Liebe Leserinnen und Leser,

vor einem Jahr haben wohl nur die größten Realisten damit gerechnet, dass die Welt auch Pfingsten 2021 noch in den Fängen der Pandemie steckt. Sie dauert jetzt bereits ungefähr so lange wie z.B. der Estnische Unabhängigkeitskrieg von 1918 bis 1920 – 14 Monate (bei allerdings sehr viel weniger Todesfällen). Auch war die Grenze zwischen Estland und Lettland in den letzten hundert Jahren wohl nie so geschlossen wie im Frühling 2021. Mit der zunehmenden Anzahl von geimpften Menschen, so bleibt zu hoffen, werden sich die Gesellschaften wieder öffnen und sich damit auch das normale akademische Leben, das sicher gerade in Pandemiezeiten zu den privilegierten Bereichen zählt, wieder beleben. Kontaktpflege oder Unterricht allein über digitale Kanäle sollte nur eine Alternative neben den so notwendigen „echten“, leibhaftigen Begegnungen sein, die wir alle vermissen.

Eine Zeitschrift wie unsere lässt sich aber auch im Home-Office herstellen. Für die Redaktion hat sich in diesem Jahr nicht viel geändert, wohl aber für zahlreiche unserer Autorinnen und Autoren, die von geplanten Reisen in ausländische Archive oder Bibliotheken Abstand nehmen mussten. Gerade für jüngere Kolleginnen und Kollegen ist es tragisch, dass es zurzeit keine Konferenzen in der realen Welt gibt, da die Onlineformate das für die weitere Laufbahn zuweilen so wichtige persönliche Networking nur in begrenztem Maße ermöglichen. Automatisch generierte break-out Räume ersetzen nicht das zufällige Treffen beim Frühstück oder am Abend beim Absacker. Ohne Tisch- oder Tresengespräche werden aber weniger Ideen für zukünftige Projekte und Kooperationen generiert als zuvor, vom fachlichen Austausch einmal ganz abgesehen. Aber vielleicht sehen wir das auch zu pessimistisch? Vielleicht ist dieses Jahr ein Abstecher in die Zukunft gewesen? Zumal aus ökologischen Gründen überflüssige Flugreisen ohnehin zu vermeiden sind. Doch sind auch Online-Konferenzen keineswegs klimaneutral.

In dieser Nummer der „Forschungen zur baltischen Geschichte“ geht es einmal nicht um Viren. Vielmehr drehen sich die Beiträge um den Alltag finnischer Bauarbeiter in der Estnischen SSR, religiöse Polemiken im Mittelalter oder um die spannende Frage, ob Herder tatsächlich das Litauische nicht vom Lettischen unterscheiden konnte. Wir werden an eine reichgedeckte mittelalterliche Tafel voller leckerer Fischspeisen geladen, betrachten das litauische Kriegsgedenken in der Zwischenkriegszeit und diskutieren die Erinnerungen von estnischen Kommunisten sowie die Rezeption des bekannten estnischen Schriftstellers Jaan Kross in der Lettischen SSR.

Wie bekannt, haben wir die technische Seite des Produktionsprozesses mit der letzten Nummer aus der Hand gegeben. Wir danken besonders Herrn Diethard Sawicki vom Schöningh Verlag für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, auch wenn beim ersten Mal erwartungsgemäß noch nicht alles perfekt geklappt hat. Nicht aus der Hand geben können wir aber die Übersetzung und Sprachkorrektur. Wer schon einmal Erfahrungen mit Übersetzungsbüros gemacht hat, wird zustimmen, dass das Herumdoktoren an maschinell erstellten Übersetzungen wissenschaftlicher Texte nichts taugt. Die Arbeit an der Sprache der Beiträge dieser Nummer lag daher in den bewährten Händen der Übersetzerinnen Anu Aibel-Jürgenson, Aiga Šemeta und Tea Vassiljeva. Die Endkorrektur besorgten Martin Pabst (deutsche Texte) und Siobhan Kattago (englische Texte). Vielen Dank!

Finanzielle Unterstützung gewähren uns weiterhin die Universitäten Riga, Tallinn und Tartu sowie die Baltische Historische Kommission. Sie leisten damit einen Beitrag für die Internationalisierung der Baltikumforschung, für die unsere Zeitschrift in ihrem sechzehnten Jahr mittlerweile ein anerkanntes Medium geworden ist. Über die Jahre hat sich auch der Umfang englischsprachiger Texte erweitert, was der internationalen Zugänglichkeit neuester Forschungsergebnisse sicher zuträglich ist. Zugleich bleibt das Deutsche aber unverzichtbar als historische Lingua franca der Region. In diesem Sinne wünschen wir unserem Publikum weiterhin viele neue Erkenntnisse bei der Lektüre des diesjährigen Bandes der „Forschungen zur baltischen Geschichte“.

31. Mai 2021

Karsten Brüggemann

Mati Laur

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