In seinem Einführungsbeitrag zu einer Vorlesungsreihe am staatlichen Institut für internationale Beziehungen in Moskau zum 200-jährigen Geburtstag A. M. Gorčakovs im Jahre 1998 charakterisierte der damalige Außenminister E. M. Primakov seinen Amtsvorgänger von 1856 bis 1882, den Außenminister und Kanzler des zarischen Russland A. M. Gorčakov, als „einen der hervorragendsten Diplomaten, Politiker und Staatsmänner nicht nur Russlands, sondern auch Europas“.1 Explizit distanzierte sich Primakov von der Einstufung Gorčakovs in der vorangegangenen sowjetischen Zeit als „einer der bedeutendsten Leiter der aggressiven Außenpolitik des Zarismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.“2 Er wisse nicht, bekundete Primakov, was dieses Urteil mehr geprägt habe, einfache Unwissenheit oder ideologische Voreingenommenheit.3

Das Missliche an der von Primakov selbst vorgenommenen Einschätzung der Tätigkeit und Bedeutung Gorčakovs besteht freilich darin, dass sie ihrerseits wesentlich von politischen Erwägungen und Absichten geprägt war. Unverkennbar ist das Bestreben nach der ideologischen und politischen Auflösung der Sowjetunion für die russische Föderation als den wichtigsten Nachfolgestaat eine richtungweisende und identitätsstiftende Staatsideologie zu schaffen, die ihre Kraft und Legitimität aus den Wurzeln der Vergangenheit zieht und personifiziert wird durch hervorgehobene Leitfiguren. A. M. Gorčakov ist als eine solche Leitfigur anzusehen. Straßen und Metro-Stationen wurden nach ihm benannt, Denkmäler errichtet und sogar ein Asteroid erhielt seinen Namen, aber das historisch Verbürgte ist nicht in gleicher Weise bekannt und verbreitet. Eine kleine Episode mag das verdeutlichen. Um ebenfalls den 200. Geburtstag Gorčakovs gebührend zu würdigen, wurde an der russischen Botschaft in Berlin eine stattliche Gedenktafel angebracht, auf der in ehernen Lettern in russischer und deutscher Sprache verkündet wird: „Zum Gedenken an A. M. Gortschakow (1798–1883), den herausragenden Diplomaten und Staatsmann Russlands, der an der russischen Botschaft in Berlin tätig war“. Das ist eine schöne Geste, allerdings nicht die ganze Wahrheit. Tatsächlich sollte Gorčakov von Rom nach Berlin versetzt werden, aber an dieser Maßnahme fand er aus verschiedenen Gründen überhaupt keinen Gefallen, und mit Geschick gelang es ihm, sich der Direktive zu entziehen.

So wenig Bedeutung dem Vertun der Botschaft für sich genommen beigemessen werden soll, so gibt es doch zu erkennen, dass es nicht unbedingt vorsätzlicher Verfälschung, sondern lediglich unvollständiger Informationen bedarf, um zu Fehlurteilen zu gelangen, die durchaus gravierende Folgen haben können. Die deutsche Forschung ist nicht frei davon. Sie steht im Hinblick auf die Würdigung Gorčakovs noch immer im hohen Maße unter dem Einfluss der von Bismarck kalkuliert lancierten Darstellung, dass sich in Petersburg permanent zwei gegensätzliche außenpolitische Grundanschauungen Geltung zu schaffen versuchten. Die eine, die Alexander II. befürwortet habe, sei auf ein enges Bündnis mit Preußen-Deutschland ausgerichtet gewesen und sei einer Annäherung an Frankreich mit Misstrauen begegnet. Die andere Konzeption, die insbesondere von Gorčakov vertreten worden sei, habe eine enge Allianz mit Frankreich erstrebt mit der Bereitschaft, dafür die Belange Preußen-Deutschlands geringzuschätzen. Als zentrales Motiv für das Agieren Gorčakovs verwies Bismarck insbesondere für die Zeit nach der Niederlage Frankreichs im Krieg mit Deutschland 1870/71 auf die persönliche Prädisposition des russischen Kanzlers. Gorčakov sei krankhaft eitel und geltungssüchtig gewesen und habe es nicht ertragen können, dass sein Ruhm und Ansehen durch die Erfolge eines Mannes verdunkelt würden, der sich selbst einst als seinen Schüler bezeichnet habe. Die Forschung hat auch diese Deutung weitgehend übernommen, wobei sie sich erkennbarerweise in jüngerer Zeit nicht von einer überhöhten Bismarck-Verehrung hat leiten lassen, sondern dem Mangel an übergreifenden, quellengestützten Studien russischer oder westlicher Provenienz Tribut gezollt hat. Tatsächlich gibt es bis heute nicht eine einzige umfassende, auf den zugänglichen Primärquellen basierende und die relevanten Einsichten der Sekundärliteratur berücksichtigende Biographie A. M. Gorčakovs.

Inwieweit kann die vorliegende Arbeit an diesem unbefriedigenden Zustand etwas ändern? Dank der Zubilligung langfristiger und ausgiebiger Recherchen in den für Werden und Wirken Gorčakovs aufschlussreichsten Archiven, dem Archiv des russischen Außenministeriums (AVPRI) mit den kontinuierlichen ‚Vorträgen‘, den jährlichen wie auch längere Zeiträume übergreifenden Rechenschaftsberichten Gorčakovs für den Zaren sowie dem nicht minder bedeutsamen russischen Staatsarchiv (GARF) mit dem umfangreichen persönlichen Archiv Gorčakovs, das eventuell als Grundlage für seine eigenen Memoiren dienen sollte, eröffnete sich die Möglichkeit, die Handlungen Gorčakovs mit den ihnen zugrunde liegenden Intentionen vollständiger und differenzierter zu erfassen, als das bisher gelingen konnte. Im dialektischen Verbund hiermit stand die umfangreiche Auswertung veröffentlichter Primärquellen sowie inhaltlich und methodisch ergiebiger Vorarbeiten der internationalen Forschung. Sie ermöglichte in der Zusammenschau mit den archivalischen Quellen eine fundierte Ausweitung und Vertiefung von Fragestellungen und Forschungsergebnissen im Hinblick auf das innere und äußere Bedingungsgefüge, die bestimmenden Faktoren und die Resultate der russischen Außenpolitik unter Federführung von A. M. Gorčakov.

Beginnend mit dem Werdegang Gorčakovs werden Herkunft und Sozialisierung, persönliches Naturell sowie die Anfänge seiner durchaus nicht gradlinig verlaufenden diplomatischen Karriere abgehandelt.

Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels steht die politische Konzeption, mit der Gorčakov sein Amt als Außenminister antrat. Oberste Priorität sollten Reformen im Innern zur Stärkung des Landes und der Autokratie haben, während im auswärtigen Bereich eine ‚entente intime‘ mit Frankreich den russischen Interessen insbesondere im ‚Orient‘ bestmögliche Geltung verschaffen sollte. Dargelegt wird zudem, warum sich beide Politikstränge nicht so entwickelten, wie erwartet und welche Komplikationen das Verhältnis zu Frankreich zusätzlich belasteten.

Das dritte Kapitel widmet sich der Problematik des russischen Imperialismus. Gefragt wird nach den Motiven, Vorgehensweisen und Ergebnissen der russischen Politik gegenüber China und Mittelasien unter hervorgehobener Würdigung des Anteils Gorčakovs. Bis heute wird gerne verallgemeinernd auf dessen Verlautbarung Bezug genommen: „Die größte Schwierigkeit besteht darin zu wissen, wo es gilt stehen zu bleiben.“ Es wird geprüft, inwieweit diese Aussage als programmatischer Beleg für die Befürwortung eines expansiven Kurses der russischen Politik gedeutet werden kann. Sozusagen als Gegenprobe wird erörtert, wie der Verkauf Alaskas 1867, wiederum unter besonderer Berücksichtigung der Mitwirkung Gorčakovs, zu erklären ist.

Das vierte Kapitel befasst sich mit den tiefgreifenden politischen Umwälzungen in Europa zwischen 1864 und 1870/71. Die russische Führung verfolgte, wie dokumentarisch belegt wird, die deutschen Einigungskriege, die in die Begründung des Deutschen Reiches mündeten, mit zwiespältigen Empfindungen. Die Errichtung eines machtvollen Staates im Zentrum Europas, befand Gorčakov, entsprach ‚nicht unseren Traditionen‘, aber, räumte er ein, die ‚Traditionen‘ hätten sich auch nicht uneingeschränkt bewährt, denn ein schwaches Deutschland habe zwar keine Gefahr für Russland bedeutet, aber auch nicht den Einmarsch der ‚grande armée‘ 1812 verhindern können. Die Zukunft müsse zeigen, bekundete der 1867 zum ‚Kanzler‘ avancierte Minister, ob die Entwicklung für Russland mehr Schaden oder Nutzen bringe.

Die ersten Ergebnisse stimmten ihn zuversichtlich. Eine generell für Russland günstige politische Konjunktur trug dazu bei. Speziell in der Zeit des deutsch-französischen Krieges bemühten sich alle Mächte darum, Russland auf ihre Seite zu ziehen bzw. zu halten. In richtiger Einschätzung dieser Situation vermochte Gorčakov die Annullierung der demütigendsten Bestimmungen des Pariser Friedens von 1856, der ‚Pontusklauseln‘, durchzusetzen. Er konnte dabei auf die effiziente Unterstützung Preußens zählen. Der eminente Prestigezuwachs für das Zarenreich und der erhöhte Handlungsspielraum ermutigten den Kanzler des Weiteren, wie dargelegt wird, die gegenüber den Großmächten bisher befolgte vorrangig defensive Politik in eine aktive umzuwandeln, mit dem Idealziel, für Russland die Rolle des ‚arbiter Europae‘ zu gewinnen. Gerade wegen der konfliktträchtigen Beziehungen der Mächte untereinander, argumentierte er, dürfe sich Russland nicht auf die eine oder andere Seite schlagen, sondern müsse, wie er sich bildlich ausdrückte, als „reiche Erbin“ auftreten, die sich von allen umwerben lasse, aber niemandem eine feste Zusage mache.

Bismarck, der selbst eine Vorrangstellung auf dem Kontinent erstrebte, wollte, wie im fünften Kapitel dargelegt wird, sich den nunmehrigen Ansprüchen seines russischen Amtskollegen nicht gutwillig unterordnen, musste aber in der ‚Krieg-in-Sicht‘-Krise 1875 in offener Auseinandersetzung mit Gorčakov seine schwerste diplomatische Niederlage hinnehmen. Doch Gorčakov konnte sich seines Triumphs nicht lange erfreuen. Die in der zweiten Hälfte des Jahres 1875 mit zunehmender Heftigkeit erneut aufbrechende ‚orientalische Frage‘ veränderte das internationale Kräftegefüge wieder rapide zu Lasten des Zarenreichs. Hin- und hergerissen zwischen der Verlockung einerseits, unter dem erregten Drängen der panslawistisch orientierten Öffentlichkeit den moralischen und machtpolitischen Einfluss Russlands auf der Balkanhalbinsel in Richtung auf Konstantinopel und die Meerengen zu vergrößern und der Einsicht andererseits, dass ein Krieg für das im Innern in jeder Hinsicht ungefestigte und ruhebedürftige Russland ein ‚großes Unglück‘ sein würde, steuerte die russische Regierung unter führender Teilhabe Gorčakovs einen Schlingerkurs, der ihr schließlich die Handlungsdominanz entzog und den Waffengang mit der Türkei unausweichlich machte.

Bekanntlich wurde der Krieg zwar militärisch gewonnen, aber Russland musste auf dem abschließenden Friedenskongress in Berlin gegenüber ‚Europa‘ doch große Abstriche von dem Vorfrieden machen, den es gegenüber der Türkei in San Stefano noch hatte durchsetzen können. Gorčakov hielt es im Nachhinein sogar für opportun, den revidierten Vertrag als „schwärzeste Seite“ in seiner dienstlichen Karriere zu brandmarken. Besonders enttäuscht zeigte sich der Kanzler von Bismarck, dem er, sich selber exkulpierend, vorwarf, sich nicht in dem Maße für Russland eingesetzt zu haben, wie von ihm zu erwarten gewesen sei.

Gleichwohl sah sich der Zar, der diese Meinung teilte, aus Sorge, dass Russland in Europa völlig isoliert werden könnte, alsbald genötigt, wie im ‚Epilog‘ ausgeführt wird, der Erneuerung des schon für obsolet erklärten ‚Drei-Kaiser-Bundes‘ zuzustimmen. Gorčakov war dagegen, weil er fürchtete, damit Russlands Handlungsfreiheit über Gebühr einzuschränken. Der Kanzler war formell noch bis 1882 im Amt, aber sein Stern war bereits seit Jahr und Tag im Sinken begriffen. Seine körperlichen und vor allem geistigen Kräfte ließen altersbedingt stark nach, und die laufenden Geschäfte wurden von anderen geführt. Angeblich auf Bismarcks Drängen wurden die begonnenen Verhandlungen über einen neuen ‚Drei-Kaiser-Bund‘ ab Anfang 1880 sogar vor Gorčakov geheim gehalten.

Die Abhandlung schließt mit den seinerzeit Verdacht erregenden Umständen seines plötzlichen Todes in Baden-Baden und der Beisetzung auf dem Friedhof des Troice-Sergiev-Klosters zwischen Petersburg und Peterhof am 15. Mai 1883.

Mehr als ein beiläufiges Anliegen wäre es dem Autor, wenn die vorliegende Abhandlung nicht nur als Beitrag zur historischen Grundlagenforschung verstanden würde, sondern auch dazu anregen würde, grundsätzlich das bis heute hochemotionale deutsch-russische Verhältnis zu hinterfragen, das tendenziell zwischen den Extremen ‚Schicksalsgemeinschaft‘ und ‚Schicksalskampf‘ mit allen damit verbundenen Implikationen schwankt. Eine auf begründete Einsicht basierende besonnenere Einschätzung, die die Interessen beider Seiten einbezieht, wäre ein Gewinn.

Ich widme dieses Buch in Dankbarkeit all denen, die mit Rat und Tat zum Gelingen des Werks beigetragen haben. Ohne die Mithilfe all der ‚guten Geister‘ in Archiven, Bibliotheken, wissenschaftlichen Instituten und anderen Institutionen sowie nicht zuletzt im privaten Bereich hätte ich es nicht schaffen können. Besonders am Herzen liegt es mir, namentlich meine Frau Dagmar und meine beiden Kinder Jan-Peter und Leonie für stete menschliche Zuwendung und unverzichtbaren technisch-digitalen Rat hervorzuheben. Der Deutschen Forschungsgemeinschaft danke ich für die materielle Unterstützung, ohne die ich die ausgedehnten Archivaufenthalte in Moskau nicht hätte absolvieren können.

Kalendarische Angaben in der vorliegenden Monographie beziehen sich in der Regel auf den Gregorianischen Kalender (n. St.), Angaben nach dem vergleichsweise im 19. Jahrhundert mit zwölf Tagen im Rückstand befindlichen Julianischen Kalender (a. St.) sind als solche ausdrücklich gekennzeichnet. Da, wo es geboten erschien, wird eine Doppeldatierung (z. B. 1.3./13.3.1881) angegeben.

Russische Personen- und Ortsnamen in kyrillischen Buchstaben werden gemäß den wissenschaftlichen Normen transliteriert, wenn sich im Deutschen nicht bereits eine andere Schreibweise etabliert hat.

1

Primakov, Rossija, S. 9.

2

Ebd., S. 11; vgl. auch Enciklopedia, Bd. 4, Sp. 600.

3

Primakov, Rossija, S. 11.