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Er gilt als der erste politische Attentäter in der jüngeren deutschen Geschichte. Sein Mord an dem Schriftsteller und Diplomaten August von Kotzebue am 23. März 1819 soll stilbildend gewesen sein für die Erscheinungsformen, die man dem Phänomen Terrorismus später zugesprochen hat. Doch wie kann man den rebellischen Theologiestudenten Carl Ludwig Sand und seine Tat aus heutiger Sicht klassifizieren? War er ein skrupelloser Fundamentalist, ein ideologisch verbohrter Terrorist, ein Anarchist, oder bloß ein pathogener Straftäter und patriotisch verbrämter Mörder? Hat er im Auftrag einer todessüchtigen Verschwörerbande, oder im Interesse humanitärer Ideen gehandelt? Soll man ihn bewundern, oder verdammen, oder für geistesgestört erklären, wie es seit zwei Jahrhunderten viele getan haben? Und zählt seine spektakuläre Tat eher zu den Randphänomenen der Geschichte, oder gibt es gute Gründe, diesen „Pionier eines Gotteskriegers“ (Wolfram Siemann) als historische Erscheinung noch einmal neu wahrzunehmen? Die begrifflichen Anstrengungen gegenüber dem Fall Sand können heute aufgrund der medialen Omnipräsenz des islamistischen und innerdeutschen Terrorsyndroms leicht ins Analogische abgleiten. Tatsächlich aber lassen sich dem Motivhintergrund dieser so beispielhaften wie singulären Schreckenstat nicht immer eindeutige Erklärungen abgewinnen. Und das, obwohl die Signifikanz des Falles mit der von vielen Verbrechen in der Geschichte des politischen Attentismus in aller Welt vergleichbar sein dürfte. Was aber hat es seit den letzten zwei Jahrhunderten überhaupt mit der todbringenden Verachtung des Anderen, des Fremden und Nicht-Identischen auf sich, mit jener hassverzerrten „heroischen Ungeduld“, dem politikvergessenen Erlösungs-Irrsinn und ‚Gotteskomplex‘ so vieler Attentäter? Geht es um Fluchten aus der Deklassierungsangst oder aus narzisstischer Kränkung in die psychotische Allmachtphantasie? Liegen dem tiefreichende Traumata der mentalen Überforderung und religiösen Erschütterung zugrunde? Wie erklärt sich allein die fromme Keuschheit bei den vielen, zumeist männlichen Tätersubjekten damals wie heute? Woher also mag der Größenwahn solcher Süchte nach gnadenloser Selbstverwirklichung und Heilsvollstreckung im Hier und Jetzt rühren?

Wenn die zwei Jahrhunderte lang kontrovers wahrgenommene Attentäter- Figur des Carl Ludwig Sand in den Blick heutiger Psycho-Sozial-Wissenschaft gerät – können wir diesen Fall von „negativer Gegenseitigkeit“ zwischen Täter und Opfer dann eher begreifen? Definitorisch einvernehmendes Denken hat immer noch mit der Schwierigkeit zu rechnen, dass bei einem Täter wie Sand glaubensreines Sendungsbewusstsein und blutige Tatentscheidung unauflösbar verquickt sind. Das Böse ist hier in ostentativ bester Absicht und um des vaterländisch Heilsamen willen geschehen. Was nach wie vor dazu verleiten kann, einen solchen Mörder in seiner Befremdlichkeit für wahnbesessen, oder schlicht für verrückt zu erklären. Doch die Dinge liegen komplizierter. Genau besehen, sind uns viele, nicht selten intime Einblicke in die schillernde Persönlichkeit des Carl Ludwig Sand und in die (un-)mittelbaren Voraussetzungen, Verlaufsbedingungen und Geschehensfolgen des Kotzebue-Attentats überliefert, so dass die Interpretation seiner Tagebücher, Briefe, Manifeste und sonstigen Verlautbarungen im Zeitkontext eine plausible Innen-Außen-Reflexion des Falles möglich macht. Derart lassen sich aufschlussreiche Einsichten gewinnen in die Schuld- und Gesinnungsqualen, in die Reinigungs- und Bewährungssehnsüchte dieses empfindsamen Studenten und Gewalttäters aus dem frühen 19. Jahrhundert. Am Ende freilich bleibt das Problem eines ebenso opak motivierten wie kontingent folgenreichen Mordfaktums, dessen Darstellung manchmal als Konstrukt aus nicht zweifelsfrei erwiesenen Ursachen und Bedeutungen dasteht. Doch wichtiger als die psychologische Ausforschung der endogenen Quellen dieser Blutaktion erscheint die Analyse jenes hoffnungsbeseelten Syndroms der ‚Deutschheit‘ bei Sand: „Wo ein Volk das Schöne liebt […], da weht, wie Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und groß sind alle Herzen und Helden gebiert die Begeisterung“, hatte schon Hölderlin seinen sanften Heros Hyperion schwärmen lassen. Woraus Novalis den Schluss ziehen sollte: „Ein Land, das Herz und Geist befriedigt, dürfte eine deutsche Erfindung werden.“ Doch der gleichfalls pietistisch angehauchte Ich-Zergliederer und Glaubensgrübler Sand will sich mit solchen Vaterlandseuphorien aus dem Hoffnungsarsenal des deutschen Idealismus nicht mehr zufriedengeben. Seine Sehnsucht nach einer „künftigen Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten“, nach der beglückten Nation, entzündet sich zu hasserfüllter Radikalität, bei Sand mutiert der Epochendiskurs aus erschöpftem Aufklärungsethos und romantischer Erlösungsutopie zum attentistischen Befreiungswahn.

Der Student Carl Ludwig Sand will der Öffentlichkeit eine Heldentat und eine Passionsgeschichte vor Augen führen, die den Willensimpuls der Deutschen zur Emanzipation aus den Fesseln des menschenrechtlich obsoleten Spätfeudalismus hervorrufen soll. Dieses Täter-Ich verschmilzt geradezu mit dem humanitären Hoffnungstemperament seiner Tötungsabsicht, im Blick auf die Würde seiner Zielutopie sieht er keinen Bruch zwischen Handlungsvollzug und sittlicher Ordnung, er glaubt mit dem eigenen Leben einstehen zu können für die moralische Lauterkeit und politische Legitimität seines Mordes. Sand will eine Kult-, wenn nicht Lieblingsfigur der deutschen Freiheitssehnsucht werden, es handelt sich bei diesem Täter um so etwas wie einen sympathiesüchtigen Narzissmus. Sein Mord ist dazu ausersehen, als Moralexempel eines wohllöblichen Glaubenssubjekts in der Welt von sich reden zu machen, und dadurch die allgemeine Volksrache ins Werk zu setzen. Eine solche Tat als glücksbringende Botschaft erscheint ihm ungleich bedeutsamer als die eigene sittliche Verfehlung. Denn dem großen Ziel einer Erlösung des Menschengeschlechts in den Maßen eines deutschen Freiheits- und Republikversprechens ist für Sand nichts Überzeugendes entgegenzusetzen.

Und hierin liegt das Kernproblem. Der Mord an August von Kotzebue ist nicht Ausdruck einer in nennenswerter Kopfzahl vorhandenen, schlagkräftigen Verschwörer-Subkultur, sondern stellt die individuell-pathologische Verarbeitungsform eines tatphilosophisch überhitzten Debattenklimas akademischer Provenienz dar. Mit den jungen politischen Heilspredigern à la Carl Ludwig Sand zieht im Anbruch des Vormärz so etwas wie eine „Ironieverweigerung“ (Jochen Hörisch) herauf, zumal in ihrem Kreis werden der Auseinandersetzung um den großen deutschen Ernst nun unumstößliche Gewissheiten, tiefe Wahrheiten und glaubensbewehrte Letztinstanzen imputiert. Die Folge – manische Überzeugtheit, unbedingtes Wollen und gewaltlüsterner Fanatismus mutieren zu mentalen und politischen Leitinstanzen. Damit befinden wir uns im verzweigten Wurzelwerk der modernen Deutschtumsideologie, in einer Zeit, als die entgrenzenden Denkimpulse der aufklärerischen ‚Nation‘ mehr und mehr den regressiven Inspirationen des ‚Nationalistischen‘ zu unterliegen drohen. Wo vaterländisch-ethnische Identitäts- und Heilsvisionen beschworen werden, droht der Infarkt jeder pragmatischen Politikwahrnehmung. Mit Immanuel Kant zu reden, man traut sich nun in seiner „vermessenen faulen Waghalsigkeit im selbstdenken“ allzu weit hinaus auf den „ocean der über die Welt hinaus gehenden Erkenntnisse.“1 Dazu gehören die ideologischen Misswüchse des Fremdenhasses und des Antijudaismus ebenso wie die politische Instrumentalisierung von genuin religiösen Bekenntnisinhalten und -formen. Deutschsein um 1819 – dahinter steht bei Jungrevolutionären wie Sand ein eschatologisch aufgeladenes Seelen- und Geistesgeflacker, ein agonales Brouillon aus verblichenem Aufklärungsanspruch, romantischer Staats-Körper-Organologie, völkischem Ursprungs- und Reinheitsgeraune, religiöser Erweckungsinbrunst und frühnationalistischem Freiheits- und Republik-Pathos. Manch einer hat dem Weltanschauungsgebräu von damals schon jene toxischen Miasmen entfahren sehen, die später im Pfuhl der totalitären Ideologien und des braunen Terrors aufgegangen seien. Im Dezember 1980 ermordet ein deutscher Neonazi namens Uwe Behrendt, Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann, den jüdischen Verleger und Rabbiner Shlomo Lewin und quittiert seine Tat mit der Bemerkung: „Es ist für mich wichtig, dass ich in der studentischen Tradition stehe – das war mein Kotzebue.“ Auch für Behrendt dürfte in Sands Heimat, der „Märtyrerstadt“ Wunsiedel, das Grab des Nationalsozialisten Rudolf Heß einen Wallfahrtsort dargestellt haben. Nicht zuletzt aufgrund der Gedenkmärsche zu Ehren des einstigen Hitler-Intimus fristet Carl Ludwig Sand auch in rechtsradikalen Kreisen dieses Landes noch heute ein betrübliches Dasein als Ikone der ‚nationalrevolutionären‘ Ideologie.

Auch wenn es sich bei Sand und den Burschenschaften um die bald scheiternde politische Bewegung einer kleinen akademischen Elite ohne lebenspraktische Verbindung zum gemeinen Volk handelte, sie sollte es – wie die Revolte in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts – sehr wohl zu einer nachwirkenden Repräsentanz im Bewusstseinshorizont vieler Zeitgenossen bringen. Es kann in diesem Buch daher nicht zuvörderst um die Pathographie einer Persönlichkeit im Aktionskreis der nationalen Burschenschaften gehen, wie so oft in der bisherigen Sand-Forschung, sondern es handelt sich um die Darstellung eines enervierenden Kriminalfalles und seiner kultischen Überlieferung als repräsentativen Sinn- und Ereigniszusammenhang in der politischen Moderne Deutschlands. Um 1819 hat man es immer noch zu tun mit dem epochalen Wetterleuchten und den Machtverwerfungen der Französischen Revolution, mit einem Krisensyndrom der Säkularisationsgeschichte zwischen spätabsolutistischer Herrschaft und bürgerlicher „Nationalerwartung“. Unter deren Eindruck will ein zumeist jugendlicher public spirit nach dem Kampf gegen die französische Usurpation nun zur selbstermächtigten, ja terroristischen Befreiungstat gegen die deutsche Fürstenherrschaft voranstürmen. Insofern steht das Attentat für einen markanten Zeitbruch im Gefolge der europäischen Revolutionskriege, für das Impulsereignis einer Moderne, die den liberalen Ideenkomplex der ‚Deutschheit‘ auf epidemische Weise mit religiös-kultischen Politik- und Gewalteuphorien aufgeladen hat. Bei Carl Ludwig Sand durchdringt der glaubensfiebernde Deutschtums-Mythos, und mit ihm der Anti-Kotzebue-Affekt, bis ins Innerste die Selbst- und Weltwahrnehmung, er bildet das Energetikum all seiner Geltungs- und Bewährungshoffnungen.

Vor allem der bewunderte Fichte ist es damals gewesen, der nicht nur die Selbstermächtigung des weltschöpferischen Ich, sondern die „absolute Identität und Sinnerfahrung“ jener Streiter im fanatischen Befreiungskampf der Nation beschworen hat, die an Märtyrer und Helden der christlichen Missionierung erinnerten. Solche religiös enragierten Heroen der Selbsthingabe an das Vaterland erscheinen dann im Reflex der Kleistschen ‚Hermannschlacht‘ als Avantgarde intellektueller Aktivisten, deren Identität und Kampfziele von heillosem Machtwahn durchdrungen sind. Der Cherusker erweist sich als ein von politischem, zur Destruktion neigendem Fanatismus und inbrünstiger Gläubigkeit umgetriebener Held, als Repräsentant eines heraufziehenden Zeitalters, in dem die neue Nation als ein zur Religiosität erglühendes Vernunftdesaster Wirklichkeit werden könnte. So schienen seelisch entzündete Vaterlandsideen dazu verdammt, in gläubige Fundamentalismen umzuschlagen, als Legitimationsutopien und Einmütigkeitsphantasien konnten sie diffuse Gewalt- und Zerstörungspotenziale entfalten. Kleist entwickelt damals eine zeit- und zivilisationskritische Mythopoesie über ein Nationalheroentum, das seine historische Entsprechung im „totalen Befreiungs- und Volkskrieg“ gegen den Usurpator Napoleon findet.

Auch Carl Ludwig Sand war ein gebranntes Kriegskind. Der 1795 Geborene wächst auf in einer Wirklichkeit von entgrenzter Gewalt und Zerstörung, von erschütternden Sozialumbrüchen und abruptem Herrschaftswandel. Das infernalisch entfesselte Machtsubjekt à la Bonaparte, die Obsessionen des Beherrschen- und Besitzen-Wollens, imperiale Okkupation, hasserfüllte Insurrektion und blutige Völkerschlacht, ja das Zermalmen des gemeinen Mannes zwischen den Mühlsteinen der politischen Großgewalten – all das sind geschichtliche Erfahrungen damaliger Zeitgenossenschaft, die den jungen Attentäter enervieren, und die später auch seiner Bluttat einen tiefreichenden Nimbus vermitteln sollten. Man begreift, was etliche Zeitgenossen meinen, wenn sie behaupten, am Fall Sand/Kotzebue sei die „Sünde der Zeit […] offenbar geworden.“ Die menschenrechtliche Rückständigkeit des Spätabsolutismus bekommt es in jener Zeit mit den Druckwellen eines Mentalitätswandels zu tun, dem die freiheitliche und gleichheitliche Bedürfnisnatur der Individuen hochrangiger erscheint als jede traditionale Legitimität von Machtanspruch und Staatsräson. Doch auf einem solchen Impetus liegen damals Fluch und Verheißung gleichermaßen. Wie niemals zuvor kommt es jetzt zu einem Überschwang an glühenden Ich- und Willensbekenntnissen, zu radikalen und gleichsam widervernünftigen Vorstellungen von ‚Überzeugung‘ und ‚Tathandeln‘, die den aufgeklärten Emanzipationsgedanken auf die politische Bühne zerren, und den Gelehrtendiskurs mitsamt seiner verständigen Freundschaftskultur womöglich in einer parteiischen Klubberey versanden lassen. Der Kotzebue-Mord ist auf dem Nährboden eines entdifferenzierten zeitanalytischen und philosophischen Denkens, der stimmungspolitischen Rage und des nationalen Tat- und Exklusionsfanatismus gewachsen. Fundamentalistische Züge hat dieser juvenile Befindlichkeits- und Ideenfuror angenommen, weil er die Orientierung an Mitte und Maß der (selbst-)reflexiven Vernunftkultur verlor, und dem liberalen Evolutions- und Rechtsgedanken die Legitimität absprechen wollte.

Carl Ludwig Sand, wohllöblicher Zögling der christlichen Glaubensergebenheit, ist ein passionierter Vollstrecker der Willens- und Freiheitsemphasen seiner akademischen Generationskohorte gewesen. Was ihm qua Selbstinszenierung als heilverbürgendes Mahn- und Warnbild für alle Deutschen vorgeschwebt hat, vermochte auf kaum absehbare Weise einen Überlieferungsimpuls zu erzeugen – ein „prophetisch Zeichen“, ja ein „furchtbar dräuend Schauspiel, aus dem Unterreich heraufbeschworen, um den Zeitgenossen in einer Geistererscheinung ihr verhülltes Schicksal im Bilde vorzuspiegeln.“2 Um 1819 seien sich die alte und die neue Zeit im Schuld- und Sühne-Bild-Narrativ des Falles Sand/Kotzebue erstmals „blutig begegnet, der gewaltsam zurückgedrängte fressende Unmuth hat hier in die erste Gewaltthat sich entladen“, schrieb Joseph Görres.3 Der hieraus erwachsene Nationalkult sollte seinen Urheber zwei Jahrhunderte lang auf staunenswerte Weise überleben. Zwar wurde die Freveltat des jungen Patrioten schon von vielen Zeitgenossen als unmoralisch verurteilt, aber mit dem Machtanspruch auf ihre blutige Sühne wollten sie sich ebensowenig abfinden. Angesichts dieses Verirrten im Vaterlands- und Gottesglauben erschien die Hinrichtung an jenem 20. Mai 1820 in Mannheim als inhuman, ungerecht und anachronistisch. Der gutherzige Jüngling hatte sein Leben einem hoffnungslos erscheinenden Zornesakt gegen die politische Restauration geopfert, stellvertretend für alle Deutschen. Das hat man ihm gedankt und auf geraume Zeit nicht vergessen wollen.