Definition und Grenzen

In: Ikonologie der christlichen Kunst
Free access

Definition und Grenzen

E. Auerbach, Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur, 9. Aufl., 1994; H. G. Thümmel, „Renaissance“ und „Entwicklung“. Auch eine Luther-Ehrung, in: Mitteilungen der Winckelmann-Gesellschaft Stendal 48, 1984, S. 33-45

Die Vorstellung vom „Mittelalter“ stammt aus einer Zeit, die heute allgemein zum Mittelalter selbst gerechnet wird. Beherrschend war die Anschauung, die Antike sei eine Idealzeit gewesen. So hatte es das Bewußtsein gegeben, die Antike weiterführen oder an sie anknüpfen zu müssen. Karl der Große konstituierte sein Kaisertum als Römisches. Natürlich geschah dies auch im Blick auf das Byzantinische Reich, wo man noch in ganz anderem Maße als Rhomäer das Römische Reich fortzuführen meinte. Dazu gesellte sich die Vorstellung, daß die wissenschaftlichen Errungenschaften der Antike weitgehend verlorengegangen wären, und es darauf ankäme, den Anschluß an diese Zeit wiederzugewinnen. Das ist schon in karolingischer Zeit der Fall. Zum Bewußtsein gekommen ist dies vor allem im geistigen Neuaufbruch seit dem 11. Jahrhundert und dies verdichtete sich seit ca. 1200 zum Bewußtsein eines Neuanfangs. Das Bewußtsein, daß es zuvor auch anderes gegeben hatte, ließ die Entwicklung unterbrochen scheinen, wofür man den Einbruch der Barbaren verantwortlich machte. So gab es die Idealzeit der Antike, nämlich das „Altertum“, es gab die eigene Zeit des Neuanknüpfens, die „Neuzeit“, und es gab die dazwischen liegende Zeit, das als finster eingeschätzte „Mittelalter“. Für das, was vor dem als Neuanknüpfung Empfundenen lag., sind seit dem 14. Jahrhundert die Begriffe media aetas oder medium aevum, „Mittelalter“, nachweisbar.

Die Grenzen haben sich inzwischen verschoben. Das Mittelalter wurde nun in Abgrenzung gegen eine „Renaissance“ möglichst als bis an den Anfang des 16. Jahrhundert reichend beschrieben, so daß nun die Zeiten, die sich als Neuanfang gegenüber dem „Mittelalter“ verstanden, den Hauptinhalt dessen ausmachen, was heute unter „Mittelalter“ bearbeitet wird. Dagegen ist zu sagen, daß wesentliche Teile dessen, was heute als Mittelalter bezeichnet wird, sich als Renaissance, d. h. als Wiedergeburt der Antike verstanden. So ist die Scholastik wesentlich Aristoteles-Renaissance gewesen. Insgesamt beruht unsere heutige Einteilung der Geschichte also auf einem primitiven und veralteten Bild der Entwicklung, deren Grenzen sich zudem verschoben haben.

In der Tat hat es beides gegeben, einen Zusammenbruch der Bildung und den Einbruch der Barbaren. Aber beides steht nicht im Zusammenhang. Die Bildung bricht inmitten der spätantiken Kultur zusammen. Dieser Prozeß wird immer wieder durch klassizistische Reaktionen aufgehalten, setzt sich aber schließlich durch. Es gibt eine Reihe allgemeiner Prinzipien, die sich bereits in der Spätantike zeigten und die zunächst auch über den Umbruch des 12./13. Jahrhunderts hinaus begegnen.

Der Begriff herrscht vor der Erfahrung, was besonders an der Scholastik zu demonstrieren ist. So gibt es auch keine Kontinuität von Raum und Zeit. Die Menschen sind nach sieben Jahren genauso jung wie davor. Statt erfahrbarer Wirklichkeit gibt es Idealwelten voller Symbolik. Der fahrende Ritter muß den „rechten“ Weg gehen. Er landet unfehlbar auf einem Schloß mit irgendeinem Zauber. In allem, was ihm begegnet (Aventure), muß er Tugend beweisen. Das Menschenideal ist vorgeformt (Artusrunde), und die Ethik besteht vor allem darin, in diesen Typus die eigene konkrete Existenz zu gießen.

Statt beobachtbarer Wirklichkeit und funktionalen Zusammenhängen herrscht der Typus. In der Literatur fehlen die kausalen Partikeln, die Parataxe (Reihung) herrscht vor. Einzelereignisse treten unbegründet ein.

Im Physiologus (3. Jahrhundert) wurden phantastische Aussagen über Tiere moralisch oder christlich gedeutet. Vier oder fünf sind in die christliche Bildsymbolik eingegangen. Das Buch war weitest verbreitet, aber eben auch die Art, in Analogien zu denken. Ein ähnliches Denken findet sich in der Typologie, in der alttestamentliche Geschichten neutestamentliche vorbedeuten.

Und schließlich gibt es ein Verfahren, Gruppen, die durch die gleiche Zahl ausgezeichnet sind, als miteinander in Beziehung stehend zu betrachten (Quantitätenreihe).

Wie solche Bezüge gedacht wurden, ist nicht meßbar. Doch es hat den Anschein, daß solche Typologie zwar weiterlebte, aber schließlich immer mehr zum Gleichnis wurde, d. h. daß der Realitätsgehalt der Beziehung zwischen beiden Größen schwand. Verwiesen sei auf die symbolische Darstellungsweise, und darauf, daß in der Spätantike ein Interesse am Göttlichen das Interesse an der Natur verdrängte.

Ein Indiz ist die Rechtschreibung. Daß diese immer fehlerhaft sein konnte, wissen wir aus den Wandkritzeleien in Pompeji. Aber im späteren 4. Jahrhundert begegnet uns die falsche Orthographie in Marmor gehauen in den Inschriften auf den Sarkophagen der Führungssschicht.

Grenzen sind in diesem Sinne das 3. und dann wieder das 13. Jahrhundert, obwohl diese Prozesse sich in mannigfachen Vorstößen und Reaktionen vollzogen.

Der Einbruch der Barbaren ist kaum genau zu fassen. Schon daß die spätantike Zivilisation von einer Fülle von Sklaven aus den eroberten Gebieten geprägt war, könnte hierzu gerechnet werden. Aber bald setzten sich Barbarenvölker im Reich fest. Die Plünderung Roms durch die Westgoten 410 hat zwar das Selbstbewußtsein der Römer erschüttert, hat aber kaum Einfluß auf die Kultur gehabt. Das gleiche gilt für die Plünderung Roms durch die Vandalen 455. Kurz zuvor, 452, waren die Hunnen auf Rom marschiert, aber durch Papst Leo I. abgewandt worden. Das Ostgotenreich in Oberitalien (493-555) suchte den Anschluß an die römische Kultur. Über den Kulturumbruch in der Spätantike hinweg gibt es Kontinuitäten und andererseits hat es einige Zeit gedauert, bis die Barbaren sich der in der Spätantike gewandelten Kultur öffneten. Doch bereits Salvian von Marseille konnte im 5. Jahrhundert den dekadenten Römern die Moral der Germanen vor Augen halten. Wichtig für die europäische Kultur sind diejenigen Germanen geworden, die das nördliche Gegenüber der Römer bildeten.

Aus praktischen Gründen ist es geboten, in unserem Zusammenhang in diesen dunklen und denkmalarmen Jahrhunderten die Grenze zu ziehen.

Deutlich sollte sein, daß das Christentum, als es begann, ein selbständiger Kulturfaktor zu werden, bereits eine im Umbruch befindliche Kultur vorfand. Es ist in diese Entwicklung eingestiegen und hat an ihr teilgehabt. So ist die Kirche weder die Macht, die eine diesseitsfreudige Antike mit Jenseitsidealen abgewürgt hätte, noch ist das Christentum die Größe, die in der Synthese mit der Antike als schönste Frucht das Mittelalter hervorgebracht hätte. Wie die Kirche das Mittelalter mitgeprägt hat, oder wo sie durch die Übernahme mittelalterlicher Strukturen ihre Ideale aufgegeben hat, ist eine andere Frage.

Ähnlich wie mit dem Anfang verhält es sich mit dem Ende dessen, was man „Mittelalter“ nennt.

In besonderer Weise hat Joachim von Fiore im späten 12. Jahrhundert das Gefühl eines Neuanfangs artikuliert, als er nach dem Zeitalter des Vaters (im Alten Testament) und dem des Sohnes (seit dem Neuen Testament) nun den Anbruch des Zeitalters des Geistes proklamierte. Die Franziskaner-Spiritualen haben diesen Anbruch der neuen Zeit in Franziskus gesehen.

Ein Einschnitt liegt, wie gesagt, im 13. Jahrhundert. Die folgende Gotik ist eine Übergangszeit, in der eine Fülle von Neuem in Gang gesetzt wird, das auch die „Neuzeit“ bestimmt. Da aber gerade auch auf dem Gebiet der Kunstentwicklung die Reformation eine Menge von Veränderungen bewirkt hat, ist es aus praktischen Gründen geraten, hier den Einschnitt zu setzen. Die spätere „Renaissance“ war zunächst vor allem ein sprachliches Phänomen. Das Latein war einerseits zur formalisierten Wissenschaftssprache geworden. Andererseits wurde es als Umgangssprache gebraucht, und dabei war es notwendig zu Vereinfachungen und Verflachungen gekommen. Natürlich war dem Absinken der Sprache nach unten keine Grenze gesetzt. Aber das Latein der „Dunkelmännerbriefe“ ist eine eigens zur Verunglimpfung erfundene Sprache und nicht so wirklich geschrieben worden.

Der Rückgriff auf ein klassisches Latein bedeutete zunächst auch die Abwendung von der gültigen Wissenschaftssprache und dann vor allem eine Frontstellung gegen Aristoteles. Daß dessen physikalisches Weltbild dann auch überholt wurde (wesentlich durch Galilei), ist ein anderer Prozeß.

Daneben drangen die Volkssprachen vor allem im 14. Jahrhundert in Bereiche vor, die bis dahin dem Latein vorbehalten waren. Meister Eckeharts deutsche Werke und Nikolaus’ von Oresme Aristoteles-Übersetzungen und -Kommentierungen auf Französisch sind markante Beispiele. Dantes volkssprachliche „Divina Commedia“ steht auf der Grenze von Dichtung und wissenschaftlichem Weltbild.

Die Wiederaufnahme der Antike ist zwar an der Fülle der literarischen Erscheinungen aufzuweisen, aber kaum an der bildenden Kunst. Da die entsprechenden Denkmäler, an die man hätte anknüpfen können, nicht mehr vorhanden waren, ist es hier eher zu Entwicklungen nach gleichen Prinzipien wie in der Antike gekommen.

Schwierigkeiten bereitet die heutige Terminologie, auch wegen geographischer Probleme. Bezeichnet die Kunstgeschichte meist die deutsche und niederländische Kunst um 1500 als spätgotisch, womit „noch mittelalterlich“ gemeint ist, gilt die Kunst des 15. Jahrhunderts in Italien als Frührenaissance, was doch wohl Zugehörigkeit zur Neuzeit beinhaltet. In der Tat sind vielleicht am ehesten in den Bemühungen um die Perspektive die kunsttheoretischen Schriften Albertis mit denen Dürers zu vergleichen, die etwa 90 Jahre auseinanderliegen. Andererseits ist anerkannt, daß um 1430 die Brüder van Eyck im Norden einen ganz entsprechenden Durchbruch zu einem neuen Realismus erzielten wie Masaccio oder Donatello in Italien. Und die italienischen Kaufleute in den Niederlanden nahmen die dortigen Maler in Anspruch, ohne das Gefühl zu haben, daß deren Kunst veraltet wäre (Arnolfini, Portinari, Tani). Und den Portinari-Altar des Hugo van der Goes hat Ghirlandajo kopiert

Die europäische Scholastik läßt das Ringen um gleiche Probleme, aber kaum zeitliche Verschiebungen zwischen den Ländern erkennen.