Einleitung

In: Städte in Westfalen
Author:
Heinrich Schoppmeyer
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Drei Fragen sind einleitend knapp zu erörtern: die nach einer Umgrenzung des Raums, der in Rede steht – also Westfalens–, die nach der Bestimmung von „Stadt“ und die nach der Periodisierung der Stadtgeschichte in Westfalen.

(a) Der Raum: Westfalen ist historisch weder mit der 1816 eingerichteten preußischen Provinz Westfalen noch mit dem Landesteil Westfalen-Lippe des heutigen, 1946 geschaffenen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen identisch. Auch ältere politische Kreationen, die mit dem Namen „Westfalen“ versehen wurden, taugen wenig zur Bestimmung des Raumes Westfalen. Das gilt für den sehr kurzlebigen französischen Satellitenstaat des sog. Königreichs Westfalen (1807-1813) mit seinen „exotischen“ Grenzen und der Hauptstadt Kassel. Der 1512/1521 entstandene Rheinisch-Westfälische Reichskreis gewann niemals wirkliche politische Vitalität; er schloß Gebiete wie den Westerwald, den Mittelrhein, die niederrheinischen Herzogtümer und gar das Hochstift Lüttich ein. Andererseits gehörten das kurkölnische Westfalen und das Vest Recklinghausen zum Kurrheinischen Reichskreis. Als rd. 330 Jahre zuvor Kaiser Friedrich I. nach der Absetzung Heinrichs des Löwen dem Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg (1167-1191) den westlichen Teil des Herzogtums Sachsen als Herzogtum Westfalen übertrug, handelte es sich um einen leeren Titel. Die politischen Ansprüche zwischen Rhein und Weser, die daraus erwuchsen, hätten erst durchgesetzt werden müssen. Selbst bei der erstmaligen Nennung des Westfalennamens als Bezeichnung der westlichen Heerschaft der Sachsen (775), also eines politisch-militärischen Verbandes, war nicht an ein Westfalen im Sinne heutiger Vorstellungen gedacht.

Insgesamt scheint daher ein politischer Westfalenbegriff für die Bestimmung dessen, was denn Westfalen sei, für eine Städtegeschichte Westfalens von der salischen Zeit bis zum Ende des Alten Reiches (ca. 1000-1803/1806) kaum oder gar nicht zur Verfügung zu stehen.

Daher hat die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Problem, was den Raum Westfalen ausmache, welche Merkmale man im Kern für ihn in Anspruch nehmen könne und wo denn seine Grenzen lägen, seit dem Ende der 1920er Jahre sich eher um einen kulturellen, volkskundlich und historisch verstandenen Westfalenbegriff bemüht.

Eine der wichtigen Fragen lautete, was sich denn die jeweiligen Zeitgenossen unter „Westfalen“ vorgestellt hätten. Die früheste Äußerung aus der Phase, in der die städtische Entwicklung in Westfalen Fahrt aufnahm, findet sich in der „Vita Altmanni“, der Lebensbeschreibung des Bischofs Altmann von Passau (1010/11-1091). Hier ist zum ersten Mal die Formel angedeutet, die später häufig genutzt wurde: Westfalen war danach das Land zwischen Rhein und Weser. Rd. 150 Jahre später wies die Antwort des Magdeburger Minoriten Bartholomaeus Anglicus (um 1240) in die gleiche Richtung: Westfalen werde von zwei Flüssen, nämlich Rhein und Weser, begrenzt, reiche im Norden bis nach Friesland und stoße im Süden an Hessen. Zeitlich gehört diese Äußerung aus der Mitte des 13. Jahrhunderts in die große Periode der Städteemanzipation und der Städtegründungen in unserem Raum.

In vergleichbarer Weise urteilten – bei Unterschieden im einzelnen – in der Folge zahlreiche Chronisten, Kosmographen, Literaten und Historiker von Gobelinus Person (1358-1421) bis zu Ferdinand Freiligrath (1810-1876) und Levin Schücking (1814-1883).

Die Ursache, die die Varianten hervorbrachte, ist nicht nur in der fehlenden politischen Einheit Westfalens zu suchen, sondern auch darin, daß der Landschaft ein bestimmendes Zentrum fehlte. Sie war durch ihre vier Kathedralstädte polyzentrisch organisiert, und die einzige Reichsstadt Westfalens, Dortmund, blieb nach der Verschiebung der Königsmacht nach Süddeutschland isoliert zurück.

Doch führte die Vielgestaltigkeit nicht zu einer Auflösung des Zusammenhangs zwischen den Zentren, sondern bewahrte vielerlei Verbindungen. Sie konnte sich auf zahlreiche objektive Gegebenheiten stützen, von denen die sprachliche Gemeinsamkeit gegenüber der rheinischen und hessischen Nachbarschaft nur eine war. Die gemeinsame Geschichte brachte schließlich einen Traditionszusammenhang hervor, der territoriale Grenzen in Westfalen überspannte. Wenn man auch zu verschiedenen Zeiten die Grenzräume Westfalens einmal in die eine Richtung, ein anderes Mal in eine andere Richtung verschob, so schälte sich sowohl in der Fremd- als auch in der Selbsteinschätzung ein Kernbereich heraus. Er umfaßte die Gebiete der späteren preußischen Provinz Westfalen, bezog das Hochstift Osnabrück wie die Herrschaft Lippe wegen ihrer vielfältigen Verknüpfungen mit der Geschichte Westfalens in die Betrachtung ein und konnte auch an den Städten des Niederstifts Münster bis 1803 nicht vorbeisehen, die der gleichen Landesherrschaft wie das Oberstift unterlagen. Abgesehen von solchen Abgrenzungen, war für viele westfälische Städte typisch, daß ihre vielfältigen Verbindungen über den „Raum Westfalen“ weit hinausreichten.1

(b) Der Stadtbegriff: Durchaus im Gleichklang mit der allgemeinen Stadtgeschichte in Deutschland setzte die westfälische Stadtforschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ihre Akzente zunächst in der Rechts- und Verfassungsgeschichte westfälischer Städte. Aber die Städte des Mittelalters und der frühen Neuzeit waren nicht allein unter rechtsgeschichtlicher Perspektive beschreibbar.

Einige Generationen später war die Einsicht gewachsen, daß eine Stadt weder ausschließlich vom Recht oder unter wirtschaftlichen Aspekten, von der Topographie und Bevölkerungszahl oder von der Terminologie noch von einem anderen Kriterium allein her definiert werden kann. Und ferner wurde deutlich, daß die Beantwortung der Frage, was denn eine Stadt sei, auch von der historischen Phase abhängig blieb, in der eine Stadt entstanden oder gegründet oder auch nur betrachtet wurde. Keine Definition reiche aber aus, formulierte 1958 Carl Haase, „um eine Grundlage für eine [zeitliche] Schichtung des Städtewesens in einer Landschaft für den Zeitraum eines Jahrtausends zu bieten.“ Weiter führen konnte nur ein Kriterienbündel, das nach den jeweiligen historischen Phasen unterschiedlich zu schnüren war und damit epochenspezifisch, am Ende auch landschaftsspezifisch ausgerichtet sein mußte. Innerhalb des Kriterienbündels änderte sich je Epoche das Gewicht einzelner Kriterien. Neue Bestimmungselemente traten hinzu, andere schieden ganz aus.2

Angesichts der damit drohenden mangelnden Praktikabilität der Definitionen setzten Bemühungen ein, einen epocheübergreifenden Stadtbegriff zu umreißen, diesen aber gleichzeitig mit Öffnungsklauseln zu versehen. Ein Stadtbegriff in diesem Sinne „atmet“ also, er kann sich weiten oder verengen. Eine „offene“ Definition im skizzierten Sinne legte 1983/2003 Franz Irsigler vor: „Stadt ist eine vom Dorf und nichtagrarischen Einzwecksiedlungen unterschiedene Siedlung relativer Größe, mit verdichteter, gegliederter Bebauung, beruflich spezialisierter und sozial geschichteter Bevölkerung und zentralen Funktionen (politisch-herrschaftlich-militärisch, wirtschaftlich, kultisch-kulturell) für eine bestimmte Region oder regionale Bevölkerung.“ Dem fügte er eine generelle Öffnungsklausel hinzu: „Erscheinungsbild, innere Struktur sowie Zahl und Art der Funktionen sind nach Zeit und Raum verschieden: die jeweilige Kombination bestimmt einmal die Individualität der einzelnen Stadt, zum anderen ermöglichen typische Kombinationen die Bildung von temporären und regionalen Typen oder Leitformen, je nach den vorherrschenden Kriterien.“

Die Diskussion führte im Blick auf die Stadt des Mittelalters zu weiteren Präzisierungen durch Wilfried Ehbrecht. Für ihn ist „ein Mindestmaß an städtischer Selbstverwaltung und Rechtsausübung durch stadteigene Institutionen“ in Absetzung vom Ortsherrn unabdingbar, sodann „die Ausgrenzung von Stadtfläche und Gemarkung aus einem herrschaftlich anders organisierten Umland“, weiter die Schutzgarantie für Bürger, Einwohner und Gäste durch Befestigung, Geleitsicherung und Handelsverträge, ferner identitätsstiftende und wiederkehrende Rituale und Feste, zusätzlich genossenschaftliche Verbindungen wie Gilden und Bruderschaften, geistliche Institute auch zum Zweck der religiösen, kulturellen und sozialen Integration, zur Fürsorge für Arme und Kranke und eine Reihe zentralitätsfördernder Elemente, die den Rang der Städte untereinander und zum Umland bestimmen. Viele Dinge, so faßte Irsigler schließlich seine Überlegungen zusammen, hätten sich addieren müssen, „aber letztlich war es doch vielleicht die Freiheit der Bürger, die mittelalterliche Siedlungen zu Städten gemacht hat.“3

Für die frühe Neuzeit schlugen Klaus Gerteis und andere mehrere Abstufungen vor. Hinsichtlich des Stadtrechtes galten noch im wesentlichen die mittelalterlichen Bestimmungen, aber die städtische Autonomie war sowohl politisch als auch wirtschaftlich in unterschiedlichem Maße von der Territorialverwaltung eingeschränkt. Die gewerbliche Produktion wurde zwar in Teilen auf das Land verlagert, doch blieben die Städte wegen ihrer Kapitalkraft und des Fernabsatzes wie für die Versorgung des Umlandes bestimmend. Die Territorien unterstützten diese Arbeitsteilung z. T. durch wirtschaftslenkende Maßnahmen. Die Städte wurden Sitz von Verwaltungseinrichtungen und zentralen Behörden der Territorien. Trotz Abnahme der Wehrhaftigkeit blieb eine Reihe von Städten als Festung, Magazinort oder Garnison wichtig. Einen bedeutsamen Zuwachs erhielten die Städte als Orte der Bildung und Kultur sowie verschiedener anderer Dienstleistungen. Die Städte selbst wurden bei Erweiterung oder Neuanlage einer zunehmenden Planung unterworfen. Insgesamt gewann für die frühneuzeitliche Stadt die Zentralität als Merkmal an Bedeutung. Sie verlangte von einer Stadt einen wesentlichen Bedeutungsüberschuß gegenüber ihrem Umland und band es zugleich ein.4

(c) Die Periodisierung der Stadtgeschichte Westfalens: Teils in Anlehnung, teils in Modifikation der von Heinz Stoob, Carl Haase und Leopold Schütte grundgelegten Zeitgliederung der (westfälischen) Stadtgeschichte5 rechnet die vorliegende Arbeit mit fünf größeren Perioden städtischer Entfaltung zwischen ihrem mittelalterlichen Beginn und dem Ende des Alten Reiches.

Zunächst: Bis etwa 1180/1200 formte sich, beschleunigt seit der salischen Zeit, die hochmitteltalterliche Stadt in Westfalen mit allen ihren Eigenschaften aus. Das geschah in einem bedingt autonomen Prozeß, der von zahlreichen unterschiedlichen Impulsen begünstigt und von einem kräftigen Zug zu Selbständigkeit und Freiheit befeuert wurde. Alle werdenden Städte wiesen einen geistlichen oder weltlichen Kern aus, waren entweder Bischofs-, Abtei-, königliche Pfalz- oder adlige Burgsitze. Nicht alle von ihnen erreichten bis 1180/1200 den Grad einer klassischen hochmittelalterlichen Kommune. Die Leit- oder Mutterstädte entwickelten für die folgende stadtgeschichtliche Epoche einen Vorbildcharakter, was ihre Ausstattung anging. Die Ortsherren wurden mit diesem Prozeß konfrontiert, nutzten, förderten oder verlangsamten ihn von Fall zu Fall, bis sie um 1200 gewahr wurden, daß ihre Städte ein Eigenleben zu führen begannen. Diesem langläufigen historischen Prozeß, an dessen Ende als Ergebnis die Stadt des klassischen hochmittelalterlichen Typs stand, ist das erste Kapitel gewidmet.

Sodann: Während bis um 1180/1200 der Urbanisierungsprozeß von den Ortsherren und ihren Städten Zug um Zug eher kooperativ vorangetrieben worden war, trübten sich im 13. und frühen 14. Jahrhundert die Beziehungen zwischen den größeren Städten und ihren Herren ein und mündeten z. T. in gewaltsame Konflikte. Der fordernde Gedanke der Freiheit lebte im Kern der auf genossenschaftlicher Einung beruhenden städtischen Selbstverwaltung, wirkte auf andere Felder und empfing neue Impulse von dort zurück. Eine Summe sich gegenseitig fördernder Tendenzen begünstigte eine immer ausgedehntere städtische Autonomie.

Ein zweiter bedeutsamer Vorgang dieser Zeit war die Neugründung von Städten. In ihrer Gesamtheit trieben sie einen dynamischen Urbanisierungsprozeß voran. Die Gründungen begannen um 1185 und pflanzten sich in einer steigenden Zahl fort, bis um 1350 ihre Menge in mehrfacher Hinsicht eine Sättigungsgrenze überschritt. Ziel der Stadtherren blieb die nutzbare und ihnen verfügbare Stadt. Daher schnitten die Stadtherren die Privilegien auf ihre Bedürfnisse zu. Umgekehrt wünschten die Bürger der Gründungen Sicherheit und Freiheiten. Ihre Zustimmung richtete sich nach dem Grad, in dem dies geschah.

Die Serie der Gründungen staffelte sich nach drei Takten. Zunächst strebte man eine Vermehrung des bis 1180 ausgebildeten Typs an (ca. 1180-1240). Unter Anknüpfung an vorhandene Kerne wurden Städte abgemessen, deren Fläche die der Vorbilder zwar unterschritt (ca. 20 bis 50 ha Fläche), deren Lage und Ausstattung jedoch den Vorbildern ähnlich waren. – Als zwischen 1240 und 1290 Differenzen zwischen den Städten und den Stadtherren offenkundiger wurden, zugleich aber die Sicherung und die Abrundung des territorialen Herrschaftsbereichs weitere Gründungsinitiativen verlangten, begann die Schutzlage bei der Standortwahl zu dominieren. Dafür genügten Städte mit einer Fläche von 10 ha bis 20 ha. – In einem dritten Takt ab etwa 1290 zogen die Territorialherren Städte vor, die sich Einzweck-Anlagen näherten. Es handelte sich um Klein- und Zwergstädte mit maximal 10 ha Fläche. Sie sollten die verbliebenen Lücken im Territorium stopfen.

Insgesamt: Je früher die Städte dieser Periode gegründet wurden, desto umfangreicher fielen ihre Funktionsvielfalt und ihre bürgerlichen Möglichkeiten aus; je später sie gegründet wurden, desto eindimensionaler und sparsamer waren sie ausgestattet. Die gesamte Epoche endete mit den Hunger- und Seuchenkrisen des 14. Jahrhunderts.

Das zweite Kapitel wendet dieser Phase seine Aufmerksamkeit zu.

Das dritte Kapitel widmet sich der Geschichte der Städte zwischen ca. 1300/1350 und 1480/1500. Die ungefähren Eckdaten ergeben sich aus den durch Epidemien und mangelhafte Ernten ausgelösten Bevölkerungskrisen seit der Mitte des 14. Jahrhunderts einerseits und den seit 1470/1480 wieder steigenden Bevölkerungszahlen andererseits.

Zwar erfuhren noch 70 bis 80 Orte in dieser Zeit eine städtisch anmutende Privilegierung oder Aufwertung, aber Gründungen machten nicht mehr den Kern der Stadtgeschichte dieser Zeit aus. In Übung kommende Bezeichnungen wie „Weichbild“ oder „Freiheit“ für manche Gründungen signalisierten spezielle, gelegentlich schwer faßbare Unterschiede zu „Stadt“, aber auch zum Dorf.

In den Vordergrund rückten statt der Gründungen die strukturellen Ausprägungen der bisherigen Städte nach außen wie nach innen. Während die Mutterstädte und die größeren Gründungsstädte auf mehr Unabhängigkeit zusteuerten und auch einen Wechsel der Landesherrschaft nicht scheuten oder die Mitsprache in landespolitischen Fragen gezielt suchten, behaupteten sich die Klein- und Zwergstädte – oft bloße Pfandobjekte ihrer Herren – in den territorialen Konflikten und Ritterfehden z. T. nur mit Mühe. Daß die Städte stärker in territoriale Gefüge schlidderten oder einbezogen wurden, rührte aus der Stärke der einen und der Schwäche der anderen her.

Das weiterhin noch nicht befriedigte Begehren nach mehr Freiheit(en) vor allem (aber nicht nur) bei den führenden Städten lief auf eine weitgehende Unabhängigkeit von den Stadtherren oder eine völlige Autonomie zu. Das Niveau ihrer Unabhängigkeit korrespondierte faktisch dem der Reichsstädte, obwohl sie rechtlich Territorialstädte blieben. Eine strukturelle Unterscheidung zwischen „Autonomiestädten“ einerseits und stärker abhängigen mittleren sowie kleinen Landstädten andererseits zeichnete sich ab. Nach innen definierten sich die Ratsgremien als Obrigkeit und verstießen damit gegen das ursprüngliche genossenschaftliche Ordnungsmodell der mittelalterlichen Stadt. Gerade zu diesem Zeitpunkt gewann das bürgerliche Modell der freien Einung in der Bildung der frühen Zünfte neues Leben, in seiner wirtschaftlichen Fundierung nicht zuletzt durch den Flor der gewerblichen Produktion begünstigt. Der binnenstädtische Antagonismus zwischen traditionellen patrizischen Ratseliten und nachdrängenden Konkurrenten schlug sich in der Folge in wiederkehrenden Bürgerkämpfen nieder, modifizierte die städtischen Verfassungen, brachte mit dem Honoratiorentum eine neue soziale Schicht ins Spiel und legte dem Patriziertum den Weg zum adligen Landleben nahe.

Ferner: Im „langen“ 16. Jahrhundert hat die an der Zahl der Gründungen orientierte Stadtgeschichte ein „Städtetal“ in Westfalen ausgemacht. Die negativ getönte Bewertung trifft jedoch nur im Blick auf das genannte Kriterium zu. Autonomie und Bedeutung mancher Städte stiegen zuerst kräftig an, während andere, vornehmlich die kleinen Landstädte, trotz Bevölkerungszuwachses Einbußen hinnehmen mußten. Tatsächlich waren die rd. 130 bis 140 Jahre zwischen ca. 1480 und 1620 stadtgeschichtlich eine Phase der Weichenstellungen.

Die erste Hälfte des Jahrhunderts bescherte den Städten – wie dem ganzen Land – ein Maximum an möglichen Veränderungen und zwang dementsprechend zu einem Maximum an Entscheidungen, von denen die Reformation und ihre auch politischen Folgen nur eine war. Der Einfluß des Humanismus und die zunehmende Bedeutung von Studien sowie der mit beiden verknüpfte Auftritt des Juristentums und die Ausbreitung römisch-rechtlichen Denkens waren andere, denen die Städte sich stellen mußten. Die sich intensivierende Staatlichkeit in den Territorien stellte gegen Ende des Jahrhunderts die Grundlagen der autonomen und semiautonomen städtischen „Punktherrschaften“ (Stoob) in Frage, die sich weiter auf vielfach bestätigte und ausgeweitete mittelalterliche Privilegien und Freiheiten stützen wollten. Auch die „Autonomiestädte“ blieben trotz Gegenwehr gegen Ende der Periode vom Verlust einst konstitutiver städtischer Freiheiten nicht verschont.

Andere politische und konfessionelle Rahmenbedingungen zogen Westfalens Städte z. T. in europäische Konflikte hinein und lösten einen neuen Befestigungsbau aus. Inzwischen hatte die Bevölkerungzahl in den kleinen Städten und auf dem Land um 1550 den Stand des früheren 14. Jahrhunderts wieder erreicht; ihre Versorgung führte zu Teuerungswellen gegen Ende des Jahrhunderts. Im gewerblichen Bereich konnten die Städte im Textil- und Montansektor die Nutzung des Landhandwerks trotz Protestes der Zünfte bzw. der städtischen Räte kaum noch aufhalten, sondern mußten Wege der Arbeitsteilung zwischen Land- und Stadthandwerkern, aber auch zwischen den Handwerkern verschiedener Städte finden. Die z. T. dramatischen Geschehnisse und die Menge an Veränderungen führten in manchen Städten zuerst zu Notizen und Sammlung ihrer Rechte, bewirkten dann ein Nachdenken über ihre eigene städtische Vergangenheit und äußerten sich im Versuch einer städtischen Geschichtsschreibung.

Die Kontinuitäten und der Wandel, die diese Periode zwischen ca. 1480 und ca. 1620 auszeichneten, rechtfertigt ihre Analyse in einem besonderen, dem vierten Kapitel.

Schließlich: Der Dreißigjährige Krieg und seine Folgen wie weitere Kriege erschütterten die Städte in ihren Grundlagen. Es zeigte sich, daß sie ihre hergebrachte Schutzfunktion wegen der waffentechnischen Entwicklung vollständig eingebüßt hatten. Mit dem Eintritt Brandenburgs (1609; seit 1701: Preußens) in die westfälische Geschichte durchquerte preußisches Territorium faktisch von Nordosten bis zum Südwesten diagonal das Land, dem, abgesehen von kleineren Grafschaften, ein tendenziell wittelsbachisch bestimmtes geistliches Westfalen gegenüberstand. Das führte zu unterschiedlich kräftigen Durchgriffen des Staates.

Aber nicht nur das: Galten die Städte im Mittelalter als die Boten und anschließend als die Träger des Fortschritts, so büßten sie diese Rolle mit Beginn des 17. Jahrhunderts ein. Am historischen Wandel nahmen sie eher passiv als aktiv teil. Der Unterschied zwischen „Autonomiestädten“ und anderen Städten, der vom 14. bis zum 16. Jahrhundert bedeutsam war, war insoweit geschwunden. Das anfangs nur proklamierte, am Ende im 18. Jahrhundert aber auch zur Geltung gebrachte Souveränitätsprinzip des frühneuzeitlichen Staates duldete überkommene städtische Autonomie nicht mehr. Die einst eigenberechtigte Selbstverwaltung wurde zum Schluß in eine staatlich beauftragte und kontrollierte Selbstverwaltung umgemünzt. Insofern verlor das Prinzip der städtischen Freiheit(en), dessen Aufstieg seit dem 12. Jahrhundert den Urbanisierungsprozeß immer stärker befördert und im 15./16. Jahrhundert einen Gipfel erreicht hatte, im 17. und 18. Jahrhundert seinen Schwung, blieb jedoch für die Zukunft weiter im Spiel.

Politisch fand eine Reihe von Städten für ihre Verluste an Selbständigkeit einen begrenzten Ausgleich darin, daß sie als Verwaltungs-, Gerichts- und Regierungszentren oder Residenzen neue Aufgaben gewannen. Das Kriterium der Zentralität wurde für den städtischen Rang entscheidend. Zur Bedeutung einer Stadt rechnete auch ihre territorialpolitische Rolle als Landstand. Gleichzeitig wurden die Städte damit enger in den territorialen Staat eingebunden. Städte, denen dieser Schritt nicht gelang oder die nicht entsprechend vom Landesherrn begünstigt wurden, sanken faktisch zu einer „Elite der Dörfer“ (Aug. Frhr. v. Haxthausen, 1829) herab.

Die Landgewerbe wurden in die gewerbliche Produktion der Städte durch Absprachen der Städte untereinander wie durch landesherrliche Maßnahmen gleichsam eingewoben und führten zu Gewerbelandschaften. Ihre Relaisstationen blieben die Städte. Die Verlagerung von Gewerben auf das Land brachte einer Reihe von Städten einen Zugewinn an unternehmerischer Kapazität ein und half städtischen Kaufleuten, Anschluß an den überregionalen internationalen Handel zu gewinnen. Die Produktionsverhältnisse in der Textilbranche und im Metallgewerbe tendierten auf Kosten der Zünfte zu verlagsähnlichen Strukturen. Mittels zeitlich gestaffelter Märkte sicherte man durch interterritorialen Austausch die Versorgung der größer gewordenen Bevölkerung. Innerhalb der städtischen Gesellschaft bewirkte die gesamte Entwicklung eine größere soziale Spreizung als in den vorhergehenden Perioden der Stadtgeschichte. Gleichzeitig meldeten sich die ersten Keime eines neuen Bürgertums, in dem Unternehmer, Bildungsbürger, Verwaltungsbeamte und z. T. auch Militärs zu einer neuen Schicht verschmolzen und den Gedanken der Freiheit von einer anderen Richtung belebten.

Spezielle frühneuzeitliche Stadttypen in den preußischen Territorien blieben auf bestimmte Sonderfunktionen beschränkt. Der preußische Militär- wie der geistliche Repräsentationsstaat verlangten den Steuerstaat. Auch die im Wachstum begriffene staatliche Administration wollte finanziert sein.

Die demographischen, gesellschaftlichen, ökonomischen, kulturellen, administrativen und politischen Veränderungen zwischen 1648 und 1803 weisen auf einen Neuanfang und eine Neubewertung auch der älteren Städte hin. Diesem Prozeß geht das fünfte Kapitel nach.

1

Generell bilanzierend: A. HARTLIEB v. WALLTHOR, in: H. AUBIN … F. PETRI/ A. HARTLIEB v. WALLTHOR (1931-1996), Bd. VI,2, S. 327-380.- Speziell: P. CASSER in: H. AUBIN … F. PETRI (Hg.), Bd. II,2 (1934), S. 3-34.- F.J. SCHMALE, in: W. KOHL (Hg.; 1983), Bd. I, S. 1-14.- L. SCHÜTTE, in: W. KOHL (Hg.; 1983) Bd. I. S. 16-33.- H. KLUETING (1998), S. 3-22.- W. REININGHAUS/B. WALTER (Hg.; 2013), pass.- P. JOHANEK, in: M. WERNER (2005), S. 265-292.

2

C. HAASE, in: WestfF 11 (1958), S. 17.

3

Zitate: F. IRSIGLER (2006), S. 483 f. und 486 und W. EHBRECHT (Hg.), in FS P. JOHANEK (2002), S. 417.- Insgesamt: H. LOEVINSON (1889), pass.- Th. ILGEN (1893) pass.- F. PHILIPPI (1894), pass.- M. WEBER (1920/21), pass.- Chr. MEIER (Hg.; 1994), darin O.G. OEXLE (S. 115-160), K. SCHREINER (S.161-212), und E. VOLLMER (S. 213-242).- C. HAASE, in: WestfF 11 (1958), S. 16-32.- W. EHBRECHT (2006), S. 1-50.- P. JOHANEK, in: DERS. (2012), S. 47-94.

4

K. GERTEIS (1986), bes. S. 32 f.- H. SCHILLING (1993), S. 51-56.- U. ROSSEAUX (2006), S. 1-4.

5

H. STOOB, in: DERS. (1970a), S. 19.- C. HAASE in: WestfF 11 (1958) S. 16-32.- L. SCHÜTTE, in: GHandAtlW III,1 (1991).- A.K. HÖMBERG, in: WestfF 14 (1961), S. 27-36.- C. HAASE (1965), pass. mit kritischem Nachwort zur 2. Auflage.- H. STOOB, in: DERS. (Hg.; 1985a-1985d), pass.- H. STOOB, in: M. STOLLEIS (Hg.; 1991), S. 267-282.

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