Ausgewählte Quellen I

Welches sind die Kennzeichen einer guten Schule und eines guten Lehrers?

In: Friedrich Wilhelm Dörpfeld
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F. W. Dörpfeld (1860/1900). „Welches sind die Kennzeichen einer guten Schule und eines guten Lehrers?“. In: F. W. Dörpfeld: Gesammelte Schriften. Zehnter Band. Gütersloh: C. Bertelsmann. 91-97.

Eine ziemlich ausführliche Beantwortung dieser Frage ist in Nr. 6 des Schulblattes 1860 mitgeteilt worden. Es war die, welche die Preisrichter als die beste der eingesandten Arbeiten bezeichnet hatten. Diese Preisfrage wurde, wie die Leser sich erinnern werden, dadurch veranlaßt, daß seiner Zeit der Vorstand einer Schule, für welche ein neuer Lehrer berufen werden mußte, mich ersuchte, ihm brieflich in der Kürze das zu bezeichnen, worauf ein Wahlkollegium bei der Beurteilung eines Lehrers besonders zu achten habe, also die Frage zu beantworten: Welches sind die Kennzeichen eines guten Lehrers resp. einer guten Schule? – Ohne Zweifel hat die in Nr. 6 mitgeteilte Beantwortung in vielen Konferenzen Stoff zu reger Besprechung, und den Lehrern, welche den guten Willen haben, etwas zu lernen, dazu Gelegenheit geboten. Es würde sehr ersprießlich sein, wenn dieser „Versuch“ den einen oder andern angeregt hätte, auch seinerseits einen solchen „Versuch“ auszuarbeiten. Die Frage läßt sich noch etwas anders anfassen, als der Verfasser des Aufsatzes in Nr. 6 gethan, und namentlich dürfte es sich lohnen, den Blick noch mehr nur auf die wesentlichen, auch dem Nicht-Lehrer merkbaren Kennzeichen eines guten Lehrers zu richten. Nachstehende Beantwortung, die durch die vorhin erwähnte Anfrage veranlaßt wurde, wolle man als einen Versuch der letzteren Art ansehen und prüfen.

Die Frage, welche Sie mir vorgelegt haben, ist mir natürlich nicht fremd; aber unter den begleitenden Umständen finde ich die Antwort sehr schwierig. Es soll kurz und doch für Nichtlehrer deutlich und zurechtleitend sein. Das geht über mein Selbstvertrauen hinaus. Indessen die Frage ist gestellt; die Zeit drängt; Bescheid muß gegeben werden. So mache ich mich ans Werk, und schreibe, was ich weiß. Von der allgemeinen wissenschaftlichen Befähigung eines Lehrers und ihren Kennzeichen braucht nicht geredet zu werden. Darüber giebt das Seminarzeugnis die nötige Kunde. Meine Auslegungen beschränken sich durchaus auf das Walten des Lehrers in der Schule, als seinem eigentlichen Arbeitsfelde. Damit bleibt freilich sehr vieles, was bei der Beurteilung eines Schulmannes gar nicht unwichtig ist, z.B. sein Verhältnis zur Schulgemeinde, zu seinem Vorgesetzten u.f.w. von der Betrachtung ausgeschlossen. Sie werden es darum doch nicht übersehen, und sich im betreffenden Falle danach zu erkundigen und das Erkundigte zu prüfen wissen. Hauptsache für meine Fingerzeige soll das sein, was Sie selbst sehen können und wofür der Lehrer allein verantwortlich ist.

Nach den drei Hauptaufgaben, welche dem praktischen Lehrer gestellt sind, suche ich an ihm drei Haupteigenschaften. Seine erste Aufgabe ist, dafür zu sorgen, daß die Schüler etwas Gründliches und Sicheres lernen. Die derselben entsprechende Eigenschaft ist: Lehrgabe. Sie besteht in dem Einblick in das, was auf jeder Stufe not ist, und in der Kunst, dieses Nötige auszuführen. – Es wird nun die Frage sein, woran diese Lehrgabe zu erkennen, d.h. auch für den Nicht-Schulmann zu erkennen ist. Ob ein Lehrer eine gewisse äußere Gewandtheit in der Behandlung der Unterrichtsgegenstände und im Umgange mit den Kindern besitzt, läßt sich auch von einem Laien bald wahrnehmen. Aber mit dieser äußeren Geschicklichkeit ist im Grunde wenig gegeben. An sich ist sie zwar nicht etwas Leichtes, aber sie entscheidet nicht über die ganze Lehrtüchtigkeit. Um diese zu ermitteln, muß der Beobachter eines Lehrers oder einer Schule sein Augenmerk gerade auf das Schwierigste in der Lehrarbeit richten, nämlich darauf, ob der Lehrer auf jeder Stufe, in jedem Stücke etwas Gründliches, Sicheres, mit einem Wort möglichst etwas Vollkommenes leisten will und kann. Dazu reicht aber nicht hin, sein Thun bloß bei den größeren Kindern zu beobachten; auch die unteren Abteilungen müssen beachtet werde, und gerade bei diesen bildet sich nicht selten das Urteil am sichersten und leichtesten. Gesetzt nun, ein Lehrer führte die untere Klasse oder Abteilung vor. Wenn da die Kleinen schon die einzelnen Laute nicht rein und deutlich aussprechen, auch der Lehrer nicht darauf hält, daß sie es thun; wenn die Wörter oder kleinen Sätze gar eintönig hergelesen werden; wenn der Lehrer die Schüler nicht dazu anhält, daß sie sich bei dem Gelesenen auch etwas denken; wenn sie die auswendiggelernten Sprüche, Gebete u.f.w. nicht deutlich und verständlich vortragen, und der Lehrer nicht ernstlich korrigiert, was zu korrigieren ist; wenn im Gesange nicht die möglichste Sicherheit, Reinheit und Feinheit wenigstens angestrebt wird; wenn die bereits vorgekommenen Übungen im Kopfrechnen nicht so lange getrieben worden sind, bis das Facit gleichsam auswendig gewußt wird; kurz, wenn der Lehrer nicht in allem und jedem den Grad der Leistungen, welcher auf dieser Stufe Vollkommenheit heißen kann, anstrebt: dann kann man mit ziemlicher Sicherheit urteilen, daß er noch kein wahrer Schul-Meister ist, daß ihm an der erforderlichen Lehrtüchtigkeit noch etwas Wesentliches mangelt, sei es nun, daß ihm die Einsicht in das, was vor allem not thut, abgehe, oder daß er das Erkannte nicht leisten könne.41 – Für die übrigen Abteilungen gilt das Gleiche: Nicht diese oder jene Manieren, Künste oder Handgriffe, sondern das Vorhandensein der Kunst aller Künste, nämlich in allen Gegenständen auf allen Stufen nach allen Seiten hin etwas Gründliches, Sicheres, also Vollkommenes mit Ernst anzustreben, ist bei der Beurteilung der Lehrgabe entscheidend. – Sie merken wohl, daß neben der nötigen Einsicht und der äußeren Geschicklichkeit auch die sittlichen Eigenschaften der Treue, der Ausdauer u.f.w. mit zur Lehrtüchtigkeit gerechnet sind.

Die zweite Aufgabe des Lehrers geht dahin, den Schülern die sogenannten gemeinmenschlichen Tugenden der Arbeitsamkeit, Pünktlichkeit, Ordnung, Reinlichkeit u.f.w. so viel als möglich anzuerziehen; oder richtiger gesagt: auf allen Stufen und in allem, was die Schüler sich aneignen sollen, das Princip der Gewöhnung mit Weisheit und Konsequenz in Ausübung zu bringen. Daran offenbart sich die zweite Haupttugend des Lehrers; die Erziehungsgabe, der Erziehertakt. Wie die vorhin beschriebene Lehrgabe, so wird auch diese Erziehergabe nicht in absonderlichen Stücken, Künsten und Exercitien zu suchen und daran zu beurteilen sein; vielmehr ist die Gewöhnung etwas, das im gesamten Schulleben, an jeder einzelnen Thätigkeit des Schülers: im Lesen, Sprechen, Schreiben und Rechnen, im Gehen und Stehen, bei Büchern und beim Anzuge u.f.w. in Wirksamkeit kommen muß. Das ganze Schulleben soll so eingerichtet und geleitet sein, daß es erziehend wirkt. Je weniger Auffallendes in diesem Betracht dem Besucher in einer Schule entgegentritt, desto besser ist‘s. Was auffällt, gleicht dem Krachen und Kreischen einer Maschine. Je stiller diese in ihrem Gange ist, desto vollendeter ist ihre Einrichtung und ihr Zustand. – Freilich ist das für die Schule – solange Schüler und Lehrer nach Adams Bild auf die Welt kommen – ein Ideal; ohne gelegentliches Stocken, Kreischen und Seufzen geht es einmal nicht ab. Aber das Ideal muß doch ins Auge gefaßt und angestrebt werden. Ob dies nun bei einem Lehrer der Fall sei, ist nicht so schwer erkennen.

Wer einen Blick für das gewonnen hat, was gute Zucht und Gewöhnung aus einem Menschen machen kann, wird nach kurzem Aufenthalt in einer Schule gewahren, wie es dort damit steht. Steht es gut, so muß ihm zu Mute werden, wie es einem wird, wenn man in eine Familie tritt, wo Sittlichkeit, Fleiß, Ordnung und Reinlichkeit waltet. Macht die Schule diesen Eindruck nicht, läßt sich nicht wahrnehmen, daß der genannten äußeren Tugenden hinarbeitet als auf als auf die Aneignung von Kenntnissen und Fertigkeiten, – daß er z.B. die Haltung des Körpers beim Schüler nicht ebenso beachtet, wie die Haltung der geschriebenen Buchstaben; einen Flecken im Hefte nicht ebenso behandelt, wie einen Schreib- und Sprachfehler u.f.w.; – so darf man getrost annehmen, daß ihm wenigstens seine zweite Aufgabe noch gar nicht klar geworden ist; daß er nicht weiß, wie jemand, der fleißig, ordentlich und pünktlich ist, in der Regel im bürgerlichen Leben vorankommt, auch wenn er mangelhafte Schulkenntnisse besitzt; während ein anderer von tüchtiger Schulbildung, dem jene Eigenschaften abgehen, selten dauernd auf einen grünen Zweig kommt.

Ist der Lehrer gar selbst ein Bild der Unordnung und Haltungslosigkeit, ein roher Pfarrer, Schreier und Stürmer, so liegt auf der Hand, daß er an sich noch keine ernste Zucht geübt hat; wie soll er sie also an andern mit Erfolg zu üben vermögen? Mit den beschriebenen beiden Eigenschaften, der Lehrgabe und dem Erziehertakte, ist das rechte Lehrerbild aber noch nicht vollständig, wie denn auch durch sie allein die Gesamtaufgabe der Schule noch nicht gelöst werden kann. Auf das erforderliche Dritte kann man durch verschiedene Betrachtungen geführt werde, zunächst schon durch eine geschärfte Auffassung der beiden erstgenannten Schulaufgaben. Es ist wohl möglich, daß in einer Schule in der angedeuteten Weise unterrichtet und ebenso musterhaft konsequent die Gewöhnung zu den bezeichneten nützlichen und löblichen Tugenden angestrebt wird, und doch die Schulluft auf den Besucher einen ungemütlichen, kalten, frostigen Eindruck macht. Ferner. Jene erste Aufgabe hinsichtlich des Unterrichts, – das stetige, unermüdete Dringen auf ein vollendetes Können und Wissen, von der Aussprache der einzelnen Laute an bis zum schönen Vortrag eines Liedes; – und dann der unaufhörliche Kampf, welchen der Lehrer vermöge der zweiten Aufgabe mit der angeborenen Trägheit, Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit der Kinder zu führen hat, setzen neben der Lehrgabe und dem Erzieherakte auch einen hohen Grad von Konsequenz und Zähigkeit, von liebender Hingabe und Selbstverleugnung voraus.

Wenn in dem Maße, wie der Lehrer mit Strenge auf Vollendung im Können und Wissen dringt, nicht auch seine helfende Hingabe an die Schwachen wächst, dazu sein Bemühen, den Schülern einen fröhlichen Mut zur Arbeit zu machen; –wenn in dem Maße, wie er behufs der Gewöhnung zu allem Guten und Löblichen die Schulordnung mit Ernst und Konsequenz handhabt, nicht auch sein herzliches Erbarmen mit der angeborenen Schwachheit des Kindes, und seine Freundlichkeit und Zartheit in der Behandlung der Einzelnen zunimmt; so mag er immerhin noch viel Nützliches für dieses Leben leisten, er wird aber den Kindern stets ein verhaßter Tyrann sein und ein lächerlicher Pedant dazu. Da ist es nicht schön in die Schule gehen, sondern eine Qual und Pein.

Dieses hülfreiche Hingeben an die Schwachen, – dieser fröhliche Geist unter der eintönigen Schularbeit, der auch die Kinder zu fröhlichen Arbeiten anregt, – dieses herzliches Erbarmen mit den Fehlenden und Fallenden, und endlich der innere, zarte Respekt vor der Würde des Kindes, „dessen Engel allezeit des Angesicht des Vaters im Himmel sieht;“ – dieses Dritte in der Begabung eines guten Lehrers, das den andern Gaben erst die rechte Weihe und die Bürgschaft des Segens giebt, ist aber nie und nirgends eine Mitgabe der Natur, auch nicht ein Erzeugnis natürlicher Entwicklung; es ist eine Gabe höherer Art und läßt sich nur von dem lernen und erbitten, der selbst in dienender Liebe sich für die Welt hingab. Es ist die Eigenschaft, die Gesinnung eines christlichen Lehrers; – das Sehen und Trachten, gesinnt zu werden, wie Jesus Christus auch war.

Auf denselben Punkt, d.h. auf dieselbe Eigenschaft des Lehrers kommt man hinaus, wenn die Betrachtung von der dritten Aufgabe der Schule ausgeht. Die christliche Schule – eine andere kann es in der christlichen Kirche vernünftigerweise nicht geben – soll die Kinder nicht bloß mit dem bekannt machen, was Gott in den sichtbaren Werken der Schöpfung von seinem unsichtbaren Wesen Schönes und Gutes geoffenbaret hat; auch nicht bloß für die kurze Dauer dieses Zeitlaufs sie bilden und ausrüsten; sie hat Größeres zu thun, ist adeligen Berufs und Charakters.42 Die Kinder sollen auch und vor allem die Offenbarung Gottes zur unvergänglichen Freude und Beseeligung kennen lernen und für das Leben in seinem unbeweglichen Reiche gebildet und erzogen werden. Dieser Aufgabe gegenüber ist die notwendig erforderliche Eigenschaft eines Lehrers bald ermittelt: er muß selbst also gebildet und erzogen sein.

Aber die Kennzeichen der christlichen Gesinnung? Man sagt doch, die Gesinnung sei etwas Innerliches; wie mag man da hineinschauen? – Allerdings der christliche Sinn wurzelt im tiefsten Grunde des Herzens, und wenn er da nicht wurzelt, so wird er bald verdorren. Aber er soll doch nicht bloß im Verborgenen wurzeln, er soll auch in Wort und That ans Licht kommen, er soll für sich Frucht bringen. „An den Früchten“ – spricht der Meister – „sollt ihr sie erkennen.“ Ein christlicher Sinn, der nicht in Bekenntnis und Leben ans Licht kommen kann oder will, ist für den menschlichen Beurteiler, welcher sehen muß, was vor Augen ist, nicht vorhanden; er muß dem Urteil Gottes überlassen werden, das ihn ja kennen wird. Von einigen Früchten einer christlichen Gesinnung, die im Schulleben zu Tage kommen können, ist vorhin schon die Rede gewesen.

Aber der Unterschied zwischen einem bloßen „Lehrer des Christentums“ und einem wirklich christlichen Lehrer ist so groß, daß er (wenn man die Heuchler-Virtuosen, welche Gott richten will, abrechnet), wenigstens in der Regel für ein sehendes Auge sich auch noch an andern Punkten bemerkbar macht. Jener gleicht einem blinden hölzernen Wegweiser, der mit seinem steifen Arm da- und dorthin zeigt, aber auf seiner Stelle stehen bleibt; während dieser ein lebendiger Reisegefährte ist, der den zu Unterweisenden freundlich an der Hand nimmt und geleitet, so weit es gehen mag. Jener ist ein Spediteur, der fremde Sachen, deren Wert er nicht einmal kennt, weiter befördert; ein Makler, der die Waren anderer bloß um des Maklerlohnes willen vielleicht mit Aufwand aller möglichen Beredsamkeit anpreist; ein Referent, der wohl zu erzählen weiß, was andere Leute – von Adam bis St. Johannes – von Gottes Herrlichkeit und Tugend gesehen und erfahren haben, aber aus eigener seliger Erfahrung nichts zu zeugen weiß; – während dieser, als einer, der die köstliche Perle, den Schatz im Acker gesucht und gefunden, von einigem geschätzten Besitztum reden und von dem, was seine Augen und Ohren gesehen und gehört haben, mit vollem Brustton ein lebendiges Zeugnis ablegen kann. Jener erzählt auch biblische Geschichten, und darunter die Lebensgeschichten solcher Personen, von denen die Heilige Schrift mit großem Respekt redet; aber er erzählt sie so, daß die kleinen Hörer aus seiner Rede und Stimme unmöglich heraushorchen können, daß auch er diese Personen im innersten Herzen achte und gern werden möchte wie deren einer. Redet er in der einen Stunde von Moses oder David, und in der andern von Karolus „magnus“ oder Friedrich „dem Großen“, so hören sie dort wie hier kommandieren und marschieren, vom Taufen im Roten Meer und vom Taufen in der Elbe, von Krieg und von Sieg; aber welche von jenen Helden in Gottes und ihres Lehrers Augen die weltgeschichtlich bedeutenderen gewesen und warum, das vermögen sie nicht einmal zu erraten. Bei einem Lehrer aber, der selbst weiß, wonach Gottes Auge sehen, werden auch die Schüler darüber nicht im Zweifel bleiben. Mit einem Wort: So weit ein tönendes Erz und eine klingende Schelle von einer beseelten, lebendigen Menschenstimme unterschieden ist, so weit und groß ist auch der Unterschied zwischen einem bloßen „Christentums-Lehrer“ und einen wahrhaft christlichen Lehrer. Und wer es mit sich selbst in Ansehung der eigentlichen Lebensfrage ernst genommen hat, und nicht in Selbsttäuschung und Selbstbetrug stecken geblieben ist, wird auch in der Beurteilung anderer selten ganz irre gehen.

Hiermit bin ich mit der Herausstellung der drei Kardinaltugenden eines Lehrers und deren Kennzeichen zu Ende. Sofern meine Untersuchung das Richtige, nämlich die wahrhaft wesentlichen Lehrereigenschaften getroffen hat, dürfte Ihnen auch zu empfehlen sein, beim Besuch in einer Schule diese Hauptstücke ja fest ins Auge zu fassen, damit durch das Vielerlei des Schullebens der Blick nicht auf Nebensache abgelenkt werde. Ist es auf irgend einem Gebiete gut und rätlich, die Hauptsachen auch wirklich als Hauptursachen anzusehen und zu behandeln, dann gewiß auf dem Gebiete der Schule.

Endnoten

41

Die Kollegen, welche dies lesen, werden sich schon selbst sagen, daß das in Rede stehende Kennzeichen der Lehrtüchtigkeit mit besonderer Absicht so scharf hervorgehoben ist. Mit Absicht ist es betont, weil gerade die Laien im Schulfache es weniger zu beachten pflegen, und selbst beamtete Schulrevisoren es nicht nach Gebühr zu schätzen scheinen; aber es ist auch mit Recht hervorgehoben, weil es wirklich ein wesentliches Stück der Lehrqualitäten in sich schließt. Der Schreiber dieses weiß übrigens wohl, daß in dieser Welt der Unvollkommenheit selbst der geschickte und treue Lehrer bei einem ungnädigen Revisor, der etwas an ihm suchen will und es an dieser Stelle sucht, übel fahren kann. Auch soll nicht geleugnet werden, daß auf der andern Seite die Haltung der Oberabteilung (der älteren Schüler), ihr Vertrauen zu dem Lehrer und ihr Urteil über ihn von nicht geringer Bedeutung für die Kleineren und für das gesamte Schulleben ist; daß mithin auch in Bezug auf die Oberklasse leicht etwas versäumt werden kann, sich empfindlich rächt. Doch ist das, was die Rücksicht auf die größeren Schüler erheischt, mehr Sache der persönlichen Haltung des Lehrers, ist nur für ihn zu wissen nötig, nicht für den fremden Beurteiler, und wird sich auch mehr oder weniger dem fremden Urteil entziehen.

42

Was soll man von der Vernunft derer halten, welche die Schule und sich selbst solchen Adels, d.i. des ewigen Lebens unwert achten? (Apg. 13, 46).