Vorwort

In: Fleisch
Free access

Täglich ein Stück Fleisch als Beilage zu Suppe und Gemüse, das ist die einfachste und der Gesundheit zuträglichste Regel für Leute, deren Einkommen dafür ausreicht.

(Commission des Verbandes »Arbeiterwohl«, 1882, S. 68.)

Fleisch-Dämpfer, Emaille-Lack-Farben, Anschlussgleise, Formalingas, Pharos Licht und Eismaschinen, Fleischstempelfarbe, Schlachtbillets, Flanschröhren, Kochkessel und Bolzenapparate. Mikroskope, Ventilatoren, Dachfenster und Polymeter. Anzeigen für diese und unzählige weitere Dinge finden sich am Ende des großen Handbuchs für »Bau, Einrichtung und Betrieb öffentlicher Schlacht- und Viehhöfe« von Oscar Schwarz, das seit 1894 immer wieder neu aufgelegt wurde.1 Fleisch bildet zur Jahrhundertwende einen Knotenpunkt der Industrialisierung, der erst durch das Zusammenspiel extrem vieler und extrem vielfältiger Dinge, Praktiken und Technologien möglich wird. Fleisch ist nicht ein beliebiges Produkt dieser »Verwandlung der Welt«.2 Vielmehr steht es im Zentrum der Transformation, es strukturiert, verändert und bedingt sie. Ich werde in diesem Buch also die These vertreten, dass Fleisch die Industrialisierung in gewisser Weise erst ermöglicht.

Als einer der individuellsten Vollzüge überhaupt folgt das Essen um 1900 der Auflösung der häuslichen Autarkie – wie zuvor das Wasser, die Wärme und das Licht.3 Nahrungsmittel allgemein und Fleisch im besonderen werden im Raum der Großstadt als industrielle Produkte selbstverständlich verfügbar. Dass aber Tiere massenhaft gezüchtet, gemästet und geschlachtet werden müssen, um als industrielle Produkte zur individuellen Verfügung stehen zu können – dieses Faktum akzeptieren und übersehen wir seither als Ergebnis unserer inneren Urbanisierung. Fleischessen ist mit der Industrialisierung zur Normalität geworden, das Mensch-Tierverhältnis ist in seine bis heute kulturell wirksame Ordnung getreten.4 Aktuelle Ernährungsdebatten, die auf eine Neuordnung dieser Verhältnisse drängen, übersehen oftmals diese kulturelle Tiefendimension.

Genau hiervon handelt dieses Buch. Es rekonstruiert die Umstände, unter denen Fleisch zum hoch mobilen und maximal transformierbaren Brennstoff der modernen Gesellschaft wurde. Oder, um es mit den Worten einer alten Postkarte zu sagen: »Wie ein Schwein zu Wurscht vergeht / Sieht ein Jeder, der hier dreht!« Dabei geht es mir jedoch weniger um die Wurst, das Kotelett und den Braten als solche, sondern um das Netzwerk der Medien, Praktiken und Technologien, das diese Waren ermöglicht. Mit einem Mal muss Fleisch nicht mehr aufwendig beschafft werden; es ist plötzlich zu jeder Zeit und überall im Stadtraum verfügbar. Und doch bleibt Fleisch am Ende des 19. Jahrhunderts zugleich ein Mythos. Zuschreibungen, sei es das ›Gesunde‹, das ›Rohe‹ oder das ›Männliche‹, beharren mit erstaunlicher Konstanz und behaupten sich quer zu sämtlichen Industrialisierungsprozessen.

Vor allem aber ist Fleisch, wie wir es heute kennen (oder gerade verkennen lernen), das Ergebnis einer sehr konkreten Geschichte. Die Umstände der Normalisierung des Fleischessens möchte dieses Buch aufdecken und entfalten. Es schreibt somit auch die Genealogie eines Nahrungsmittels, das wie kein anderes zur Projektionsfläche höchst unterschiedlicher Lebensentwürfe geworden ist: die Genealogie unserer heutigen Fleischkultur. Hinter der Diversität dieser Lebensentwürfe ein Stück europäischer Geschichte des 19. Jahrhunderts erkennbar werden zu lassen, wäre das vorrangige Ziel dieses Buchs.

Ich danke insbesondere Alwin Cubasch, Thomas Macho, Jason Papadimas und Franziska Weber für die vielfältigen Hilfen und Anregungen, Christiane Gaedicke, Eileen Klingner und Judith Rauwald für die unermüdlichen Recherche- und Korrekturarbeiten, meinen beiden Freunden Stephan Buchholz und Frank Gebauer für alle Anregungen. Zudem sei Simon Becker, Beate Boehnisch, Gunter Dehnert, Natalia Kepesz und Thomas Winnacker gedankt.

1

Vgl. Schwarz, 1903.

2

Osterhammel, 2013.

3

Vgl. Schivelbusch, 2004, S. 34.

4

Vgl. Young Lee, 2008, S. 2 f.

Fleisch

Die Geschichte einer Industrialisierung