Vorwort der Reihenherausgeber

In: Sola Scriptura ökumenisch
  • 1 Bochum, Regensburg, Frankfurt am Main im August 2020
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Die im Brill / Schöningh Verlag publizierte Frankfurter Übersetzung des Neuen Testaments von Stefan Alkier und Thomas Paulsen (FNT) ist in besonderem Maß der Philologie und damit der Sprachkraft der Texte verpflichtet. Die sich daran anbindende neue Buchreihe Biblische Argumente in öffentlichen Debatten zielt auf dieser Basis auf die Denk- und Differenzierungskraft biblischer Texte und Bücher und der Bibel als Ganzer in gegenwärtigen Kontexten und Konflikten. Die Bibel ist das Buch kritischen und selbstkritischen Umdenkens, was sie mit dem griechischen Leitwort metánoia zum Ausdruck bringt. Biblische Texte entfalten ein kritisches und kreatives Potential, neu und Neues zu denken, wenn ihre Sichtweisen auf Gott und die Welt nicht kirchlich, politisch oder moralistisch domestiziert, subjektivistisch privatisiert und auch nicht historistisch musealisiert oder gar konstruktivistisch der Beliebigkeit und Belanglosigkeit ausgesetzt werden, sondern ihr anderes, befremdendes, streitbares Denken als enthüllender Widerstreit gegen ideologisch proklamierte Alternativlosigkeit, Starrsinn und jegliche Rechthaberei in kirchliche, kulturelle und politische Debatten eingebracht wird. Die Bibel ist nicht das Buch der Kirche, sondern Buch für die Welt in ihrer Gegebenheit, Schönheit, Zerrissenheit, Bedrohlichkeit, Liebenswürdigkeit, Offenheit und Anfälligkeit gerade auch in Zeiten des politischen Populismus, globaler Verunsicherung, gesellschaftlicher Polarisierungen und scheinbar unlösbarer Probleme: sexualisierte Gewalt, Sexismus und Rassismus, enthemmter Kapitalismus, Chancenungleichheit, Armut, Hunger, Pandemie, Migration und Klimawandel dominieren die Nachrichten und Diskurse in öffentlichen Medien.

Die Publikationen, die in dieser Reihe erscheinen werden, sollen sich einmischen in kirchliche, kulturelle und gesamtgesellschaftliche Debatten zu den Problemen, Krisen, offenen Fragen und Chancen der Gegenwart. Sie sollen helfen, der öffentlichen theologischen Sprachfähigkeit von Kirchenleitungen, Universitätstheologinnen und -theologen, Pfarrerinnen und Pfarrern, Lehrerinnen und Lehrern und allen an der Lebensrelevanz biblischer Texte Interessierten auf die Sprünge zu helfen. Die Bibel ist reicher als die Theologien der Gegenwart. Sie zielt auf Kommunikation und Öffentlichkeit. In der Auseinandersetzung mit ihren Texten sehen wir ein enormes und weitgehend ungenutztes Erschließungspotential kritischen, überraschenden, neuen Denkens. Die Reihe Biblische Argumente in öffentlichen Debatten bietet aber keine Plattform für biblizistischen Starrsinn, dogmatistische Belehrungen und frömmelnde Besserwisserei. Sie setzt weder bei ihren Autorinnen und Autoren noch bei ihren Leserinnen und Lesern einen irrationalen Glauben an irgendetwas voraus. Sie vertraut vielmehr auf die unbestechliche und streitbare Fähigkeit biblischer Texte kreuz und quer zu denken, sich nicht abzufinden mit anmaßenden Macht- und Unrechtsverhältnissen, sondern im Vertrauen auf den Geber und die Gabe des Lebens über jeden Tod hinaus miteinander dankbar und denkbar gemeinschaftliches Leben und gemeinsame Zukunft zu gestalten.

Die Reihe setzt mit einer gemeinsamen bibeltheologischen und ökumenischen Programmschrift eines römisch-katholischen, eines griechisch-orthodoxen und eines evangelischen Theologen ein, die sich darin einig sind, dass allein die Schrift richtig verstanden eine frohe Botschaft für alle bezeugt und nur die gemeinsame, erwartungsvolle wie kritische Hinwendung zur Schrift tragfähige Ökumene ermöglicht. Diese aber ist kein kirchlicher Selbstzweck, sondern vielmehr die Basis dafür, biblische Einsichten in die Ermöglichungsbedingungen gemeinschaftlichen Lebens wie Barmherzigkeit, Solidarität, Dankbarkeit, Demut, Gerechtigkeit, Aufbegehren, Empathie, Anerkenntnis und Hoffnung in die globalen und lokalen Konflikte einzubringen. Es geht der Reihe wie ihrem programmatischen ersten Band um nichts weniger als Umdenken mit der Bibel angesichts der Krisen, Katastrophen und Konflikte heute.

Wir sind sehr dankbar, dass wir mit Christos Karakolis (Athen), David Moffitt (St. Andrews) und Cosmin Pricop (Bukarest) den wissenschaftlichen Beirat der neuen Reihe kompetent und international besetzen konnten. Manuskripte können uns in deutscher und englischer Sprache angeboten werden.

Wir danken dem Verlag Brill / Schöningh, dass er sich auf das Wagnis einer Buchreihe einlässt, für die es keine Vorlage gibt, weil hier wirklich Neuland betreten wird. Wir hoffen sehr, dass der Erfolg der neuen Reihe zu neuen Perspektiven auf gesellschaftliche Probleme und Chancen unserer Zeit, aber eben auch auf die Denkkraft biblischer Texte und der Bibel als Ganzer zur Erschließung, Kritik und Gestaltung von Wirklichkeit führt.

Stefan Alkier, Tobias Nicklas, Thomas Paulsen

Bochum, Regensburg, Frankfurt am Main im August 2020

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