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Wenn man das Johannesevangelium mit Jürgen Becker als „Schmerzenskind der neutestamentlichen Wissenschaft“1 betrachtet, so gilt das in besonderem Maße für Joh 21. Die vier ungelösten Dauerprobleme, denen das Johannesevangelium nach Ansicht Beckers diesen Titel verdankt, betreffen ausnahmslos auch das letzte Kapitel:

  • a) Die Verfasserfrage oder auch Echtheitsfrage,

  • b) die literarische Problematik des Werkes (Umstellungen, Quellen, Verhältnis zu den Synoptikern),

  • c) die religionsgeschichtliche Einordnung des Johannesevangeliums,

  • d) die theologische Absicht seines Verfassers (oder der einzelnen Stufen der Entwicklung des Joh).2

Zur Zeit der Abfassung von Beckers Johanneskommentar harrten diese Probleme nach wie vor einer Lösung. 40 Jahre später ist eine solche kaum näher gerückt. Der Verfasser des Evangeliums ist immer noch unbekannt.3 Die literarkritische Erhellung der Entstehungsgeschichte hat nach wie vor keinen Konsens erreicht und scheint mittlerweile insgesamt in eine Krise geraten zu sein.4

Was die religionsgeschichtliche Einordnung des Johannesevangeliums betrifft, ist längst nicht einhellig geklärt, wes Geistes Kind der Text nun ist.5 Und auch über die Absicht des Verfassers, mehr noch über die Absicht einer vermuteten Redaktion, wird nach wie vor heftig diskutiert.6

Insgesamt scheint es fast, als hätte die neutestamentliche Exegese in 40 Jahren nicht viele neue Antworten auf diese Fragen gefunden, die Becker 1979 so bedrängend erschienen. Allerdings ist auch die exegetische Landschaft eine Generation später nicht mehr dieselbe.7 In Zeiten einer hermeneutischen und damit auch methodischen Pluralität, geht es nicht mehr nur darum, neue Antworten auf diese Fragen zu suchen, sondern sich auf neuen Wegen auch neue Fragen zu stellen. Alle vier von Becker genannten Problemlagen stellen sich in erster Linie historisch arbeitenden Exegetinnen und Exegeten. Wer war der Autor des Textes? Was waren dessen Vorlagen oder religionsgeschichtlichen Einflüsse? Was war die Absicht des Verfassers und welcher Art war sein literarisches Vorgehen? Es geht also in erster Linie um die Rekonstruktion der Textentstehung, die im Idealfall dann auch Rückschlüsse über den historischen Gegenstand des Textes, nämlich das Leben Jesu erlaubt.

Neben diesem historischen Zugang hat sich im Zuge des Narrative Turn8 zunehmend der synchrone Blick auf die literarische Endgestalt der Texte etabliert, der durch ein narratologisches Analyse-Instrumentarium wertvolle Einsichten in Gestaltung und Funktionsweise zu Tage fördert. Nun kann sich die Neutestamentlerin oder der Neutestamentler freilich trotzdem der Frage nach dem Gewordensein des Textes nicht einfach entledigen, wenn nach wie vor gilt: „Exegese ist auf Verstehen aus.“9 Wenn es darum geht, zu verstehen, mit was für einem Text wir es beim Johannesevangelium zu tun haben, reicht es nicht aus, ihn in radikal rezeptionsästhetischer Gangart einfach in unsere postmoderne Welt sprechen zu lassen. Um zu ergründen, welche Art von Text wir hier lesen, wird man auch eine produktionsorientierte Perspektive einnehmen müssen und sich zumindest die Frage nach der pragmatischen Funktion des Textes stellen müssen, die letztlich zu dessen Abfassung führte.

Das heißt, es gilt auch die Entstehung des Textes in den Blick zu bekommen. So hilfreich die im Rahmen des Narrative Turn entwickelten Methoden für ein umfassendes Verständnis der Texte als Erzählungen sind, verleiten sie doch dazu, die Evangelien ausschließlich wie zeitgenössische Romanliteratur zu behandeln, deren Verwendungs- und Kommunikationssituation uns vertraut ist. Dabei sollte jedoch die Frage nach der ursprünglichen Funktion der Erzählung nicht aus dem Blick geraten, die sicher eine andere war als die der narrativen Unterhaltungsliteratur, die üblicherweise Gegenstand der im Zuge des Narrative Turn auf die neutestamentlichen Texte angewandten Analyseschritte ist. Letztere haben sich sicher auch auf dem Gebiet der neutestamentlichen Exegese als sehr hilfreich erwiesen und dementsprechend auch zurecht Eingang in die Methodenbücher gefunden.10 Ein Evangelium als Erzählung narratologisch zu analysieren, ist also in erster Linie nicht mehr als ein methodischer Schritt, der je nach hermeneutischem Zugang sinnvoll erscheinen kann.

Zusätzlich zum neuen Fragenkatalog des Narrative Turn hat schließlich auch der Cultural Turn neue Fragen in die neutestamentliche Exegese eingebracht, die, anders als der narrative Zugang, auch eine produktionsorientierte Perspektive einnehmen. Dabei geht es jedoch weniger um historische Fragestellungen nach Autorschaft und Textwachstum als um eine Beleuchtung der Erzählpragmatik aus kulturwissenschaftlicher Sicht. Theorien zu sozialen Gedächtnisprozessen ermöglichen es dabei, sich dem Wozu des Textes aus einer völlig neuen Perspektive zu nähern.11

Inmitten dieser sich zunehmend verändernden Fachkultur haben Jean Zumstein und Andreas Dettwiler in den 1990er Jahren ein neues Konzept vorgeschlagen, um die Entstehung und Entwicklung des johanneischen Schrifttums zu beleuchten, das sich in einen gedächtnistheoretischen Zugang gut einzufügen scheint, da es nicht mehr von Fragen nach Autorschaft und Textvorlagen ausgeht, sondern die Entstehungsgeschichte des Textes als Fortschreibung aufgrund sich wechselseitig beeinflussender theologischer Reflexion und veränderten sozialen Herausforderungen begreift.12 Trotzdem wurde das Modell bisher in erster Linie historisch-kritisch bzw. redaktionsgeschichtlich angewandt.

Im Folgenden möchte ich den Versuch unternehmen, das Relecture-Modell in eine von Sandra Huebenthal in Anlehnung an Maurice Halbwachs, Aleida und Jan Assmann, Harald Welzer, David Polkinghorne, u.a. entwickelte kulturwissenschaftliche-gedächtnistheoretische Hermeneutik zu integrieren. Dazu werde ich zunächst das Relecture-Modell nach Jean Zumstein und Andreas Dettwiler in die Forschungsgeschichte zur Johannesentstehung einordnen (Kapitel 1). Anschließend werde ich die von Huebenthal vorgeschlagene kulturwissenschaftlich-gedächtnistheoretische Hermeneutik skizzieren und Relecture-Prozesse aus dieser Perspektive beschreiben (Kapitel 2). Schließlich werde ich, ausgestattet mit dieser Lesebrille, das Sorgenkind Joh 21 unter die Lupe nehmen (Kapitel 3) und eruieren, was diese Perspektive für die zeitgenössische Johannesexegese hermeneutisch auszutragen vermag (Ausblick und hermeneutische Reflexion).

1

BECKER, Jürgen, Das Evangelium nach Johannes. Kapitel 1-10, ÖTK 4/1, Würzburg 1979, 27.

2

Vgl. BECKER, Das Evangelium nach Johannes. Kapitel 1-10, 27.

3

Vgl. hierzu Kap. 1.1.1 und 3.3.3.

4

Vgl. BOND, Helen K., How Historical is John’s Gospel? History, Memory and the Reception of Jesus Tradition in the Late First Century, in: PIBA 36-37 (2013-2014), 75-90, 84-85; KEITH, Chris, The Competitive Textualization of the Jesus Tradition in John 20:30-31 and 21:24-25, CBQ 78 (2016), 321-337, 332-333. Vgl. auch Kap. 3.3.1.

5

Vgl. Kap. 2.5.3.

6

Vgl. Kap. 3.3.1.

7

Der Zeitraum von 40 Jahren zwischen Beckers Kommentar und dieser Arbeit lässt sich mit Jan Assmann kulturwissenschaftlich mit einer Generation umschreiben. Vgl. ASSMANN, Jan, Religion und kulturelles Gedächtnis. Zehn Studien, 2. Auflage, München 2004, 29. Zur Dehnbarkeit dieser Zeitspanne und zur Bedeutung der Generationenschwelle für die kollektive Identität von Erinnerungsgemeinschaften vgl. Kap. 2.4.

8

Vgl. Kap. 1.1.3.1.

9

SCHWANKL, Otto, Die Sadduzäerfrage (Mk 12,18-27 parr). Eine exegetisch-theologische Studie zur Auferstehungserwartung, BBB 66, Frankfurt am Main 1987, 1. Hervorhebung im Original.

10

Vgl. EBNER, Martin/HEININGER, Bernhard, Exegese des Neuen Testaments, 3. Auflage, Paderborn 2015, 71-113.

11

Vgl. Kap. 2.

12

Vgl. Kap. 1.2.