagnahmt; griechische Schulen wurden geschlossen, und das Dorf Aghii Theodori nennt sich nun Zeytinliköy (Dorf der Olivenbäume). Die Dorfkapelle des Hlg. Georg ist auf Initiative des jetzigen Patriarchen restauriert worden, und als Priester der Kapelle dient der Sohn des früheren Gemeindepriesters des Patriarchen, Vater Asterios. Demetrios’ Familie besaß etwas Land mit einer kleinen, der Hlg. Marina geweihten Kapelle. Bis heute erinnert den Patriarchen in seinem Schlafzimmer eine Ikone der Heiligen an die Jahre seiner Kindheit; er hat auch etwas Erde von dem Land um die Kapelle herum, das seine Familie bestellte, mit sich genommen.

Frühe Jahre und Ausbildung

Der Dorfpriester, Vater Asterios, war sein geistlicher Mentor. Er lud den jungen Demetrios dazu ein, ihm sowohl in der Hauptkirche des Dorfes, die dem Hlg. Georg geweiht war, am Altar zu assistieren und forderte ihn auch jedes Mal dazu auf, wenn er sich zu den zahlreichen entfernter liegenden kleinen weißen Kapellen aufmachte, die die Landschaft der Insel schmücken. Vater Asterios wanderte viele Meilen auf engen Pfaden durch Schnee und Regen; neben ihm trabte ein Esel, der den jungen Demetrios und die heiligen Gefäße für die Gottesdienste trug. Obwohl niemand außer den beiden anwesend war, schaute Vater Asterios auf seine Taschenuhr und läutete die Glocke, wenn es Zeit war, den Gottesdienst mit Demetrios zu beginnen. Vater Asterios war ein gläubiger älterer Mann, der über die Grundschule hinaus keine weiterführende Bildung genossen hatte und öfter grundlegende Fehler beim Lesen der Gebete und Psalmen machte. Demetrios jedoch wurde schon früh von der Liturgie und dem Ritual der Orthodoxen Kirche sowie von ihren Praktiken und Traditionen inspiriert. Vater Asterios schenkte Demetrios den Stoff für sein erstes Gewand als Diakon. Sein Sohn, Vater Georgios, dient noch heute als Dorfpriester.

Der damalige Bischof von Imvros und Tenedos war Metropolit Meliton (1913–1989)2, ein hochbegabter und einflussreicher Bischof in der Hierarchie von Konstantinopel, der sicherlich Nachfolger auf dem Ökumenischen Thron von Patriarch Athenagoras (1886–1972) geworden wäre, wenn die türkischen Behörden seinen Namen nicht von der Liste der in Frage kommenden Kandidaten gestrichen hätten. Metropolit Meliton erkannte schon früh die verschiedenen Talente des zukünftigen Patriarchen und nahm Demetrios unter seine Fittiche. Er leitete ihn an und unterstützte ihn während seiner schulischen und universitären Ausbildung, vielfach auch auf eigene Kosten.

Die Theologische Hochschule von Halki

Nach dem Abschluss der Grundschule in seinem Heimatdorf der Heiligen Theodori reiste Demetrios in die Stadt Konstantinopel (heute Istanbul, Türkei), wo er die Realschule des Zographeion-Lyzeums besuchte. Für die ersten Jahre seiner Sekundarschulbildung kehrte er nach Imvros zurück und ging jeden Tag fünf Kilometer in die nächstgelegene Stadt Panagia und wieder zurück. Einige seiner frühen Essays und Lieblingsgedichte, die sich in den ursprünglich handgeschriebenen Aufgabenheften noch erhalten haben, wurden in Griechenland3 veröffentlicht. Seine weitere Sekundarschulbildung und Seminarausbildung erhielt er an der bekannten Theologischen Hochschule des Ökumenischen Patriarchats auf Halki, einer Insel mit zwei von Kiefern bewachsenen Hügeln unter den „Prinzeninseln“4 im Marmara-Meer. Das in der Nähe von Istanbul gelegene Halki besitzt eine regelmäßige Fährverbindung und ist eine malerische autofreie Insel, auf der Leute zu Fuß gehen oder Pferdekutschen benutzen. Im Seminar von Halki wurden viele Führungskräfte (hauptsächlich, aber nicht ausschließlich) der griechisch-sprechenden orthodoxen Welt ausgebildet. Dort verbrachten auch die aristokratischen griechischen Familien aus Istanbul ihre Ferien. Die Bedeutung von Halki als Sekundarschule und akademisches Seminar nahm seit den späten fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts ab. Anfang der siebziger Jahre wurde das Seminar von den türkischen Behörden geschlossen. Das prächtige Gebäude aus dem 19. Jahrhundert beherbergt eine Bibliothek mit 40.000 Büchern und historischen Manuskripten sowie Klassenzimmer mit alten Holzschreibtischen, eine geräumige Empfangshalle und Schlafsäle. Es ist ein dringender Wunsch von Patriarch Bartholomaios, die Theologische Hochschule wieder zu öffnen. Er pocht beharrlich auf dem Lausanner Vertrag von 1923 und der Verpflichtung der Türkei, sowohl den rechtlichen Status des Patriarchats als ökumenisch in Art und Umfang anzuerkennen als auch das Recht, dort seine Geistlichen und Kirchenleitenden5 auszubilden.

Postgraduale Studien und Reisen

Nach Beendigung seines Grundstudiums an der Theologischen Hochschule von Halki (1961) diente Bartholomaios von 1961–1963 als Reserveoffizier der türkischen Armee in Gallipolis. Zur selben Zeit wurde er 1961 zum Diakon ordiniert, 1969 folgte die Priesterweihe. Bei der Weihe zum Diakon erhielt Demetrios den monastischen Namen Bartholomaios zu Ehren eines aus Imvros stammenden Mönches, der auf dem Berg Athos lebte und liturgische Texte herausgab. Patriarch Bartholomaios erinnert sich noch heute an seine Weihe, die in der Kathedrale von Imvros stattfand, als an die Erfüllung all seiner Träume.

Zwischen den Weihen verfolgte er Masterstudiengänge am Päpstlichen Orientalischen Institut, das der Gregoriana Universität in Rom angegliedert ist. Das Institut wurde 1917 von Papst Benedikt XV. in der Hoffnung gegründet, dass dort römisch-katholische und orthodoxe Studenten gemeinsam studieren könnten. In Rom meisterte Bartholomaios Italienisch, Latein und Französisch. Er kam auch in Kontakt mit der Theologie von Jean Daniélou (1905–1974), Henri de Lubac (1896–1991) und Yves Congar (1904–1995). Außerdem weilte Bartholomaios während den Sitzungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) in Rom – es war das erste Mal seit Jahrhunderten, dass ein orthodoxer Vertreter an einem Konzil solcher Größenordnung teilnahm. In Rom schloss Bartholomaios auch seine Doktorarbeit über „Die Kodifizierung der Heiligen Canones und die kanonische Verfassung der Orthodoxen Kirche“ ab, die 1970 vom Patriarchatsinstitut für Patristische Studien in Thessaloniki (Griechenland) veröffentlicht wurde. Bartholomaios wurde später ein Gründungsmitglied der Gesellschaft für Kirchenrecht der Orientalischen Kirchen und diente auch mehrere Amtszeiten als ihr stellvertretender Vorsitzender.

Nach seinen Studien in Rom wurde Bartholomaios von Patriarch Athenagoras an das Ökumenische Institut von Bossey (Schweiz) geschickt, an ein akademisches Zentrum, das dem Ökumenischen Rat der Kirchen angegliedert ist und damals von dem progressiven griechisch-orthodoxen Theologen Nikos Nissiotis (1925–1986) geleitet wurde, der gleichzeitig auch Professor für Philosophie und Psychologie der Religion an der Universität Athen war. Unter Nissiotis wurde Bartholomaios mit der zeitgenössischen Philosophie des Existentialismus und Personalismus vertraut und lernte auch das Verständnis der Theologie im Licht des Mysteriums des Heiligen Geistes kennen. Schließlich lernte er an der Universität München Deutsch und wurde in die Werke von Theologen wie Karl Rahner (1904–1984) und Joseph Ratzinger (jetzt Papst em. Benedikt XVI.) eingeführt.

Rückkehr nach Konstantinopel

Zu dieser Zeit seines Lebens lernte Bartholomaios Patriarch Athenagoras, den bekannten und charismatischen Führer der Orthodoxen Kirche jener Zeit, kennen und arbeitete eng mit ihm zusammen. Später wurde Bartholomaios in den Rang eines Archimandriten erhoben. Nach Abschluss seiner Studien kehrte Bartholomäus 1968 nach Konstantinopel zurück und war von 1968–1972 Prodekan an der Theologischen Hochschule von Halki. Patriarch Athenagoras starb 1972, worauf Bartholomaios seinem Nachfolger, Patriarch Demetrios (1972–1991) als persönlicher Sekretär diente und nie von seiner Seite wich. Am Weihnachtstag 1973 wurde Bartholomaios zum Metropoliten von Philadelphia ernannt, während er die Position des Direktors der Privaten Patriarchatskanzlei bis 1990 innehatte.

Als persönlicher und administrativer Assistent des Ökumenischen Patriarchen war Bartholomaios weitgehend verantwortlich für viele der Initiativen, die der verstorbene Patriarch Demetrios in die Wege leitete. Diese beinhalteten auch den Bereich des ökumenischen Engagements durch bilaterale Dialoge, wie zum Beispiel den theologischen Dialog zwischen der Römisch-Katholischen Kirche und den Orthodoxen Kirchen, der offiziell 1980 eröffnet wurde. Dieser „Dialog der Wahrheit“ ergänzte und vervollständigte den „Dialog der Liebe“, der ursprünglich von Patriarch Athenagoras zusammen mit den Päpsten Johannes XXIII. (1881–1965) und Paul VI. (1897–1978) aufgenommen worden war. Bis heute hat dieser Dialog drei wichtige Dokumente zum sakramentalen Verständnis der Kirche (1982), zu Glaube, Sakramente und die Einheit der Kirche (1987) und zum ordinierten Amt (1988) beigetragen; er hat auch versucht, sich mit dem heiklen Problem des Uniatismus (1993) auseinanderzusetzen. Nach einer Auszeit nahm der Dialog seine Verbindlichkeit und seine Arbeit 2006 wieder auf.

Dank der Inspiration und Mitarbeit von Bartholomaios führte Patriarch Demetrios die Vorbereitungen für ein Heiliges und Großes Konzil weiter, indem er drei wichtige Panorthodoxe Konferenzen im Orthodoxen Zentrum des Ökumenischen Patriarchats in Chambésy (in der Nähe von Genf, Schweiz) einberief. 1989 nahm der Ökumenische Patriarch auch seine weltweiten Bemühungen zum Schutz der natürlichen Umwelt mit der Veröffentlichung einer Enzyklika an alle Orthodoxen Kirchen auf und legte den 1. September – den ersten Tag des orthodoxen Kirchenjahres – als den Tag des Gebets für Gottes Schöpfung fest.

1990 wurde Bartholomaios (damals Metropolit von Philadelphia) zum Metropoliten von Chalkedon gewählt und diente in jungen Jahren als ranghöchster Metropolit in der Heiligen Synode; er vertrat das Ökumenische Patriarchat auf höchster Ebene in verschiedenen Kommissionen der zwischenkirchlichen und interreligiösen Beziehungen, begleitete Patriarch Demetrios auf zahlreichen Besuchsreisen zu Orthodoxen Kirchen und Nationen, während er auch offizielle Reisen zum Papst in Rom, zum Erzbischof von Canterbury und zum Ökumenischen Rat der Kirchen unternahm. Bartholomaios war Mitglied der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung sowie Mitglied des Exekutiv- und Zentralausschusses des ÖRK.

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios

Als Patriarch Demetrios 1991 starb, wurde Bartholomaios einstimmig gewählt und enthusiastisch als Ökumenischer Patriarch im Alter von nur 51 Jahren gefeiert. Am 2. November 1991 wurde er feierlich inthronisiert. Von Anfang an war sich Patriarch Bartholomaios über seine Verpflichtung gegenüber dem altehrwürdigen Thron, dessen Vorrangstellung er nun geerbt hatte, vollkommen im Klaren. Ebenso tief bewusst war er sich auch der Vision, die sein Amt und seinen Dienst schärfen und lenkten sollte. Denn er wirkte zugleich als Sohn und Vater der Kirche. Er war gleichzeitig dazu verpflichtet, an ihrer lebendigen Tradition festzuhalten und sie zu fördern. Er ist ein Diener der Kirche mit einer besonderen Aufgabe. Mit den Worten des Hlg. Barsanuphius des Großen († 543) ist er „ein Diener auf einer Mission“.6

Seine Amtszeit ist geprägt von der interorthodoxen Zusammenarbeit, dem innerchristlichen und interreligiösen Dialog sowie von offiziellen Reisen in andere orthodoxe Länder, die früher nur selten besucht wurden. Er unternahm offizielle Besuche und nahm zahlreiche Einladungen zu kirchlichen und staatlichen Würdenträgern an. In seiner Heimatstadt Konstantinopel ließ Patriarch Bartholomaios alle bestehenden Kirchen, Klöster, Pilgerstätten und karitativen Einrichtungen, die entweder verlassen oder verfallen waren, restaurieren.

Patriarch Bartholomaios predigt gern über das geistliche Erbe der Orthodoxen Kirche. Ebenso gern fördert er sozialpolitische Belange in seinem unmittelbaren kulturellen Umfeld oder betet für die Achtung des Islam oder für den Weltfrieden. Er ist viel mehr gereist als jeder andere orthodoxe Patriarch in der Geschichte. Er hat auch Gottesdienste an historisch bedeutenden Orten in Kleinasien zelebriert, z. B. in Kappadozien und Pergamon, wo gottesdienstliche Feiern vor 25 Jahren noch undenkbar gewesen wären. Viele Sympathiekundgebungen wurden ihm zuteil, aber manchmal fand er auch kontroverse Resonanz in den türkischen Medien. Vielfach hat man ihn eingeladen, öffentliche Vorlesungen über christlich-muslimische Beziehungen in türkischer Sprache zu halten.

Ökumenische Mission

Als Bürger der Türkei verleiht ihm seine persönliche Erfahrung eine einzigartige Perspektive religiöser Toleranz und interreligiösen Dialogs. Patriarch Bartholomaios hat sich für die Versöhnung unter christlichen Kirchen (durch Mitarbeit im Ökumenischen Rat der Kirchen7 und bei bedeutenden bilateralen Dialogen8 ) eingesetzt. Darüber hinaus hat er sich auch einen internationalen Ruf für sein Umweltbewusstsein und seine Initiativen zum Umweltschutz erworben. Er hat darauf hingearbeitet, Versöhnung unter Katholiken, Muslimen und Orthodoxen voranzutreiben, z. B. im ehemaligen Jugoslawien, und unterstützt friedensbildende Maßnahmen, um den globalen Konflikt auf dem Balkan und die Kirchenpolitik in der Ukraine zu entschärfen. Er hat auch den Wiederaufbau der Autokephalen Kirche von Albanien und der Autonomen Kirche von Estland überwacht. So diente er diesen traditionell orthodoxen Ländern, die nach Jahrzehnten breit angelegter religiösen Verfolgung hinter dem Eisernen Vorhang wieder auferstanden sind, als ständige Quelle geistlicher und moralischer Unterstützung.

Die Rolle des Ökumenischen Patriarchen als erstes geistliches Oberhaupt der orthodoxen christlichen Welt und als grenzübergreifende Figur weltweiter Bedeutung wächst ständig. Patriarch Bartholomaios hat internationale Friedenskonferenzen sowie Tagungen zu Themen wie Rassismus und Fundamentalismus mitgetragen und hat Christen, Muslime und Juden zusammengebracht, um intensivere Zusammenarbeit und gegenseitiges Verständnis zu erlangen. Man lud ihn ein, vor dem Europäischen Parlament, vor der UNESCO, vor dem Weltwirtschaftsforum sowie vor zahlreichen anderen Parlamenten zu sprechen. Sein Bemühen, Religionsfreiheit und Menschenrechte zu fördern, seine Initiativen, religiöse Toleranz und gegenseitige Achtung vor den Weltreligionen zu schaffen, zusammen mit seinem Eintreten für den Weltfrieden und den Umweltschutz haben ihm die Goldmedaille des US Kongresses 1997 eingebracht.

Seine Initiativen zur Versöhnung schließen Bemühungen ein, das Umweltbewusstsein in der ganzen Welt anzuheben. Er hat jährliche Bildungsseminare auf Halki (1994–98) organisiert, die von Seiner Königlichen Hoheit Prinz Philip Herzog von Edinburgh mitverantwortet wurden sowie zweijährliche internationale, interreligiöse und interdisziplinäre Symposien (seit 1995) im Mittelmeer, im Schwarzen Meer, auf der Donau, in der Adria, in der Ostsee und dem Amazonas. All diese Bemühungen haben Patriarch Bartholomaios den Titel des „Grünen Patriarchen“ eingebracht, und er ist mit mehreren bedeutenden Umweltpreisen ausgezeichnet worden.

Der Ökumenische Patriarch hat mehrere Ehrendoktortitel von Institutionen wie etwa den Universitäten von Athen und Thessaloniki (Griechenland), Georgetown und Yale (USA), Flinders (Australien) und Manila (Philippinen), London, Edinburgh und Löwen wie auch Moskau und Bukarest (in Europa). Außer seiner Muttersprache Griechisch und Türkisch spricht er fließend Englisch, Italienisch, Deutsch und Französisch. Er beherrscht klassisches Griechisch und auch Latein.

Der Patriarch als Brückenbauer

„Eine Brücke zwischen Ost und West zu bauen, war schon immer ein wichtiges Anliegen für Seine Allheiligkeit“, sagte Dr. Joël Delobel von der Katholischen Universität Löwen in Belgien, als dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios 1996 der Ehrendoktor verliehen wurde. „Das ganze Leben des Patriarchen war ein Leben in Vorbereitung auf die Aufgabe eines Brückenbauers.“

Die erste dieser Brücken ist eine, die sich auf die verschiedenen Orthodoxen Kirchen zubewegt… . Die zweite Brücke ist eine, die auf Europa zugeht, eine Brücke, die sich aus den leidenschaftlichen Plädoyers für eine Erweiterung der Europäischen Union auf Ost- und Südosteuropa ergibt. Inmitten des aktuellen Zögerns im Blick auf die Zukunft der Union sind sein unermüdlicher Appell für eine vollständige Union und sein Engagement für den Umweltschutz Vorbild sowohl für den Osten als auch den Westen. Die dritte Brücke ist eine, die den Dialog zwischen allen christlichen Kirchen ermöglichen wird.

Es ist daher umso wichtiger, dass ein kirchliches Oberhaupt wie Patriarch Bartholomaios die ganze Welt bereist, um gegenseitiges Verständnis anzuregen, sich den Problemen zu stellen und Lösungen zu finden. Es gibt keinen anderen Weg. Solche Brückenbauer werden dringend benötigt.

Bereits 1993 erweiterte Patriarch Bartholomaios seinen weitreichenden Einflussbereich auf die nicht-orthodoxe Welt, indem er nach Brüssel reiste, um den Präsidenten der Kommission der Europäischen Union, damals Jacques Delors, zu treffen. Dort hinterließ der Patriarch einen so starken und positiven Eindruck, dass er eingeladen wurde, im folgenden Jahr vor dem Europäischen Parlament zu sprechen. 1994 schloss er sich dem Appeal to Conscience Foundation an, um eine internationale Konferenz für Frieden und Toleranz zu organisieren, die in Istanbul stattfand. Die Konferenz versammelte Christen, Juden und Muslime in dem Bemühen, die Missstimmung zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen zu verringern und die oft auftretende Feindschaft zu vermindern.

Während eines Besuches im Heiligen Land im Jahr 1995 traf Patriarch Bartholomaios nicht nur den Orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, sondern auch den israelischen Premierminister Jitzchak Rabin und den PLO-Präsidenten Jassir Arafat. Später im selben Jahr, zusätzlich zu den offiziellen Besuchen in der ganzen Welt, bei denen er führende Persönlichkeiten und Gläubige in ihrem eigenen pastoralen Bereich getroffen hatte, reiste er nach Norwegen, um den 1000. Jahrestag der Christianisierung dort mitzufeiern, nach Paris, um Präsident Jacques Chirac zu treffen, nach Lourdes, um auf einer Konferenz römisch-katholischer Prälaten zu sprechen, sowie nach Japan und England, um an internationalen Gipfeltreffen zur Umwelt teilzunehmen. Diese Besuche zeigen nicht nur den vollen Terminkalender des Ökumenischen Patriarchen, sondern spiegeln auch das Innerste der Seele einer aufgeschlossenen Persönlichkeit wider.

1997 machte Patriarch Bartholomaios seinen ersten offiziellen Besuch in den Vereinigten Staaten. Dies war erst der zweite Besuch, den ein Ökumenischer Patriarch unternahm. Während dieses Besuches wurde ihm die höchste offizielle Auszeichnung durch den US Kongress verliehen. Bei einem Abendessen im Weißen Haus erhielt er die „Congressional Gold Medal of Honor“. Präsident Clinton nannte ihn „eine führende Persönlichkeit in der Welt, die jeden Amerikaner (und jede Amerikanerin) inspirieren kann“. 2001, nur wenige Wochen nach der Katastrophe des 11. September, eröffnete er eine große interreligiöse Konferenz, die vom Präsidenten der Europäischen Kommission Romano Prodi mitverantwortet wurde. Der Patriarch spielte eine Schlüsselrolle bei der Erarbeitung der Brüsseler Erklärung, die die Berner Erklärung von 1992 bekräftigend aufnimmt: „Krieg im Namen der Religion ist ein Krieg gegen die Religion.“

2003 setzte der Patriarch sein Besuchsprogramm bei orthodoxen Gemeinschaften in der ganzen Welt fort und hielt das fünfte in einer Reihe von Treffen im Rahmen eines Dialogs ab, den er einige Jahre zuvor zwischen orthodoxen Christen und Juden initiiert hatte. Im darauffolgenden Jahr unternahm er große Anstrengungen, eine Brücke zu einem Winkel in der Welt zu bauen, der der Religion hochgradig feindlich gegenüberstand, nämlich Kuba. Fidel Castro, dessen Regierung eine Kirche, die der kleinen orthodoxen Gemeinde auf der Insel gehörte, aus Respekt vor dem Patriarchen wiedererbaut hatte, begrüßte den Kirchenführer persönlich und lobte ihn für seine Bemühungen, die internationale Verständigung und den Umweltschutz zu fördern.

Anfang 2006 besuchte der Ökumenische Patriarch abermals die Vereinigten Staaten, wo er nach der Epiphaniefeier mit den orthodoxen Christen (6. Januar) nach New Orleans flog, um sich ein Bild von den durch den Hurrikan Katrina verursachten Zerstörungen zu machen und den Opfern dieser Naturkatastrophe Trost zu spenden. Ein Foto auf der Titelseite der New York Times zeigt ihn, wie er durch die Trümmerfelder der Stadt geht.

Während seiner gesamten Amtszeit hat sich Patriarch Bartholomaios auf Menschen in Not sowie auf die schwierigsten Probleme konzentriert, denen sich die Menschheit gegenüber sieht. Seine unermüdlichen Anstrengungen im Namen der Religionsfreiheit, der Menschenrechte und des Schutzes der natürlichen Umwelt haben ihm mit Recht einen besonderen Platz unter den weltweit führenden Persönlichkeiten und führenden Aposteln der Liebe, des Friedens und der Versöhnung verschafft.

Der Patriarch als Friedensstifter9

Wie bereits erwähnt ist eines seiner bevorzugten Schlagworte: „Krieg im Namen der Religion ist Krieg gegen die Religion.“ Der Patriarch weiß, wie es ist, belagert zu werden. Sein Sitz, der im 4. Jahrhundert errichtet wurde und einst über Ländereien verfügte, die so groß wie der Vatikan waren, ist heute auf eine kleine, belagerte Enklave in einem verfallenen Winkel von Istanbul reduziert, die Phanar (oder „Leuchtturm“) genannt wird. Fast der gesamte Besitz wurde von den türkischen Regierungen nach und nach beschlagnahmt, die Schulen des Phanar wurden geschlossen und seine Amtsträger werden von Extremisten verspottet, die fast täglich vor dem Patriarchatsgebäude demonstrieren, um die Vertreibung des Ökumenischen Patriarchen aus der Türkei zu verlangen.

Der Patriarch selbst wird oft verhöhnt und bedroht, wenn er es wagt, diese Enklave zu verlassen. Sein Bildnis wird von Zeit zu Zeit von türkischen Extremisten und muslimischen Fanatikern verbrannt. Kleinliche Bürokraten machen sich ein Vergnügen daraus, ihn zu belästigen, ihn in ihre Büros zu bestellen, um ihm irrelevante Fragen zu stellen oder seine Versuche zu blockieren, an den wenigen Gebäuden, die noch unter seine Kontrolle sind, Reparaturen vorzunehmen, und die versteckte Drohungen gegen das aussprechen, was er auf Auslandsreisen sagt und tut. Die türkische Regierung insgesamt folgt einer Politik, die den Ökumenischen Patriarchen bewusst abwertet. Sie weigert sich, seinen ökumenischen Status als geistliches Oberhaupt einer der großen Religionen anzuerkennen, und akzeptiert ihn nur als das Oberhaupt einer kleinen griechisch-orthodoxen Gemeinde in Istanbul.

Doch keine dieser Schmähungen, die Bartholomaios erfahren oder miterlebt hat, hat sein Mitgefühl oder seine Unterstützung für das türkische Volk geschmälert oder ihn von seinem Entschluss abgebracht, als Brücke zwischen der Türkei und Europa zu dienen. Trotz seiner Schwierigkeiten mit der Regierung hat er alle internationalen Bemühungen unterstützt, die Wirtschaft und Demokratie der Türkei zu stärken, was ihm oft erhebliche Kritik von Seiten der griechischen Konservativen eingebracht hat. Er ist ein glühender Verfechter der türkischen Bemühungen, der Europäischen Union beizutreten, und ist weit durch Europa gereist, um für die Aufnahme einzustehen. „Die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union“, sagte er den Europäern in verschiedenen Hauptstädten, „kann zu einem starken Symbol für eine vorteilhafte gegenseitige Zusammenarbeit zwischen der westlichen und islamischen Welt werden und dem Gerede eines Zusammenstoßes der Kulturen ein Ende setzen.“ Die rückhaltlose Unterstützung einer so bedeutenden christlichen Führungspersönlichkeit hat geholfen, die Opposition vieler Skeptiker in Europa abzuschwächen, die an der Entscheidung zweifeln, ein vorwiegend muslimisches Land mit 70 Millionen Einwohnern in die Europäische Union aufzunehmen, die schon Ende 2004 mit der Türkei Verhandlungen begonnen hat.

Zu einer Zeit, in der Feindseligkeiten und Missverständnisse zwischen dem christlichen Westen und der muslimischen Welt beide an einen toten Punkt geführt haben, unternimmt Patriarch Bartholomaios intensive Anstrengungen, um Muslime im gesamten Nahen Osten zu erreichen. „Wir sind davon überzeugt, dass orthodoxe Christen eine besondere Verantwortung tragen, die Ost-West-Annäherung zu fördern“, bekräftigt er. „Denn wie die türkische Republik haben wir, das Ökumenische Patriarchat, einen Fuß in beiden Welten.“

Indem er darauf hinweist, dass orthodoxe Christen eine 550-jährige Geschichte der Koexistenz mit Muslimen im Nahen Osten haben, initiierte er eine Reihe von Begegnungen mit muslimischen Führern in der Region, die er einen „Dialog der Wahrheit in Liebe“ nennt. Um diesen Dialog zu stärken, reiste er nach Libyen, Syrien, Ägypten, in den Iran, nach Jordanien, Aserbeidschan, Katar, Kasachstan und Bahrain, um mit politischen und religiösen Führern in jenen Ländern, die bisher kein anderer christlicher Hierarch besucht hat, zusammenzutreffen. Als Ergebnis erlangte der Patriarch größere Glaubwürdigkeit und erhielt zunehmend Gelegenheiten, mehr als jedes andere bekannte christliche Oberhaupt Brücken zwischen dem Christentum und dem Islam zu bauen.

Patriarch Bartholomaios benutzte den internationalen Respekt, dessen er sich im Westen und in der muslimischen Welt erfreut, um eine starke Front unter Kirchenführern gegen Gewalt im Namen der Religion aufzubauen. Auf einer Konferenz, die er in den Nachwirren des 11. September in Brüssel organisierte, sprach er in energischen Worten über religiöse Extremisten und Terroristen und erwähnte gegenüber dem Time Magazine, dass „sie die bösesten falschen Propheten von allen sein könnten. Wenn sie Bomben werfen, schießen oder zerstören, stehlen sie mehr als nur das Leben. Sie unterminieren den Glauben, und der Glaube ist der einzige Weg, den Zyklus des Hasses und der Vergeltung zu durchbrechen.“

In den letzten fünfzehn Jahren nahm Patriarch Bartholomaios bereitwillig zu den schwierigsten Problemen in der Welt Stellung – zum tiefen Misstrauen zwischen Ost und West, zur Zerstörung der Umwelt und zu den scharfen Trennungen unter den Religionen und den christlichen Konfessionen. Die schwierigen Probleme, mit denen er sich befasst, wenn er sich in die Welt hinauswagt, schrecken ihn nicht mehr als die Schmähungen, die er jeden Tag zu Hause in der Türkei erdulden muss. Er ist entschlossen durchzuhalten und etwas zu bewegen. Wer seine Anstrengungen während der letzten Jahre verfolgt hat, kann erkennen, dass diese bereits Früchte tragen.

Die Vision eines Patriarchen

Seit seiner Inthronisierung hat Patriarch Bartholomaios erkannt, dass seine Amtszeit innerhalb einer langen Abfolge von historischen Persönlichkeiten steht. Er ist sich sehr bewusst, dass er auf einem Thron sitzt, der in der Vergangenheit von so heiligen Persönlichkeiten wie Gregor dem Theologen (4. Jh.), Johannes Chrysostomos (4. Jh.), Johannes dem Faster (6. Jh.), Photios dem Großen (9. Jh.), Philotheos Kokkinos (14. Jh.), Gennadios Scholarios (15. Jh.), Gregor V. (19. Jh.) sowie Joachim III. (20. Jh.) geehrt wurde. Obwohl der Thron des Patriarchen während Zeiten der Aufruhen von 980–984, 1241–1244, 1451–1454 und 1918–1921 verwaist war, spürt Patriarch Bartholomaios, wie sehr die Vergangenheit mit der Gegenwart verwoben ist. „Diese Kirche“, pflegt er zu sagen, „ist diachronisch; sie passt sich jedem Zeitalter an.“

Von Anfang an und bereits in seiner Inthronisierungsansprache skizzierte Patriarch Bartholomaios die Dimensionen seiner Leitungsposition und seiner Vision in der Orthodoxen Kirche: wachsame Bildung in theologischen Fragen, Liturgie und Spiritualität; Stärkung der orthodoxen Einheit und Zusammenarbeit; Fortsetzung des ökumenischen Engagements mit anderen christlichen Kirchen und Konfessionen; Intensivierung des interreligiösen Dialogs für eine friedliche Koexistenz und Beginn von Diskussion und Aktion für den Umweltschutz gegenüber ökologischer Verschmutzung und Zerstörung.

Wahrscheinlich hat kein anderer Kirchenführer in der Geschichte den ökumenischen Dialog und das Gespräch als primäres Vorhaben seiner Amtszeit derart betont. Mit Sicherheit hat kein anderer Kirchenführer in der Geschichte jemals Umweltfragen so stark in den Vordergrund, ja in den Mittelpunkt persönlicher und kirchlicher Aufmerksamkeit gestellt. Patriarch Bartholomaios hat seit langem das Umweltproblem an die Spitze der Tagesordnung seiner Kirche gesetzt, indem er ökologische Programme entwickelte, den Vorsitz bei panorthodoxen Treffen führte, Ausbildungsseminare organisierte und in den letzten zwanzig Jahren den einzigartigen Prozess von Umweltsymposien auf See in der ganzen Welt ins Leben rief.

Um den Lesern einen Einblick in die Welt der Orthodoxen Kirche, und insbesondere in das Ökumenische Patriarchat zu geben, habe ich einige Passagen aus einer unveröffentlichten Rede des Patriarchen ausgewählt.10

Das Ökumenische Patriarchat, dem unsere Wenigkeit vorsteht, ist eine sechzehn Jahrunderte alte Einrichtung, die dauerhaft ihren Sitz in Konstantinopel behalten hat. Es ist das Zentrum aller lokalen Orthodoxen Kirchen par excellence. Er leitet diese nicht, indem er sie verwaltet, sondern durch den Primat seines Amtes der panorthodoxen Einheit und der Koordination der Tätigkeit der gesamten Orthodoxie. Orthodoxe Christen in den vier Kontinenten, Afrika ausgeschlossen, die nicht unter der Jurisdiktion der autokephalen Kirchen stehen, fallen unter die unmittelbare Gerichtsbarkeit des Ökumenischen Patriarchats. Die wichtigsten dieser autokephalen Kirchen sind die folgenden: Die Patriarchate von Alexandrien, Antiochien, Jerusalem, Moskau, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Georgien und die Autokephalen Kirchen von Zypern, Griechenland, Polen, Albanien sowie die Autokephale Kirche der Tschechischen Länder und der Slowakei.11 Folglich fallen die Orthodoxen Kirchen in Europa, Amerika und andere in Asien und Australien, die nicht der Jurisdiktion der vorhergenannten autokephalen Kirchen unterstehen, unter das Ökumenische Patriarchat.

Die Funktion des Ökumenischen Patriarchates als Zentrum par excellence im Leben der gesamten Orthodoxen Kirche geht von dessen jahrhundertealtem Dienst des Zeugnisses, Schutzes und der Verbreitung des orthodoxen Glaubens aus. Das Ökumenische Patriarchat hat einen supranationalen und supraregionalen Charakter. Von dem stolzen Bewusstsein dieser Tatsache, aber auch aus einem Gefühl der geistlichen Verantwortung für die Entwicklung des Glaubens aller Menschen an Christus, unabhängig vom Rasse oder Sprache, und vor allem im Rahmen der gleichen sprachlichen und sonstigen Voraussetzungen wurden die neuen regionalen Kirchen des Ostens ins Leben gerufen, vom Kaspischen Meer bis zum Baltikum und vom Balkan bis Zentraleuropa, bis dorthin, wo sich die Missionstätigkeit ausdehnte. Dieses Wirken reicht bis in den Fernen Osten, nach Amerika und Australien und erfolgt in absolutem Respekt gegenüber dem religiösen Bewusstsein eines jeden und im Verzicht auf Methoden des Proselytismus. Grundsätzlich wird überall dort, wo orthodoxe Migranten oder Einheimische leben, eine Kirche errichtet. Diese Kirche wirkt als Magnet für die, die aus eigenem Antrieb zu ihr kommen.

Die Orthodoxe Kirche unterscheidet sich von anderen christlichen Kirchen darin, dass sie die erste und älteste kirchliche Tradition und Lehre unverfälscht bewahrt hat und Neuerungen und persönliche Auslegungen der Heiligen Schrift und Glaubenslehren meidet. Sie verwaltet sich gemäß einem alten synodalen System unter Lokalbischöfen in Zusammenarbeit mit den Gläubigen und aufeinander folgenden Gruppen sowohl der örtlichen als auch allgemeinen Bischofssynoden, deren höchste Instanz die Ökumenische Synode der ganzen weltweiten Orthodoxie ist. Die grundlegenden Kanones der Verwaltung, deren Einzelheiten nach den örtlichen Bedürfnissen geregelt werden, sind von den sieben Ökumenischen Konzilen bestimmt worden. Die Kirche wird nicht von den regionalen Staaten verwaltet, in denen sie sich befindet, aber sie arbeitet gut mit den Staaten zusammen, wenn sie dazu aufgefordert wird.

In der gesamten Orthodoxen Kirche gibt es unbedingte Zusammenarbeit in gutem Willen und gegenseitiger Achtung. Kleinere menschliche Probleme können im Geist des Evangeliums erfolgreich gelöst werden. Das Ökumenische Patriarchat koordiniert laufende Dialoge zwischen orthodoxen und andersgläubigen Kirchen, von denen sich viele mit günstigen Perspektiven entwickeln, während andere einen langsameren Rhythmus haben. Ziel dieser Dialoge ist es, die Hindernisse für die Vereinigung aller getrennten Kirchen aus dem Weg zu räumen.

Aus oben Gesagtem ergibt sich: Alle Orthodoxen spüren, dass sie Bestandteile einer wesentlich geistlichen Gemeinschaft sind. „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“ (1Kor 12,26). Sie fühlen, dass sie Anteil nehmen am Leiden ihrer Mitchristen und ihre Freuden teilen. Erst wenn man den katholischen (=allumfassenden) Charakter der Einheit wahrnimmt, kann man die Aussagen der Orthodoxen verstehen, die sich auf das Leiden der anderen Orthodoxen und der ganzen Welt beziehen, als ob es ihre eigenen wären.

Portrait eines Patriarchen

Es braucht einen Mystiker und Dichter, um den Patriarchen als Person zu beschreiben. Die folgenden Auszüge aus Olivier Cléments Gespräche mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios werden mit Erlaubnis des Verlages abgedruckt:

Als Person ist der Patriarch voller Gegensätze, die Facetten einer starken Persönlichkeit ergänzen einander: Zierlich, mutig, gütig und diskret einerseits, aktiv und erfindungsreich andrerseits. Bescheiden, fast schüchtern, doch falls notwendig, kann er auch dominierend sein. Er offenbart einen scharfen Sinn für Humor, aber mit einem nüchternen und entschlossenen Sinn für seine Mission. Er ist strikt, achtet auf Details und ist doch ein weiser Visionär.

Er ist von mittlerer Größe, mit einem klaren Gesicht, auffällig durch seine feinen Gesichtszüge, und vor allem durch die durchdringenden blauen Augen hinter großen Brillengläsern. Gleichzeitig jung und alt vereint er die moderne Kultur, die die Jugend verherrlicht, mit einer traditionellen Kultur, deren Ideal der „noble alte Mann“ war. Als Patriarch ließ er sich einen eindrücklichen, fast weißen Bart wachsen. Sein Haar ist weiß geworden – früher war es wohl blond oder kupferrot, das kann man nicht mehr sagen. Sein Gesicht ist jetzt von Weiß bekrönt. Auffallend ist seine extreme Feinheit – physisch sowie moralisch –, so dass man sich trotz der Güte der Augen und des Lächelns in seiner Gegenwart eher glanzlos und unbeholfen fühlt.

Er liebt Kunst, Gedichte und die Natur. Wann immer möglich, zieht er sich auf Halki in erholsame Einsamkeit zurück, um nachzudenken und in Ruhe zu arbeiten. Er verabscheut den Ritualismus und bevorzugt kurze und inhaltsreiche Feste. Er schätzt die virile Schlichtheit der byzantinischen Musik.

Er liebt Kinder und weiß, wie man mit ihnen spricht und wie man sie amüsiert, bietet ihnen Süßigkeiten oder kleine Münzen an. „Sie bewahren etwas vom Paradies“, sagt er.

Er ist tüchtig – tatsächlich ist er ein unermüdlich Schaffender. Er hat ein ausgesprochen starkes Verantwortungsgefühl für die Orthodoxie in der Welt von heute und morgen. Die Unnachgiebigkeit und die Spaltungen der Orthodoxen Kirche wiegen schwer in seinem Herzen… . Er weiß auch, dass es notwendig ist, den ganzen Menschen und damit die Erde zu respektieren, die die Menschheit darstellt und der sie Gottes Gnade weitergeben kann. Dies, so sagt er, sind die Kriterien, das Leben und das christliche Verhalten in der Welt auszuwerten, sowohl für die Einzelnen als auch für die Kirchen.

Die Orthodoxie ist ein von der Geschichte beflecktes Zeugnis, aber dennoch ein Zeugnis der ungeteilten Kirche, ein Appell für eine ungeteilte Kirche. Sie ist sowohl eine als auch vielseitig, sie entspricht dem Bild der Dreieinigkeit.

Die Aufgabe ist gewaltig und, wie er wohl weiß, nicht ungefährlich. Bartholomaios steht „zwischen Ruhm und Abgrund“; ein Freund, der ihn bewundert, flüstert: ‚Genauer gesagt, steht er zwischen dem Kreuz und der Auferstehung‘.12

Ein Tag im Leben eines Patriarchen

Patriarch Bartholomaios ehrt oft einzelne Personen mit einer Einladung, ihn auf offiziellen Reisen ins Ausland oder zu verschiedenen Konferenzen oder Veranstaltungen, zu denen er eingeladen ist, zu begleiten. Zu anderen Zeiten lädt der Patriarch Besucher in sein Büro ein als Antwort für Interview- oder Artikelanfragen. Von dem verstorbenen Patriarchen Athenagoras sagt man, er habe jeden Abend die Probleme des Tages symbolisch in eine kleine Schublade seines Schreibtisches eingeschlossen, wenn er sich vor dem Schlafengehen auf die abendliche Komplet vorbereitete. Patriarch Bartholomaios scheint sie in seinem Herzen zu verschließen, reagiert auf sie Tag und Nacht. Eine der Ikonen in seinem Büro stellt die Hlg. Hypomone (griechisch: Geduld) dar, eine Märtyrerin der frühen Kirche.

Dennoch war es für mich eine sehr bewegende Erfahrung, einen Tag damit zu verbringen, ihn bei seiner Arbeit im Phanar zu beobachten. Ich war in offizieller Angelegenheit da, um routinemäßig bei der Vorbereitung verschiedener Texte für die Kirche zu helfen, und forschte in den Archiven. Der Patriarch war völlig ahnungslos, dass ich ihn auch „beobachtete“, um diese kurze Biographie zu schreiben. Was folgt, sind spontane Skizzen seines Programms an einem regnerischen Wintertag im Januar 2005.

Es war ein üblicher Tagesablauf, typisch für den hart arbeitenden Patriarchen, nichts Ungewöhnliches oder Außergewöhnliches, auch nichts Extremes oder „Arrangiertes“. Doch als der Tag voranschritt, wurde die spontane Art und Weise immer deutlicher, in der das Globale eng verbunden ist mit dem Lokalen. Die bescheidene Art und Weise, in der das Universale kräftig im Parochialen reflektiert wird und wie das Ökumenische unverkennbar mit dem Seelsorgerlichen im Dienst des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios verflochten ist. Dieser Tag ist typisch für jeden beliebigen, insofern als er nicht „ausgewählt“ war, um jemanden zu beeindrucken. Vielmehr zeigte der Patriarch mir als seinem Besucher seine charakteristische Gastfreundschaft in einem eng besetzten Zeitplan.

  • Der Patriarch nahm am Morgengebet und der Göttlichen Liturgie in der St. Georgskathedrale teil. Wenn er in Konstantinopel ist, nimmt er immer am Morgengebet teil.
  • Nach der Liturgie empfing er eine Gruppe von Besuchern, Studenten aus dem Balkan, die der Patriarch offiziell in der Thronhalle begrüßte. Jeder wollte ihn persönlich begrüßen, als sie vorgestellt wurden.
  • Der Patriarch zog sich dann für Beratungen und Entscheidungen in sein Büro zurück, wo ihn auch Geistliche und Laien besuchten; ebenso kamen Mitarbeiter und Sekretäre des Patriarchats unzählige Male zu Diktat, Vorbereitung, Revision und Unterzeichnung von Briefen in sein Büro. Der Patriarch liest jeden Brief und Text, der ihm zugeschickt wird und lässt durch sein Büro eine Antwort vorbereiten. „Das ist das Mindeste“, sagt er, „was der Korrespondent erwarten kann.“
  • Die Mittagszeit bringt kaum Entspannung, da auch dann Besuche von ansässigen Bischöfen und einem Bischof aus dem Ausland sowie von verschiedenen Laienwürdenträgern stattfinden, die mit ihm verabredet sind. Einige von ihnen wird er später noch privat treffen.
  • Am Spätnachmittag besucht der Patriarch ein Altersheim, das von den römisch-katholischen „Schwestern der Armen“ gegründet wurde und geleitet wird. Nachdem er sich mit den Nonnen auf Französisch und Englisch unterhalten hat, spricht der Patriarch mit allen Bewohnern (Türken, Armenier, Slawen und Griechen) auf Türkisch, denn der Großteil von ihnen sind Muslime. Die griechischen Bewohner des Heims haben immer persönliche Bitten, etwa eine Nachricht an entfernte Verwandte oder einen Gruß an Freunde weiterzugeben. An diesem Abend wandte sich eine ältere Frau an Patriarch Bartholomaios und beklagte sich, dass sie keine Karte für ein Konzert vor Ort bekommen konnte. Der Patriarch bat einen begleitenden Bischof um sein Mobiltelefon und rief einen anderen Bischof an, den er bat, ein Ticket zu besorgen und er arrangierte es, dass die Frau persönlich zum Konzert gebracht wurde.
  • Auf dem Weg zu seinem nächsten Termin hielt der Patriarch an und nahm einen Journalisten mit, der um ein Interview über allgemeine Fragen die Kirche betreffend sowie globale Fragen, etwa Krieg und Umwelt, für eine europäische Publikation gebeten hatte.
  • Die nächsten beiden Termine waren ein Besuch bei einem kranken Metropoliten, den er regelmäßig besucht, und bei einem jungen, frisch verheirateten muslimischen Mitarbeiter des Patriarchats, der seinen Geburtstag feierte. Obwohl die Besuche kurz waren, wurden sie keineswegs hastig durchgeführt.
  • Ob in den Büros des Phanar (in einer kleinen Kapelle hinter der Administration) oder in der Zurückgezogenheit seines Hauses – der Tag des Patriarchen endet regelmäßig mit dem Abendgebet oder der Komplet.

Bei jedem dieser geplanten Termine und Besuche ging der Patriarch großzügig mit seiner Zeit um. Niemand hatte den Eindruck bei diesen Terminen oder Besuchen, dass sie hastig stattfänden. Schon die Intensität dieser täglichen Routine, die keine der vielfach noch hinzukommenden Punkte wie internationale Konferenzen, Vorträge auf einem politischen Forum oder offizielle Besuche in einem ausländischen Staat umfasst, ist schwer vorstellbar. Was jedoch in besonderer Weise beeindruckt, ist nicht so sehr die übliche Tätigkeit oder das Tagespensum, das in sich selbst schon außergewöhnlich ist, sondern die persönliche Begegnung mit einer Vielzahl von Menschen und das seelsorgerliche Engagement gegenüber unterschiedlichen Gruppen, die den Patriarchen in der Wirklichkeit und sogar in Demut „geerdet“ halten.

Anmerkungen
1

Theodor Teron (oder der „Rekrut“) und Theodor Stratelates (oder der „General“) waren beide Militärheilige der Alten Kirche. Sie werden oft eng mit der Orthodoxen Kirche in Verbindung gebracht.

2

Später Metropolit von Chalkedon.

3

Z.B. Als ich ein Kind war, Kastanioti Publications, Athen, 2003 [Griechisches Original].

4

In byzantinischen Zeiten wurden in Ungnade gefallene Fürsten auf diese Insel verbannt.

5

Anmerkung des Herausgebers: Das Ökumenische Patriarchat wird rechtlich als eine türkische Einrichtung anerkannt, während ein türkisches Gesetz von 1936 bis heute jeglichen Besitz orthodoxer Christen unter die Generaldirektion für Stiftungen stellt, die die Befugnis hat, Stiftungen aufzulösen und Besitz zu beschlagnahmen. Gemäß einer Entscheidung des türkischen Obersten Gerichtshofes aus dem Jahr 1974, verbietet die türkische Regierung außerdem jeden nach 1936 erfolgten Kauf oder Verkauf von Landbesitz durch Minderheitsgruppen. Für weitere Informationen zu den Versuchen, die Theologische Schule des Ökumenischen Patriarchats auf Halki wieder zu öffnen, siehe das Interview von George Gilson „Vartholomeos demands equal rights“, in Athens News, 22. Februar 2003, S. 3.

6

Siehe John Chryssavgis (Hg.), Barsanuphius and John: Letters, Bd. 1 (Washington, D.C., 2006) S. 164.

7

Er war Mitglied des Exekutiv- und Zentralausschusses des ÖRK und der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung und hat an den Vollversammlungen von Neu-Delhi (1961), Uppsala (1968), Nairobi (1975), Vancouver (1983) und Canberra (1991) teilgenommen.

8

Er hat offiziell die Erklärung zur Einheit der Orthodoxen und Orientalisch-Orthodoxen Kirchen angenommen und hat den offiziellen theologischen Dialog zwischen der Römisch-Katholischen Kirche und den Orthodoxen Kirchen wieder aufgenommen, der 1980 eingerichtet wurde, seine Beratungen aber 1998 suspendiert hatte. Der Dialog wurde 2006 wieder aufgenommen. Patriarch Bartholomaios hat auch den Dialog mit der Anglikanischen Gemeinschaft wiederbelebt und Grundsteine gelegt für Gespräche mit anderen Kirchen, z. B. dem Weltrat der Methodisten.

9

Dieser Abschnitt bezieht sich auf Kommentare von Prof. John Silber, Präsident em. der Universität Boston. Siehe seinen Artikel „Patriarch Bartholomew – a Passion for Peace“ unter www.patriarchate.org.

10

Rede vor dem Klub der Auslandskorrespondenten in Hongkong (6. November 1996).

11

Im Januar 2019 trat durch einen Tomos des Ökumenischen Patriarchats zu den hier genannten autokephalen Kirchen noch die orthodoxe Kirche der Ukraine hinzu.

12

Clément, Conversations, S. 48–50.

Begegnung mit dem Mysterium

Das orthodoxe Christentum von heute verstehen. Aus dem Englischen übersetzt von Renate Sbeghen