Anhang: Schriften Sands

in Ein deutscher Gotteskrieger?
AutorIn: Harro Zimmermann
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Aufruf zur Gründung einer Burschenschaft (Oktober 1817)

Zum achtzehnten des Herbstmonats im Jahr nach Christo achtzehnhundert und siebenzehn auf der Wartburg.

1) Unsere jetzige Zeit ist reich an hohen Gaben und Gnaden und muß zusammengestellt werden mit jedem ausgezeichneten Zeitalter in der Geschichte des Menschengeschlechts. Laßt sie uns vor Allem vergleichen mit jenem hervorleuchtenden deutschen Kampfe zur Wiederherstellung und Reinigung des Christenthums und unsers frommen Glaubens. Laßt uns hieraus erholen: Aufruf, Rath und Zuversicht. Heute liegt uns mehr vor eine wissenschaftlich-bürgerliche Umwälzung.

2) Wir, Deutschlands Burschen, haben uns zum Wahlspruch gewählt: Tugend! Wissenschaft! Vaterland! Mit der Tugend haben wir es zu thun! Und streben also nach einem edlen freien Sinn. Wir ringen nach innerer Ehre, die demüthig, fromm und untastbar besteht vor Gott, und wir streben nach Freiheit, dem höchsten Ziele aller menschlichen Geschichte und dem köstlichen Preise eines vollkommenen Geschlechts. Die Wissenschaft haben wir uns zur Braut erkohren; sie soll die eine Hälfte unsers Lebens werden; in frommer Einfalt und Kraft, mit frommer Demuth laßt uns nachspüren den heiligen Offenbarungen Gottes, und schlechte Tändeleien seyen uns verhaßt. – Das deutsche Land, unser Vaterland, wollen wir lieben, ihm sey aller Dienst geweiht! In ihm wollen wir leben und weben, mit ihm oder frei in ihm wollen wir sterben, wenn’s Gottes großer Ruf gebeut! Die deutsche Sprache erstehe! Das wahre Ritterthum erblühe! Das Deutsche Land sey frei! Für diese heilige Sache streiten wir; weder durch Hölle noch Teufel soll die Wärme dafür in unserer Brust erkalten, und Gott wird mit uns seyn! Amen.

3) Wer sich zu diesen Ideen bekennt, und zu ihrer Einführung in’s Leben mitstreiten will, ist unser geliebter Bruder. Von nun an darf nicht mehr auf die bisherige Befangenheit, auf das alte, sondern nur allein auf das neubegonnene Leben gesehen werden.

4) Um diese hohe Sache zu verwirklichen, muß eine allgemeine, freie Burschenschaft durch ganz Deutschland werden. Es darf nur eine einzige Burschenschaft durch das ganze Vaterland bestehen, nicht aber viele einzelne auf den einzelnen hohen Schulen. Wie Wenige auch auf irgend einer Hochschule sich zu dieser Sache bekennen; so sind sie doch einzelne Glieder der allgemeinen Burschenschaft, und mögen als geliebte Brüder gelten, sofern sie nur eifrig auf die Sache halten, und kräftig darin leben. Auf Vollendung und darauf zu sehen, wie vollkommen sich das Burschenleben irgendwo gestaltet hat, bevor man Einverleibung in die allgemeine Burschenschaft zulassen will, darf nicht mehr vorkommen; es ist papistisch und landsmannschaftlich; hindert nicht allein die Verbreitung, sondern auch die rechte Belebung der Sache, und gilt als Entehrung des Volks, das man so nicht frei gewähren lassen, sondern nach seinem Eigendünkel hinziehen und meistern will. Es darf allein darauf Rücksicht genommen werden, ob die richtige Erkenntniß der Idee, die aufrichtige Liebe zu ihr, und ein redliches Streben danach in den einzelnen Gemüthern bestehet. Eine vollkommene Verwirklichung derselben wird man nie zu Stande bringen, wie sorglich man auch verfahren möge in Auswahl der Aufzunehmenden und in genauer Abschließung der Sache. Diese Burschenschaft muß, wo möglich, offen vor der Welt, aber auch frei und ohne fremdes Einwirken auf sich selbst bestehen. Es soll dahin kommen, daß in solcher brüderlichen Gemeinschaft mit Deutschlands edelsten Jünglingen Jeder lebt, der sich der Wissenschaft gewidmet hat. Der Eintritt darf durchaus nicht beschränkt seyn; nur der Schlechte, gegen den man Klage und Beweise führen kann, darf nicht zugelassen werden in diese edle Gemeinde. – Der Ausschluß muß als höchste Strafe gelten. Der Bann muß in keinem andern Sinne ausgesprochen werden, als in dem der freien protestantischen Kirche. Er darf die Freiheit des Gezüchtigten nicht gänzlich aufheben, und die menschliche Würde nicht gänzlich umstoßen zu wollen, sich vermessen; er darf nicht die Mittel und Wege abschneiden zur Besserung, sonst lastet er allein auf dem Ganzen, das ihn ausspricht.

5) Das Ganze, dieser weite Verein, darf nicht durch Eidesband, noch sonst durch irgend ein Zwangsmittel zusammenhängen; die Idee allein soll alle vereinen. Ist der rechte Geist nicht da, so vermögen wir ihn auch nicht zu schaffen und herein zu bringen; Gott kann ihn allein aufregen! Ist die Seele nicht in Fülle da, oder gar einstens abgeschieden, so mag das Ganze nach Gottes Willen zusammensinken; es soll wenigstens nicht als todter faulender Körper, dem bessern Regen und Treiben des Einzelnen im Wege stehen, und all das Unheil wieder herbeiführen, was uns Papismus und Landsmannschaftssucht zurückgelassen haben. Wer nicht durch den Geist zu erstehen vermag, mag fallen, bis ihn Gott wieder erwecke.

6) Jedwedem Unreinen, Unehrlichen, Schlechten und wer nur immer seinen deutschen Namen entehrt, soll der Einzelne auf seine eigene Faust, nach seiner eigenen hohen Freiheit zum offenen Kampfe entgegentreten, damit das Ganze des Rügens und Strafens mehr überhoben sey, und sein Wohl durch verwickelten Kampf nicht so leicht gefährdet werde. All die einzelnen Glieder müssen vermittelst zweier Gewalten, die das Ganze erst bilden, und sich selbst gegen einander das Gleichgewicht halten, innig vereinigt seyn, und von diesem Stamme aus muß die Gemeinde erst belebt und bewegt werden. Es muß die Burschenschaft erstlich ein Haupt, d.i. eine vor allen Burschen von Halbjahr zu Halbjahr gewählte höchste Gewalt, einen Vorstand haben, der da aus mehreren Gliedern, von welchen immer Einer abwechselnd der Sprecher ist, anzuregen das Amt hat; der Gesetze geben kann, und die bestehenden handhaben muß; ihm liegt es auch vorzüglich ob, durch sein eigen Vorbild den rechten Geist und das rechte Leben aufrecht zu erhalten. Es muß aber die Burschenschaft auch ein Herz haben; einen Ausschuß, der, gleichfalls aus den Edelsten der Brüder erwählt, die Beschlüsse der obersten Macht entweder verwerfen oder billigen kann; der den etwaigen Machtgriffen des Vorstandes nachdrücklich entgegentritt, und so das freie Brudervolk in seinen heiligen Rechten beschützet, der Recht und Freiheit allenthalben unterstützet, und Streitigkeiten zwischen Vorstand und Volk zu vermitteln, eingesetzt ist.

7) Es kann für das liebe deutsche Land kein Heil kommen, es sey denn durch eine solche allgemeine freie Burschenschaft, in der Deutschlands edelste Jugend innig verbrüdert lebt; in der das Hohe und Herrliche, was uns in dieser Zeit aufgegangen, wirklich schon eingelebt wird, in der der alte ehrliche deutsche Sinn wieder einmal eine sichere Veste erlange; in der ein jeder seine Würde fühlen lernt und zur Freiheit ermuthigt wird, und die auch für immer an dem Turnplatz einen Rüst- und Lärmplatz hat.

8) Die Grundzüge des Brauchs für die Burschenschaft müssen allenthalben gleich, ein und dieselben seyn. Er soll nicht sowohl eine Zuchtruthe, als vielmehr ein Ehrenspiegel werden, der das bestehende Herrliche des Burschentreibens auf die folgenden Geschlechter rein fortvererbe.

9) Urfeinde unsers deutschen Volksthums waren von jeher: a. die Römer, b. Möncherei und c. Soldaterei.

10) Wie einstens auf Athanasius die ganze große Sache der christlichen Kirche und des Glaubens ruhte; wie vor 300 Jahren der stille Bruder Martin dazu berufen war, die dichten Nebel zu durchbrechen, und dem reinen Lichte einen Weg zu bahnen; so konnte auch jetzt die allgemeine Beseligung nicht von den Oberen herabkommen. Einzelne hervorleuchtende Männer hatte Gott als Stammhalter unsers deutschen Volkes erstehen lassen, von ihnen und einigen Jünglingen höherer Art fluthete der schöne Geist aus; die Fürsten wußten deß wenig zu rathen.

11) Die Hauptidee für unser heutiges Fest ist der von unserm Luther, dem edeln Kerne unsers deutschen Volkes, auf die heilige Schrift begründete Satz: ‚Wir sind allesammt durch die Taufe zu Priestern geweiht; 1. Petri 2, 9. Ihr seid ein königlich Priesterthum und ein priesterlich Königreich.‘ Das heißt: durch ein höher Weihen in uns, durch die Taufe, das Evangelium und den Glauben sind wir alle geistlichen Standes, und während wir nun als ritterliche, rüstige Diener des HERRN, dem Höhern, Göttlichen geweiht sind; so ist auch unter uns allen weiter kein Unterschied, denn der um des Amtes oder Werkes halber; wir sind allesammt geistlich frei und gleich! Amen.

(zit. nach: Acten-Auszüge aus dem Untersuchungs-Proceß über Carl Ludwig Sand: nebst andern Materialien zur Beurtheilung desselben und Augusts von Kotzebue. Altenburg und Leipzig 1821, S. 103-108)

Brief an Florian Clöter (Januar 1818)

Bester Clöter!

[…] Das weißt Du doch, daß nach und nach meine ganze Glaubenssache immer finsterer wurde, daß ich fast völlig ins blinde Nachhängen den alten Glaubensformeln hineingerathen war, meinen eignen Glauben aufgebend, und Du weißt, wie ich großentheils durch Dich wieder herausgerissen wurde, weißt, daß ich durch Dich jene kleine schöne Schrift von Herder in die Hände bekam, welche mir aus unzähligen Vorurtheilen heraushalf, und meiner ganzen Bildung wieder eine andere freyere Richtung gab. – Du hast Recht, die einzelnen theilen einander so etwas mit, um einander zu beseeligen, daß sie aber so etwas vorfinden, womit sie einander beseeligen können, wodurch sie sich selbst erziehen, das liegt im Volke, ist Sache der Menschheit. Wie wir alle in der Gegenwart immer nur einseitig, eckigt zerrissen erscheinen, und ein einzelner Lebenstheil nur gar zu sehr die Merkmale eines Rückwerts an sich trägt; wie das Leben eines Mannes schon ein viel vollendeteres Ganzes darbietet, und vor ihm die widerwärtige Zerrissenheit des Lebens schon mehr schwindet, als der Gegenwart selbst, so ist dieß gewiß, daß das Volk uns immer ein heiteres, vollendetes Bild des Menschenlebens gewährt, daß dieß auch immer als mangelhafte Einzelheit auftritt, und daß so das Volksgefühl der lebendigste Erzieher in uns ist.

Menschenmacklerey hasse ich, und wenn ich an einem Manne irgend einmal etwas großes erkannt habe, so gilt er mir gewiß für immer in dieser Rücksicht als werth und hoch. Durch Angewöhnung, wie Du weißt und weil ich mich nicht recht in seine Formen finden konnte, hatte ich immer etwas gegen Fries. Seitdem habe ich unsern braven Lehrer Fries noch in allerley Verhältnissen, näher kennen zu lernen Gelegenheit gehabt und ich achte ihn nicht nur in seiner Wissenschaft, sondern vor allen in seiner treuen und klaren Gesinnung für’s Vaterland, und in seiner stets sich gleichen und entschlossenen Thatkraft so sehr, als nur einen. Er und Oken sind mir unter den älteren Lehrern, die ich hier kenne, unstreitig die liebsten und ich meine auch die wahrhaftigsten. […]

Nun komme ich auf andere Sachen. Hier geht es unter uns ziemlich gut, es einiget, es entscheidet sich hie und da so manches mehr für das Gute. Auch in der Burschenschaft ist von leerem Toben völlige Ruhe, und es ordnet sich alles mehr zu einem bestimmterem Ganzen. – Nur ist das Leben allenthalben, und in allen Stücken mehr zurückgetreten in seine Behausungen, weil es nichts giebt, woran es sich recht auflodernd halten könnte. Die Launen sind mürrisch, es fehlt an Freudigkeit die den rechten Muth schafft, und oft äußert sich Trostlosigkeit, weil man bey dem regen Begehren doch nirgends einen rechten Fortgang sieht. Mit einem Worte, es ist wie bey einem Feuer, um welches herum die Nacht noch viel dunkler und trüber wird; – aber das Fünkchen von Feuer, was eine so große Finsterniß schafft sieht man noch nicht. – Man fürchtet Untersuchungen aller Art, während die alten, rücksichtlich der Lehrer, die mit auf der Wartburg waren, noch nicht aus sind, sondern unter der Asche fortglimmen. Berichte von den kleinsten Vorfällen werden nach Petersburg geschickt, Spürhunde vermuthet man sogar unter uns. (Stille hiervon.) Man fürchtet allenthalben die Beschränkung des Universitätslebens und zagt mit noch mehr Zuverlässigkeit vor der Aufhebung Jenas. Im Preussischen ist das öffentliche Turnen einstweilen eingestellt. In Spanien aber … […]

Nun aber eine Bitte. Du wirst wissen, daß es auf dem Saumarkte in Nürnberg so schöne alte Messer und Dolchklingen giebt; sey doch so gut und suche mir etwa 6 recht schöne von den letzteren aus und schicke sie mir sie gut verpackt mit dem Postwagen, aber bald, ich möchte damit noch einige Weihnachtsgeschenke machen, wenn sie auch gleich dem Christfeste nachziehen. Achte auf diese Bitte, und thue es mir zu Gefallen. Man kauft sie gewöhnlich um so theueres Geld, sogar schlechtes Zeug und diese sind schön. Seit Jahn mir solche Dinge führen lehrte, habe ich sie sehr lieb gewonnen als Waffen auf Reisen. Du brauchst nicht dazu zu schreiben wenn Du nicht Zeit hast. Nun ist das Neujahr da: wir wollen Gott um nichts bitten, als daß er uns an seinem Bilde recht möge erstarken lassen, daß wir uns in dieser Zeit als tüchtig bewähren. Eine Gnade haben wir von ihm, Eine – über allen Gnaden, unseren freyen Geist, mit dem wir ihn ahnen, unsere Menschenwürde. Es ist an der Zeit, daß sie jetzt zur Anerkennung komme. Es muß also dahin kommen, daß jedes Ich seine Ueberzeugung frey an der jedes anderen erproben kann, und es muß dahin kommen, daß der Mensch seinen andern Haupttheil seiner Würde, das Gebiet seines freyen Willens, diese gottähnliche Schöpferkraft, an allem, was um ihn her ist, geschweige denn bey Sachen, die ihn selbst betreffen und über ihn gehen – bewähren kann. Dieß ist die nothwendige Grundlage von allem und sie der einzig rechtliche Zustand. Also Gott sey mit Euch, in Euch, und Deine, wie Du sagst unerkannte Liebe auch mir. Dein Teutscher Bruder K. Sand.

(zit. nach Robert Wesselhöff u.a.: Carl Ludwig Sand, dargestellt durch seine Tagebücher und Briefe von einigen seiner Freunde. Altenburg 1821, S. 154-156)

Todesstoß dem August von Kotzebue

Nur in der Tugend Einheit!

Unsere Tage fordern Entscheidung für das Gesetz, das Gott seinen Menschen in die Brust geschrieben hat. Bereitet Euch, entscheidet Euch auf Leben und Tod!

Halbgebildete Thoren und verkrüppelte Vielwisser verhöhnen noch immer die Wahrheit, die schlicht und einfach im menschlichen Gemüthe thront, und lähmen und verderben ihre Anwendung im Leben. Der deutschen Sitte Kraft ist gespalten an dem Wust fremder Ziererei und hält sich nimmermehr im Hausleben, – fehlt uns für den Willen die That und der Jugend das Vaterland! Hofschranzen und Gelddienst schalten statt jener ehrenfesten Rechtschaffenheit, die sich der Zeit hingegeben hat, und in ihr ist morsch geworden. Die Bürgertugend krümmt sich vor jedem Winke der Hoheit und fährt mit der schon geballten Faust an den Geldsack. Knechtische Faulheit zerfrißt unsere Knochen; Kühnheit und Heldenmuth zeigen sich in papierener Rüstung, und man hat den Gott vergessen, der bekannt seyn will mit Gebet und That. Wo blieb in aller Welt jene Begeisterung, die uns in dem Jahre Dreizehn für das Höchste ermuthigte? Sie schlug durch das ganze Volk hin wie ein leerer Höhrauch – und weil sie nicht als reine Flamme in jedem Herzen loderte, so vermissen wir sie schon selbst. –

Tiefbegründet auf gleicher schlechten Gewöhnung im Volke steht die wollüstige Herrschaft, und zügellose Willkühr bedarf keine anderen Schutzwaffen, als Trennung der Bruderherzen durch scharfgezogene Grenzen; des Gängelbandes der strengen öffentlichen Aufsicht; als der Wiegenlieder und Trägheitspredigten, und sie ruhet zur genügsamen Stütze auf dem Lohn und Eid der Amtleute und Soldaten.

Viele im großen deutschen Volke mögen es mir zuvorthun; aber auch ich hasse nichts mehr, als die Feigheit und Faulheit der Gesinnungen dieser Tage. Ein Zeichen muß ich Euch deß geben, muß mich erklären gegen diese Schlaffheit: – weiß nichts Edleres zu thun, als den Erzknecht und das Schutzschild dieser feilen Zeit – dich Verderber und Verräther meines Volkes – August von Kotzebue – niederzustoßen! –

Du mein deutsches Volk, erhebe dich zur hohen sittlichen Würde der Menschheit. Eine Gnadengabe hat der Mensch von Gott; sie, die höchste und einzige, ist die Gottähnlichkeit, des Menschen freier Geist und seine freie, schöpferische Kraft. Mein deutsches Volk, du hast kein eigenes, kein edleres Besitzthum, sie ist dein höchstes Gut. Erkenne, wahre dir diesen Glauben, dies deine Liebe zu Gott. – Lasse dein Heiligthum nicht mehr unter die Füße treten. Der Mensch, sei er auch in den traurigsten, niedrigsten Verhältnissen geboren, ist geschaffen, ein Ebenbild Gottes zu werden. Vertrauet auf die verheißene christliche Freiheit! Ehre vertraue nur dem freien Mann! Hasse die Verräther, die Knechtseelen, die falschen Seher, die dieses nicht wollen; hasse die feilen Dichter der Halbheit, die Prediger der Feigheit, die Söldlinge, die dich von jedem kühnen Entschluß abhalten, hasse, morde alle die, so sich in frevler, muthwilliger Gesinnung so sehr überheben, daß sie des Göttlichen in dir vergessen, und dich, die tolle Menge, als ein vielgegliedertes Kunstrad in ihren hochweisen Händen halten und treiben wollen.

Frei die Gewissen! Frei die Rede! Der Mensch soll sich nach freier Lust weiden an dem göttlichen Lichte, zu dem die Quelle in ihm; er soll nach der höchsten Erkenntniß ringen und soll seine Überzeugung ungehindert an der eines jeden andern weiter bilden und erproben können.

Aber der Mensch soll auch diese Überzeugung bewähren, er soll leben und handeln, er soll seine göttliche Schöpferkraft, seinen Willen, üben und geltend machen. Dazu haben wir die ganze Macht des Willens empfangen, nicht daß wir blindlings als über ein Stück Ackers über uns entscheiden lassen, sondern daß wir uns in allen Lagen des Lebens selbst bestimmen, und darin beweiset sich alle Tugend, daß wir an allem, was im Volke werden soll, selbstthätigen Antheil nehmen, und so nach eigener Entschließung thun, was wir Alle wollen, nicht was Einer aufdringt: Löset endlich Euern Willen!

Dies ist die einzige reinmenschliche, dies die nothwendige Grundlage für jede Menschengesellschaft; diese muß für das ganze deutsche Reich gewonnen werden. Nur wenn dieser einzig rechtliche Zustand erkämpft ist, – nur dann kann von weiteren Unterhandlungen die Rede seyn.

Mein deutsches Volk, gewinne Selbstvertrauen und den hohen Muth, den schon einzelne deiner Helden in sich trugen! Dies ist der rechte Feiergeist des Lebens, daß du das, was die heiligen Schriften des Christenthums und die Vorzeit lehren; das, was deine Dichter singen – thuest und nicht blos anstaunest, oder es nimmst als leere Fabeln. – Bruder, das Höchste und Heiligste, was deine Seele kennt, den Zustand einer geläuterten, Gott beseligten Menschheit sollst du fromm und muthig erstreben.

Ein Christus kannst du werden! So erkenne, mein Volk, die Zeit, wo nach langer Irrfahrt, Freudigkeit und Einheit in’s Leben wiederkehren soll! Die Reformation, vor drei Jahrhunderten begonnen, wollte unser Volksleben nach dem Ebenbilde Gottes erneuen; – sie ist noch nicht vollbracht! Denn noch lastet Gewissenszwang, Knechtschaft, Zerrissenheit der Brüder auf unserem Lande, und Keiner kann sich einer christlichen, rein menschlichen Ordnung erfreuen. Brüder, löset die alten Ketten des Papstthums, die Ketten der Herrscherwillkühr! – Wir Deutsche – ein Reich und eine Kirche! Die Spaltung zwischen geistlich und weltlich sei vernichtet! Glaube, Lehre und That sollen sich in Eines zusammenthun, und in der christlichen Begeisterung des freien deutschen Bürgers neu aufleben! Die Reformation muß vollendet werden! – Brüder verlasset einander nicht im Drange der Zeiten. Trägheit und Verrath straft mit Knechtschaft die Geschichte – Ihr habt sie vor Euch. Auf! Ich schaue den großen Tag der Freiheit. Auf! Mein Volk! Besinne dich, ermanne, befreie dich.

(zit. nach Carl Ernst Jarcke: Carl Ludwig Sand und sein an dem kaiserlich- russischen Staatsrath v. Kotzebue verübter Mord. Eine psychologisch- kriminalistische Erörterung aus der Geschichte unserer Zeit. Berlin 1831, S. 205-209)

Die Fürsten-Adresse

Ihr Fürsten, selbst nach Euern eignen Grundgesetzen und Hausordnungen solltet Ihr allezeit die Meister und Ersten im Volke seyn, und Ihr habt Euch meist überall als die Schlechtesten benommen. Auf die uralten Bünde des deutschen Reichs habt Ihr geschworen, und dem Reiche deutscher Nation, als seine beamteten Grafen und bestallten Herzöge, für seine erhabenen Zwecke strengen Gehorsam und ewige Treue feierlich zugesagt, und Ihr waret es doch, die seit fünf Jahrhunderten im bösartigsten Eigennutze, blos um selbsterbliche Fürsten und unabhängige Tyrannen zu werden, dem Reiche Euch entzogen, den Feinden Euch angehängt, die angestammte Freiheit des Volkes verrathen, und den Kaiser allzeit bedrückt, und ihm manchfach die Treue gebrochen habt. Ihr, die Ihr zumeist noch lebt, Ihr wart es, von denen wir selbst sehen, wie Ihr in den lezten Zeiten, anstatt das Reich zu schützen und das Volk an Ehre, Kraft und Herrlichkeit zu mehren, mit dem Feinde gebuhlt habt, blos um Euch auf Kosten des Vaterlandes selbst zu vergrößern. Ja, Ihr seyd es, die endlich gar den Eid, geschworen auf die ehrwürdigen Statuten des deutschen Reichs, gebrochen, und so das alte heilige römische Reich deutscher Nation in ewige Schande und Schmach begraben habt. Das deutsche Volk selbst habt Ihr in der Qual völliger Entehrung und namenlosen Schimpfes von allen Seiten fast ersticken lassen, und den großen einen Geist in ihm würdet Ihr, hienge es von Euch ab, schon längst zum Vortheil Eurer Fürstenthümer säkularisirt haben.

Des Mannes Wort ist es, was alle gesellschaftliche Welt zusammenhält und worauf der Staat sich gründet. Der Fürst, der nicht unverlezt sein gegebenes Wort hält, untergräbt Treu und Glauben, und zerstört den Staat. Eure Versprechungen nun, das vom Volke Gewünschte, das von der Zeit Erheischte wirklich zu schaffen und alles Freie und Gute von nun an ernstlich begünstigen zu wollen, diese waren es vorzüglich, die Euch durch das Blut deutscher Bürger von der Hand Eurer Feinde rettete, und dennoch habt Ihr Euer treu hoffendes Volk jetzt schon so viele Jahre des Friedens hindurch nicht blos mit leeren Worten getäuscht, und noch Nichts zum Guten geändert, sondern Ihr habt, was jedem Deutschen besonders unziemlich, durch Euer Drehen und Deuten an dem, was Ihr klar versprochen habt, und was vom Volke erwartet wurde, und durch viele neue Anstalten, die Euern Versprechungen völlig widerstreiten, genugsam bewiesen, daß Ihr auch hier Briefe und Siegel brechen wollt.

Jammer und Noth im Lande rühren Euch nicht, Euer übermäßiges Prassen, Euere Selbstsucht einzuschränken; gegen allen edlen Gemeingeist im Volke, gegen das Aufkommen einer freien öffentlichen Tugend, überhaupt gegen alle Regungen des Großen und Edlen verfahret Ihr so gehässig, so mit bösem Gewissen und wählet so niedrige Mittel, um es alsbald zu unterdrücken, daß man Euch für die eigentlichen Lügengeister halten muß, weil Ihr dem reinen Geiste so geradezu in’s Angesicht höhnt. Wenn ich vom Gegentheile überzeugt werden kann, so widerrufe und schweige ich. Uebrigens bin ich erwachsen, alt und gebildet genug, um mit Wahrheit das einzusehn, was Gott und die Menschheit sowohl von mir selbst, als von Andern, und von Euch deutsche Fürsten fordert. Zugleich bin ich ein Deutscher, dem das Vaterland am Herzen liegt, und da ich in Ruhe und Stille den höhern Zwecken der Menschheit nachleben zu können hoffte, habt Ihr mich selbst aufgescheucht, und aus diesen schönen Verhältnissen herausgerissen, deßhalb habe ich hier völliges Recht zu reden.

Eigene Noth und die Noth des Vaterlandes, seyen sie auch noch so groß, können mich nicht dahin bringen, meine Würde wegzuwerfen, und dem Vaterlande die Treue zu brechen, sie nöthigt mich vielmehr frei diese Stimme zu erheben, und mit allem Ernste, den der Geist mir gebietet, setze ich hinzu: Ihr Fürsten Deutschlands! Warum mußtet Ihr mich aus meinem Frieden aufstören? Warum habt Ihr mich gezwungen, meinen Glauben und Vertrauen zu Euch aufgeben zu müssen? Noch will ich Euch nicht mit Flüchen überschütten, nie werde ich mich dazu herablassen. Aber wenn es für jede unsterbliche freie Seele zur höchsten Qual und Unseeligkeit gereicht, andere ihresgleichen in ihren göttlichen Rechten zu kränken, und gegen das Wahre und Gute anzukämpfen, so will ich mit aller Inbrunst Euch hierbei bitten: Rettet das Vaterland; noch ist nichts verloren. Nur einmal beweiset Euch recht von Herzen deutsch, nur einmal zeigt, daß Ihr ganz dem Wohl des Volks, nicht mehr Euerm eignen Willen lebt, daß Ihr einigem irdischen Vortheile entsagen könnt, und um aller Seelen Heil willen, das Freie und Große unterstützet. So sind schon alle Guten wieder ausgesöhnt, Treu und Glauben kehren wieder, bleibender Ruhm wird Euch – wo nicht, so wird man rechten für die Freiheit und Ihr wisset und fühlet selbst, daß dann vor Gott und Ewigkeit, trotz Eurer ungeheuren Macht, Euch jeder Einzelne überwinden kann.

(zit. nach Karl Georg Levin von Hohnhorst: Vollständige Übersicht der gegen Carl Ludwig Sand, wegen Meuchelmordes, verübt an dem K. Russischen Staatsrath v. Kotzebue, geführten Untersuchung. Aus den Originalakten gezogen, geordnet und herausgegeben. 1. und 2. Abt. Stuttgart und Tübingen 1820, S. 222-224)

An alle die Meinigen

Treue, ewigtheure Seelen! Warum Euch den Schmerz noch lange mehren? Dachte ich und schwankte, euch hiervon zu schreiben. Aber bei plötzlicher Nachricht über meine That möchte euch der harte Gram zwar leichter und schneller vorübergehen; doch die Liebestreue wäre dadurch verletzt, und ganz gebrochen kann ja der tiefe Schmerz nur dadurch werden, daß wir den ganzen Kelch voll Wermuth rein ausleeren, und uns dabei fromm zu unserem Freunde halten, dem treuen, ewigen Vater im Himmel. – Also heraus aus der umschlossenen bangen Brust, hervor du lange, große Qual der letzten Rede, die aufrichtiger Art, einzig den Abschiedsschmerz versüßen kann.

Euch bringt dies Blatt des Sohnes, des Bruders letzten Gruß zurück! Gesagt, gewünscht habe ich immer viel; es ist an der Zeit, daß ich die Träumereien lasse, und die Not unseres Vaterlandes drängt zum Handeln. Dies ist unstreitig der höchste Jammer in dem Erdenleben, wenn die Sache Gottes durch unsere Schuld in ihrer regen Entwicklung Stillstand nimmt, – dies für uns der entehrendste Schimpf, wenn all das Schöne, was von Tausenden kühn erstrebt wurde, und wofür sich Tausende freudig geopfert haben, nun als ein Traumbild, ohne bleibende Folgen, in trübem Mißmuth wieder entschlafen; wenn die Reformation der alten abgelebten Art jetzt auf halbem Wege verknöchern sollte. Unsere Enkel würden diese Trägheit zu bejammern haben. Der Anfang zur Erneuerung unseres deutschen Lebens wurde in den letzten zwanzig Jahren, besonders in der heiligen Zeit 1813 mit gottgetrostem Muthe begonnen, das väterliche Haus ist von Grund aus erschüttert; – Vorwärts! Laßt es uns wieder aufrichten, neu und schön, einen rechten Tempel Gottes, wie ihn unsere Herzen ersehnen! Nur wenige stemmen sich, als ein Damm gegen den Strom der Entwicklung des höheren Menschlichen im deutschen Volke. Warum beugen sich ganze Scharen wieder unter das Joch dieser Argen? Soll uns das erst erwachte Heil wieder ersterben?

Viele der ruchlosesten Verführer treiben ungeahndet, bis aufs völlige Verderben unseres Volkes hin, bei uns ihr Spiel. Unter ihnen ist Kotzebue der feinste und boshafteste, das wahre Sprachwerkzeug für alles Schlechte in unserer Zeit, und seine Stimme ist recht geeignet, uns Deutschen allen Trotz und Bitterkeit gegen die ungerechtesten Anmaßungen gar zu benehmen, und uns einzuwiegen in den alten faulen Schlummer. – Er treibt täglich argen Verrath am Vaterlande und steht dennoch, geschützt durch seine heuchlerischen Reden und Schmeichlerkünste und gehüllt in den Mantel eines großen Dichterruhms, trotz seiner Schlechtigkeiten als ein Abgott für die Hälfte Deutschlands, die von ihm geblendet, gern das Gift annimmt, das er in seinen Zeitschriften darreicht. – Soll nicht das ärgste Unglück über uns kommen, – denn diese Vorposten werden nichts Freies und Gutes aufkommen lassen, oder zur Zeit der Gärung mit den Franzosen zugleich unter uns wüten, – soll nicht die Geschichte unserer Tage mit ewiger Schmach behaftet sein, – so muß er nieder!

Ich spreche immer: wenn etwas Heilbringendes erstehen soll, so laßt uns Kampf und Mühe nicht scheuen, und die rechte Freiheit und Begeisterung des deutschen Volkes erwächst uns nur dann, wenn vom braven Bürger gewettet und gewagt wird; wenn der Sohn des Vaterlandes in dem Streite für Recht und für die höchsten Güter mit Hintansetzung alles Lieben nur den Tod liebt! – Wer soll auf diesen erbärmlichen Wicht, auf diesen bestochenen Verräther losgehen? – In Angst und bitteren Thränen zum Höchsten gewandt, warte ich schon seit geraumer Zeit auf einen, der mir zuvorkomme, und mich, nicht zum Morde geschaffen, ablöse, der mich erlöse aus meinem Schmerz und mich lasse auf der freundlichen Bahn, die ich mir erwählt habe. Es zeigt sich trotz all meines Gebetes keiner, und es hat auch jeder so gut wie ich das Recht, auf einen andern zu warten. Zögerung macht unsern Zustand immer schlimmer und erbärmlicher, und wer soll uns von der Schande befreien, wenn Kotzebue ungestraft den deutschen Boden verlassen und in Rußland seine gewonnenen Schätze verzehren wird? – Wer soll helfen, retten aus dieser unseligen Lage, wenn nicht jeder, und in meinem Gebiet zunächst ich, den Beruf fühlt, Gerechtigkeit zu verwalten und zu handhaben, was fürs teure Vaterland geschaffen werden soll? – Also nur muthig daran! Auf ihn will ich gottgetrosten Muthes losgehen (erschreckt nicht!), ihn, den Schänder und Verführer unseres Volkes, den grausamen Verräther niederstoßen, daß er aufhöre, uns von Gott und der Geschichte abzuwenden und uns in die Hände der arglistigen Feinde abzugeben. Dazu treibt mich ernste Pflicht. Seit ich erkannt habe, welch Hohes in dieser Zeit für unser Volk zu erstreben ist, und seit ich ihn kenne, den falschen, feigen Schurken, ist das für mich, wie für jeden Deutschen, der das Wohl des Ganzen beratet, ein strenges Muß geworden. Möchte ich durch diese Volksrache alle Regen und Gemeinsinnigen darauf hinverweisen, wo wahre Falschheit und Gewalt droht, und beizeiten die Furcht aller und die rüstige Jugend gegen die rechte Spitze kehren, um das gemeinsame Vaterland, Deutschland, den immer noch zerrissenen und entwürdigten Staatenbund aus der nahen großen Gefahr zu erretten, möchte ich Schrecken über die Bösen und Feigen, Muth über die Guten verbreiten! Schriften und Reden wirken nicht, – nur die That kann einen. – Möchte ich wenigstens einen Brand schleudern in die jetzige Schlaffheit und die Flamme des Volksgefühls, das schöne Streben für Gottes Sache in der Menschheit, das seit 1813 unter uns aufgeregt ist, unterhalten, mehren helfen! Deshalb bin ich, obgleich aufgescheucht aus allen bisherigen Träumen für ein künftiges Leben, dennoch ruhig und in Gott voll Zuversicht, – ja selig, seit ich durch Nacht und Tod mir die Bahn vorgezeichnet weiß, meinem Vaterlande heimzuzahlen, was ich ihm schulde.

So lebt wohl, ihr treuen Seelen! Es fällt die schnelle Trennung schwer, und eure Erwartungen wie meine Wünsche sind wohl getäuscht; doch mag dies Eine – Vorbereitung sein und trösten, daß wir ja immer, was die Not des Vaterlandes erheischte, zuerst von uns selbst verlangten; – was sich bei mir zum unverbrüchlichen Grundsatz eingelebt hat.

Ihr werdet bei euch sprechen: hat er doch durch unsere Opfer das ganze Leben auf dieser Erde, die Freuden in dieser Menschengesellschaft kennengelernt, und schien mit Innigkeit dieses Land und den erwählten Beruf zu lieben? Ja dies war, dies that ich. – Unter eurem Schutze, durch eure unzähligen Opfer sind mir Land und Leben so innig lieb geworden. Ihr ließet mich in die Wissenschaft einführen; in freier Geistesbeschäftigung habe ich gelebt, habe in die Geschichte geschaut und bin dann wieder zurückgekehrt in mein eigenes Gemüth, um mich an dem festen Pfeiler des Glaubens hinaufzuranken zum Ewigen und durch freie Forschung des Verstandes mir über mich selbst und über die Größe meiner Umgebungen klarer zu werden. Ich habe die Wissenschaften in der gewöhnlichen Ordnung nach Kräften betrieben, wurde in den Stand gesetzt, das Gebiet unseres menschlichen Wissens zu erschauen und habe mich wieder ausgesprochen darüber mit Freunden und Männern, und habe, um fürs Leben selbst geschickt zu werden, Sitten und Getreibe der Menschen in verschiedenen Theilen Deutschlands kennengelernt. – Als ein Prediger des Evangeliums wollte ich freudig dies Leben bestehen und bei allenfalligem Umsturz unserer Lebensformen und der Wissenschaft sollte mir auch Gott helfen, meines Amtes treu mich zu bewähren. – Aber sollte dieses alles mich abhalten, der nahen Gefahr des Vaterlandes selbst abzuwehren? Muß mich eure unsägliche Liebe nicht gerade anfeuern, den Tod einzusetzen für das gemeinsame Wohl und unser aller Streben? So viele der jetzigen Griechen sind schon gefallen, um ihr Volk von der Strafruthe der Türken zu befreien, und sind fast ohne allen Erfolg, ohne alle Aussicht gestorben, und Hunderte von ihnen, auch unter uns durch Bildung sich weihend, lassen dennoch den Muth nicht sinken, und sind bereit, sogleich wieder das Leben für das Heil ihres Landes dahinzugeben – und ich wollte nicht sterben? und wir, denen die Rettung und Erschaffung der höchsten Güther so nahe liegt, wollten nichts dafür thun?

Ob ich eure Liebe verkenne? oder dagegen leichtfertig wäre? Glaubet’s nicht! Was sollte mich ausrüsten zum Tode, wenn nicht gerade jene Liebe zu euch und zum Vaterlande, die mich treibt, sie euch zu beweisen? Mutter, du wirst sagen: warum habe ich einen Sohn großgezogen, den ich lieb hatte, und der mich liebte, für den ich in tausend Sorgen und stetem Kummer litt, der durch mein Gebet empfänglich wurde für das Gute, und von dem ich auf meiner müden Lebensbahn in den letzten Tagen kindliche Liebe verlangen konnte? Warum verläßt er mich nun? Theure Mutter, möchte nicht auch die Pflegerin irgendeines anderen so klagen, wenn er für das Vaterland hinginge, und wenn es keiner thun wollte, wo bliebe das Vaterland? – Weit ist auch die Klage von dir entfernt, und du kennest solche Reden nicht, edle Frau; schon einmal habe ich deinen Ruf vernommen, und wenn jetzt keiner hervortreten wollte für die deutsche Sache, so würdest du mich auch diesmal selbst zum Kampfe voranschicken. Noch zwei Brüder und Schwestern, alle rechtschaffen und edel, habe ich vor mir; sie bleiben euch; – ich folge meiner Pflicht und an meiner Statt werden euch alle Jünglinge, die es redlich meinen mit dem Vaterlande, als treue Kinder zugethan sein.

Meine Bestimmung ist diesem nach gegeben. Ob ich noch fünfzig Jahre leben würde, ich könnte nicht reger und inniger leben als in diesen letzten Jahren. Dies ist unsere Bestimmung, daß wir erkennen den einzig wahren Gott, gegen das Böse ankämpfen und dagegen den Vater mit unserem ganzen Leben preisen. In der Welt haben wir Angst, aber in Gott können wir diese, wie Christus, überwinden; o! daß uns in vollem Maße sein Friede werde! – Verlassen auf dem einsamen Wege, den ich wandeln soll, habe ich keine andere Aussicht, als auf ihn, den gnädigen Vater; in ihm fasse ich aber auch Muth und Stärke, die letzte Bangigkeit zu überwinden, und meine ernste That männlich zu vollführen. Seinem Schutze, seiner Tröstung empfehle ich euch; möge er euch zu der Freude erheben, die Unfälle nicht zu trüben vermögen. Gebet den Harm auf gegen die dauernde Freude in ihm und achtet nicht so sehr auf meinen Thränengruß, als vielmehr auf die Liebe, die zwischen uns besteht und nicht untergehen kann. Dann aber steht in allen Stürmen treu mit dem Vaterlande! Führet eure Kleinen, denen ich so gern ein liebender Freund geworden wäre, baldigst hinaus auf unsere gewaltigen Berge und lasset sie dort auf dem erhabenen Altar in Mitten Deutschlands der Menschheit sich weihen – und gelübden, nie ruhen, bis wir Bruderstämme in Freiheit geeinigt, bis alle Deutschen, wie das eine Volk, – so auch in einem Reiche freier Verfassung, groß vor Gott und mächtig gegen die Nachbarn, aufs Innigste verbunden sind!

Im freudigen Aufblick zu dir, ewiger Gott, bestehe mein Vaterland! Dein Segen komme reichlich auf die kampfrüstige Schar im deutschen Volke, die, deine großen Gnadengaben erkennend, die Sache der reinen Menschheit, dein Abbild auf Erden, zu fördern muthig entschlossen ist. „Das letzte Heil, das höchste liegt im Schwerte / Drück dir den Speer ins treue Herz hinein / Der (deutschen) Freiheit eine Gasse!“ Euer in Liebe euch ewig verbundener Sohn und Bruder und Freund Carl Ludwig Sand.

(zit. nach Carl Ernst Jarcke: Carl Ludwig Sand und sein an dem kaiserlich- russischen Staatsrath v. Kotzebue verübter Mord. Eine psychologisch- kriminalistische Erörterung aus der Geschichte unserer Zeit. Berlin 1831, S. 173-180)

Brief an Eltern und Geschwister

Mannheim, den 17. des Frühlingsmondes 1820.

Theuere Eltern und Geschwister. Mein letztes Schreiben wird Ihnen von der Großherzoglichen Commission mitgetheilt worden sein. Ich beantwortete darin Ihre Schreiben und suchte Sie rücksichtlich meiner Lage dadurch zu trösten, daß ich Ihnen meinen Seelenzustand schilderte, so wie er ist: mir bewußt des Gebrechlichen und Irdischen und es achtend als das blos Nöthige, es verachtend in jedem Verhältnisse und Bezug zur Idee; so wie er ist: mir bewußt des Geistigen und Freien, das allein unsere unsterbliche Seele nährt; mit einem Worte, ich suchte Sie mit der Versicherung zu trösten, daß jetzt in meinen Leiden und Nöthen die Gesinnungen, Ansichten und Grundsätze, von denen ich in früheren Zeiten sprach, treulich bei mir ausgehalten haben, und dieselben geblieben sind. – Ich hätte Sie nicht zu beruhigen gebraucht; denn Sie begehrten zu keiner Zeit von mir etwas anderes, als daß ich Gott sollte vor Augen und im Herzen haben, und Sie sahen dieses noch unter Ihrer Leitung in mein Herz übergehen und daß es mir zum eigenen und einzigen Seligkeitsstreben wurde.

So ist Gott also gewiß jetzt in Freude mit und bei Ihnen, da ich Ihnen nun nach heute geschehner Vorlesung des Urtheils selbst noch sichere Nachricht von meinem herannahenden Tode geben kann. Ich sterbe gern und Gott wird mir Kraft verleihen, daß ich sterbe, wie man soll! – Hiemit hoffe ich Sie über alles völlig beruhigt und hoffe, daß Sie, wie ich es immer als des Menschen Bestimmung hielt, in Freude, in unvergänglicher geistiger Freude Ihre Tage auf Erden bis an’s Ende verleben mögen, bis wir, die wir auch jetzt einander nicht fern sind, in jenem Seelenvereine mit frischeren Kräften für’s Gute zusammentreten werden. Wie ich lebte, so lange ich mich kenne, in sehnsuchtsvoller Heiterkeit, die in den männlichen Jahren zur beherzten Freude der Freiheit sich hinaufrankte, so gehe ich nun meinem Ende entgegen.

Gott sei mit Ihnen und mit mir! Ihr Sohn, Bruder und Freund, Carl Ludwig Sand.

(zit. nach Carl Ernst Jarcke: Carl Ludwig Sand und sein an dem kaiserlich- russischen Staatsrath v. Kotzebue verübter Mord. Eine psychologisch- kriminalistische Erörterung aus der Geschichte unserer Zeit. Berlin 1831, S. 368-369)

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Ein deutscher Gotteskrieger?

Der Attentäter Carl Ludwig Sand: Die Geschichte einer Radikalisierung