Macht auszuüben bedeutet Entscheidungen zu treffen. In einer politischen Krisensituation müssen nicht selten äußerst komplizierte Entscheidungen innerhalb kürzester Zeit getroffen werden. Für Erich Honecker, seit 1971 Erster Sekretär bzw. Generalsekretär der SED und seit 1976 Staatsratsvorsitzender der DDR, waren die Ereignisse in Polen im Sommer 1980 und die Revolution der Solidarność im Grunde die erste Bewährungsprobe in einer solchen politischen Krisensituation.

Nach dem Danziger Abkommen, das Ende August 1980 zwischen polnischer Staats- und Parteiführung und den streikenden Arbeitern geschlossen wurde, und der offiziellen Zulassung des Unabhängigen Selbstverwalteten Gewerkschaftsbunds Solidarność Anfang November 1980 gab es erstmals in einem Staat des Ostblocks eine von der herrschenden kommunistischen Partei unabhängige Gewerkschaft. Damit war aus Sicht der DDR-Staats- und Parteiführung eine politische Krisensituation entstanden. Zwar waren die Probleme, mit denen die polnische Führung unter Edward Gierek seit Mitte der 1970er Jahre zu kämpfen hatte – zunehmende wirtschaftliche Schwierigkeiten, die Entstehung einer demokratischen Opposition und der wachsende Einfluss der katholischen Kirche – in Berlin durchaus bekannt. Ein derart massiver Ausbruch gesellschaftlichen Unmuts im Sommer 1980 in Polen kam aber unerwartet. Innerhalb kürzester Zeit sah die SED-Führung durch die Entwicklungen im östlichen Nachbarland grundlegende Interessen der DDR bedroht. Bereits im Spätsommer 1980 brachen die Steinkohle-Lieferungen aus Polen ein, was für die Wirtschaft der DDR ernsthafte Probleme mit sich brachte. Auch stellten die Ereignisse in Polen die Entspannungspolitik in Europa und damit die Annäherung zwischen den beiden deutschen Staaten auf die Probe, und das zu einem Zeitpunkt, an dem die wirtschaftliche Abhängigkeit der DDR von der BRD immer mehr zunahm. In Berlin fürchtete man zudem schwerwiegende Konsequenzen, sollte Polen das sozialistische Lager verlassen. Für die DDR als Fronstaat des Warschauer Pakts hätte dies den Verlust des sicheren Hinterlandes im Osten bedeutet. Im Extremfall wären die Transitstrecken und die Erdölpipeline zwischen der DDR und der Sowjetunion, ihrem wichtigsten Verbündeten und Garanten ihrer Existenz, in Gefahr gewesen. Daher ergriff die DDR-Führung Maßnahmen, die in Polen den Zustand vor dem August 1980 wiederherstellen sollten. Die DDR-Führung war von der Dringlichkeit ihres Handelns überzeugt, um diese Entwicklungen aufzuhalten, bevor sie unumkehrbar geworden wären.

Die vorliegende Arbeit kombiniert eine politikwissenschaftliche Analyse von Entscheidungsprozessen, basierend auf einem modifizierten Modell von Ziemowit Jacek Pietraś, mit einer kritischen Quellenanalyse oftmals noch unveröffentlichter Archivmaterialien. Dieser Ansatz ermöglicht es, die wichtigsten Entscheidungsprozesse innerhalb der DDR-Führung, soweit sie die Lage in Polen betrafen oder von dieser beeinflusst waren, zu rekonstruieren.

Die Ergebnisse lassen sich in folgenden vier Punkten zusammenfassen:

Erstens: Die ostdeutsche Staats- und Parteiführung definierte die Ereignisse in Polen nach dem August 1980 – die Entstehung einer unabhängigen Gewerkschaftsbewegung und das schrittweise Zerbröckeln des Machtmonopols der kommunistischen Partei – als „polnische Krankheit“ und fürchtete deren Übergreifen auf die DDR. Dass ein solches Szenario durchaus realistisch war, zeigte ein Streik Berliner Eisenbahnarbeiter im September 1980. Ein Jahr später versetzte die vom 1. Landeskongress der NSZZ Solidarność verabschiedete „Botschaft an die Werktätigen Osteuropas“, die andere Gesellschaften des Ostblocks zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften aufrief, die DDR-Führung in Angst und Schrecken. Um derartigen Entwicklungen in der DDR vorzubeugen, beschloss das ZK-Sekretariat bereits am 20. August 1980, dass Preisstabilität und eine stabile Versorgung der eigenen Bevölkerung unbedingt zu gewährleisten seien. Zugleich wurden Kontakte zwischen der ostdeutschen Bevölkerung und polnischen Staatsbürgern sowie der Zugang zu freien Informationen über die Ereignisse in Polen massiv beschränkt. Im Zuge dieser „Quarantäne-Politik“ wurde am 30. Oktober 1980 das bilaterale Abkommen über den pass- und visafreien Reiseverkehr ausgesetzt und parallel dazu u.a. der Kulturaustausch mit Polen eingeschränkt. Auf Initiative des SED-Politbüros wurde im Herbst 1980 die Überwachung polnischer Studierender in der DDR verstärkt und auf Anweisung des Staatsicherheitsministers Erich Mielke die Kontrolle der in DDR-Betrieben beschäftigten polnischen Arbeitskräfte ausgeweitet. 1981 entschied das ZK-Sekretariat dann, zunächst einen Teil und später alle in Polen studierenden Staatsbürger in die DDR zurückzuholen. Die „Quarantäne-Politik“ führte zu Spannungen auf diplomatischer Ebene und versetzte der Annäherung zwischen beiden Ländern einen herben Rückschlag. Das Ausbleiben einer größeren Protestwelle in der DDR bestätigte die Führung um Erich Honecker aber in der Überzeugung, dass die Politik der Abschottung ihren Zweck erfüllte. Selbst nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen im Dezember 1981 blieb die Mehrzahl der in Krisenzeiten verhängten Restriktionen in Kraft.

Zweitens: In der Einschätzung Berlins war die Wirtschaft der Volksrepublik Polen nach dem August 1980 ein „Fass ohne Boden“. Auch die zentral gesteuerte DDR-Presse zeichnete dieses Bild. Die Führung der KPdSU in Moskau hielt die Verbesserung der Versorgungslage in Polen jedoch für eine unabdingbare Voraussetzung, um den gesellschaftlichen Zulauf für die unabhängige Gewerkschaftsbewegung zu bremsen. Obwohl die Sowjetunion selbst mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatte, gewährte sie Volkspolen ökonomische Unterstützung, war jedoch bemüht, auch die anderen Ostblockstaaten in diese Bemühungen einzubinden. Die DDR, die auf den militärischen Schutzschirm der UdSSR ebenso wie auf sowjetische Rohstoff-Lieferungen angewiesen war, konnte sich diesen Forderungen kaum entziehen. Am 3. September 1980 beschloss das Sekretariat des ZK der SED sofortige Lebensmittelhilfe für Polen im Wert von 230-250 Millionen Mark. Am 11. November 1980 stimmte das SED-Politbüro dem Vorschlag Honeckers zu, Polen einen zinslosen (und letztendlich nicht rückzahlbaren) Kredit in Höhe von 250 Millionen D-Mark zu gewähren. Diese beiden Grundsatzentscheidungen über Wirtschaftshilfe für Polen fielen jeweils nach einer telefonischen bzw. schriftlichen Intervention Leonid Brežnevs bei Honecker und wurden vom Politbüro bzw. vom Sekretariat des ZK im Nachhinein nur noch bestätigt. Gegenüber Vertretern anderer kommunistischer Parteien betonten SED-Funktionäre unablässig, welch gewaltige Belastung die Wirtschaftshilfe für Polen für die DDR bedeutete. Vermutlich sollte dies in erster Linie weiteren Bitten nach Unterstützung vorbeugen. Zugleich kritisierte Berlin die – im Übrigen sehr vorsichtigen – polnischen Pläne für eine Wirtschaftsreform heftig. An der Wirksamkeit der in Warschau diskutierten Lösungsansätze hatte man in der DDR erhebliche Zweifel. Womöglich stand hinter dieser Einschätzung auch die Befürchtung, dass die Reformen Veränderungsprozesse in Gang setzen könnten, die irgendwann außer Kontrolle geraten könnten. Honecker sah das Allheilmittel für die polnische Wirtschaft stattdessen in der Unterdrückung der Streiks. Folglich drängte die DDR-Führung auf eine gewaltsame Lösung der „polnischen Krise“.

Drittens: Bereits im August 1980 ist in Dokumenten der ostdeutschen Staats- und Parteiführung vom „konterrevolutionären“ Charakter der Streikbewegung in Polen zu lesen: Die sich formierende unabhängige Gewerkschaftsbewegung wolle die Macht an sich reißen und das sozialistische System in Polen abschaffen, so die Darstellung der DDR-Führung. Die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei schien unfähig, diese Entwicklung aufzuhalten. In Berlin zog man immer wieder Parallelen zwischen der aktuellen Lage in Polen und dem Prager Frühling von 1968. Mit der Zulassung der NSZZ Solidarność am 10. November 1980 durch das Oberste Gericht in Warschau war aus Sicht Berlins die Grenze der vertretbaren Zugeständnisse endgültig erreicht. Auf einer außerordentlichen Sitzung am 28. November 1980 in Strausberg ermächtigte das SED-Politbüro Erich Honecker, in Absprache mit der sowjetischen Führung alle „erforderlichen Maßnahmen“ zu ergreifen. Im Grunde bedeutete dies die Zustimmung zu einer Beteiligung der Nationalen Volksarmee an einem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in Polen. Unter dem Deckmantel einer „gemeinsamen Ausbildungsmaßnahme“ der sowjetischen, ostdeutschen, tschechoslowakischen und polnischen Armee auf polnischem Territorium liefen – von Moskau aus koordiniert – ab Anfang Dezember 1980 militärische Vorbereitungen zu einer solchen Intervention. Am 7. Dezember 1980 war in den vorgesehenen Truppenteilen der NVA die Bereitschaft zur Teilnahme an der „Ausbildungsmaßnahme“ hergestellt. Diese blieb bis April 1982 bestehen. Im Juni 1981 wurden die entsprechenden Planungen aktualisiert, das SED-Politbüro erteilte Erich Honecker ein weiteres Mal die Vollmacht, „notwendige Entscheidungen“ zu treffen. Jedoch musste in erster Linie die sowjetische Führung ein solches Vorgehen mittragen. Auf Initiative Honeckers wurde in Moskau am 5. Dezember 1980 eine Beratung der Staats- und Parteiführer der Warschauer-Pakt-Staaten zur Lage in Polen einberufen, auf der sich aber keine Mehrheit für ein militärisches Eingreifen fand. Trotz aller Bemühungen der SED-Führung nahm die Sowjetunion im Laufe des Jahres 1981 zunehmend Abstand von einer militärischen Lösung der polnischen Krise.

Viertens: Als sich abzeichnete, dass Moskau nicht gewillt war, in Polen einzumarschieren, suchte Honecker nach anderen Möglichkeiten zur Lösung der „polnischen Krise“ – also zur „Zerschlagung der Konterrevolution“. Seit Anfang 1981 finden sich in den Aussagen Honeckers und anderer hochrangiger SED-Funktionäre Anspielungen, „die Genossen in Polen“ sollten ihre Probleme durch die Verhängung des Kriegszustands „selbst lösen“. Mit der Ernennung des polnischen Verteidigungsministers General Wojciech Jaruzelski zum Ministerpräsidenten im Februar 1981 schien eine solche Entwicklung zunächst wahrscheinlicher geworden. Doch die polnische Führung verschob die Entscheidung über die Verhängung des Kriegsrechts immer wieder in eine nicht genau definierte Zukunft. Deutlich wurde dies etwa während der Krise von Bydgoszcz im März 1981, bei der die polnische Führung eine friedliche Lösung des Konflikts mit der Solidarność suchte. Schon im Mai 1981 forderte Honecker bei einem Besuch in Moskau die Absetzung Jaruzelskis, auch Stanisław Kania, den 1. Sekretär des ZK der PVAP, wollte er durch einen der dogmatischen Funktionäre ersetzt sehen. Stefan Olszowski, Tadeusz Grabski, Stanisław Kociołek oder Andrzej Żabiński würden vor der Verhängung des Kriegsrechts in Polen nicht zurückschrecken, davon war Honecker überzeugt. Aber das Plenum des ZK der PVAP im Juni 1981 brachte keine der gewünschten personellen Veränderungen. Auch vom Ergebnis des Außerordentlichen IX. Parteitags der PVAP im Juli 1981 war die SED-Führung enttäuscht. Im September sprach sich Honecker erneut für einen Wechsel in der polnischen Führung aus, und DDR-Diplomaten und SED-Funktionäre versuchten, diesen aktiv zu unterstützen. Aber weder im Juni noch im Oktober 1981 war diesen Bemühungen Erfolg beschieden. Im Herbst 1981 drängte jedoch nicht nur die ostdeutsche, sondern auch die sowjetische Führung auf personelle Veränderungen, während sich unter den polnischen Parteimitgliedern und Armeefunktionären zunehmende Unzufriedenheit bemerkbar machte. Mit der Absetzung Kanias war Honeckers grundlegendes Ziel zwar erreicht – doch stand nun immer noch keiner der innerparteilichen Dogmatiker an der Spitze der PVAP, sondern der als gemäßigt geltende Jaruzelski. Ob dieser sich zur Verhängung des Kriegsrechts entschließen würde, wurde in Berlin lange bezweifelt. Im November 1981 vereinbarten das Ministerium für Staatssicherheit und Innenministerium der DDR mit dem polnischen Innenministerium umfangreiche Lieferungen von Material und Ausrüstung für die Auflösung von Demonstrationen und Niederschlagung von Unruhen. Der zögernde Jaruzelski erhielt auch politische Unterstützung aus Berlin. Als auf den Straßen polnischer Städte Panzer rollten, war die Führung in Berlin erleichtert. Innerhalb kürzester Zeit verschwand aus der DDR-Presse jede Kritik an der polnischen Politik oder Wirtschaft. Aber vollkommen zufrieden war die SED-Führung auch nach dem 13. Dezember nicht. Von der polnischen Führung erwartete sie nun „revolutionäre Konsequenz“, harte Gerichtsurteile für Oppositionelle, Parteiausschlüsse für „Liberale“ usw. Die von Jaruzelski ergriffenen Maßnahmen erschienen ihr nicht ausreichend. Daran sollte sich auch in den kommenden Jahren wenig ändern.

Im Zuge der Untersuchungen hat sich die in der Einleitung dieser Monographie aufgestellte Hypothese bestätigt, dass im Machtzentrum der DDR Erich Honecker, SED-Generalsekretär und zugleich Vorsitzender des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates der DDR, zu Beginn der 1980er Jahre eine dominierende Position innehatte. An allen wichtigen außenpolitischen Entscheidungen und damit auch an denen, die Polen betrafen, war Honecker unmittelbar beteiligt. Den Gepflogenheiten kommunistischer Parteien entsprechend traten diese Entscheidungen in der Regel in Kraft, nachdem sie von den höchsten SED-Gremien bestätigt worden waren, also vom Politbüro (im Falle des zinslosen Kredits für die Volksrepublik Polen, der Aussetzung des pass- und visafreien Grenzverkehrs oder der Zustimmung zu einer Beteiligung der Nationalen Volksarmee an einer möglichen Militärintervention in Polen) oder vom Sekretariat des ZK (im Falle der Unterstützung durch Lebensmittellieferungen oder der Rückholung aller in Polen studierenden Staatsbürger in die DDR). Auf die Ausgestaltung dieser Beschlüsse hatten jedoch weder das Politbüro noch das Sekretariat des ZK der SED großen Einfluss. In den Sitzungsprotokollen ist jeweils die Rede von der „Bestätigung eines Briefes“, der „Zustimmung zu einem Vorschlag“ oder auch von der „Bevollmächtigung“ zum Treffen aller „notwendigen Maßnahmen“. Die Inhalte der drei wichtigsten Briefe Honeckers an Brežnev – die sich am 5. und am 7. November um die Wirtschaftshilfe für Polen und die sowjetischen Erdöllieferungen für die DDR und am 26. November 1980 dann um die Einberufung eines Treffens der Staats- und Parteichefs der Warschauer-Pakt-Staaten in Moskau zur aktuellen Lage in Polen drehten – waren aber nicht vorab mit dem SED-Politbüro abgestimmt, sondern wurden von diesem jeweils erst im Nachhinein bestätigt. Zwar hatte Honecker schon im September 1980 die allgemeine Zustimmung des Politbüros erhalten, sich an Brežnev zu wenden und ein Treffen der sozialistischen Verbündeten vorzuschlagen. Im Falle der Erdöllieferungen hatte er aber ganz allein entschieden, Brežnev einen Handel vorzuschlagen. Das rief selbst bei einigen Mitgliedern der obersten Parteigremien Unwillen hervor, der jedoch nur in privaten Unterhaltungen geäußert wurde. Die hochrangigen SED-Funktionäre, die nicht mit Honecker einer Meinung waren (wie etwa Erich Mielke im Falle einer Militärintervention in Polen), fühlten sich offensichtlich zu schwach, um ihre Zweifel offen zu äußern. In keinem einzigen Fall wurde eine wichtige Entscheidung Honeckers Polen betreffend vom Politbüro oder vom Sekretariat des Zentralkomitees der SED infrage gestellt.

Die Ministerien und die ZK-Abteilungen waren zwar nicht direkt in die Entscheidungsfindung vor wichtigen Beschlüssen einbezogen, waren aber an deren Umsetzung beteiligt und hatten zudem Einfluss auf Wissensstand und Meinungen der Entscheider. Eine zentrale Rolle spielte hierbei das Ministerium für Staatssicherheit, dessen Chef Erich Mielke regelmäßigen Zugang zum Generalsekretär Erich Honecker hatte. Auf Honeckers Schreibtisch landeten zahlreiche Vermerke und Protokolle von Gesprächen mit PVAP-Funktionären, die Telegramme der DDR-Botschaft in Warschau, die Analysen der ZK-Abteilung Internationale Verbindungen zur Lage in Polen, die Berichte der NVA-Militäraufklärung und die Briefe von Verteidigungsminister Heinz Hoffmann. Über die Entwicklungen und Ereignisse im Nachbarland war Honecker somit sehr eingehend und detailliert informiert. Allerdings waren die Analysen und Reporte, die die DDR-Führung erhielt, stark ideologisch gefärbt. Es ist anzunehmen, dass die Mitarbeiter in den nachgeordneten Institutionen davor zurückschreckten, Schlüsse zu formulieren, die nicht dem Kanon des sozialistischen Systems entsprachen oder den politischen Leitlinien der Führung zuwiderliefen. Im geringsten Maße trifft das noch auf die wenig bearbeiteten und damit vergleichsweise authentischen Gesprächsprotokolle zu. Allerdings kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass die SED-Führung ihre Einblicke in die Lage in Polen hauptsächlich von Vertretern des dogmatischen Flügels der PVAP erhielt. Häufig waren diese Funktionäre nach dem Verlust ihrer einflussreichen Posten verbittert; insofern war das von ihnen vermittelte Bild notwendigerweise verzerrt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Honecker und das SED-Politbüro den Zustand der polnischen Partei infolgedessen negativer einschätzten, als dies tatsächlich der Fall war. Und dies könnte wiederum dazu beigetragen haben, dass die DDR-Führung radikale Standpunkte vertrat, harte Maßnahmen befürwortete und rigorose Entscheidungen traf.

Bezeichnenderweise war die sowjetische Führung zur selben Zeit zurückhaltender in ihren Bewertungen und vorsichtiger in ihrem Vorgehen. Sie wollte eine Militärintervention in Polen nach Möglichkeit vermeiden und räumte der PVAP-Führung mehr Zeit ein, um die Situation in der Partei zu stabilisieren und gegen die unabhängige Gewerkschaftsbewegung vorzugehen. Auch war sie in größerem Maße als die DDR-Führung bereit, Polen wirtschaftlich zu unterstützen.

Die Haltung der Sowjetunion schränkte die Handlungsspielräume Berlins ein. Über alle wichtigen Entscheidungen Polen betreffend wurde Moskau zumindest informiert. Selbst die Aussetzung des pass- und visafreien Grenzverkehrs stimmten SED-Funktionären mit der sowjetischen Führung ab, obwohl die Interessen der UdSSR davon gar nicht unmittelbar berührt waren. Die Entscheidung, Polen Wirtschaftshilfe zu leisten, fiel sogar unter direktem Druck aus Moskau – die Führungsriege um Honecker befürchtete, die geleistete Hilfe könne sich als nicht ausreichend erweisen. Zuweilen ergriff aber auch Berlin die Initiative, wie etwa bei der Einberufung des Treffens der Staats- und Parteiführer der Warschauer-Pakt-Staaten zur Lage in Polen. Allerdings gelang es Erich Honecker nicht, unter den Verbündeten eine Mehrheit für eine Militärintervention in Polen zu finden. Zu einem späteren Zeitpunkt fanden dann aber die Bemühungen Berlins um eine Absetzung Stanisław Kanias als 1. Sekretär des ZK der PVAP die Unterstützung Moskaus. Jedoch hatte der Kreml einen anderen Kandidaten für die Nachfolge Kanias im Blick als die SED-Spitze. Zwar brachte der Kreml regelmäßig seine Wertschätzung für die Standpunkte der DDR-Führung zum Ausdruck; Entscheidungen traf Moskau jedoch auf Grundlage eigener Einschätzungen und nach der eigenen Interessenlage.

Die vier oben beschriebenen grundlegenden und maßgeblichen Entscheidungen der DDR-Führung – die Abgrenzung von Polen durch einen „Cordon sanitaire“, die Wirtschaftshilfe für die Volksrepublik, das Drängen auf eine Militärintervention des Warschauer Pakts und die Forderungen nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen – wurden mit unterschiedlichem Erfolg umgesetzt. Weder die direkten Lebensmittellieferungen noch der gewährte zinslose und nicht rückzahlbare Kredit konnten die massiven wirtschaftlichen Probleme der Volksrepublik lösen: Innerhalb kurzer Zeit benötigte Polen weitere Unterstützung. Die Aussetzung des pass- und visafreien Grenzverkehrs hatte zwar eine radikale Einschränkung der Kontakte zwischen Bürgern beider Staaten zur Folge, konnte die Interessen Berlins aber nicht dauerhaft absichern. Auch andere Maßnahmen im Rahmen der ostdeutschen „Quarantäne-Politik“ wie die Rückholung aller in Polen studierenden DDR-Bürger änderten diesen Zustand nicht. Folglich drängte die Führung um Honecker umso entschiedener auf eine gewaltsame Lösung der polnischen Krise, die das SED-Politbüro aber nicht einfach so dekretieren konnte. Zwar konnte Berlin eine Panzerdivision der NVA in Gefechtsbereitschaft versetzen, aber das brachte wenig, wenn Moskau nicht gleichzeitig mindestens ein Dutzend sowjetischer Divisionen in Marsch setzte. Honecker konnte der Überzeugung sein, dass Stefan Olszowski oder Tadeusz Grabski nach ihrer Wahl zum 1. Sekretär der PVAP umgehend den Kriegszustand ausrufen würden. Aber die Unterstützung der DDR allein reichte nicht aus, um einen dieser beiden Funktionäre an die Spitze der PVAP zu bringen. Für die Verhängung des Kriegsrechts in Polen war das Zusammenwirken mehrerer Faktoren entscheidend, die Bemühungen der DDR-Führung waren dafür nicht ausschlaggebend. Wie sich zeigen sollte, verzögerte diese Lösung der „polnischen Krise“ aber nur die Agonie des kommunistischen Systems in Mittel- und Osteuropa, und damit auch (in) der DDR.

Die Ereignisse der Jahre 1980-1981 in Polen bestärkten Erich Honecker in seiner Überzeugung, dass eine Liberalisierung des kommunistischen Systems dieses letztendlich infrage stellen musste. Sie zeigten auch, dass absolute Loyalität gegenüber Moskau keine Garantie für eine herausgehobene Position unter den sowjetischen Satellitenstaaten war. Diese Erfahrung war für den politischen Kurs der SED-Führung in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre fundamental prägend, als sie dem von Michail Gorbatschow initiierten Wandel ablehnend gegenüber stand. Aber auch diese konservative Haltung bewahrte Erich Honecker im Herbst 1989 nicht vor dem Machtverlust.

Die Analyse der politischen Entscheidungen der DDR-Führung in den Jahren 1980-1981 im Hinblick auf Polen gibt Anlass zu Diskussion über die begrenzten Handlungsspielräume eines Staates mit beschränkter Souveränität und eingeschränktem Potential. Langfristig erwies sich die von Berlin verfolgte Strategie – Reformen auszubremsen und dadurch die Erosion des kommunistischen Systems aufzuhalten – als nicht zielführend. Die beiden einzigen Alternativen wären gewesen, den Entwicklungen im östlichen Nachbarland entweder tatenlos zuzusehen oder aber kontrollierte Veränderungen im eigenen Land anzustoßen. Unter den Bedingungen der DDR hätte letzteres unvermeidlich zur Frage nach der deutschen Wiedervereinigung führen müssen. Unter Umständen hätte diese freilich unter für die politischen Eliten der DDR vorteilhafteren Bedingungen stattgefunden, als es 1990 tatsächlich der Fall war.