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Zielsetzung, Thema, territorialer und chronologischer Umfang der Arbeit

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den wichtigsten nationalsozialistischen Akteur in den Jahren 1941 bis 1945 in Oberschlesien, Fritz Bracht, und sein Handeln vorzustellen. Als Gauleiter Oberschlesiens, einer Verwaltungseinheit der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (weiter: NSDAP), sowie Oberpräsident der 1941 geschaffenen Provinz Oberschlesien vereinte er nahezu die gesamte Entscheidungsgewalt in diesem Gebiet in seinen Händen. In diesen Funktionen sowie als Inhaber weiterer zentraler Ämter gehörte Bracht zur engeren regionalen Elite innerhalb der Machthierarchie des Dritten Reiches. Wenngleich seine Person nicht weithin bekannt ist, so nahm er eine ähnlich hohe Stellung ein, wie viele andere nationalsozialistische Funktionsträger, die für ihr Handeln berühmt-berüchtigt wurden, wie etwa Albert Forster (Pommern), Arthur Greiser (Großpolen) und Erich Koch (Ostpreußen).

Alle genannten gehörten zur Gruppe der sogenannten Ostgauleiter, deren wichtigste Aufgabe die Germanisierung und wirtschaftliche Ausbeutung der polnischen Westgebiete darstellte, die 1939 vom Dritten Reich annektiert worden waren. Die Ostgauleiter realisierten als ranghöchste Vertreter des deutschen Machtapparates die Besatzungspolitik unter Zuhilfenahme regionaler Verwaltungsstrukturen von Partei und Staat, darunter des Terrorapparats. Wenngleich sie über ein hohes Maß an Entscheidungsfreiheit hinsichtlich der Mittel und Planungskonzeptionen verfügten, so waren sie dennoch durch die bisweilen nicht miteinander in Übereinkauft zu bringenden Bestrebungen der konkurrierenden Machtzentren des Dritten Reiches, also der Partei, des SS-Staates, der ministerialen und wirtschaftlichen Administration, in ihrem Handeln eingeschränkt. Das Maß an Eigenständigkeit bei der Verfolgung eigener politischer Ziele hing in hohem Maß von der Persönlichkeit der Gauleiter und ihren Kontakten zu den wichtigsten Personen aus dem Kreis Adolf Hitlers ab. Ein weiteres bestimmendes Element für das Handeln der Gauleiter stellten die in den von ihnen verwalteten Gebieten herrschenden Nationalitätenverhältnisse und wirtschaftlichen Bedingungen dar. Diese Faktoren hatten unmittelbaren Einfluss auf die Politik der Besatzungsmacht in den einzelnen Provinzen, und damit wiederum auch auf die Situation der Bewohner in den einzelnen okkupierten Gebieten, insbesondere im Hinblick auf das Ausmaß der Repressionen vonseiten der Besatzungsmacht.

Die vorliegende Publikation basiert auf der Dissertationsschrift des Autors unter dem Titel Fritz Bracht. Górnośląski Gauleiter i nadprezydent 1941–1945 [Fritz Bracht. Gauleiter und Oberpräsident Oberschlesiens 1941–1945], die unter Betreuung von Prof. Dr. Ryszard Kaczmarek entstand und 2011 an der Schlesischen Universität in Kattowitz erfolgreich verteidigt wurde. Der dem Leser vorliegende Text entspricht im Großen und Ganzen dem Typoskript dieser Arbeit, wobei einige Fragmente den Anmerkungen des Rezensenten entsprechend überarbeitet wurden. Ebenfalls Eingang fand die neueste Literatur zum Gegenstand (aus den Jahren 2011 bis 2013) sowie vom Autor im Anschluss an die Verteidigung der Dissertation gesichtetes Quellenmaterial.

Als wichtigstes Forschungsziel definierte der Autor die Bestimmung des tatsächlichen Einflusses von Fritz Bracht auf die Realisierung der nationalsozialistischen Politik in Oberschlesien. Es ging ihm also darum, das Maß der Eigenständigkeit im Handeln dieses Funktionsträgers innerhalb des totalitären Machtsystems des Dritten Reiches darzulegen. Dabei fanden auch Faktoren Berücksichtigung, die sich auf die Ausgestaltung der tatsächlichen politischen Position Brachts auswirken konnten, also seine Persönlichkeitsmerkmale und politische Erfahrung, sein Verhältnis zu Vorgesetzten und Untergebenen oder die Bedingungen, die sich aus der Bedeutung Oberschlesiens für die Kriegswirtschaft Deutschlands ergaben. Einen essentiellen Bestandteil der Überlegungen bildete die Analyse der Beteiligung Brachts an der Verwirklichung der Nationalitätenpolitik und seiner persönlichen Verantwortung für Verbrechen, die der nationalsozialistische Repressionsapparat in Oberschlesien begangen hat. Eine genaue Bestimmung der Kompetenzen Brachts, die sich aus den von ihm bekleideten Ämtern ergaben, war dazu unerlässlich.

Die vorliegende Arbeit trägt demnach den Charakter einer politischen Biografie, deren Hauptaugenmerk auf der Schilderung der Tätigkeit von Fritz Bracht in Oberschlesien zwischen 1941 und 1945 liegt. Allerdings wäre sie als biografische Abhandlung ohne die Berücksichtigung der früheren Lebensjahre und politischen Aktivitäten der im Zentrum des Interesses stehenden Person nicht vollständig gewesen. Daher entschied sich der Autor zur Überschreitung der im Titel der Arbeit genannten chronologischen und territorialen Grenzen und widmete auch der Biografie und der politischen Karriere Brachts in Westfalen und Schlesien zwischen 1899 und 1940 eigene Kapitel, also dem Zeitraum, bevor er leitende Funktionen in Oberschlesien übernahm.

Als Oberschlesien ist hier die 1941 geschaffene Provinz Oberschlesien zu verstehen, die sich aus dem Regierungsbezirk Oppeln (also den vor 1939 zum Regierungsbezirk gehörenden Gebieten und den während des Krieges angeschlossenen Landkreisen Warthenau und Blachstädt) und dem 1939 ent

standenen Regierungsbezirk Kattowitz (mit der ehemaligen Wojewodschaft Schlesien, den Landkreisen Bendzin, Krenau, Ilkenau, Saybusch und den zuvor zum Regierungsbezirk Oppeln gehörenden Kreisen Beuthen (Stadt), Gleiwitz (Stadt), Hindenburg (Stadt) sowie den Landkreisen Beuthen und Gleiwitz-Tost) zusammensetzte. Die Provinz Oberschlesien deckte sich territorial mit dem 1941 geschaffenen Gau Oberschlesien.

Im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe Provinz und Bezirk abwechselnd gebraucht, ebenso wie die wichtigsten Titulierungen Brachts – Gauleiter und Oberpräsident. Diese Vorgehensweise gilt auch für diejenigen Textabschnitte, in denen die weiteren von Bracht bekleideten Ämter thematisiert werden, also etwa das Amt des Beauftragten des Reichsführers SS als Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums, des Gauwohnungskommissars und des Reichsverteidigungskommissars.

Forschungsstand und verwendete Archivquellen

Die Arbeit entstand auf Basis polnisch-, deutsch- und englischsprachiger Literatur zum Forschungsgegenstand. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass die Person Fritz Bracht bislang kein größeres Interesse in der Wissenschaft geweckt hat. Eine Ausnahme stellen die Arbeiten von Ryszard Kaczmarek zum Verlauf der nationalsozialistischen Besatzung Oberschlesiens dar.1 Aber auch in anderen Arbeiten polnischer Wissenschaftler fand der Autor der vorliegenden Arbeit wertvolle Informationen und Meinungen zur politischen Tätigkeit Brachts, insbesondere bei Alfred Konieczny,2 Tomasz Kruszewski,3

Czesław Madajczyk,4 Mirosław Sikora,5 Alfred Sulik,6 Andrzej Szefer7 und Alojzy Targ.8

Auch deutsche Historiker haben sich bislang nicht näher mit dem oberschlesischen Gauleiter befasst. Die Mehrzahl der Erwähnungen zu seiner Person stammt aus den zahlreich existierenden lexikalischen Biografien zu den Machteliten des Dritten Reiches und besitzt den Charakter eines Biogramms. Von den Ausarbeitungen dieser Art erwiesen sich die Texte von Joachim Lilla als besonders hilfreich.9 Der Autor zog für seine Arbeit auch zahlreiche Untersuchungen zum Machtsystem im nationalsozialistischen Deutschland heran. Als besonders wertvoll erwiesen sich die Standardwerke von Peter Hüttenberg,10 Martin Broszat11 und Dieter Rebentisch12 sowie einige Sammelbände zur genannten Thematik.13

Zu Vergleichszwecken wurden auch die Biografien (sowohl polnischer als auch ausländischer Autoren) der wichtigsten nationalsozialistischen Funktionäre der Jahre 1939 bis 1945 auf dem Territorium des besetzten Polen herangezogen: Hans Frank,14 Albert Forster,15 Arthur Greiser16 und Erich Koch.17 Im Rahmen der Aufzählung deutschsprachiger Arbeiten zur nationalsozialistischen Besatzung in Oberschlesien sollen auch die umfangreichen Abhandlungen von Sybille Steinbacher18 und Gerhard Wolf19 nicht unerwähnt bleiben. Von den englischsprachigen Untersuchungen zum Dritten Reich erwies sich das Standardwerk zur Geschichte der nationalsozialistischen Partei von Dietrich Orlow als besonders ergiebig.20

Eine immense Hilfe stellten auch Quelleneditionen und Zeitzeugenberichte dar. Aus der ersten Gruppe sind vor allem die Veröffentlichungen aus der Serie „Documenta Occupationis“ zu nennen.21 Was die Zeitzeugenberichte anbelangt, so waren allen voran die Erinnerungen von Fritz Arlt22 und Rudolf Höss23 von besonderer Bedeutung.

In Anbetracht der verhältnismäßig kleinen Zahl an wissenschaftlichen Veröffentlichungen erlaubte erst eine umfassende Presse- und Archivrecherche die Zusammentragung umfangreicheren Materials. So lieferte insbesondere die Lektüre der während der nationalsozialistischen Zeit in Oberschlesien erschienenen Presseerzeugnisse zahlreiche Informationen über die offizielle Tätigkeit Brachts. Für den Zeitraum zwischen 1935 und 1939 wurde die Gleiwitzer

Tageszeitung „Der Oberschlesische Wanderer“ und für die Jahre 1939 bis 1945 das führende nationalsozialistische Presseorgan im besetzten Oberschlesien – die „Kattowitzer Zeitung“ (seit 1942 „Oberschlesische Zeitung“) – herangezogen. Überdies erwiesen sich die Ausgaben der Tageszeitung „Dziennik Zachodni“ von 1945 bis 1946 als nützliche Informationsquelle.

Die wichtigsten Angaben entstammen allerdings Archivrecherchen. Insbesondere in den Beständen des Staatsarchivs in Kattowitz samt seinen Außenstellen in Gleiwitz und Pless befinden sich zahlreiche bedeutsame Dokumente. Dabei ist allen voran der Bestand des Oberpräsidiums Kattowitz zu nennen, der unter anderem eine detaillierte Dokumentation bezüglich der Nationalitätenpolitik in Oberschlesien beinhaltet.24 Wertvolle Unterlagen fanden sich ebenso in den Akten der Provinzialverwaltung Oberschlesien sowie der Regierung Kattowitz. Eine nicht minder wichtige Ergänzung bildeten die Parteiakten, insbesondere die Akten der NSDAP Gauleitung Oberschlesien und der NSDAP Kreisleitung Hindenburg. Vor allem der zuletzt genannte Bestand beinhaltet eine große Zahl an Akten mit bislang nicht veröffentlichten Inhalten, die die Aktivität des Parteiapparates auf verschiedenen Ebenen der nationalsozialistischen Verwaltung illustrieren. Wesentliche Erkenntnisse erbrachte auch die Recherche im Staatsarchiv in Oppeln (hier insbesondere der Bestand des Regierungsbezirks Oppeln).25 Die Recherchen im Archiv Neuer Akten in Warschau sowie im Staatsarchiv in Breslau lieferten dagegen nur untergeordnete Resultate.26 Der Untersuchung dienliche Angaben erbrachten weiterhin die Recherchen im Archiv des Instituts für Nationales Gedenken in Warschau27 sowie im Bestand der Zweigstelle Kattowitz des

Instituts für Nationales Gedenken, wo bislang unveröffentlichtes Material aus dem polnischen Ermittlungsverfahren gegen Fritz Bracht in der Nachkriegszeit aufbewahrt wird.28 Im Bereich der ausländischen Archive war die Recherche im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, wo die Dokumentationen zentraler staatlicher und Parteiinstitutionen des Dritten Reiches aufbewahrt werden, am ergiebigsten.29 Aus dem Berliner Bestand sind vor allem die Personalakten Brachts zu erwähnen, die Teil des Berlin Document Center sind. Als wichtige Quelle erwiesen sich überdies die aus der Nachkriegszeit stammenden Berichte deutscher, während des Zweiten Weltkrieges in Oberschlesien eingesetzter Beamter, darunter insbesondere die Erinnerungen des Präsidenten des Regierungsbezirkes Kattowitz, Walter Springorum, die das Lastenausgleichsarchiv Bayreuth verwaltet. Wichtige Informationen in Bezug auf die in Westfalen verbrachten Lebensabschnitte Brachts verdankt der Autor seinem Besuch im Stadtarchiv Plettenberg. Teils Erfolg hatten auch die an die Nationalen Archive in den USA (The National Archives and Records Administration) gerichteten Anfragen sowie die Recherche im tschechischen Landesarchiv in Troppau (Zemský archiv v Opavě). Keine weiterführenden Antworten erhielt der Autor auf seine an das Simon Wiesenthal Archiv in Wien und das Institut Yad Vashem in Tel Aviv gerichteten Anfragen.

Dank des Entgegenkommens der Mitarbeiter der Kattowitzer Zweigstelle des Instituts für Nationales Gedenken (Dr. Grzegorz Bębnik und Bartłomiej Warzecha) erhielt der Autor Zugang zu Materialien, die aus dem Russischen Militärstaatsarchiv (Rossijskij gosudarstwennyj wojennyj archiw), der Zentralen

Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg und dem Bundesarchiv –Militärarchiv Freiburg stammen. Mit Unterstützung von Matthias Lempart konnten überdies Dokumente zu Fritz Bracht aus dem Bestand des Instituts für Zeitgeschichte München gesichtet werden.

Das erhaltene Archivmaterial zur Thematik ist dezentral verteilt und variiert im Umfang stark. Ein besonderes Problem stellt die Tatsache dar, dass der Nachlass von Fritz Bracht nicht erhalten geblieben ist. Die betreffenden Unterlagen wurden vermutlich im Januar 1945 aus seinem Büro in Kattowitz abtransportiert30 und mutmaßlich später zerstört.

Das Genre Biografie und der Quellenbestand determinierten die in der vorliegenden Abhandlung angewandte Methodologie. Die Arbeit hat einen lebensgeschichtlichen Charakter. Es sollte jedoch nicht nur der individuelle Lebenslauf der Person Fritz Bracht dargestellt werden, sondern auch die historische Zeit, in der er gelebt und gewirkt hat, und die sozialen Milieus, in denen er sich bewegte.31 Vor allem handelt es sich bei der vorliegenden Arbeit jedoch um eine politische Biografie Fritz Brachts als hoher Funktionsträger der nationalsozialistischen Partei, insbesondere im Zeitraum seiner Tätigkeit in Oberschlesien zwischen 1941 und 1945. Diese Eingrenzung ergab sich in hohem Maß aus dem Quellenstand. Trotz mehrjähriger Forschungen stieß der Autor nicht auf Material, das die Illustration und Analyse zentraler Lebensbereiche des oberschlesischen Gauleiters erlaubt hätte. Dies betrifft hauptsächlich sein Privatleben. Die dazu gesammelten Informationen lieferten lediglich grundsätzliche Fakten.

Bei den in der vorliegenden Arbeit verwendeten Quellen handelt es sich vor allem um amtliche Unterlagen, etwa offizielle Anweisungen, Berichte oder dienstliche Korrespondenzen, die Bracht betrafen oder deren Verfasser er war. Aussagen von Mitarbeitern des Gauleiters, sowohl aus der Zeit vor 1945 als auch danach, fanden sich nur sporadisch. Auch autobiografische Quellen sind nicht erhalten geblieben. Dies machte eine in der heutigen Biographik populäre psychohistorische Untersuchung,32 die gerade in Bezug auf Mitglieder der nationalsozialistischen Bewegung häufig zur Anwendung kam, praktisch

unmöglich.33 Die sich daraus ergebende Notwendigkeit der Durchführung einer Psychoanalyse des Protagonisten der Biografie erwies sich im Falle Brachts als kaum durchführbar. Größere Möglichkeiten eröffnete dagegen die aktuell ebenfalls in der Biographik postulierte Suche nach Elementen, die typisch für eine bestimmte Gruppe sind.34 Die zahlreich existierenden Biografien ermöglichten die Anwendung dieser Methode in Form einer Vergleichsanalyse.

Zur Bestimmung der faktografischen Angaben bediente sich der Autor der Methode der unmittelbaren Bestimmung der historischen Fakten, sofern sich das Informationsmaterial als ausreichend herausstellte. In den Fällen, in denen dies nicht möglich war, fand die Methode der mittelbaren Bestimmung der Fakten oder eine Vergleichsanalyse in Bezug auf das Handeln anderer nationalsozialistischer Funktionsträger in den besetzten Gebieten Anwendung.35 Beispielhaft sei hier die Bestimmung der Verantwortung Brachts für die Verfolgung und Vernichtung der Juden aus der Provinz Oberschlesien erwähnt. Die erhalten gebliebenen Quellen erlauben nicht in jedem Fall die Rekonstruktion der wichtigsten Entscheidungs- und Verwaltungsprozesse in dieser Frage.

Der Aufbau der Arbeit

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit dem Leben Brachts und seiner Tätigkeit in den westfälischen Strukturen der nationalsozialistischen Partei in den Jahren 1927 bis 1935. Forschungsdesiderate bestanden hier vor allem im Hinblick auf die Frage nach den Motiven für Brachts Beitritt zur nationalsozialistischen Bewegung sowie seinem Aufstieg in der Parteihierarchie (vom Gruppenführer der örtlichen NSDAP in Plettenberg zum Kreisleiter im Kreis Altena), der die Grundlage für seine spätere Karriere bildete.

Im zweiten Kapitel wird die Tätigkeit Brachts als Stellvertreter des Gauleiters von Schlesien, Josef Wagner, in den Jahren 1935 bis 1939 rekonstruiert. In diesem Zeitraum sammelte Bracht Erfahrungen hinsichtlich des Aufbaus und der Leitung von Parteiorganisationen auf Provinzebene. Da über die

Strukturen der nationalsozialistischen Partei in Schlesien in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre verhältnismäßig wenig bekannt ist, wurde dabei auch der Versuch unternommen, die wichtigsten Aspekte der Parteipolitik Wagners und seines Stellvertreters zu skizzieren.

Das dritte Kapitel befasst sich mit der Darstellung der Tätigkeit Brachts als stellvertretender Gauleiter in den Jahren 1939 bis 1940. Der erste Teil des Kapitels thematisiert die Vorbereitungen der nationalsozialistischen Partei in Schlesien auf den Überfall auf Polen und den Kriegsbeginn sowie den Aufbau der Strukturen der NSDAP in dem Teil Oberschlesiens, der in das Deutsche Reich eingegliedert worden war, und den zuvor zu den polnischen Wojewodschaften Tschenstochau, Kielce und Krakau gehörenden Landkreisen. Der zweite Teil des Kapitels widmet sich der Analyse der personellen Machenschaften, die 1940 zur Abberufung Wagners aus Schlesien, zur Teilung der Provinz Schlesien und zur Beförderung Brachts zum Gauleiter und Oberpräsidenten der 1941 geschaffenen Provinz Oberschlesien führten.

Der Hauptteil der Arbeit wird mit dem vierten Kapitel eingeleitet, in dem das Handeln Brachts als Gauleiter von Oberschlesien in den Jahren 1941 bis 1945 analysiert wird. Die Problematik steht im Kontext der ideologischen und propagandistischen Gegebenheiten, die den Aufbau des oberschlesischen Gaues der NSDAP, die Methoden der Leitung des Parteiapparates und die Personalpolitik Brachts begleiteten.

Das fünfte Kapitel bezieht sich auf die wichtigsten Motive der Politik Brachts als Oberpräsident und im Zusammenhang mit seinen weiteren Funktionen in der Provinz Oberschlesien in den Jahren 1941 bis 1945. Es stellt damit einen Versuch dar, sein Verhältnis zum konservativen Beamtenapparat und zu anderen Führungsschichten der Provinz vor dem Hintergrund der Bestrebungen des Gauleiters und Oberpräsidenten zur Konsolidierung der Macht in der neu entstandenen Provinz näher zu bestimmen. Den wesentlichen Teil der Überlegungen stellte allerdings die Analyse der Abhängigkeiten zwischen der Wirtschafts- und Nationalitätenpolitik in Oberschlesien, als einer für die Kriegswirtschaft Deutschlands besonders wichtigen Region, dar. Im Kontext der Nationalitätenpolitik wurden die Kompetenzen und das Handeln Brachts in seiner Funktion als Beauftragter Himmlers als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums sowie sein Einfluss auf die Vorgehensweise des Terrorapparates untersucht.

Das sechste Kapitel ist einer Analyse der Mittäterschaft Brachts am größten Verbrechen des Nationalsozialismus – der Verfolgung und Vernichtung der Juden – gewidmet. Aufgrund der Bedeutsamkeit dieser Frage wurden auch in diesem Kapitel Beispiele für das antisemitische Handeln Brachts aus der Zeit vor der Übernahme führender Funktionen in Oberschlesien mit aufgeführt.

Im siebten Kapitel werden die wichtigsten Felder der Aktivität des oberschlesischen Gauleiters als Reichsverteidigungskommissar in den Jahren 1942 bis 1945 präsentiert und das achte Kapitel beschäftigt sich schließlich mit den letzten Lebensmonaten Brachts im Jahr 1945 sowie den gegen ihn geführten Ermittlungen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Die Intention des Autors war eine möglichst vollständige Darstellung der komplexen Problematik der Tätigkeit von Fritz Bracht in Oberschlesien. Der beschränkte Rahmen der Arbeit erlaubte eine noch detailliertere Ausweitung einzelner Motive leider nicht. Daher wurden die bereits von anderen Forschern tiefergehend erarbeiteten Aspekte der Geschichte Oberschlesiens während des Zweiten Weltkrieges nur in dem Maße skizziert, wie es für die Betrachtung der Person des Gauleiters notwendig erschien. Der Autor hegt jedoch die Hoffnung, dass die von ihm in der vorliegenden Arbeit vorgestellten Quellen ein besseres Verständnis der Mechanismen der nationalsozialistischen Besatzung auf polnischem Boden erlauben.

Danksagung

Im Verlauf meiner mehrjährigen Forschungsarbeit erhielt ich von vielen hilfsbereiten Personen Unterstützung, ohne die ich die Arbeit nicht hätte fertigstellten können. Mein Dank gilt vor allem meinem Doktorvater – Prof. Dr. Ryszard Kaczmarek, dessen inhaltliche Unterstützung und unzählige Ratschläge mich vor der Begehung vieler Fehler bewahrt und mir neue Wege aufgezeigt haben. Ich möchte auch den Rezensenten – Prof. Dr, Jacek Chrobaczyński und Dr. Leszek Krzyżanowski – für ihre kritischen Anmerkungen zum Typoskript der Dissertation danken. Mein herzlicher Dank gilt zudem den Mitarbeitern des Staatsarchivs in Kattowitz, insbesondere dem Herrn Dr. Piotr Greiner und Frau Sławomira Krupa. Ich bin aber auch fast allen anderen Mitarbeitern des Staatsarchivs in Kattowitz, die ich während meiner mehrjährigen Tätigkeit in dieser Institution kennenlernen durfte und die an dieser Stelle leider nicht alle genannt werden können, zur Dankbarkeit für ihr Entgegenkommen verpflichtet. Überdies habe ich von Mitarbeitern der Kattowitzer Zweigstelle des Instituts für Nationales Gedenken wichtige inhaltliche Hinweise erhalten, namentlich möchte ich hier vor allem Dr. Grzegorz Bębnik, Dr. Mirosław Sikora und Bartłomiej Warzecha nennen. Mein besonderer Dank für seine Hilfe bei der Beschaffung von Quellenmaterial und für lange fruchtbare Diskussionen gilt abschließend Herrn Matthias Lempart.

Nicht zuletzt möchte ich auch allen danken, die mich während all der Jahre der Arbeit an dem Buch moralisch unterstützt haben, vor allem meiner

Mutter, meinen Freunden und den Mitarbeitern der Schlesischen Universität in Kattowitz.

Die Übersetzung wurde im Rahmen des „Nationalen Programmes zur Entwicklung der Geisteswissenschaften“ für die Jahre 2017 bis 2019, Projektnummer 21 H 16 0054 84, des polnischen Ministeriums für Wissenschaft und Hochschulbildung gefördert (Translation financed within the scope of the program of polish Minister of Science and Higher Education under the name „National Program for the Development of Humanities“ in 2017–2019, project no. 21 H 16 0054 84).

1

Kaczmarek, Ryszard: Pomiędzy pragmatyką a ideologią. Górny Śląsk w oczach administracji niemieckiej podczas II wojny światowej, „Przegląd Zachodni“ 1992, Nr. 2; ders.: Pod rządami gauleiterów. Elity i instancje władzy w rejencji katowickiej 1939–1945, Katowice 1998; ders.: Górny Śląsk podczas II wojny światowej. Między utopią niemieckiej wspólnoty narodowej a rzeczywistością okupacji na trenach wcielonych do Trzeciej Rzeszy, Katowice 2006; ders.: Polacy w Wehrmachcie, Kraków 2010.

2

Konieczny, Alfred: Pod rządami prawa karnego Trzeciej Rzeszy. Górny Śląsk 1939–1945, Wrocław 1972; ders.: Przygotowania władz hitlerowskich do ewakuacji Górnego Śląska w końcowej fazie II wojny światowej, „Studia Śląskie“ Seria nowa, 1977, Bd. XXXII.

3

Kruszewski, Tomasz: Partia Narodowosocjalistyczna na Śląsku w latach 1933–1945, Wrocław 1995.

4

Madajczyk, Czesław: Memoriał Fritza Brachta o planach nazistowskich na Górnym Śląsku, „Śląski Kwartalnik Historyczny „Sobótka““ 1965, Nr. 1a; ders.: Polityka III Rzeszy w okupowanej Polsce, Bd. I und II, Warszawa 1970.

5

Sikora, Mirosław: Kuźnia broni III Rzeszy. Niemiecki przemysł zbrojeniowy na Górnym Śląsku podczas II wojny światowej, Katowice–Kraków 2007; ders.: Niszczyć, by tworzyć. Germanizacja Żywiecczyzny przez narodowosocjalistyczne Niemcy 1939–1944/45, Katowice 2010.

6

Sulik, Alfred: Przemysł ciężki rejencji katowickiej w gospodarce Trzeciej Rzeszy (1939–1945), Katowice 1984.

7

Szefer, Andrzej: Hitlerowskie próby zasiedlania ziemi śląsko-dąbrowskiej w latach II wojny światowej (1939–1945), Katowice 1984.

8

Targ, Alojzy: Śląsk w okresie okupacji, Poznań 1946.

9

Lilla, Joachim: Die Stellvertretenden Gauleiter und die Vertretung der Gauleiter der NSDAP im „Dritten Reich“, Koblenz 2003; ders.: Leitende Verwaltungsbeamte und Funktionsträger in Westfalen und Lippe (1918–1945/1946). Biographisches Handbuch, Aschendorf–Münster 2004; ders.: Statisten in Uniform. Die Mitglieder des Reichstages 1933–1945. Ein biographisches Handbuch. Unter Einbeziehung der völkischen und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten ab Mai 1924, Düsseldorf 2004.

10

Hüttenberger, Peter: Die Gauleiter. Studien zum Wandel des Machtgefüges in der NSDAP, Stuttgart 1969.

11

Broszat, Martin: Nationalsozialistische Polenpolitik 1939–1945, Stuttgart 1961; ders.: Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung, München 1986.

12

Rebentisch, Dieter: Führerstaat und Verwaltung im Zweiten Weltkrieg. Verfassungsentwicklung und Verwaltungspolitik 1939–1945, Stuttgart 1989.

13

Reichardt, Sven/Seibel, Wolfgang (Hgg.): Der prekäre Staat. Herrschen und Verwalten im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2011; John, Jürgen/Müller, Horst/Schaarschmidt, Thomas (Hgg.): Die NS-Gaue. Regionale Mittelinstanzen im zentralistischen „Führerstaat“, München 2007; Ruck, Michael/Pohl, Karl Heinrich (Hgg.): Regionen im Nationalsozialismus, Bielefeld 2003; Möller, Horst/Wirsching, Andreas/Ziegler, Walter (Hgg.): Staat und Gaue in der NS-Zeit. Bayern 1933–1945, München 1996; Rebentisch, Dieter/Teppe, Karl (Hgg.): Verwaltung contra Menschenführung im Staat Hitlers. Studien zum politisch- administrativen System, Göttingen 1986.

14

Schenk, Dieter: Hans Frank. Hitlers Kronjurist und Generalgouverneur, Frankfurt am Main 2008.

15

Ders.: Albert Forster. Gdański namiestnik Hitlera, Gdańsk 2002.

16

Epstein, Catherine: Wzorcowy nazista. Arthur Greiser i okupacja Kraju Warty, Wrocław 2010; Łuczak, Czesław: Arthur Greiser. Hitlerowski władca w Wolnym Mieście Gdańsku i w Kraju Warty, Poznań 1997.

17

Meindl, Ralf: Ostpreußens Gauleiter. Erich Koch – eine politische Biographie, Osnabrück 2007.

18

Steinbacher, Sybille: „Musterstadt“ Auschwitz. Germanisierungspolitik und Judenmord in Oberschlesien, München 2000.

19

Wolf, Gerhard: Ideologie und Herrschaftsrationalität. Nationalsozialistische Germanisierungspolitik in Polen, Hamburg 2012.

20

Orlow, Dietrich: The Nazi Party 1919–1945. A complete History, New York 2008.

21

Konieczny, Alfred/Szurgacz, Herbert (Hgg.): Praca przymusowa Polaków pod panowaniem hitlerowskim 1939–1945. Wybór źródeł, „Doccumenta Occupationis“, Bd. 10, Poznań 1976; Długoborski, Wacław (hg.): Położenie ludności w rejencji katowickiej w latach 1939–1945, „Doccumenta Occupationis“, Bd. 11, Poznań 1983.

22

Arlt, Fritz: Polen-, Ukrainer-, Juden- Politik im Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete 1939 bis 1940, in Oberschlesien 1941 bis 1943 und im Freiheitskampf der unterdrückten Ostvölker, Lindhorst 1995.

23

Autobiografia Rudolfa Hössa. Komendanta obozu oświęcimskiego, Warszawa 1990.

24

Unter den wichtigsten Archivbeständen, die für die vorliegende Arbeit ausgewertet wurden, sind zu nennen: 12/117 Oberpräsidium Kattowitz, 12/118 Provinzialverwaltung Oberschlesien in Kattowitz; 12/119 Regierung Kattowitz, 12/140 Sicherheitsdienst des Reichsführers SS-SD Leitabschnitt Kattowitz; 12/142 NSDAP Gauleitung Oberschlesien Kattowitz; 12/147 NSDAP Kreisleitung Hindenburg; 15/98 Zbiór ikonograficzny Archiwum Państwowego w Katowicach Oddziału w Gliwicach [Ikonografische Sammlung des Staatsarchivs Kattowitz, Zweigstelle Gleiwitz]; 17/54 Nachlass Günther Falkenhayn.

25

45/1191 Regierung Oppeln.

26

Im Falle von Breslau erschwerten die Folgen des Hochwassers von 1997 die Recherchen erheblich; ein Teil der für den Autor relevanten Bestände wurde in diesem Zusammenhang zerstört, darunter die Dokumentation der schlesischen Strukturen der NSDAP.

27

Das Archiv des Instituts für Nationales Gedenken in Warschau (als Erbe der Hauptkommission zur Erforschung der NS-Verbrechen) beherbergt die Aktenbestände der auf dem Territorium Polens aktiven nationalsozialistischen staatlichen und Parteiinstitutionen. Zu den in der vorliegenden Arbeit am stärksten genutzten Beständen zählen die folgend aufgeführten: GK 787 – NSDAP Kreisleitung Ratibor; GK 812 – SS-Oberabschnitt Südost; GK 820 – Höhere Schutzstaffel- und Polizeiführer Südost Breslau; GK 790 – NSDAP Gauleitung Oberschlesien; GK 786 – NSDAP Kreisleitung Kattowitz. In dem genannten Archiv findet sich auch der wertvolle Aktenbestand GK 159 – Ministerstwo Spraw Wewnętrznych Rzeczpospolitej Polskiej w Londynie [Innenministerium der Republik Polen in London], der Dokumente zu den im besetzten Polen aktiven nationalsozialistischen Verbrechern beinhaltet, die während des Zweiten Weltkrieges von den polnischen Behörden in Großbritannien gesammelt wurden. Eine wichtige Ergänzung bilden die Prozessakten aus dem Verfahren gegen Brachts Nachfolger im Amt des Oberpräsidenten, Hans Faust, der 1947 in Polen vor Gericht gestellt wurde, enthalten im Bestand: GK 173 – Okręgowa Komisja Badania Zbrodni Niemieckich w Katowicach [Bezirkskommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Kattowitz].

28

In diesem Fall stellten sich die Ermittlungsakten zu dem nach dem Krieg durchgeführten Ermittlungsverfahren zwecks Bestimmung des Umfangs der Verantwortlichkeit Brachts für die nationalsozialistischen Verbrechen sowie die im Zusammenhang mit dem Versuch der Feststellung seines Aufenthaltsortes – und später der Verifizierung der Informationen über seinen Selbstmord – stehenden Nachforschungen als besonders wichtig heraus.

29

Die wichtigsten Bestände, die für diese Arbeit genutzt wurden, waren: Berlin Document Center (BDC); Kanzlei des Führers (NS 51); Partei-Kanzlei der NSDAP (NS 6), Persönliche Adjutantur des Führers und Reichskanzlers (NS 10); Persönlicher Stab Reichsführer-SS (NS 19); Reichskanzlei (R 43); Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums (R 49); Reichsministerium des Innern (R 1501).

30

Sensacyjne zeznania szofera b. gauleitera Brachta. Kat Śląska otruł się w Kudowie. Sukces polskich władz bezpieczeństwa, „Dziennik Zachodni“ Nr. 231 vom 05.10.1945.

31

Łepkowski, Tadeusz: Kilka uwag o historycznej biografistyce, „Kwartalnik historyczny“ 1964, R. 71, H. 3; Zalejko, Gwidon: Biografistyka historyczna – zarys ewolucji gatunku, „Historyka“ 1988, Bd. 18, S. 37–55.

32

Pawelec, Tomasz: Dzieje i nieświadomość. Założenia teoretyczne i praktyka badawcza psychohistorii, Katowice 2004.

33

Loewenberg, Peter: Psychohistoryczne początki nazistowskiej młodej kohorty, in: Psyche i Klio. Historia w oczach psychohistoryków, Auswahl, Übersetzung und Einführung von Tomasz Pawelec, Lublin 2002; Marks, Stephan: Dlaczego poszli za Hitlerem? Psychologia narodowego socjalizmu w Niemczech, Warszawa 2009.

34

Urbaniak-Zając, Danuta: Biograficzna perspektywa badacza, in: Dubas, Elżbieta/Świtalski, Wojciech (Hgg.): Biografia i badanie biografii, Bd. 1: Uczenie się z (własnej) biografii, Łódź 2011, S. 11–27.

35

Topolski, Jerzy: Metodologia historii, Warszawa 1973, S. 401–424.