Vorwort von Heinrich Bedford-Strohm

in Flüchtlingsethik
AutorIn: Christoph Picker
Freier Zugang

Wenige Themen in den letzten Jahrzehnten haben die Diskussionen in der Öffentlichkeit ebenso wie an vielen Tischen zu Hause so sehr geprägt wie der Umgang mit Flüchtlingen. Die ethischen Fragen, die dahinterliegen, sind sehr grundsätzlich. Auch wo sie in den Diskussionen nicht explizit vorkommen, sie schwingen immer mit. Sie sind Teil unserer je eigenen Suche nach einem guten Leben. Sie gefährden oder stärken unser Selbstbild. Sie haben Auswirkungen auf viele Bereiche unseres Lebens.

Dass gerade die Frage des Umgangs mit Flüchtlingen für Christinnen und Christen eine Frage ist, die niemand einfach zur Seite schieben kann, liegt auf der Hand. „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ – diese Frage des Weltenrichters in der berühmten Vision vom Weltgericht im 25. Kapitel des Matthäusevangeliums, die Jesus den Jüngern vor Augen malt, ist kein biblizistisch aus dem Zusammenhang herausgerissener Bibelfetzen, der den eigenen Moralismus biblisch untermauern soll. Sie markiert, dass es bei dem Umgang mit den Geringsten unserer Schwestern und Brüder um nichts weniger geht als unser Gottesverständnis. Man kann Gott nicht lieben, ohne sich anrühren zu lassen von der Not des Nächsten. Das ist der Kern des Doppelgebots der Liebe, das Jesus uns mit auf den Weg gegeben hat: Gott lieben und den Nächsten lieben. Als ich am 13. September 2015 an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien zum Live-Interview mit dem Heute-Journal vor dem letzten Tor im Stacheldraht stand, das sich am nächsten Tag für ankommende Geflüchtete schließen würde, zitierte ich den Satz aus Matthäus 25 über den Fremdling. An diesem Ort sprach er für sich.

Aber was bedeutet das für eine politisch wie menschlich so hoch anspruchsvolle und brisante Frage wie den verantwortlichen Umgang mit den Migrationsbewegungen? Ist das Plädoyer für eine Willkommenskultur gegenüber Geflüchteten nur Ausdruck naiver Gesinnungsethik um des eigenen moralischen Wohlgefühls willen? Und wird dabei nicht die Frage nach der Verantwortung für die Konsequenzen, etwa durch nicht mehr steuerbare Sogwirkungen und dadurch verursachte Migrationsbewegungen, ausgeklammert? Oder ist es gerade das Gegenteil, nämlich die einzig verantwortliche Antwort auf eine menschliche Not, die nicht dadurch verschwindet, dass man sie aus dem eigenen Gesichtskreis ausblendet? Schon hier wird deutlich, dass Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht gegeneinander ausgespielt werden können. Jede Ausübung von Verantwortung basiert auf einer bestimmten Gesinnung. Ob der Horizont der Verantwortung an den deutschen oder europäischen Grenzen endet oder letztlich ein globaler ist, prägt die Frage, was wir unter Verantwortung verstehen.

Wie eng dieser seit der berühmten Unterscheidung von Max Weber zum Klassiker gewordene Topos der ethischen Fachdiskussion mit den sehr konkreten lebensweltlichen Erfahrungen verbunden ist, wurde an jenem historischen ersten Septemberwochenende im Jahr 2015 sehr deutlich. Rund 20.000 Flüchtlinge kamen am Münchner Hauptbahnhof an. Kardinal Marx und ich hatten bei einem gemeinsamen Mittagessen an jenem Tag spontan beschlossen, zum Bahnhof aufzubrechen und die Menschen dort zu begrüßen. Viele andere taten das Gleiche. Was manche später als Zeichen einer naiven Willkommenseuphorie zu diskreditieren versuchten, war in Wirklichkeit der momenthafte Ausdruck einer Haltung, die am Ende der Grund dafür war, dass durch den Einsatz so vieler Menschen die Herausforderung auch in den Jahren danach bewältigt werden konnte. Es war schlichtweg Mitgefühl, das hier sichtbar wurde.

Ich werde die Gesichter der Menschen, die damals aus den Zügen stiegen, nie vergessen. Menschen, deren Leben eben noch durch Wellen auf dem Meer an Leib und Leben bedroht gewesen war, die auf ihrem Weg meist nur Ablehnung erfahren hatten, wurden jetzt mit einer Welle der Hilfsbereitschaft empfangen. In ihren Gesichtern stand eine Mischung aus ungläubigem Staunen, Erleichterung und bloßer Freude. Die Helferinnen und Helfer, mit denen ich gesprochen habe, haben trotz teilweise vieler Stunden bereits abgeleisteten Dienstes keine Minute an dem tiefen Sinn ihres Tuns gezweifelt. Und schließlich die Einsatzkräfte: Für mich ist ein Foto dieses Tages zu einem der Bilder des Jahres geworden. Es zeigt einen Polizisten am Münchner Hauptbahnhof, der einem gerade angekommenen kleinen Jungen seine Polizeimütze aufsetzt. Beide strahlen um die Wette. Eine Polizeiuniform, nicht Ausdruck einer staatlichen Gewalt, die Terror verbreitet, wie der Junge es in seinem Herkunftsland kennen gelernt haben mag, sondern sichtbarer Ausdruck von Humanität. Als ich dieses Bild gesehen habe, habe ich gedacht: Wie dankbar bin ich, dass ich in einem Land leben darf, wo staatliche Beamte so mit Menschen in Not umgehen.

Wir wissen alle, dass sich die Diskussionen in den Monaten danach immer weiter verschärften. Verantwortliche vor Ort kamen mit ihren Möglichkeiten mancherorts an ihre Grenzen. Zuweilen chaotische Zustände gerieten erst allmählich in geordnete Bahnen. Und politische Kräfte bekamen Zulauf, die – unter geschickter Nutzung neuer digitaler Kanäle – vorhandene Unsicherheit und Angst dazu missbrauchten, Hass und menschliche Kälte zu verbreiten. Sie haben am Ende nicht die Oberhand behalten. Was bleibt, ist die Erfahrung, dass so viele Menschen, mit konkreter menschlicher Not konfrontiert, spontan Mitgefühl zeigten und schlicht anpackten, viele von ihnen aus christlicher Motivation heraus. Dass es fünf Jahre später gelungen ist, die Hälfte der damals angekommen Millionen Menschen in Arbeit oder Ausbildung zu bringen, ist eine Erfolgsgeschichte.

Die Diskussionen gehen indessen weiter. In der Evangelischen Kirche war es die Bildung des Bündnisses United4Rescue zur aktiven Unterstützung der zivilen Seenotrettung, die seit dem Evangelischen Kirchentag 2019 die Gemüter erhitzte. Erneut geht es dabei um dahinterliegende grundlegende Themen. Was ist die Aufgabe öffentlicher Theologie? Soll die Kirche sich in politische Fragen überhaut einmischen? Soll sie gar, wie hier, mit Organisationen der Zivilgesellschaft so direkt zusammenarbeiten, dass sie damit auch aktiv politisch Position bezieht?

Und natürlich sind auch hier erneut die Fragen der Flüchtlingsethik berührt, die schon 2015 diskutiert wurden. Deswegen ist es wichtig, in den konkreten Auseinandersetzungen, um die Flüchtlingspolitik immer wieder innezuhalten, um die dahinterstehenden ethischen Fragen zu reflektieren und das eigene Handeln und Reden selbstkritisch, vielleicht aber auch vergewissernd, zu prüfen.

Ich bin dankbar, dass Christoph Picker uns mit diesem Buch eine hervorragende Grundlage dafür gibt. Es befasst sich mit den biblischen Grundlagen der christlichen Grundorientierungen und der Frage der Bedeutung von Verantwortung ebenso wie mit den Diskussionen über Grenzsicherung, Aufnahmebedingungen und den weltweiten Kontext. Das Thema wird seine Brisanz auch in der Zukunft nicht verlieren. Es bedarf gründlicher ethischer Reflexion. Ich wünsche dem Buch deswegen viele Leserinnen und Leser.