Im Zwischenraum.

ER: Hast du das mitbekommen? Da will jemand eine Dissertation über romantische Literatur schreiben. Ganz schön gewagt, wenn man bedenkt, dass dieses Thema schon aus allen erdenklichen Perspektiven beleuchtet wurde.

SIE: Ja, das habe ich mitbekommen. Ich finde das gewagt, aber durchaus notwendig. Denn du hast recht, die Forschung ist in der Tat umfassend. Aber es muss einen Grund haben, warum die Literatur der Romantik stetig im Fokus steht: Sie beschäftigt die Forschung offenbar nachhaltig, weil romantische Texte so vielfältig sind, dass sie immer und immer wieder Anlass dazu bieten. Wenn man sich mit romantischer Literatur befasst, gewinnt man schnell den Eindruck, sie drapiert sich um einen Kern, den die Forschung immer umkreist, als hätte sie ein eigenes Gravitationsfeld.

ER: Wie meinst du das? Wie kann die Forschung nur um den Kern kreisen? Bearbeitet sie den Kern denn nicht mit?

SIE: Ich meine, dass romantische Texte ein so vielseitiges Angebot unterbreiten, dass man sie nicht erschöpfen kann, und dass sie dabei dennoch immer um eine ‚Leerstelle‘ kreisen. Damit meine ich aber nicht unbedingt eine Leerstelle, die inhaltlich hohl ist, sondern eher eine, die nicht benannt wird und nicht benannt werden kann. Ich stelle mir romantische Texte in dieser Hinsicht ein wenig wie ein schwarzes Loch vor. Bei einem schwarzen Loch ist die Gravitation so stark, dass alle Materie von ihm angezogen wird, aber nichts herauskommen kann. Ähnlich scheint mir das bei romantischer Literatur zu sein. Alles, was in romantischen Texten mehr oder weniger stark verhandelt wird, kreist um einen nicht näher identifizierbaren Kern, der auch nur deshalb überhaupt erst bemerkt werden kann, weil die anderen Themen darum kreisen; so wie auch bei schwarzen Löchern. Den thematischen Kern selbst zu definieren ist damit unmöglich.

ER: Wieso sollte es unmöglich sein, ein Kernelement eines Textes zu analysieren und demnach auch zu definieren? Die Forschung ist voller Definitionsversuche. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, um sich dieser ‚Leerstelle‘ zu nähern. Wenn ich mir anschaue, welche Themen in romantischer Literatur bestimmend sind, kann ich aus ihnen auch einen Kern und eine Definition extrahieren.

SIE: Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man sich dieser Literatur nähert, lassen sich für verschiedene Phänomene Definitionen anbringen, die selbstverständlich alle ihre Richtigkeit und Berechtigung haben, aber sie scheinen dennoch an vielen Stellen unzureichend zu sein. Zumindest reflektiert die Forschung das selbst. Denn diese Definitionsversuche einer ‚Leerstelle‘ führen selbst ins Leere. Sie definieren nicht, was der Kern ist (weil sie ihn nicht sehen können). Sie definieren aber auch nicht, was nicht ist, sondern sie definieren den Kern romantischer Literatur auf der Grundlage dessen, was sie sehen können, indem sie ausblenden, dass Vieles bewusst nicht wahrnehmbar ist (besonders die erzeugten Paradoxien und Ambivalenzen). Es ist auch nichts dagegen einzuwenden, solange man sich bewusst macht, dass die Definitionen von romantischer Literatur bestenfalls so etwas wie ‚Anti-Definitionen‘ sein können –

ER: Moment, da muss ich dich kurz unterbrechen. Wieso glaubst du das? Ist es nicht genau das, was Wissenschaft versucht? Die Dinge zu untersuchen und (auch sukzessive) zu definieren, auch wenn man es (noch) nicht richtig sehen kann?

SIE: Da kann man ebenso eine Gegenfrage stellen: Wie will man etwas definieren, das sich nicht definieren lassen will? Eine Definition ist – per definitionem – immer eine Festschreibung auf bestimmte Merkmale und damit automatisch eine Abgrenzung von etwas anderem. Sie steht damit in einem statischen Verhältnis zu anderen Definitionen. Romantische Literatur kennzeichnet sich aber durch Dynamik. Wie soll man das mit etwas Statischem beschreiben und wie soll man etwas abgrenzen, das grenzenlos sein will?

ER: Ich sehe ein, dass das schwierig ist, aber wieso bist du dir so sicher, dass romantische Literatur, nur weil sie vielleicht selbst den Anspruch erhebt, dynamisch zu sein – ich denke da auch an das Konzept der ‚progressiven Universalpoesie‘ –, auch wirklich dynamisch und damit undefinierbar ist?

SIE: Zum einen, weil in all den Jahrzehnten Romantikforschung nur ein einziger Konsens gefunden wurde: Nämlich der, dass romantische Literatur heterogen und jede Definition stets unzureichend ist. Zum anderen, weil sie es selbst implizit artikuliert; oder konkreter: weil sie es performativ vorführt.

ER: Wenn die Forschung selbst sagt, dass ihre Definitionen unzureichend sind, haben sie doch ihre eigene Insuffizienz pointiert.

SIE: Ja, natürlich. Darum geht es mir aber auch nicht. Du hast mich nicht aussprechen lassen. Ich sage nicht, dass die Forschung sich dessen nicht bewusst ist, dass ihre Definitionsversuche stets an Grenzen stoßen. Es geht nicht darum, den Grad der Selbstreflexion innerhalb der Romantikforschung zu kritisieren, sondern hervorzuheben, dass auch diese unzureichenden Definitionen nicht zielführend sind, wenn sie nur zustande kommen, weil ein erheblicher Teil ausgeblendet wird, selbst wenn man sich das bewusst macht. Denn wie will man eine Bewegung festhalten?

ER: Aber wie soll man also nun eine Definition aufstellen, die sich – im Gegensatz zu anderen Ansätzen – bewusst macht, dass sie eben keine ‚echte‘ Definition sein kann und Bewegung in den Fokus rückt?

SIE: Ich würde ad hoc sagen: indem man sich genauer anschaut, was abseits des Forschungsdiskurses steht. Romantische Texte vermeiden Definition, also Feststellung und Festschreibung. Der Anspruch, stets undefinierbar zu bleiben, und die damit erzeugte Dynamik der Texte, lässt sich möglicherweise auch auf anderen Wegen wissenschaftlich analysieren und beschreiben.

ER: Indem man die ‚Leerstelle‘ untersucht? Was verspricht man sich davon, wenn doch im Vorfeld klar ist, dass man sie nicht sehen kann? Das haben doch offensichtlich schon viele versucht.

SIE: Die Forschung befasst nicht mehr nur mit romantischer Ambivalenz, sondern inzwischen mit ihrer eigenen Ambivalenz im Romantik-Diskurs. Ob man wirklich die ‚Leerstelle‘ untersuchen kann, weiß ich natürlich auch nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, dass ein anderer Umgang damit gewinnbringend ist. Zum Beispiel, indem man sich von dem Anspruch entfernt, am Ende der Untersuchung romantischer Literatur eine statische Definition hervorzubringen, und lieber die Dynamik selbst in den Fokus stellt. Oder aber, indem man den Dialog, den romantische Texte lostreten, aufrecht erhält. In den Fragmenten des Athenaeums steht: „Ein Dialog ist eine Kette, oder ein Kranz von Fragmenten. Ein Briefwechsel ist ein Dialog in vergrößertem Maßstabe, und Memorabilien sind ein System von Fragmenten. Es giebt noch keins was in Stoff und Form fragmentarisch, zugleich ganz subjektiv und individuell, und ganz objektiv und wie ein nothwendiger Theil im System aller Wissenschaften wäre.“1 Das Fragment und der Dialog sind, wenig überraschend, offen und damit auch erweiter- und veränderbar, also dynamisch; warum soll man das nicht auch in der Literaturwissenschaft können, die doch nichts anderes als ein Dialog ist?

ER: Dann müsste man eine Dissertation schreiben, die nur aus Fragmenten besteht. Oder aus einem Dialog.

SIE: Wenn man es radikal zu Ende denkt, schon. Allerdings bedient eine Dissertation eine Gattung wissenschaftlichen Schreibens und das erfordert einen diskursiven Teil. Aber ich wüsste nicht, warum ein Dialog nicht ebenso diskursiv sein kann. Eine Dissertation ist doch zunächst einmal, wie ein Fragment, ein einzelner Beitrag zu einem übergeordneten Forschungsdialog. Solange die Ergebnisse wissenschaftlich haltbar sind, wüsste ich nicht, warum man nicht mit der Form experimentieren sollte.

ER: Das leuchtet mir ein. Aber was ist dann der innovative Beitrag einer solchen Dissertation über Romantik? Soll es denn etwa nur die formale Gestaltung sein? Das scheint mir eine recht dünne Grundlage für eine Promotion.

SIE: Die Innovation darf nicht ausschließlich in der formalen Darstellung liegen, sondern könnte zum Beispiel darin bestehen, die Forderung, die die Forschung stetig formuliert – und die konsequenterweise aus ihren Ergebnissen hervorgehen muss –, einzulösen: einen induktiven Zugang zu romantischer Literatur finden und die eigene wissenschaftliche Methodik daran anpassen.

ER: Ist es nicht ein bisschen reduktionistisch, die Forschung so über einen Kamm zu scheren? Es gibt doch sicherlich auch in der Forschung induktive Ansätze?

SIE: Ich schere sie nicht über einen Kamm, sondern ich extrahiere ihre zentrale Forderung, die aus dem Konsens über die Heterogenität dieser Epoche hervorgeht. Jede Einführung und jeder Sammelband zum Thema Romantik schickt als erstes die Botschaft voraus, dass Romantik als Ganzes nicht erfasst werden kann und die Darstellung nicht umfassend sein wird. Die Forschung stellt also selbst immer wieder fest, dass sie mit ihren kategorialen Systemen an Grenzen stößt und damit nur den Kern umkreist, und fordert dennoch ein, was sie selbst oftmals nicht einlöst. Aber in genau diesem Problem liegt möglicherweise auch die Lösung: Romantische Literatur lässt sich nicht definieren, weil die Texte das auf verschiedene Weise zu verhindern wissen. Wenn nun eine Arbeit genau dies in den Fokus rückt und damit aktiv auf das reagiert, was die Forschung vor allem passiv feststellt auf die Unzulänglichkeit der definitorischen Kategorien und Systeme, dann findet man vielleicht einen Weg, die forschungsimmanente Ambivalenz zu umgehen.

ER: Wo in der Forschung wird denn diese Forderung gestellt?

SIE: Kaminski schreibt zum Beispiel: „Trägt man der systematischen romantischen Grenzverwischung zwischen poetischem und diskursivem Sprechen mittels Integration des je anderen, vermeintlich entgegengesetzten Sprechgestus Rechnung, so scheidet jedes Analyseverfahren, das hierarchisierend auf kategorialer Unterscheidung zwischen poetologischem ‚Programm‘ und poetischer ‚Einlösung‘ insistiert, von vornherein aus.“2 Und Chaouli schreibt: „Eine Sichtweise, die Poesie und Poetik von der Wissenschaft her beschreibt statt umgekehrt, steht quer zur Rezeption der Romantik.“3

ER: Ist das dann noch literaturwissenschaftliches Arbeiten, wenn man nicht mit literaturwissenschaftlichen Kategorien operiert?

SIE: Nur weil abseits von Epochenmodellen und Gattungskonstrukten mit dem Kernproblem romantischer Literatur gearbeitet wird, statt es mit ihnen resignierend zu umschiffen, ist das nicht gleich unwissenschaftlich. Diese wissenschaftlichen Konstrukte muss die Arbeit freilich zur Kenntnis nehmen, aber deshalb müssen romantische Texte nicht zwangsläufig zur theoretischen Grundlage erhoben werden – zumal romantische Texte selbst nicht zwischen Literatur und Theorie differenzieren. Das romantische Grundkonzept wird nicht theoretisch ausgebreitet, sondern konstruiert sich erst durch Performanz. Damit wird romantische Literatur dynamisch. Man kann nicht alles verstehen und schon gar nicht definieren – oder am Ende ein vollendetes Produkt in den Händen halten. Man kann aber den Produktionsprozess untersuchen und aufrecht erhalten, indem man experimentiert und sich auf die eingeforderte „gedankliche Erkundungsreise“4 begibt.

ER: Was meinst du, wie wird die Arbeit das konkret umsetzen?

SIE: Ich weiß es nicht genau. Das wird die Lektüre der nächsten Seiten zeigen. Ich würde mir aber wünschen, dass die Umsetzung dieser Forderung erfolgt, indem die Dynamik romantischer Texte nicht nur in den Blick genommen, sondern auf die davon ausgehende Provokation eingegangen wird. Also, indem man zum Beispiel auch in der Darstellung der Textanalyse selbst zwischen ‚literarischem‘ und ‚theoretischem‘ Sprechen wechselt. Kurz: Indem man das untersucht, was der romantische Text anbietet und was er einfordert, indem diese Performanz selbst adaptiert wird – immer mit dem Bewusstsein dessen, dass damit am Ende kein feststehendes Ergebnis in Form eines Modells oder einer Definition entstehen kann.

ER: Ein wissenschaftliches Analyseergebnis, das, wie du sagst, Teil eines Diskurses ist, mit poetischen Mitteln darstellen? Hat man dann Wissenschaft betrieben oder Poesie produziert? Wäre das nicht auch irgendwie ein Ergebnis?

SIE: Es ist in dem Sinne ein Ergebnis, weil daraus eine Arbeit resultiert, die diesen Kommunikationsprozess romantischer Texte aufrecht erhalten will. Aber es ist kein statisches Konstrukt, sondern eines, das auf Prozessualität ausgerichtet ist. Wenn man von romantischen Texten und ihrer mangelnden Differenzierung ausgeht, ist ‚literarisches‘ und ‚wissenschaftliches‘ Sprechen zugleich möglich; es ist sogar nötig, wenn man Schlegel folgt: „Alle Kunst soll Wissenschaft, und alle Wissenschaft soll Kunst werden“.5 Poesie und Wissenschaft müssen nicht einander gegenüberstehende, sich gegenseitig ausschließende Formen von Rede sein. Solange der diskursive Teil gegeben und die Methodik haltbar ist, ist es auch wissenschaftlich. Ich finde es legitim, wenn man das erprobt. Romantische Texte sind hochgradig experimentell – vielleicht ist das der Weg, um einen Ambivalenzen vermeidenden Zugang zu ihnen zu finden. Diese Texte scheinen ‚organisch‘ zu sein und zu wachsen. Das zeigt sich auch an der immer wiederkehrenden Pflanzenmetaphorik: „Hebt eine herrliche Pflanze aus dem fruchtbaren mütterlichen Boden, und es wird sich manches liebevoll daran hängen, was nur einem Kargen überflüssig scheinen kann.“6

ER: Ein Text hat einen Anfang und ein Ende, er kann nicht ‚wachsen‘.

SIE: Vom materiellen Standpunkt aus gesehen hat ein Text natürlich immer Grenzen, aber ein Text ist schließlich mehr als eine Ansammlung von Zellulose und Druckerschwärze oder die Anordnung von Graphemen. Auch romantische Literatur lässt sich nicht als ein Sammelsurium einzelner, in sich geschlossener Texte verstehen, sondern als unbegrenztes und damit andauernd ‚wachsendes‘ Netzwerk, das keine Grenzen kennt und keine Grenzen will und in dem alles zu einem wird und miteinander oszilliert.

ER: Oszillation ist – dem Titel nach – der Kernbegriff dieser Arbeit, aber ich frage mich: Inwiefern oszilliert Literatur? Das ist doch ein Begriff aus der Physik.

SIE: Eignet er sich deshalb nicht, um das zu beschreiben, was romantische Literatur in vielerlei Hinsicht charakterisiert? Das lateinische ‚oscillare‘ bedeutet ‚schwingen, schwanken, schaukeln‘ und bezeichnet damit eine Bewegung, die auch in romantischen Texten zu beobachten ist. Alles interagiert miteinander, alles vermischt sich, nichts steht still. Alles, was im Dialog, den romantische Texte anregen und aufrecht erhalten, gesagt wird, ist mindestens assoziativ miteinander verkettet und bildet damit ein Netzwerk. Durch Aktion und Reaktion bleibt der Dialog in Bewegung. Er ‚lebt‘ nur durch seine Dynamik und das bedeutet, dass es keine Grenzen gibt – auch keine thematischen. Das muss zwangsläufig zu einem unauflösbaren, kaum zu durchdringenden und sicherlich auch paradoxen Gemisch führen.

ER: Solange zweifelsfrei anhand der Texte und mit wissenschaftlich haltbaren Methoden belegt wird, dass sie tatsächlich oszillieren, lasse ich mich auch davon überzeugen. Dennoch halte ich eine weitere Dissertation zu romantischer Literatur für ein gewagtes Unternehmen; das kann schnell nach hinten losgehen.

SIE: Ich kann natürlich nicht prophezeien, was die Analysen in dieser Arbeit ergeben, aber auch die Einsicht, dass romantische Literatur nicht oszilliert, wäre Bestandteil eines wissenschaftlichen Diskurses. Ich denke, auf das Risiko hin, dass man sich mit einem solchen Vorhaben in eine Sackgasse manövriert, ist gerade dieser experimentelle Ansatz – auch hinsichtlich der Darbietung der Analyseergebnisse – etwas, das sich lohnt, erprobt zu werden.

Keinem Buche ist ein Vorwort nötiger, als gegenwärtigem, da es, wird nicht erklärt, auf welche wunderliche Weise es sich zusammengefügt hat, als ein zusammengewürfeltes Durcheinander erscheinen dürfte.7

1

Anonym, Fragmente. In: Athenaeum (II), S. 20. Die insgesamt drei Bände und sechs Stücke des Athenaeum s (Berlin 1798 bis 1800) werden im Folgenden mit I bis VI nummeriert.

2

Kaminski, Kreuz-Gänge, S. 22.

3

Chaouli, Labor, S. 67.

4

Pikulik, Frühromantik, S. 150.

5

Schlegel, Kritische Fragmente, S. 164.

6

Schlegel, Lucinde, S. 1.

7

Hoffmann, Murr, unpaginiert.