I. Eine Einladung anstelle einer Einleitung

In: Sola Scriptura ökumenisch
  • 1 Frankfurt am Main, Athen und Regensburg im Jahr 2020
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Die ökumenische Bewegung scheint in einem seltsamen Zwiespalt zu stehen. Zumindest in großen Teilen Mitteleuropas verstehen viele Christinnen und Christen nicht mehr, warum evangelische und katholische Kinder nicht wenigstens in der Grundschule gemeinsam am Religionsunterricht teilnehmen dürfen. Gab es im Vorfeld der Reformationsfeierlichkeiten 2017 zwar Verstimmungen und Irritationen auf der Ebene von Kirchenleitungen, so kann die Mehrheit der evangelischen und römisch-katholischen Christinnen und Christen wie auch die öffentlich-rechtlichen Medien nicht mehr nachvollziehen, warum Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen zwar gemeinsam Gottesdienst feiern, sich aber nicht gemeinsam am Tisch des Herrn treffen dürfen, um gemeinsam das Herrenmahl zu empfangen.

In vielen bundesdeutschen Kontexten ist gerade auf der Ebene gelebter christlicher Praxis kaum mehr verständlich, was uns eigentlich trennt. Bereits in einem Land wie Rumänien jedoch, in dem zwar alle Konfessionen noch bis vor wenigen Jahrzehnten unter der Religionspolitik Nicolae Ceauşescus bitter zu leiden hatten, dabei aber in perfider Weise untereinander ungleich behandelt wurden, sind die Gräben noch heute z.T. sehr tief. Ausgelöst durch kriegerische Konflikte in der Ukraine reißen derzeit neue Gräben innerhalb der Orthodoxie auf, die zu überbrücken wenigstens im Moment menschlich unmöglich zu sein scheint. Gleichzeitig lebt die ökumenische Bewegung in einer Vielzahl von Kommissionen und Konferenzen, Begegnungen und Bewegungen sowie – auf verschiedensten Ebenen – Gesprächen zwischen der Hierarchie, Expertinnen und Experten, vor allem aber in Initiativen von Laien, weiter.

Wir, die Verfasser, sind auf unterschiedliche Weisen und in unterschiedlichen privaten und beruflichen Ebenen nicht nur ökumenisch interessiert, sondern auch engagiert. Dabei beobachten wir trotz unserer verschieden geprägten und verorteten subjektiven Perspektiven folgende Trends:

(1) Sobald die Ebenen offizieller Gespräche und daraus resultierender Erklärungen verlassen sind, eröffnen sich in mehr inoffiziellen Bereichen überraschende Spielräume, in denen auch das sonst Undenkbare plötzlich möglich erscheint und unüberwindbar erscheinende Gegensätze überbrückbar werden. Nicht selten ergänzen sich dabei die Vielzahl der sich begegnenden Perspektiven und öffnen den Blick auf den/die jeweils andere(n) und den Wert seines/ihres teilweise auch zunächst befremdlich erscheinenden Denkens. Nicht nur persönliche Verbundenheit und Freundschaft, sondern gemeinsame Forschungsinteressen, hermeneutische Überzeugungen und Frömmigkeitshaltungen lassen konfessionelle Schranken und Grenzen immer wieder als zweitrangig erscheinen. Auch wir haben, so sehr wir Wert darauf legen und dies in unserem Buch wo nötig auch kenntlich machen, unsere konfessionellen Unterschiede nicht zu verwischen, nicht nur in den Gesprächen, die zu diesem Buch führten, immer wieder erlebt, dass uns als von der Bibel begeisterte Zeitgenossen weit mehr verbindet als trennt.

(2) Wenigstens bedeutende Teile der ökumenischen Bewegung legten und legen den Fokus aber vor allem auf das die Konfessionen Trennende. Es ist und bleibt wichtig, auch weiter um Fragen des Kirchenverständnisses und, damit zusammenhängend, der Bischofssukzession oder auch der Sakramente zu ringen und dabei verhärtete Positionen aufzuweichen, in manchen Fällen aufzugeben und in anderen Fällen noch klarer als bisher zu benennen, was uns denn wirklich noch trennt. Wir sind aber der Meinung, dass es wichtiger ist, uns darauf zu besinnen, was uns eint: Dieses Einende erkennen wir in der gemeinsamen Getragenheit von und Verwiesenheit auf das uns als Menschenworte der Schrift begegnende Gotteswort. Wir gehen davon aus, dass das wirkkräftige und reich beschenkende Wort Gottes1 Kirche und damit jeder historischen Ausformung von Kirchen und Konfessionen vorausliegt (These 3). Damit aber hat allein die Schrift als verbindliche Bezeugungsinstanz des Wortes Gottes die Kraft, den diversen christlichen Konfessionen und den individuell Glaubenden einen gemeinsamen erfreulichen und ermutigenden Grund zu geben (These 1), der nicht nur auf religiösen Happenings wie Kirchentagen, sondern auch in Krisenzeiten trägt.

Während wir beobachten, dass in mancher Kommission zu ökumenischen Fragen Vertreter der Hierarchie gemeinsam mit systematischen Theologen und Historikern dominieren, sind wir der Meinung, dass gerade deshalb die Exegese ein gewichtiges, wenn nicht entscheidendes Wort für die Ökumene zu sagen hat. Dabei geht es nicht alleine und in erster Linie darum, aufgrund vorgegebener systematischer Fragen Impulse im Blick auf die Entstehungszeit der christlichen Bewegung zu geben, die dann in der systematischen Theologie erst in all ihrer Tiefe erfasst werden könnten. Wir gehen stattdessen davon aus, dass uns das lebendige Gotteswort auch heute noch durch die von konkreten Menschen in konkreten Orten und Situationen formulierten Zeichen der Schrift begegnet und dass auch heute noch der Auftrag der Interpretation der Schrift darin besteht, sich nicht alleine und nicht einmal vor allem auf ihre mögliche Bedeutung in einem hypothetisch rekonstruierten Entstehungshorizont zu beschränken, sondern der Begegnung mit dem Gotteswort als Schrift zu dienen. Unser gemeinsames Anliegen ist es, uns diesem Gedanken aus unseren verschiedenen konfessionellen Perspektiven zu nähern. Ökumene verstehen wir deshalb als sich gemeinsam von der Frohbotschaft der Schrift bewegt auf dem Weg zu finden und sich in Anerkenntnis der jeweiligen Verschiedenheit gegenseitig im schriftgemäßen, hoffentlichen Handeln zuversichtlich zu bestärken.

Als gemeinsame Grundlage unseres Arbeitens dienen uns zehn Thesen, die wir bereits im Februar 2018 im gemeinsamen Gespräch entwickelt haben.2 Auch sie lösen sicher nicht alle Probleme und verstehen sich notwendigerweise als offen für Rückfragen, Kritik und Interpretationen. Als einen gemeinsamen Ausgangspunkt unseres Nachdenkens verstehen wir die Frage, welcher Weg uns – wenn auch niemals ganz sicher, so dass wir es „besitzen könnten“ – am sichersten, in Luthers Worten „certissime“, zu Gottes Wort führen kann. In einer ersten Runde versuchen wir uns diesem Weg aus den Perspektiven unserer kirchlichen Traditionen anzunähern und dabei jeweils zu zeigen, welche Hilfen und Möglichkeiten, aber auch welche Gefahren sich in den verschiedenen Konfessionen daraus entwickelt haben. In einer zweiten Runde bieten wir methodische und hermeneutische Entfaltungen dieser Grundlage. Wir stellen, anders gesagt, die Frage: Was heißt es denn Bibel zu lesen? Aus dem so Gewonnenen versuchen wir eine Reihe ökumenischer Einsichten zu gewinnen, die sich schließlich in einer letzten Runde in Perspektiven schriftgemäßer ökumenischer Praxis übersetzen lassen.

Im Jahr 1976 hat der bedeutende Regensburger Exeget Franz Mußner den Band „Petrus und Paulus: Pole der Einheit“ publiziert und ihm bewusst den Untertitel „Eine Hilfe für die Kirchen“ gegeben.3 Auch unser Buch möchte diesem Anliegen dienen und gerade deswegen Leserinnen und Leser ansprechen, die an verschiedensten Orten innerhalb, vielleicht auch außerhalb oder gar gegenüber von Kirchen stehen. Wir sind jedenfalls nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch und leidenschaftlich davon überzeugt, dass das Wort Gottes die Verschiedenheit unserer Interpretationen nicht nur aushält, sondern, gerade weil es Vielfalt erlaubt und ermöglicht, die Kraft hat, uns in den verschiedensten Situationen und Konstellationen zu interpretieren. Wir möchten mit unserem Buch die Erfahrung teilen, dass, je mehr und je intensiver wir unsere unterschiedlichen Einsichten, Befürchtungen, Sehnsüchte und Hoffnungen in ein dialogisches Gespräch gebracht haben, wir uns gemeinsam umso gewisser, umso leichter und umso klarer von dem getragen wissen, von dem die Heilige Schrift spricht. Wir hoffen sehr, dass unsere Thesen von Ihnen, verehrte Leserin und verehrter Leser, als Einladung zu der von uns praktizierten und intendierten ökumenischen Lektüregemeinschaft aufgenommen werden kann. Wir freuen uns auf das Gespräch mit Ihnen, wann und wo auch immer.

Wir freuen uns, dass unsere ökumenische Programmschrift die neue Buchreihe „Biblische Argumente in öffentlichen Debatten“ eröffnet und wünschen dieser Reihe viel Resonanz. Wir danken dem Mitherausgeber dieser Reihe, Prof. Dr. Thomas Paulsen, für die Aufnahme unseres Buches in diese Reihe und für die Mühe des Korrekturlesens.

Wir danken dem Verlag Brill/Schöningh und namentlich Dr. Martina Kayser und Jörg Persch für die gleichermaßen freundliche wie professionelle Zusammenarbeit. Wir danken Charlotte Dietrich und Charlotte von Schelling für die Erstellung des Manuskripts und Frau von Schelling auch für die Erarbeitung der Register.

Stefan Alkier, Christos Karakolis und Tobias Nicklas

Frankfurt am Main, Athen und Regensburg im Jahr 2020

1

Damit meinen wir nicht die Bibel in ihren verschiedenen konkreten Ausformungen!

2

Den Anstoß dazu gab uns die Frankfurter Tagung zum 500jähringen Reformationsjubiläum, deren Tagungsband vorliegt: Stefan Alkier (Hg.), unter Mitarbeit v. Dominic Blauth u. Max Botner, Sola Scriptura 1517–2017. Rekonstruktionen – Kritiken Transformationen – Performanzen, Colloquia historica et theologica 7, Tübingen 2019.

3

F. Mußner, Petrus und Paulus. Pole der Einheit. Eine Hilfe für die Kirchen (QD 76), Freiburg 1976. Zur Bedeutung dieses Bandes vgl. auch M. Theobald, ‚Petrus und Paulus: Pole der Einheit‘ (Franz Mußner). Ein wegweisendes Buch nach 40 Jahren wiedergelesen. Zum Gedenken an Franz Mußner (1916–2016), in: BZ 61 (2017) 60–85.

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