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Gemeinhin wünschen sich alle Menschen, ein hohes Alter zu erreichen, den Tod aufzuschieben und ihm zu entkommen. In einem Gebet aus der Zeit von Ramses IV. (um 1150 v. Chr.) wird dies in einer Fürbitte ausgedrückt: „Du sollst mir Gesundheit geben und ein langes Leben und ein hohes Alter“.1 Auch der Wunsch nach ewigem Leben zeigt sich schon lange in der Menschheitsgeschichte. Heutzutage sieht man, wie die meisten Menschen sich zunehmend auf die Medizin verlassen, um ihr Leben zu verlängern, ohne dass sie nach Lebensqualität fragen. Heute wird deutlich, dass die Idee der Beherrschbarkeit des menschlichen Körpers, von den Fortschritten der Medizin angestoßen ist und die Vervollkommnung der menschlichen Natur mit den Mittel der Medizin zu Euphorie verlockt.

Groß ist daher die Zahl der Menschen, die den Fortschritten der Medizin Beifall spenden und sie zu weiteren Entwicklungen antreiben wollen. Bei der Entstehung einer medizinischen Utopie schrieb man der Zukunft der Medizin bereits ein gewaltiges Potenzial zu. Diese schon lange vorhandene Begeisterung über die möglichen Aussichten der Medizin basierte im Grunde auf theoretischen Überlegungen und Extrapolationen.

Die Tendenz, utopischerweise alle Hoffnung in die Medizin zu legen, ist noch relativ neu. Obwohl diese Tendenz stark kritisiert wird, versuchen sich viele der jetzigen medizinisch-utopischen Ideen nicht nur auf theoretische Gedankenspiele zu stützen, sondern auch auf handfeste wissenschaftliche Erkenntnisse, die in rasantem Tempo aufeinander folgten und folgen. Die rasche Entwicklung der Medizin nahm ihren Anfang im 19. Jahrhundert, als Narkose und Asepsis die Entwicklung neuer invasiver Operationsmethoden ermöglichten. Im 20. Jahrhundert brachten die Entdeckung des Penicillins und anderer Antibiotika sowie die Einführung der Sulfonamide zum ersten Mal Heilerfolge bei bakteriellen Erkrankungen. Gleichzeitig wurden die Möglichkeiten medizinischer Diagnostik durch Ultraschall, Computer- und Kernspintomographie, szintigraphische Verfahren, Endoskopie sowie immunologische und molekularbiologische Methoden verfeinert. Daneben entstanden zahlreiche neue medizinische Disziplinen, beispielsweise Hirn-, Herz- und Lungenchirurgie, Transplantationsmedizin, Reproduktionsmedizin, Neonatologie, Geriatrie und nicht zuletzt die Humangenetik. Ein Grund dafür ist zweifellos die für die westlichen Industriegesellschaften typische intensive Begleitung des Menschen von der Geburt bis zum Tod durch die Medizin. Natürlich wuchsen mit den neuen Handlungsmöglichkeiten auch die realen Fähigkeiten der modernen Medizin und nicht nur unsere utopischen Hoffnungen. Dieses augenfällige Vermögen und die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten stimulierten das euphorische Gefühl in der Öffentlichkeit.

Trotz allen medizinischen Fortschritts und aller Möglichkeiten der Verlängerung des Lebens, die utopische Erwartungen mitbringen, wird zunehmend in der aktuellen Medizin eine Diskrepanz zwischen Lebensquantität und -qualität sichtbar. Die rasche Entwicklung der medizinischen Technologie in den letzten Jahrzehnten hat eine Erhaltung des Lebens unter oftmals bejammernswerten Umständen ermöglicht. Aufgrund dieser Realität und den medizinischen Konsequenzen wird gegenwärtig das Ziel, das Leben unter allen Umständen zu erhalten, allgemein nicht mehr akzeptiert und angestrebt. Zunehmend besteht die allgemeine Auffassung, dass nicht nur die Dauer des Lebens, sondern auch seine Qualität eine wichtige Rolle beim Einsatz lebensverlängernder Techniken spielen sollte. Ebenso wird von vielen Ärzten inzwischen die Ansicht vertreten, dass Mittel zur Bekämpfung von Schmerz und anderen unangenehmen Symptomen auch dann eingesetzt werden dürfen, wenn ein solcher Einsatz wahrscheinlich eine Verkürzung der Lebensdauer des Patienten im terminalen Stadium zur Folge hat. Dies führte unlängst zu Überlegungen über die Begrenzung der aktuellen Medizin. Darüber hinaus geht Lebensqualität vor Lebensdauer, denn Lebensqualität spielt eine größere Rolle als Lebensdauer. Angesichts von Krankheit und Tod ist nicht der Organismus, sondern die Person zentral, die zwischen Weiterleben und Sterben wählen muss.

Zunehmend wird die Vergötterung der technisierten Medizin kritisiert. Gegen das Ziel einer Heilung um jeden Preis wird etwa eingewandt, dass die Würde des Menschen nicht immer berücksichtigt wird und dass diese oft erhebliche Nebenwirkungen sowie Einschränkungen zur Folge haben. Weil das Sterben nicht akzeptiert werden darf, so die geläufige Ansichtsweise, wird das Sterben eines schwerkranken Patienten als Niederlage empfunden. Es geht hier um einen Kampf gegen den Tod. In dieser Lage mehren sich die Schwierigkeiten, eine mögliche andere Behandlung zu wählen. Letzendlich ist der Punkt, an dem Therapien abgebrochen werden sollten, auch nicht leicht zu setzen und zu akzeptieren.

Die Betonung eines Machbarkeitsglaubens seitens der Medizin, der auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, hat dazu geführt, dass viele Menschen zunehmend befürchten, am Ende des Lebens einer Hochleistungsmedizin ausgesetzt zu sein. Aus Erfahrung wissen wir: Wird diese Hochleistungsmedizin in Gang gesetzt, ist ein Sterben in Würde in vielen Fällen fast unmöglich. Fremdbestimmung und Ausgeliefertsein treten oft an die Stelle von Souveränität, Selbstbestimmung und Fürsorge.

Hinzu kommen indes weitere Sorgen bei Schwerkranken und Sterbenden. Sie leben in einer Gesellschaft, die ihnen beigebracht hat, Leid nicht mehr zu akzeptieren. Viele Menschen haben beispielsweise Angst, bei Krebserkrankungen lange unter qualvollen Schmerzen leiden zu müssen. Sie befürchten, allein gelassen zu werden, was schließlich als Vernachlässigung erlebt wird. Nicht zuletzt erhöht sich die Angst vor dem Sterben sowie die Angst vor gravierenden Veränderungen des eigenen Erscheinungsbildes und die Angst anderen gänzlich hilflos zur Last zu fallen.

Mithin pendeln Menschen am Ende des Lebens zwischen Utopie und Hoffnungslosigkeit. Die folgende Untersuchung wird aufzeigen, welchen Einfluss das persönliche Dasein chronisch Kranker auf ihr subjektives Erleben ihrer eigenen Existenz und deren Bedeutung hat und wie sich dies auf ihre Überlegungen und auf ihre Entscheidung, entweder weiterleben oder sterben zu wollen, auswirkt. Die persönlichen Faktoren (z.B. einsam sein; niemanden belasten wollen; nicht langsam sterben und keinen schrecklichen Tod erleiden wollen; das Leben noch genießen; noch zu Hause leben zu können; willensstark und kontrollbedürftig zu sein; Kompetenz, sich anzupassen und etwas mit sich geschehen lassen zu können) und die gewohnte Daseinsweise eines Menschen (z.B. der gewohnte Gesundheitszustand; Leidenschaften nachgehen zu können; das gewohnte Selbstverständnis; die Bedeutung des bereits gelebten Lebens) sind wesentliche fördernde und hemmende Vorbedingungen für das Aufkommen oder Ausbleiben von Überlegungen und Entscheidungen über Leben und Sterben angesichts einer schweren Krankheit. Im Hintergrund all dessen liegt die Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst. Um diese Problematik angemessen zu behandeln, muss deswegen zunächst eine Antwort auf die Frage nach dem, was einen Menschen ausmacht, gefunden werden.

In einer systematischen Bearbeitung werden wir die Aspekte des menschlichen Lebens analysieren, um eine Bestimmung der Person zu entwickeln. Diese Bestimmung wird die Einseitigkeit eines Konzeptes des Menschen als Person, das Vernunft, Selbstbewusstsein und mentale Aspekte hervorhebt, überwinden, indem das neuentwickelte Konzept den Aspekt der Leiblichkeit des Menschen einbezieht. Indem wir Körper und Leib differenzieren, wird eine geläufige Asymmetrie geprüft, entsprechend welcher der menschliche Körper unter der Perspektive des Anderen und die Seele unter der Perspektive des Selbst, nämlich des eigenen Individuums, wahrgenommen wird. Wir schließen uns Prechtl und Burkard an, die die Seele als „eine unsichtbare, in allem, was Wirkung und Bewegung hervorbringt, herrschende Kraft“ bezeichnen, „die der tote Körper nicht mehr besitzt. […] Sie ist das formgebende Prinzip des Lebens [und] fungiert außerdem als Einheitsbegriff der Akte des Denkens, Erinnerns, Wahrnehmens, Fühlens, Wollens, kurz der in der Innenwahrnehmung bewusstwerdenden Akte des eigenen Selbst.2 Die Seele beschreibt somit näher die psychischen und kognitiven Grundfunktionen des Menschen. Sie ist nicht ganz greifbar und auf diese Weise ist sie eine flüchtige Substanz, die sich vom Körper teilweise unterscheidet und mit dem Leib in Beziehung steht.

Unserer Ansicht nach hebt sich der Körper als Leib nicht nur als ein Organismus und Gattungsmerkmal hervor, sondern manifestiert sich einschließlich als Ausdruck einer Person. Der Leib ist den Menschen in einer subjektiv-objektiven Verdoppelung gegeben, wobei er gleichzeitig Empfindendes und Empfundenes ist. Wir werden demzufolge den Leib als den lebendigen Körper untersuchen, der nicht mit dem Körper gleichzusetzen ist und nur in Bezug auf den organischen Körper zu verstehen ist. Er artikuliert sich in einer Doppelrealität, die sich durch eine Innen- und eine Außeneinstellung charakterisiert. Er agiert in der Inneneinstellung als sinnliches Wahrnehmungsorgan, durch das ein Mensch die Außenwelt erfährt. Schon in der Außeneinstellung wird dem Menschen seine körperlich-räumliche Dimension gegeben. Indem der Mensch Leib ist, erscheinen die wechselseitigen Beziehungen von physischen und geistigen Aspekten als Prozess des menschlichen Lebens seit der frühesten Entwicklung einer Person und werden erst im Sterbeprozess wieder aufgelöst.

Der Leib ist ein Naturstück3, das der Mensch selbst ist und das zur Welt drängt. Er erscheint sowohl als ein Stück naturalisierte als auch kultivierte Natur, indem Natur und Kultur im Leib eine untrennbare Verbindung eingehen.4 Wir werden darstellen, dass der Mensch qua Mensch und Person aus dem Leib entsteht und sich vom Leib nicht ganz entfernen kann. Obwohl der individuelle Leib tendenziell immer wieder zum objektiven Körper transformiert und als ein „Körper-Ding“ wahrgenommen wird, indem er einem Menschen immer als Körper eines anderen erscheint und durch die wissenschaftliche Medizin objektiviert wird, darf die Bedeutung des Leibs nicht mit der Bedeutung des Körpers gleichgesetzt werden.

Die Beachtung der Leiblichkeit als ein grundlegender Aspekt des Menschseins ermöglicht unserer Ansicht nach ein angemessenes Verständnis des Menschen als Person – dies nicht nur angesichts des Erlebens von Schwerkranken und Sterbenden, sondern überhaupt des Daseins aller Menschen unabhängig von Alter und Geschlecht. Von der Wirklichkeit der Leiblichkeit als Grundlage des menschlichen Daseins ausgehend kann eine humanistische Fürsorge und Begleitung von Menschen am Ende des Lebens besser entwickelt werden. Indem der Mensch mithilfe der Leiblichkeit verstanden wird, können die Motivationen von Schwerkranken und Sterbenden, entweder weiterzuleben oder sterben zu wollen, grundlegender betrachtet werden.

Wir hoffen, dass dieses Verständnis des Menschen und die daraus entwickelte Theorie der Leiblichkeit in mancher Hinsicht den allein körperorientierten Diskurs innerhalb der Bioethik ersetzten oder wenigstens ergänzen kann. Um einen Mangel in der heutigen Bioethik zu beseitigen, will diese Arbeit den in Vergessenheit geratenen Aspekt der Leiblichkeit wieder hervorheben und in der medizinethischen Debatte gestärkt einführen. Auch die Betrachtung der Leiblichkeit als ein grundlegender Aspekt der Bestimmung des Menschen kann die Auseinandersetzung von Schwerkranken und Sterbenden am Ende des Lebens und das Problem der menschlichen Körperlichkeit nicht vollständig lösen. Aber sie hilft dabei, diese Problematik aus einer neuen Perspektive besser zu verstehen.

Die vorliegende Arbeit wird zumeist eine klassische Auslegung verfolgen, indem sie die Kantische Philosophie, die Phänomenologie von Husserl, Scheler und Schmitz, die Existenzphilosophie von Jasper, Buber, Sartre und Merleau-Ponty, sowie die Philosophische Anthropologie von Scheler, Gehlen und Plessner als primäre Quellen berücksichtigt und bearbeitet. Eine klassische Auslegung halten wir aufgrund der Relevanz dieser Quellen für angemessen, denn so erhalten wir ein grundlegendes Fundament, worauf die Thematik besser diskutiert und entwickelt werden kann. In der Diskussion werden wir einen phänomenologischen Ansatz bevorzugen, damit der Mensch in seiner Komplexität und in seinen unterschiedlichen Aspekten betrachtet werden kann. Folglich werden wir damit sowohl eine physische als auch eine psychische Eigentümlichkeit des Menschen beobachten.

1

Zitat nach SCHIPPERGES, Heinrich. Homo Patiens. Zur Geschichte des kranken Menschen. München [u.a.]: Piper, 1985, S. 61.

2

PRECHTL, Peter, BURKARD, Franz-Peter (Hrsg.). Metzler Lexikon Philosophie: Begriffe und Definitionen. Stuttgart: J. B. Metzler, 2008, S. 542.

3

Vgl. BÖHME, Gernot. Ethik leiblicher Existenz. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008, S. 157. Böhme bezeichnet seine Leibphilosophie als genetische Phänomenologie, die von der vorgegebenen Sinnhaftigkeit ausgeht. Vgl. Böhme, Gernot. Leibsein als Aufgabe: Leibphilosophie in pragmatischer Hinsicht. Zug/Schweiz: Di Graue, 2003, S. 40ff.

4

Vgl. WIEGERLING, Klaus. Leib und Körper. In: J. Küchenhoff, H. Wiegerling. Leib und Körper. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008, S. 48.