Kapitel 8 Fabriken auf Reisen – Bildpostkarten

In: Bildfabriken
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Ende des 19. Jahrhunderts existierten in den meisten kleineren Städten des Russischen Reichs Fotoateliers,1 und wer es sich leisten konnte, war selbst schon einmal beim Fotografen gewesen. Fotografische Aufnahmen des eigenen Wohnorts besaßen jedoch nur wenige, denn Außenaufnahmen waren noch immer relativ teuer.2 Es war ein neues Kommunikations- und Bildmedium, das um die Jahrhundertwende breiteren Bevölkerungsschichten Zugang zu fotografischen Ansichten ihrer Umgebung verschaffte: die Ansichtskarte.3 Für viele Bewohner des Zarenreichs waren die nach fotografischen Vorbildern illustrierten Karten die ersten Bilder von ihrer Heimatstadt.4 Neben Sehenswürdigkeiten zeigten die Illustrationen häufig Straßenfluchten, aber auch Industrieanlagen. Postkarten mit Fabrikdarstellungen sind Untersuchungsgegenstand des vorliegenden Kapitels.

Korrespondenzkarten waren Konsumprodukte und erschienen in Auflagen von mehreren tausend Stück. Wie illustrierte Zeitschriften erlebte die Ansichtskarte ihren steilen Aufstieg dank Weiterentwicklungen in der Drucktechnik und der Verbreitung der Rotationspresse.5 Die hohen Auflagen weisen Postkarten als eines der führenden visuellen Medien der 1900er und 1910er Jahre aus. Daher lassen sich in ihnen Besonderheiten der russischen Massenkultur ablesen,6 zum Beispiel Vorlieben für Motive oder Bildkompositionen. Im vorliegenden Kapitel wird untersucht, welche Aufmerksamkeit Fotografen und Ansichtskartenproduzenten dem Motiv der Fabrik zubilligten und welche visuellen Erkennungsmerkmale sich für das Motiv auf den Karten herausbildeten. Weiter werden regionale Besonderheiten analysiert, in welchen Gebieten Fabrikansichten auf den Karten besonders beliebt waren und ob es Unterschiede gab zwischen Karten von Herausgebern aus den Metropolen des Zarenreichs und aus der Provinz. Außerdem wird untersucht, ob sich die Abbildungen alter Industriestandorte von solchen unterschieden, die erst wenige Jahre existierten.

Die Verbreitung des Mediums profitierte neben technischen Entwicklungen vom Ausbau der Infrastruktur und einer zunehmenden Mobilität in Europa sowie innerhalb des Russischen Reichs. Im Zarenreich trugen die Bauernbefreiung sowie die vielen neugegründeten Fabriken, die Arbeitskräfte benötigten, dazu bei, dass Familien auseinandergerissen wurden. Je weiter die Menschen voneinander entfernt lebten, desto wichtiger war es für sie, zumindest über den Postweg in Kontakt zu bleiben.7 Für die Interpretation der Aufnahmen ist es unerlässlich, diese sozialen Verwendungsweisen von Postkarten zu berücksichtigen und ihre Bedeutung als Kommunikationsmedium am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu verstehen.

Die Quellengrundlage der Analyse bildet die Postkartensammlung Nikolaj Spiridonovič Tagrins (1907–1981), die heute im Gosudarstvennyj Muzej Istorii Sankt Peterburga (Staatliches Museum der Geschichte St. Petersburgs) aufbewahrt wird. Der russische Komponist und Musikwissenschaftler Tagrin entdeckte seine Faszination für Postkarten im Alter von 15 Jahren. In der Nachkriegszeit wurde die von ihm zusammengetragene Ansichtskartensammlung unter staatlichen Schutz gestellt und nach seinem Tod 1981 ging sie in den Besitz des damaligen Gosudarstvennyj muzej istorii Leningrada (Staatliches Museum der Geschichte Leningrads) über.8 Insgesamt erhielt das Museum etwa 570.690 Karten,9 von denen 67.449 aus der vorrevolutionären Zeit stammen.10 Unter dem Stichwort „zavod“ (Betrieb) und „ fabrika“ (Fabrik) listet die elektronische Datenbank des Museums etwa 500 Karten aus dem Zarenreich auf.11 Die Datenbank verzeichnet Herausgeber, Fotografen (falls bekannt) sowie die Beschriftungen der Ansichtskarte. Zeigen Postkarten Stadtansichten, auf denen Fabriken zu sehen sind, ohne deren Namen zu nennen, erscheinen sie nicht auf der Trefferliste und waren somit nicht Teil der Analyse.

Aus den 500 Karten wurden 200 zufällig ausgewählte Korrespondenzkarten anhand eines eigens entwickelten Fragebogens in einer quantitativen Analyse ausgewertet.12 Die quantitative Methode nach dem Vorbild der „Content analysis“13 bot sich für diesen Quellenbestand besonders an, weil die Arbeit mit den Postkarten der Sammlung Tagrin nur vor Ort gemeinsam mit einer Mitarbeiterin möglich war. Die zur Untersuchungen von Massenmedien entwickelte Methode ermöglichte es, Informationen über die ausgewerteten Darstellungen zu erhalten, mit denen auch außerhalb der Sammlung weitergearbeitet werden konnte, ohne für jede Karte eine zeitaufwendige detaillierte Bildbeschreibung oder einen Scan anzufertigen.14 Die Ergebnisse der quantitativen Auswertung können auch Antworten auf Fragen geben, die bei der Erstellung der Kategorien nicht im Fokus gestanden hatten. Der Fragebogen erfasst, ob es sich um eine schwarz-weiße oder eine kolorierte Ansicht handelt und vermerkt Details der Abbildung: beispielsweise die Perspektive, ob die Fabrik in eine Landschaft eingebettet ist, ob das Fabrikgelände klar von seiner Umgebung abgegrenzt ist, welche Teile der Industrieanlange gezeigt werden, ob Schornsteine zu sehen sind und ob diese rauchen. Weiter wurden Besonderheiten einzelner Karten wie Aufnahmen von Kirchen, Eisenbahnlinien oder Häfen festgehalten.

Die Analyse bezieht sich nicht nur auf die Ergebnisse der Fragebogenauswertung von 200 Karten. An anderer Stelle wird das gesamte Korpus von 500 Fabrikpostkarten15 als Quellengrundlage herangezogen. Dies ist jeweils entsprechend kenntlich gemacht. Ein Fallbeispiel gibt zusätzlich Informationen darüber, wie häufig in einer Kleinstadt Fabriken auf Postkarten erschienen im Vergleich zu anderen Stadtansichten und Sehenswürdigkeiten. Grundlage für diese Untersuchung bilden 157 Postkarten der Sammlung Tagrin, die Ansichten der Stadt Tula zeigen. Reiseführer ergänzen die Analyse, um herauszuarbeiten, ob das ältere Medium die jüngere Korrespondenzkarte beeinflusste.

Abschließend geht das Kapitel der Frage nach der mentalen Kartierung von Russland als industrialisiertem Raum nach. Die aus der Psychologie und Geographie stammenden Begriffe der cognitive oder mental maps bezeichnen Forschungen zur Verarbeitung räumlicher Informationen im menschlichen Gehirn.16 Die Arbeiten analysieren, wie sich Menschen eine möglicherweise verzerrte, subjektive Landkarte ihrer Umgebung erstellen, um sich zu orientieren.17 Ausgehend von der Annahme, dass Erwartungen und Vorlieben der Verleger und Konsumenten die Produktion und Wahl der Postkartenmotive bestimmten, werden Korrespondenzkarten als Marker regionaler Fremd- und Selbstwahrnehmung verstanden.18 Ansichtskarten können Hinweise darauf geben, mit welchen Charakteristika unterschiedliche Orte zu Beginn des 20. Jahrhunderts assoziiert wurden.19 Um herauszufinden, welche Gebiete die Zeitgenossen mit industrieller Aktivität assoziierten, wurden alle Orte, von denen Bildpostkarten mit Fabrikmotiven in der Sammlung existieren, in eine Landkarte eingetragen. Unterschiedliche große Punkte geben Auskunft über die Anzahl der entsprechenden Motive. Auf diese Weise entstand eine Landkarte des industrialisierten Zarenreichs mit ‚neuen‘ Zentren und Peripherien. Die Visualisierung gibt Hinweise, in welchen Orten und Regionen Fabriken einen Identifikationspunkt darstellten und deshalb abgebildet wurden und in welchen Städten andere Motive diese Funktion übernahmen.20

8.1 Ein neues Medium erobert die Welt

In der Forschung existieren zahlreiche Theorien über mögliche Vorgänger der Postkarte. Karin Walter nennt sogenannte Drucksachenkarten, die sowohl Adresse als auch Text und gegebenenfalls Illustrationen auf einer Seite zeigten. Diese Karten dienten Werbezwecken und waren teilweise auch mit Ansichten von Fabrikgebäuden mit rauchenden Schornsteinen illustriert.21 Martin Willoughby sieht die Ansichtskarte in der Tradition von Firmenbriefköpfen oder Cartes de Visite, die ebenfalls mit Fabrikansichten illustriert waren. Möglicherweise entwickelte sich ihm zufolge das Medium auch nach dem Vorbild kleiner illustrierter Bücher, die Stiche von Sehenswürdigkeiten zeigten.22 Anna Larina weist darauf hin, dass es in Frankreich und England bereits im 18. Jahrhundert üblich gewesen sei, mit Stichen illustrierte Karten zu verschicken.23 Eva Tropper argumentiert dagegen, dass die Postkarte ursprünglich kein Bildmedium war und folglich nicht in dieser Tradition stünde. Stattdessen habe sie sich aus dem Bereich der Datenerfassung, speziell dem Formular, herausgebildet.24 Diese Beobachtung scheint für das Zarenreich überzeugend, weil im russischen Reich staatliche Stellen lange Zeit ein Monopol auf die Herstellung von Karten für den Postversandt hatten. Die ersten russischen Postkarten hatten keine Illustrationen; erst mit einer knapp zehnjährigen Verspätung – im Vergleich zu Deutschland – boten private Hersteller erste bebilderte Karten an.

Einvernehmen herrscht in der Forschung hingegen über die konkreten Schritte, die zur Einführung der Postkarte führten: Erste Überlegungen zum Konzept eines neuen, preiswerten Mediums äußerte 1865 der Generalpostmeister des Norddeutschen Bunds, Heinrich von Stephan (1831–1897). Allerdings lehnten die Mitglieder der 5. Deutschen Postkonferenz den Vorschlag in Karlsruhe zunächst ab. Die Postverwaltung befürchtete finanzielle Einbußen durch das neue Format. Als weltweit erstes Land führte 1869 die österreichische Postverwaltung die sogenannte „Correspondenzkarte“ ein, die einen derart großen Erfolg hatte,25 dass in den folgenden Jahren alle europäischen Länder das Modell der Korrespondenzkarte übernahmen. 1871 führte das russische Innenministerium eine Reform des Postwesens durch und übernahm in diesem Zuge das Konzept der Postkarte mit der Bezeichnung „otkrytoe pis’mo“ (Offener Brief).26 Drei Jahre später war das Zarenreich neben 19 weiteren Staaten Gründungsmitglied des Weltpostvereins und führte das Standardformat von 9 × 14 Centimeter für Postkarten ein.27 Das Beispiel der Korrespondenzkarte zeigt, dass das Zarenreich einer zunehmenden internationalen Verflechtung offen gegenüberstand. Der Weltpostverein strebte an, den internationalen Postverkehr zu erleichtern, indem die Mitgliedsstaaten sich verpflichteten, unentgeltliche Transitpostbeförderung sicherzustellen. Dadurch entfielen komplizierte Gebührenrechnungen.28 Die Einführung eines einheitlichen Formats verweist auf die zunehmende Standardisierung, die charakteristisch für das 19. Jahrhundert war und verschiedenste Bereiche des gesellschaftlichen Lebens umfasste.29 Allerdings dauerte es im Zarenreich noch über zehn Jahre, bis die Formatvorgaben verpflichtend durchgesetzt wurden. Dies zeigt, wie schwierig sich die Umsetzung konkreter Beschlüsse gestalten konnte.30

In den 1870er Jahren hatten Postkarten wenig gemein mit ihrem heutigen Erscheinungsbild. Die Vorderseite der auf dünne Pappe gedruckten Karten war ausschließlich für die Adresse reserviert, auf der Rückseite fand sich Platz für die handschriftliche Nachricht.31 Im Zarenreich hielt sich dieses nüchterne Erscheinungsbild der Korrespondenzkarten lange, weil bis 1894 ausschließlich staatliche Stellen Postkarten drucken durften.32 In Deutschland akzeptierte die Post bereits neun Jahre früher Karten privater Verleger.33 Allerdings durften im zaristischen Russland Karten ausländischer Produzenten verschickt werden, so dass im Laufe der 1880er Jahren zunehmend Karten mit verzierenden Bildelementen in Umlauf kamen. Besonders beliebt waren Kombinationen aus floralen Elementen und Stadtansichten und der Aufschrift „Gruss aus …“.34 Eine der frühesten Karten dieser Art aus russischer Produktion zeigt Ansichten von Moskau.35

Obwohl die Bilder auf der Kartenrückseite immer größer wurden, reservierten die Herausgeber mindestens einen kleinen Bereich für schriftliche Nachrichten.36 Innerhalb von ca. zehn bis 20 Jahren verwandelte sich die Korrespondenzkarte in ein visuelles Medium. Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg war 1902 die Einführung einer Karte in England, deren Vorderseite in ein Adress- und ein Textfeld geteilt war. Nun stand die Rückseite komplett für die Illustration zu Verfügung.37 Zwei Jahre später legalisierte die russische Post dieses Modell der Ansichtskarte, das der heute bekannten in Form und Aufteilung gleicht.38 Zur Verbreitung ganzseitig illustrierter Postkarten trugen auch Entwicklungen in der Drucktechnik bei, welche die Produktionskosten für fotografische Ansichten auf Korrespondenzkarten senkten.39

Die Periode bis zum Ersten Weltkrieg gilt in der Forschung als goldenes Zeitalter der Ansichtskarte.40 Die Postkarte avancierte zu einem der visuellen Medien des frühen 20. Jahrhunderts, was Folgen für ganze Gewerbezweige hatte. Fotografen erlebten den Aufstieg der Postkarte als berufliche Bedrohung, sie erwirtschafteten nun mit aufwendigen Landschaftsfotografien merklich weniger,41 weil die Kunden stattdessen die preiswerteren Karten erstanden. Überdies profitierten sie kaum davon, dass sie Vorlagen für die Illustrationen lieferten. Bilder auf Postkarten bewegten sich in einer legalen Grauzone ohne Urheberrecht, so dass es nicht möglich war, Kopien von Drittproduzenten zu verhindern.42 Einzelne Lichtbildner erhielten jedoch Großaufträge russischer Postkartenhersteller: Der Postkartenherausgeber Graf Sergej Dmitrievič Šeremetev (1844–1918) stellte den Fotografen Pëtr Petrovič Pavlov (1860–vermutlich 1925) an, damit dieser ihm neue Kartenmotive liefere.43

Im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelte sich ein blühendes Druckereigewerbe,44 wobei Deutschland weltweit zum Zentrum der Postkartenproduktion aufstieg.45 Gegen diese Konkurrenz konnten sich viele russische Druckereien nicht durchsetzen. Die Behörden hatten den Postkartenmarkt erst spät für private Hersteller geöffnet, wodurch es russischen Unternehmen an Wissen und technischer Ausstattung fehlte.46 Besonders kleine Ansichtskartenproduzenten kooperierten darum mit westeuropäischen Druckereien und ließen ihre Korrespondenzkarten in Deutschland, Frankreich oder Schweden fertigen.47 Hier zeigen sich die engen Verflechtungen der russischen und westeuropäischen Wirtschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Im Zarenreich gab es wenige große Druckereien, die Postkarten herstellten, wie die Moskauer Firmen Šerer, Nabgol’c i Ko und K. A. Fišer.48 Moskau und St. Petersburg entwickelten sich zu russischen Zentren der Postkartenindustrie,49 hier befanden sich neben den Druckereien die meisten Niederlassungen von Korrespondenzkartenherausgebern. Die meisten Herausgeber der Karten sind heute vergessen, abgesehen von ihren Namen auf den Karten lassen sich kaum Informationen über sie finden. Im Folgenden werden exemplarisch zwei russische Herausgeber vorgestellt: die Obšina Svjatoj Evgenii (Gemeinschaft der Heiligen Evgenija) und der Fotograf Veniamin Leon’evič Metenkov (1857–1933).

Die Obšina Svjatoj Evgenii war einer der größten Herausgeber von Postkarten im vorrevolutionären Russland. Die Gemeinschaft war während des Russisch-Osmanischen Kriegs gegründet worden, um russische Krankenschwestern auszubilden. Darüber hinaus betrieb sie in St. Petersburg ein Krankenhaus sowie eine Apotheke und unterstützte die Armenfürsorge und Antialkoholbewegung.50 1896 gab die Organisation erstmals Wohlfahrtsumschläge heraus, um Geld für ihre Aktivitäten zu akquirieren.51 Im folgenden Jahr druckten sie ihre ersten Bildpostkarten mit Reproduktionen russischer Gemälde.52 Die Gemeinschaft der heiligen Evgenija erkannte 1905 das finanzielle Potential der Postkarten mit Orts- und Landschaftsansichten. Sie stellte den Künstler und Lichtbildner Evgenij Evgen’evič Lansere (1875–1846) an, der in ihrem Auftrag durchs Zarenreich reiste und fotografische Aufnahmen und Zeichnungen für Ansichtskarten anfertigte. Außerdem rief die Gemeinschaft lokale Fotografen und Amateure entlang der Eisenbahnlinien dazu auf, Fotografien einzusenden. Wurde ihr Motiv zur Publikation ausgewählt, erhielt der Urheber ein Honorar von ein bis zwei Rubel.53 Bis zur Oktoberrevolution gab die Gemeinschaft der Heiligen Evgenija 6.406 unterschiedliche Ansichtskartenmotive heraus. Die Auflagen erreichten bis zu 10.000 Stück, wobei die Herausgeber besonders beliebte Motive fünf bis sechsmal nachdruckten.54 Bei solch hohen Produktionszahlen sanken die Herstellungskosten erheblich.55 Außerdem publizierte die Gesellschaft von 1904 bis 1906 die Zeitschrift Otkrytoe Pis’mo (Offener Brief/Postkarte), die sich an Postkartensammler wandte und zu deren wichtigstem Organ im Zarenreich wurde.56 Die Obšina Svjatoj Evgenii war eher zufällig zum Postkartenproduzenten geworden. Nachdem der Schwerpunkt ihrer Produktpalette zunächst auf Kunstpostkarten gelegen hatte, passte sie ihr Angebot an die wechselnden Vorlieben der Kunden an, die besonders Stadt- und Landschaftsansichten nachfragten. Ein Vorteil der Gesellschaft war ihr Standpunkt in der russischen Hauptstadt. An den Bahnhöfen verkaufte sie an Reisende, die von hier in alle Landesteile aufbrachen, Korrespondenzkarten ihrer Zielorte.57

Nur in Ausnahmefällen sind der Autor eines Postkartenmotivs oder die Strategie der Herausgeber bekannt wie im Beispiel der Gemeinschaft der Heiligen Evgenija. Es sind so gut wie keine Firmennachlässe überliefert, die Einblicke in die Produktionsabläufe der Ansichtskartenherstellung ermöglichen könnten. Teilweise vernichteten Betriebe ihre Unterlagen aus Angst vor der Konkurrenz, oder die Dokumente wie Korrespondenzen, Rechnungen oder Arbeitsverträge gingen nach der Auflösung der Firmen verloren.58 In Russland trugen die zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen im 20. Jahrhundert sowie die Terrorwellen dazu bei, dass viele weitere Dokumente verschwanden oder zerstört wurden. Beispielweise kam es Anfang des Ersten Weltkriegs in Moskau zu einem Pogrom gegen Deutsche und ihre Unternehmen. Den Ausschreitungen fiel auch das Unternehmen des Fotografen Karl Andreevič Fišer zum Opfer. Der Mob zerstörte zahllose Glasnegative, Fotografien und Archivmaterial.59

Neben den großen Akteuren der russischen Postkartenindustrie gibt es nur wenige bekannte kleinerer Akteure. Insbesondere Fotografen waren nur dann bekannt, wenn sie gleichzeitig Herausgeber waren, wie beispielsweise Maksim Petrovič Dmitriev (1858–1948)60 aus Nižnij Novgorod. Ein weiterer bekannter Lichtbildner und Postkartenherausgeber war Veniamin Leon’evič Metenkov aus Ekaterinburg. Metenkov beschäftigte sich zunächst als Liebhaber mit der Fotografie, bis er 1880 sein erstes Atelier in Miass und wenige Jahre darauf in Ekaterinburg eröffnete. Er entwickelte eine spezielle Aufnahmetechnik für Gruppenportraits, die ihn in ganz Russland bekannt machte. Neben diesem Genre widmete sich der Autodidakt der Landschaftsfotografie und verkaufte Stereoskopien und Alben mit Ansichten aus dem Ural.61 Bereits 1900 gab Metenkov die ersten Postkarten mit Motiven aus Ekaterinburg heraus. In den folgenden Jahren erweiterte er seine Serien Na Urale (im Ural), bis sie mindestens 725 Motive von altrussischer Architektur, Landschaftsaufnahmen und Fabrikansichten umfasste. Metenkov hatte sich zum Ziel gesetzt, die ganze Uralregion auf Postkarten zu dokumentieren, und bis heute stellt seine Serie eine der ausführlichsten Dokumentationen der Region dar.62 Seine Arbeiten verkauften sich gut, und neben ihm selbst arbeiteten in seinem Atelier ein Kassierer, ein Verpacker und ein Kutscher. Folglich war es Metenkov selbst, der die Aufnahmen für die Ansichtskarten anfertigte und auswählte. Die in Stockholm gedruckten Karten hatten meist eine Auflage von 1.000 Exemplaren.63 Die kleinen Auflagen hatten zur Folge, dass der Lichtbildner weniger Gewinn machte als die Konkurrenz in St. Petersburg.64 Darüber hinaus deutet die relativ geringe Zahl darauf hin, dass er mit seinen Korrespondenzkarten einen lokalen Markt versorgte. Einerseits verdiente Metenkov mit dem Verkauf seiner Fotografien und Karten seinen Lebensunterhalt. Andererseits war ihm die Dokumentation seiner Heimat ein besonderes Anliegen. Bereits vor 1900 hatte Metenkov im Ural Fotografien angefertigt, um die Region in ihrer Vielfältigkeit abzubilden.

Die Popularität der Korrespondenzkarte nahm bis zum Ersten Weltkrieg stetig zu. Erst mit Beginn des Kriegs kam die Postkartenindustrie in Schwierigkeiten: In Moskau durfte ohne Genehmigung nicht mehr fotografiert werden, weswegen russische Herausgeber alte Motive nachdruckten.65 Noch stärker traf den Wirtschaftszweig, dass die Beziehungen zwischen Herausgebern, Kollektionären und Handelspartnern abbrachen,66 insbesondere zu deutschen Druckereien und Papierproduzenten. Nach Kriegsbeginn konnten russische Postkarten nicht mehr ins Ausland exportiert werden, gravierender waren jedoch die fehlenden Importe.67 Aufgrund des Papiermangels brach die russische Produktion weitgehend ein.68

8.2 Kommunikation auf bedruckter Pappe

Postkarten entwickelten sich unmittelbar nach ihrer Einführung zu einem sehr beliebten und weit verbreiteten Kommunikationsmittel, zumindest für die Mittelschicht. Starl und Tropper bezeichnen sie als „multifunktionelles“ Medium. Sie kommunizieren auf drei Ebenen: Indem sie zeigen, transportieren sie eine visuelle Information, indem sie grüßen, eine schriftliche Nachricht, und indem sie senden, enthalten sie ein raumüberwindendes Element.69 Sie sind damit in ein vielseitiges Netz sozialer Praktiken eingebunden.70

Die anfänglichen Bedenken der Postbehörden, dass durch Postkarten das Briefgeheimnis unterlaufen werden könnte, weil Dienstpersonal, Postboten oder Kinder die Mitteilung lesen könnten, zerstreuten sich schnell.71 Das günstigere Porto machte Postkarten zum geeigneten Medium, um kurze Nachrichten auszutauschen. Diese Kommunikationsform setzte allerdings ein funktionierendes Postwesen voraus. 1833 nahm die erste sogenannte Stadtpost in der russischen Hauptstadt ihren Betrieb auf. Die zahlreichen namenlosen Straßen und unnummerierten Häuser machten eine Hauszulieferung in St. Petersburg problematisch, so dass stattdessen zentrale Abhol- und Abgabestationen eingerichtet wurden. Nach diesem Vorbild entstanden bis 1874 in 47 russischen Städten Postsysteme. Auf dem Land waren ab 1871 die Zemstva, die Lokalverwaltungen, für den Postbetrieb verantwortlich.72 Nachdem das russische Postwesen Anfang des 19. Jahrhunderts noch ausschließlich auf Pferden basiert hatte,73 beschleunigten die Eisenbahn und Dampfschiffe, die auf den Flüssen und Seen zirkulierten, den Transport der Korrespondenz maßgeblich.74 Hatte ein Brief von Moskau nach St. Petersburg bislang drei bis vier Tage gebraucht, benötigte er ab 1851 nur noch 24 Stunden. Die Effizienz des russischen Postwesens nahm deutlich zu, und die Anzahl der transportierten Objekte stieg zwischen 1875 und 1900 um über 500 Prozent.75

Um die Jahrhundertwende hatten im Zarenreich nur wenige Menschen einen Telefonanschluss.76 In diesem Kontext waren Postkarten ein willkommenes Medium, das es zumindest in den Städten erlaubte, sich relativ kurzfristig für den folgenden Tag zu verabreden.77 In der Forschungsliteratur zu Deutschland und Österreich betonen Autoren häufig das demokratisierende Moment der Postkarte – sie habe für eine breite Masse der Bevölkerung erstmals Kommunikation über größere Distanzen ermöglicht.78 Nachrichten auf Ansichtskarten unterlagen weniger formalen Regeln als Briefkorrespondenz.79 Die Karten stellten weniger Platz zur Verfügung, wodurch Floskeln für die Kommunikation an Bedeutung gewannen, was ungeübten Absendern das Schreiben erleichterte.80 Darüber hinaus seien das niedrigere Porto und der geringe Preis der Karten entscheidend gewesen. Diese Beobachtung trifft auf das Zarenreich nur teilweise zu:81 Die Mittelschicht des Bürgertums war in Russland deutlich dünner als in den Ländern Westeuropas.82 Für Arbeiter und Bauern waren Postkarten immer noch ein relativ teures Medium. Um die Jahrhundertwende kostete eine Karte mit dem Schwarz-Weiß-Druck einer fotografierten Stadtansicht etwa fünf Kopeken.83 Ein Arbeiter in der Russisch-Amerikanischen Gummifabrik Treugol’nik in St. Petersburg verdiente im Jahr 1900 am Tag durchschnittlich 1,24 Rubel, eine Arbeiterin 83 Kopeken.84 Allerdings handelt es sich hier um einen Durchschnittslohn, bei dem der Verdienst von gelernten wie ungelernten Arbeitern zusammengenommen wurde. Sowohl in anderen Branchen wie der Nahrungsmittelindustrie als auch für weniger qualifizierte Tätigkeiten erhielten die Menschen einen geringeren Lohn.85 Dies verdeutlicht, dass der Kauf von Ansichtskarten im Zarenreich nicht allen Gesellschaftsschichten gleichermaßen möglich war. Dennoch zeigen die hohen Auflagen, dass auch im Zarenreich viele Menschen Geld für Postkarten ausgaben.86 1902 transportierte die russische Post etwa 105.726 Ansichtskarten. Damit lag das Zarenreich zwar weit abgeschlagen hinter Deutschland (1.013.000 Karten), den USA (670.000 Karten) oder Japan (435.000), aber vor Frankreich (60.000).87 Diese Zahlen verdeutlichen, dass eine Analyse von Postkartenmotiven Rückschlüsse auf thematische Präferenzen eines breiten Publikums zulassen.

In enger Verbindung mit der Verbreitung von Ansichtskarten steht die Entwicklung des Tourismus.88 Im 18. Jahrhundert gingen besonders Mitglieder des russischen Adels auf Grand Tour durch Europa, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich langsam ein Tourismus für breitere Gesellschaftsschichten.89 Louise McReynolds stellt jedoch überzeugend dar, dass das kapitalistische Konzept des Tourismus als Auszeit von der Arbeit im Zarenreich erst vergleichsweise spät Verbreitung fand, die Kosten waren lange zu hoch.90 Es waren besonders Vereine wie der 1895 gegründete Russkij Turist (Russischer Tourist), deren Lokalgruppen um die Jahrhundertwende preiswerte Wochenendausflüge für ihre Mitglieder organisierten.91 Die Anbindung an das Eisenbahnnetz machte die russischen Bäder, die Krim und das Baltikum als touristische Reiseziele für die neu entstehende Mittelschicht interessant.92

Viele Forschungsarbeiten widmen sich Postkarten, die Touristen von ihren Reisen nach Hause schickten und die das Exotische und Fremde thematisieren.93 Die Autoren stellen gerade in bürgerlichen Kreisen eine Faszination für das Fremde fest, und Ansichtskarten ermöglichten es den Daheimgebliebenen, die Reise aus der Ferne nachzuerleben.94 In Russland unternahmen nur wenige solche Reisen. Woran indes viele Menschen teilhaben konnten, war die Sammelleidenschaft für Postkarten. Schätzungen zufolge fand nur etwa die Hälfte aller verkauften Karten den Weg zur Poststelle.95 Stattdessen bewahrten die Käufer die Karten in eigens entwickelten Sammelalben auf.96 Mindestens ebenso beliebt waren bei Philokartisten gelaufene Karten. Sie waren unterschiedlich viel wert, je nachdem ob die Korrespondenzkarten einen Stempel aus der abgebildeten Ortschaft trugen, sich der Absender also wirklich vor Ort befunden hatte oder nicht.97

Statt nach dem Exotischen fragt die vorliegende Analyse, welche Bedeutung die Ansichtskarte von ‚nebenan‘ hatte. Die Mehrheit der Karten des Quellenkorpus ist unbeschrieben, weswegen sich die Analyse auf die illustrierten Rückseiten der Karten beschränkt.98 Ein Grund für die geringe Anzahl gelaufener Karten der Sammlung Tagrin könnte mit der Sammelleidenschaft zusammenhängen, denn Postkarten hatten in einem Album einsortiert eine höhere Überlebenschance. Vermutlich verwendeten Menschen für die alltägliche Kommunikation eher Karten lokaler Produzenten. Die Lebensdauer dieser Ansichtskarten dürfte deutlich geringer gewesen sein als jene ausgefallener Karten, die in einem Sammelalbum Platz fanden. Wahrscheinlich wählten Philokartisten aus den lokalen Postkarten die besonders gut erhaltenen für ihre Kollektion aus – das heißt die noch nicht gelaufenen Exemplare. Dies könnte erklären, warum so wenig beschriebene Korrespondenzkarten Teil der Sammlung Tagrin sind.

Unabhängig davon, ob weit gereiste Touristen oder Bekannte innerhalb der gleichen Stadt die Ansichtskarten zur Kommunikation kauften, sie blieben ein Konsumprodukt und lassen damit Rückschlüsse auf ihre Käufer und Produzenten zu. Die Motive mussten dem Publikum gefallen, ansonsten hätten Verleger und Fotografen ihre Ware nicht verkaufen können. Somit kann eine Analyse von Postkartenmotiven Hinweise darauf geben, welche Darstellungen die Menschen um die Jahrhundertwende ansprachen, welche Ästhetisierungsstrategien die Fotografen anwandten und welche Themen öffentlich verhandelt werden konnten.99

8.3 Fabriken zum Versenden und Sammeln

Bislang standen die Aspekte des Grüßens und Sendens im Mittelpunkt. Die weitere Untersuchung legt den Schwerpunkt auf das Zeigen und damit auf die Bildseite der Postkarten. Die Darstellungen auf den Rückseiten der Karten trugen dazu bei, dass sich Sehgewohnheiten ausbildeten und sich bestimmte Motive und Perspektiven zu Prototypen für Darstellungen auf Ansichtskarten entwickelten. Die Zeitgenossen schrieben illustrierten Korrespondenzkarten darum neben der kommunikativen eine pädagogische Funktion zu. Die gedruckten Fotografien ermöglichten dem Betrachter, von einer zweidimensionalen Abbildung auf einen dreidimensionalen Raum zu schließen.100 Die Betrachter lernten im Zusammenspiel zwischen Bild und Postkartenbeschriftung, visuelle Codes und Zeichen einzelner Motive zu entschlüsseln.

Fotografien von Städten und ihrer wichtigsten Bauwerke gehörten zu den verbreitetsten Postkartenmotiven bis zum Ersten Weltkrieg.101 Frühe Karten zeigten häufig die wichtigsten Sehenswürdigkeiten einer Stadt; in Moskau waren dies in erster Linie der Kreml, gefolgt von weiteren Bauwerken und Denkmälern des Stadtzentrums.102 Nach 1904 erweiterte sich das Themenspektrum der alten Hauptstadt und Interieurs, Typenfotografien oder Bilder unterschiedlicher Vorkommnisse wie der revolutionären Ereignisse im Jahr 1905 oder der Überschwemmung von 1908 fanden ihren Weg auf Ansichtskarten.103

Darstellungen von Fabriken schmückten bereits vor 1904 russische Korrespondenzkarten. Dem Poststempel nach stammt die früheste Fabrikdarstellung auf einer Ansichtskarte in der Sammlung Tagrin mindestens aus dem Jahr 1899.104 Es handelt sich um eine klassische Souvenirkarte mit einem floralen Muster aus Kastanienblättern, kombiniert mit mehreren Stadtansichten aus Tula, darunter die einer Zuckerfabrik. Die erste Ansicht, die eindeutig eine gedruckte Fotografie ist, stammt aus dem estnischen Pjarnu (heute Pärnu), sie zeigt die Fabrik Val’dchof und trägt einen Poststempel aus dem Jahr 1901.105 Russlandweit nahm die Zahl der Fabrikpostkarten erst nach 1904 deutlich zu.

Etwa die Hälfte der 200 ausgewerteten Karten präsentiert dem Betrachter Aufnahmen, die mehrere Gebäude zeigen und dadurch einen gewissen Überblick über das Gelände und die Anlage bieten (Abb. 65).

Abb. 65
Abb. 65N. I. Ammosov (Hrsg.): Permer Kanonenfabrik Bahnstation Motovilicha (Permskij pušečnyj zavod St. Motovilicha), o. O. 1910er Jahre. GMISPb ST 363187_0445

Die anderen Motive stellen zumeist Außenaufnahmen von ein oder zwei Fabrikgebäuden dar oder präsentieren Bauwerken, die in einem Zusammenhang mit einer Fabrik standen, beispielsweise eine Bibliothek oder eine Schule.106 Selten zeigen russische Postkarten Motive, deren jeweilige fotografische Vorlage hinter den Eingangstoren auf einem Fabrikgelände entstanden war. Die Fotografen wählten für ihre Aufnahmen in der großen Mehrheit Standpunkte, von denen auch ein gewöhnlicher Spaziergänger auf die Industrieanlage blicken konnte. Auf diese Weise stellten sie den Wiedererkennungswert für die Käufer sicher. Außerdem waren Fabrikgelände nicht frei zugänglich und die Fotografen benötigten eine Genehmigung, um das Areal zu betreten. Eine solche Genehmigung zu erhalten, war aufwendig, und die Firmenleitungen gaben den Anträgen nicht immer statt.107

Als Vorgänger für Landschafts- und Stadtansichten auf Ansichtskarten, zu denen auch die Fabrikdarstellungen zählen, gilt die Vedutenmalerei.108 Postkartenmotive sollten wie Veduten die schönste Ansicht einer Gegend wiedergeben.109 Die Fotografen konnten die Szenerie vor der Linse nicht beliebig verfremden, denn die Käufer mussten die Landschaft wiedererkennen. Sie retuschierten jedoch störende Elemente aus den idealisierten Ansichten und ergänzten die Aufnahmen durch Personen, sogenannten Staffagefiguren, um die Szenen ansprechender und lebendiger zu gestalten (Abb. 65).110 Ausgehend von der These, dass die Wahrnehmung von Landschaften immer durch Vorstellungen, Wünsche und Ideale geprägt ist,111 stellten Postkarten in ganz besonderem Maße Idealbilder dar. Obwohl vordergründig dokumentarisch, unterliefen die Abzüge vor dem Druck auf die Karten Anpassungen an Idealvorstellungen und einen ästhetischen Kanon, so dass sie Zwitterprodukte darstellten, die sowohl dokumentarisch als auch idealisiert waren.

Speziell für Postkarten mit Fabrikmotiv lassen sich weitere Vorgänger festmachen: zum einen Fabriken auf Plakaten oder sonstigen Werbematerialien wie bunt bedruckten Blechdosen, zum anderen Fabrikzeichnungen auf Briefköpfen (Abb. 66).112

Abb. 66
Abb. 66Briefkopf des Unternehmens S. S. Bechli. RA BRI 111

Lichtbildner waren mit diesen Grafiken auf firmeneigenem Briefpapier vertraut, denn sie bestellten regelmäßig Chemikalien, Fotopapier und andere Produkte für ihre Ateliers. Fabrikdarstellungen dieser Art waren sowohl im Zarenreich als auch in Westeuropa verbreitet.113 Die Künstler mussten für die Zeichnungen keinen erhöhten Ort finden, um eine Ansicht der Fabrikanlage aus der Vogelperspektive herzustellen. Sie konnten die Perspektive und die Anordnung der Gebäude problemlos anpassen, so dass alle wichtigen Bereiche des Unternehmens sichtbar waren.114 Lichtbildner hatten weniger Möglichkeiten, die Perspektive oder Proportionen einzelner Gebäude zu manipulieren. Die Darstellungsform des Firmenbriefkopfs war so verbreitet und zum Inbegriff von Fabrikansichten geworden, dass die Lichtbildner allen Herausforderungen zum Trotz versuchten, ihre Fotografien für Korrespondenzkarten möglichst ähnlich zu gestalten. Sie positionierten bei Aufnahmen für Ansichtskartenmotive ihre Kamera auf Augenhöhe, was für über die Hälfte der 200 untersuchten Fabrikmotive gilt. Darüber hinaus nutzte etwa ein Drittel der Fotografen für Fabrikmotive einen erhöhten Standpunkt und zeigte in Anlehnung an die grafischen Vorgänger eine Gesamtansicht der Fabrik (Abb. 65).115 Fotografien aus dieser Perspektive ermöglichten einen besseren Überblick über das Fabrikareal. Statt einer Reihe von Dächern konnte der Betrachter auf diesen Ansichten einzelne Gebäude unterscheiden. Auf diese Weise unterstrich der Bildaufbau die Monumentalität der Industrie, die Größe des Areals und die Leistungsfähigkeit der Fabriken.116

Grafische Elemente prägten Fabrikdarstellungen auf Korrespondenzkarten; dabei bilden Schornsteine das zentrale Element. Schon auf den Stichen und Briefköpfen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden, zeigen Industrieanlagen oft rauchende Schornsteine (Abb. 66, Abb. 1 und 2). Das Hervorheben dieses Funktionsbaus hatte unterschiedliche Gründe. Die Fabrikschlote ermöglichten es dem Künstler, eine ästhetisch ausgeglichene Ansicht zu entwerfen. Die vertikalen Elemente der Kamine bildeten ein visuelles Gegengewicht zu den langgestreckten, horizontalen Gebäuden. Zudem waren hohe Schornsteine oftmals die Bauelemente, durch die sich die neuen Industriebauten auszeichneten.117 Die zentrale Bedeutung des Schornsteins spiegelte auch die Architektur der Industriepavillons auf den Pariser Weltausstellungen von 1889 und 1900 wider. 1889 ragte ein riesiges Kamin aus dem Palais de l’Industrie heraus und elf Jahre später flankierten zwei Schlote symmetrisch den Eingang des Maschinenhauses.118 Schornsteine standen symbolisch für industrielle Produktivität, für Macht und Einfluss der Industriellen, zum Teil sogar für die Prosperität ganzer Regionen.119 Nicht alle Medien und Akteure teilten diese positive Interpretation. Wie bereits erläutert, veröffentlichten beispielsweise Karikaturisten Zeichnungen, auf denen Fabrikschlote ein Symbol für eine zerstörerische Industrie waren (Abb. 56). Die hier zugrunde liegenden Postkarten zeigten allerdings keine kritische Sicht auf Fabriken.

Fast 70 Prozent der untersuchten Fabrikansichtskarten zeigen Schornsteine, nur etwa auf einem Viertel der Karten ist Rauch zu sehen. Abbildung 67 zeigt extrem viele Schlote, aber nur an den Stellen, wo Rauch und Dampf vor einem dunklen Hintergrund austraten wie im Vordergrund, ist dieser auf der Aufnahme zu sehen.

Abb. 67
Abb. 67Veniamin Leon’evič Metenkov (Hrsg.): Ural. Nischne-Saldinskier Betrieb (Ural. Nižne-Saldinskij zavod), No. 286, Ekaterinburg 1910er Jahre. GMISPb ST 363208_0175

Dies hing mit einer technischen Schwierigkeit zusammen: Die Chemikalien für die Herstellung von Fotografien reagierten besonders stark auf blaues Licht, weswegen der Himmel auf alten Fotografien häufig ausgebrannt und konturenlos erscheint.120 Sollte dies verhindert werden, mussten Wolkenaufnahmen oder Rauchwolken aufwendig in das Bild hineinretuschiert werden.121 Auf Originalabzügen ist teilweise zu erkennen, dass ein Retuscheur den Rauch nachträglich von Hand ergänzt hatte.122 Die wenigen kolorierten Karten bestätigen diese Beobachtung; von den 16 kolorierten Ansichten im analysierten Korpus zeigen zehn rauchende Schornsteine (Abb. 68). In diesem Beispiel sind es sogar sehr dunkle Rauchwolken, die die Arbeit des Betriebs demonstrieren. Die Postkartenproduzenten fertigten die relativ aufwendigen Retuschen meist nur dann an, wenn sie die Aufnahmen sowieso kolorierten.

Abb. 68
Abb. 68o. A.: Pernau. Zellstofffabrik Waldhof (Pjarnu. Celljuloznaja fabrika Val’dchof), No. 74, o. O. vor 1904. GMISPb ST 363131_0646

Abbildung 68 zeigt ein weiteres Charakteristikum der Fabrikdarstellungen. Auf der Straße vor dem abgesperrten Gelände sind Passanten zu sehen sowie ein Fahrradfahrer und ein Pferdefuhrwerk. Auch wenn auf dem Fabrikareal direkt keine arbeitenden Menschen zu sehen sind, ist die Fabrik durch diese Staffagen in eine Atmosphäre der Aktivität eingebettet. Noch wichtiger ist jedoch die Eisenbahn rechts vorne im Bild (siehe auch Abb. 65 und 67). Damit demonstriert die Ansichtskarte die infrastrukturelle Anbindung des Unternehmens an die neuen Transportwege und Märkte.123

Bei der Wahl der Perspektive, der Verwendung von Staffagen oder der nachträglichen Retusche des Himmels ähnelten sich russische und westeuropäische Ansichtskarten. Es lassen sich jedoch kleine Unterschiede ausmachen. So umfasst die Sammlung Tagrin nur eine einzige Postkarte mit einer Innenaufnahme aus einem Fabrikgebäude. Sie zeigt Bierfässer einer Brauerei.124 Arbeitende Menschen in Fabrikhallen waren so gut wie nie Motive für Korrespondenzkarten, eine Beobachtung, die Karin Walter für Deutschland teilt.125 Hier unterscheiden sich russische und deutsche von französischen Korrespondenzkarten. In Frankreich zirkulierte eine Vielzahl von Karten, die Fotografien aus Werkshallen und von Arbeitern präsentierten. Unternehmer gaben die Karten mit anderen Fotografien bei den Lichtbildnern in Auftrag. Mit Zustimmung ihrer Auftraggeber konnten die Fotografen preisgünstige Ansichten an die Belegschaft weiterverkaufen.126

In der Sekundärliteratur zu Westeuropa wird immer wieder beschrieben, dass Fabrikbesitzer Postkarten zu Reklamezwecken oder als Geschenk für ihre Arbeiter in Auftrag gaben.127 Auch im Zarenreich wurden Kartenserien als Werbeträger für bestimmte Kampagnen in Auftrag gegeben. Beispielsweise erhoffte sich Maksim Petrovič Dmitriev mit seinen Ansichten der Hungersnot, Cholera- und Typhusepidemien von 1891/92 die Bevölkerung zu Hilfsmaßnahmen bewegen zu können.128 Fabrikanten waren hingegen selten Auftraggeber,129 was mit den Zensurbestimmungen zusammenhing. In den 1890er Jahren legten die Moskauer Süßwarenfabriken Ejnem, Korkuniva und Abrikosovyj ihren Lieferungen Postkarten als Geschenk für Ihre Kunden bei. Diese Praxis verbot 1896 die Zensurbehörde mit der Begründung, auf diese Weise könnten die staatlichen Zensurbestimmungen umgangen werden.130 Zwar ließen vereinzelt Unternehmen wie die Firma Singer Postkarten als Werbegeschenke herstellen,131 doch deren Motive waren meist Reproduktionen patriotischer Gemälde.

Im Zarenreich agierten die Herausgeber von Fabrikkarten unabhängig von den Interessen der Unternehmer. Die Postkarten schmücken mehrheitlich Fotografien, für die der Fotograf seine Kamera außerhalb des Firmengeländes positioniert hatte – und sich somit nicht um Anweisungen der Betriebsleitung kümmern musste. Anhand dieser Bilder lassen sich Thesen über die Wahrnehmung von Fabriken als Teil einer Stadt aufstellen. Je nach dem, ob die Aufnahmen die Grenzen zwischen Betriebsgelände und der umgebenden Siedlung betonten und Industrieanlagen als Fremdkörper inszenierten.132 Darstellungen, auf denen Zäune, Mauern oder Brachflächen die Firmen von ihrer Umgebung abgrenzen, halten sich in etwa die Waage mit denjenigen, auf denen keine solche Trennung zu sehen ist. Ähnlich wie die Fotografen auf ihren Aufnahmen Eisenbahnen harmonisch eingebettet in die Natur präsentierten,133 zeigten sie häufig auch Industriebauten im Einklang mit ihrer Umgebung. Teilweise verschwimmen die Grenzen, so dass ein ortsunkundiger Betrachter nicht nachvollziehen kann, welche Gebäude noch zur bezeichneten Fabrik gehören. Dies gilt insbesondere, wenn industrietypische architektonische Merkmale fehlten. Im Fall der Abbildung 69 sind zwar deutlich im Vordergrund Bauernhäuser mit Gemüsegärten zu erkennen, dahinter schließt rechts der Straße das eingezäunte Fabrikareal an. Es ist aber unklar, ob links der Straße ebenfalls Bauten zum hier gezeigten Zavod Kyn134 gehören. Aufnahmen, auf denen Industrie und Ortschaft ineinander übergehen, waren besonders im Ural verbreitet. In dieser Region standen Fabriken in einer engen Verbindung mit den sie umgebenden Siedlungen. Wohnstätten, öffentliche Gebäude, Häuser der Unternehmer sowie Fabrikbauten waren aus Holz und in einem ähnlichen Stil gebaut.135 In dieser traditionellen Industrieregion inszenierte der Fotograf M. F. Bumcev kein Aufeinanderprallen von Fabrik und Ortschaft (Abb. 69),136 sondern eine Symbiose. In anderen Fällen rücken die Aufnahmen der Korrespondenzkarten die Fabrik so weit in den Hintergrund, dass aufgrund mangelnder Tiefenschärfe und Detailgenauigkeit keine Aussage über die Grenzen der Fabrik getroffen werden können.137

Abb. 69
Abb. 69M. F. Bumcev (Fotograf): Betrieb Kyn. Bezirk Kungur. Permer Gouvernement (Zavod Kyn. Kungur. Uezda, Perm. Gub.), No. 42, Moskva 1906. GMISPb ST 363172_0695

Fotografen im Zarenreich wie in Westeuropa wählten als Postkartenmotiv häufig Ansichten von Institutionen, Gebäuden oder Erfindungen, die Symbole des Fortschritts waren. Abbildungen von Postämtern auf Korrespondenzkarten setzten die gestiegene Kommunikation und das fortschrittliche Postwesen in Szene.138 Der aufkommende Jugendstil und die Veränderungen und Neubauten im Stadtbild spiegelten sich ebenso auf den Karten wie Bahnhöfe, Eisenbahnlinien und besonders häufig Eisenbahnbrücken.139 Die Eisenbahn stellte den Inbegriff der räumlichen Durchdringung des Zarenreichs dar, indem sie die Weite und Wildheit der Natur überwand.140 Gleichzeitig symbolisierte sie gemeinsam mit Darstellungen von Schiffen oder Automobilen die neue Dimension von Mobilität und betonte die zunehmend schnellere Beförderung der Post.141 Illustrierte Ansichtskarten feierten auf diese Weise sich selbst, denn das Medium kann als Produkt der Industrialisierung par excellence angesehen werden: Die Herstellung der Postkarte erfolgte in technisierter Massenproduktion und das Medium befriedigte das erhöhte Bedürfnis nach Kommunikation, das die zunehmende Mobilität hervorgerufen hatte.

8.4 Die industrialisierte Provinz

Von kaum einem Ort existieren ausschließlich Fabrikansichten. Gewöhnlich konkurrierten diese Motive mit Darstellungen der lokalen Sehenswürdigkeiten. Im Folgenden wird das Verhältnis von Ansichtskarten mit Fabrikmotiven zu Korrespondenzkarten mit gewöhnlichen Stadtansichten in Tula analysiert. Quellengrundlage sind 157 Postkarten der Sammlung Tagrin mit dieser Ortsbezeichnung. Für die Auswahl von Tula war entscheidend, dass es sich um eine mittelgroße Stadt handelte. Diese sollte sowohl Industrieanlagen als auch historische Gebäude und Sehenswürdigkeiten haben, so dass die Fotografen aus einer großen Bandbreite unterschiedlicher Postkartenmotive auswählen konnten.

Die Stadt Tula liegt ca. 200 Kilometer südlich von Moskau am Ufer des Flusses Upa. Erstmals urkundlich erwähnt im Jahr 1146, wurde die Stadt nach dem Anschluss an das Moskauer Fürstentum 1503 zu einer bedeutenden Grenzfestung ausgebaut, und es entstand der bis heute erhaltene Kreml. Bereits im 16. Jahrhundert entwickelte sich in und um Tula metallverarbeitendes Gewerbe.142 Nach dem siegreichen Krieg gegen die Schweden, in dem maßgeblich Waffen aus Tula zum Einsatz gekommen waren, schuf Peter der Große die Grundlagen für den Bau einer ersten Manufaktur, den späteren Imperatorskij Tul’skij Oružejnyj zavod.143 Im 19. Jahrhundert gewannen Samowarfabriken,144 die Akkordeonproduktion145 sowie die Lebensmittelindustrie an Bedeutung, hier sind besonders Zuckerfabriken zu nennen.146 Außerdem waren Prjaniki (Lebkuchen) aus Tula bekannt, diese stammten jedoch aus kleineren Handwerksbetrieben.147 Die Gouvernementshauptstadt zählte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit 111.000 Einwohnern zu den mittelgroßen Städten im Zarenreich.148

Auf den Ansichtskarten aus Tula dominieren weder Fotografien von Industrieanlagen noch von Sehenswürdigkeiten wie Kreml, Kremlgarten, die 40 Kirchen,149 Brücken, Statuen oder der Bahnhof. Das häufigste Motiv sind Straßenansichten. Diese Beobachtung deckt sich mit Untersuchungen zu Postkarten, die zur selben Zeit in Deutschland entstanden.150 Mehr als ein Drittel aller Ansichten aus Tula zeigen Straßenfluchten, Stadtpanoramen oder Gebäude, die der Bildunterschrift nach keine spezifische Funktion hatten (im Gegensatz zu Schulen, Museen oder Verwaltungsgebäuden).151 Zumeist war die Kamera bei diesen Aufnahmen auf Augenhöhe positioniert, und der Fotograf nutzte die städtische Bauweise für Bilder, die durch die Zentralperspektive und die schrägen Linien des Bildaufbaus eine Tiefenwirkung entwickeln sollten.152

Gefolgt werden diese Aufnahmen der Anzahl nach von Postkarten, die eine Fabrik (17 Karten), eine Kirche (zwölf Karten), den Kreml (elf Karten), eine Bildungseinrichtung (zehn Karten) eine Brücke (acht Karten) oder einen Park zeigen (sieben Karten). Regula Burri stellt in ihren Forschungen zu Postkarten die These auf, dass Reiseführer maßgeblich die Wahl der Postkartenmotive beeinflussten.153 Ihr zufolge wählten die Fotografen in Anlehnung an diese Publikationen ihre Motive für neuen Korrespondenzkarten aus, und die Erwartungen der Käufer orientierten sich ebenfalls an diesem Vorbild. Dies mag für Moskau zutreffen, wo Fotografien des Kremls insgesamt auf Postkarten überwogen.154 Für Städte abseits der großen, kulturellen Zentren, darunter auch Tula, stellte sich die Situation anders dar. Hier lassen sich aufschlussreiche Unterschiede zwischen der visuellen Erzählung und der schriftlichen Schilderung in Reiseführern sowie in den Führern der Eisenbahngesellschaften beobachten.

Russische Reiseliteratur, die sich an den Durchschnittsreisenden wandte, zeigte so gut wie keine Fotografien von Fabriken.155 Die Autoren und Herausgeber schrieben Fabrikhallen und rauchenden Schornsteinen keinen besonderen visuellen Reiz zu, erwähnten Fabriken aber durchaus in ihren Texten, wie unter anderen das Beispiel Tula zeigt. So nennt ein Autor 1893 in seiner Stadtbeschreibung die wichtigsten Daten der Stadtgeschichte, darunter 1712, das Gründungsjahr der Tulaer Waffenfabrik. Darüber hinaus erwähnt er weitere Industriezweige, für die der Ort bekannt war.156 Allerdings bleiben diese Angaben eher allgemein. Sehr viel mehr Raum nimmt die Beschreibung der Waffenfabrik in den deutschen und englischen Ausgaben des Baedekers ein.157 Der Baedeker von 1897 empfiehlt sogar dezidiert den Besuch der Fabrik, der allerdings im Voraus beim Kriegsministerium beantragt werden müsse.158 Die beiden späteren Ausgaben erwähnen den Standort des Unternehmens, die Statue Peters I. aus dem Jahr 1912 und geben Informationen über den Architekten der Fabrikgebäude.159 Hier zeigt sich deutlich, dass im Gegensatz zur russischen Reiseliteratur die Herausgeber der Baedeker dem Bereich der Technik von Anfang an eine wichtige Rolle beimaßen.160

Eine Ausnahme unter der russischen Reiseliteratur sind die Reiseführer der russischen Eisenbahngesellschaften. Ihre Autoren erwähnen Fabriken sehr oft in ihren Texten und führen detaillierte Produktionszahlen sowie die Größe der Belegschaften auf.161 Teilweise sind die Publikationen großzügig mit Innen- und Außenaufnahmen der Betriebe illustriert. Diese Reiseführer entstanden vermutlich in Kooperation mit den Unternehmen entlang der Eisenbahnlinien. Während die touristischen Führer sich auf klassische Architektur- und Kunstmotive beschränkten, feierten die Eisenbahngesellschaften die neuen Entwicklungen der Industrialisierung und Technik, zu denen sie auch Fabriken zählten. Die teilweise aufwendigen Veröffentlichungen dienten der Selbstdarstellung der Eisenbahngesellschaften und inszenierten das Zarenreich als stark industrialisiertes Imperium.

Reiseführer vermittelten Eindrücke unbekannter Orte, indem die Menschen im 19. Jahrhundert ähnlich wie in der frühen Neuzeit Reiseliteratur nutzten, um ihr Wissen über die Welt zu erweitern und vom Lehnstuhl aus unbekannte Gebiete zu erkunden.162 Leider lässt sich für den russischen Fall nicht nachvollziehen, inwiefern sich Postkartenherausgeber und Fotografen tatsächlich durch Reiseführer in ihrer Motivwahl beeinflussen ließen. Es ist anzunehmen, dass in den touristischen Hochburgen viele Reiseliteratur gelesen hatten, weshalb ein Zusammenhang mit Postkartenvorlieben denkbar wäre.163 Abseits der kulturellen Zentren war die Anzahl belesener Reisender kleiner, somit dürften sie eine geringere Rolle für den Ansichtskartenmarkt gespielt haben. Die Hersteller richteten ihre Produkte auf eine lokale Kundschaft aus, deren Geschmack besonders die ortsansässigen Kartenproduzenten gut kannten.

Von den Tulaer Karten der Sammlung Tagrin stammt rund die Hälfte von lokal ansässigen Herausgebern. Diese hatten den Vorteil, dass sie besser abschätzen konnten, welche lokalen Besonderheiten vor Ort galten. In einer Stadt waren Fabriken neue, eventuell fremdartige Bauwerke ohne besondere Relevanz für das Erscheinungsbild des Ortes;164 hier hätten Fabrikpostkarten kaum Käufer gefunden. In anderen Fällen waren Fabriken Teil der lokalen Identität, so dass ihre Fotografien Korrespondenzkarten schmückten. Unter allen vorrevolutionären Karten der Sammlung Tagrin findet sich keine, die eine Fabrik in St. Petersburg zeigt.165 In der russischen Hauptstadt gab es zahlreiche Unternehmen mit vielen Arbeitern, die über die modernste technische Ausstattung verfügten.166 Diese Betriebe hinterließen zwar Fotografien, nur erschienen diese in Alben und Festschriften. Die Nachfrage nach Fabrikpostkarten war in der Hauptstadt offenbar gering.167 Die Metropole war für die Zeitgenossen kein Ort der Fabriken, sie war das Zentrum des Russischen Reichs und damit ein imperialer Ort.168 Diese selektive Wahrnehmung spiegelt auch die russische Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, deren Autoren das industrielle St. Petersburg weitgehend ausklammerten.169

In Tula waren Fabrikpostkarten hingegen beliebt, gut zwölf Prozent aller Ansichtskarten zeigten Fabrikdarstellungen. Sicher hatte die Stadt weniger Sehenswürdigkeiten als die beiden Hauptstädte,170 dennoch erklärt dies nicht die vergleichsweise hohe Anzahl von Fabrikmotiven im Vergleich zu sonstigen besonderen Bauwerken in Tula. Sie übertrafen beispielsweise die gedruckten Ansichten des Kremls deutlich.171 Ausgehend von der Annahme, dass in der Provinzstadt Tula Käufer von Ansichtskarten weniger Touristen waren, sondern die Druckerzeugnisse einen regionalen Markt und Geschmack bedienten, lassen sich Hypothesen über das lokale Aufmerksamkeitspotential für Fabriken aufstellen. Die Menschen betrachteten Industriebetriebe als Bestandteil des Stadtbilds, der regionalen Besonderheit und identifizierten sich mit den Unternehmen. Entsprechend kauften sie auch Karten mit Fabrikmotiven.172

Die Analyse der Fabrikaufnahmen zeigt, dass die Postkartenherausgeber weder eine Akkordeon- noch eine Samowarfabrik als Postkartenmotiv ausgewählt hatten, obwohl letztere sogar mehrere hundert Menschen beschäftigten.173 Zwei Postkarten zeigen eine Zucker- und eine Patronenfabrik und damit den zweit- und drittgrößten industriellen Arbeitgeber in Tula.174 Der Zuckerindustrie in Tula gelang erst im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts der Durchbruch, obwohl bereits 1802 die erste Zuckerfabrik im ganzen Zarenreich hier ihre Türen geöffnet hatte.175 Ob es sich bei der abgebildeten Firma um dieses Unternehmen handelt, lässt sich zwar nicht eindeutig nachvollziehen, aber die nationale Bedeutung dieser Gründung für die russische Wirtschaft könnte den Druck einer Postkarte gerechtfertigt haben.

Die restlichen 14 Drucke zeigen Ansichten des Imperatorskij Tul’skij Oružejnyj Zavod, der Waffenfabrik in Tula. Dieser Betrieb hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Gefüge der Stadt einen besonderen Stellenwert, den er sich bis heute erhalten hat. Es war das älteste Unternehmen Tulas. Auf Initiative Peters I. gegründet, profitierte es von der Popularität seines Gründers und repräsentierte gleichzeitig den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt.176 Bis ins 19. Jahrhundert hinein gab es außer der Waffenfabrik nur wenige große Betriebe vor Ort.177 Weiter stand die Fabrik symbolisch für das metallverarbeitende Gewerbe allgemein. Im Gouvernement Tula waren etwa drei Viertel aller Arbeiter in der Eisen- und Stahlindustrie tätig, sowohl in der verarbeitenden Industrie als auch im Berg- und Hüttenwesen.178 Damit stand die Waffenfabrik stellvertretend für all die kleineren metallverarbeitenden Betriebe, die die Postkarten nicht zeigten. Außerdem war sie der größte Arbeitgeber der Stadt und beschäftigte bereits um 1900 zwischen 8.000 und 10.000 Menschen.179 Im Vergleich zu anderen Branchen erhielten Arbeiter in der metallverarbeitenden Industrie im Zarenreich den höchsten Lohn180 und sie waren mehrheitlich gebildet, so dass sie als potentielle Käufer von Ansichtskaten betrachtet werden können.181 Die Industriemotive dürften in Tula aber auch über die Arbeiter hinaus Bevölkerungsgruppen angesprochen haben.

Immer wieder betonten Zeitgenossen in ihren Ortsbeschreibungen die fortschrittliche Ausstattung der ortsansässigen Industrie, speziell der Waffenfabrik,182 was zeigt, dass auch breitere Teile der Bevölkerung mit Bewunderung auf das Unternehmen blickten. Möglicherweise war die Reputation der Fabrik so positiv, weil sie ein staatliches Unternehmen und eine Gründung Peters I. war. Die Waffen und Geschütze aus Tula waren im ganzen Zarenreich bekannt. Der Baedeker von 1897 wies darauf hin, dass Besucher in Museen in St. Petersburg und Moskau alte Gewehre aus der Tulaer Produktion bestaunen könnten.183 Der Autor hob die Bedeutung der Provinzstadt hervor, indem er betonte, dass aus der lokalen Fabrik Objekte stammten, die sogar in den kulturellen Zentren des Imperiums die Bewunderung der Menschen auf sich zogen. Dieser Hinweis verdeutlicht noch einmal, dass Tula weniger für ein bestimmtes Bauwerk oder Denkmal bekannt war, sondern für seine Produkte aus der metallverarbeitenden Industrie.184 Weil es jedoch nicht üblich war, Ansichtskarten mit Produktfotografien zu versehen, standen die Karten mit Illustrationen der Waffenfabrik symbolisch für die in ihr hergestellten Gewehre und Geschütze. Die Waffenfabrik und ihre fotografischen Abbilder auf Korrespondenzkarten dienten als Identifikationsobjekte für die Stadt und ihre Region.

Auch Postkarten aus anderen Regionen geben Hinweise darauf, dass in der Provinz des Zarenreichs Fabriken mitunter sehr viel Aufmerksam bekamen und wichtige Bezugspunkte für die lokale Bevölkerung waren. Es sind Ansichtskarten der Serie Na Urale (Im Ural), die Veniamin Leon’evič Metenkov herausgab, mit der der Lichtbildner aus Ekaterinburg seine Region dokumentierte. In der Sammlung Tagrin erschienen unter den Suchergebnissen mit dem Stichwort zavod (Betrieb) mehrere Postkarten, die keine Fabriken zeigen, sondern Landschaftsfotografien von Flüssen, Uferböschungen oder markanten Felsformationen.185 Nicht das Motiv, sondern die Beschriftung der Karten und die Ortsangabe waren verantwortlich, dass sie unter den Ergebnissen erschienen.186 So nennen mehrere Karten den Kamenskij zavod (Kamenskier Betrieb)187 als geografischen Bezugspunkt. In dieser Bezeichnung fallen zwei Bedeutungen zusammen: der Name einer Fabrik sowie die Bezeichnung eines Orts.188 Im Ural kam es Anfang des 18. Jahrhunderts zu einer Reihe von Unternehmensgründungen. Um die Betriebe siedelten sich Ortschaften an, die bis in die 1920er Jahre hinein den Namen der jeweiligen Fabrik trugen. Dies zeigt, welch große Bedeutung die Industrie für die Uralregion hatte.

8.5 Eine neue Karte des industrialisierten Zarenreichs

Russische Postkarten waren ein Massenmedium, das vielfältige Facetten des Zarenreichs abbildete. Während die Redaktionen der illustrierten Zeitschriften überwiegend in St. Petersburg und Moskau saßen, war die Herausgeberlandschaft von Ansichtskarten sehr divers: Neben großen Verlegern wie Svjatoj Evgenii oder Šerer, Nabgol’c i Ko aus den beiden russischen Hauptstädten gab es viele regionale Akteure auf dem Ansichtskartenmarkt. Das Bildprogramm, das Ansichtskarten von einer bestimmten Ortschaft zeichneten, war eine Mischung aus Fremd- und Eigenwahrnehmung, aus Erwartungen, die ortsfremde Verleger an eine Stadt herantrugen, und Motiven, die lokale Produzenten und Käufer mit ihrer Gemeinde verbanden. Die Fallstudie aus Tula zeigte bereits, dass Industrie beziehungsweise Fabriken an manchen Orten Teil der visuellen Erwartung der Konsumenten waren und als Postkartenmotive dienten, in anderen Fällen dagegen nicht.

Zur Erhärtung dieser Beobachtung wurde analysiert, woher die 500 Fabrikansichten der Sammlung Tagrin stammen. Alle Ortsbezeichnungen wurden aufgelistet und je nach ihrer Häufigkeit mit unterschiedlich großen Markierungen in einer Karte verzeichnet (Abb. 70).

Abb. 70
Abb. 70Herkunftsorte der Postkarten der Sammlung Tagrin zu den Stichworten zavod (Betrieb) und fabrika (Fabrik). Erstellt von Eric Losang

Bis auf wenige Ausnahmen konzentrieren sich die Herkunftsorte der Industrieansichten auf den europäischen Teil des Zarenreichs. Der Osten des Russischen Reichs erlebte seinen industriellen Aufschwung erst nach der Oktoberrevolution. Auf der Landkarte treten die beiden großen Industriezentren St. Petersburg und Moskau nicht in Erscheinung, obwohl gerade hier Unternehmen mit der neuesten, technischen Ausstattung ihren Sitz hatten.189 Es hätte zahlreiche Gründe gegeben, diese Fabriken auf Postkarten zu bannen. Die Herausgeber hätten die Möglichkeit gehabt, zu demonstrieren, dass die Industrie des Zarenreichs es zumindest teilweise mit der westeuropäischen Konkurrenz aufnehmen konnte. Weiter hätten die Arbeiter einen möglichen Kundenkreis darstellen können.190 Insbesondere in St. Petersburg gab es viele metallverarbeitende Betrieben mit finanziell bessergestellten Arbeitern.191 Hingegen dominierte in Moskau die Textilindustrie, deren Arbeiter weniger Lohn erhielten und sich vermutlich weniger oft Ansichtskarten leisten konnten. Die Herausgeber der Postkarten in der Sammlung Tagrin entschieden sich stattdessen dafür, die beiden Metropolen des Russischen Reichs als Kultur- statt als Industriestandorte darzustellen.192

Regionen mit besonders viel Industrie verortet die Karte rund um Moskau, insbesondere östlich der Stadt, im Donezbecken sowie im Ural. Von der Anzahl der Fabrikkarten ausgehend präsentierte sich die russische Provinz technisch fortschrittlicher als das Zentrum des Imperiums. Neben Ortschaften, die sich erst Ende des 19. Jahrhunderts zu Industriestandorten entwickelt hatten wie der Donbass, stammt eine besonders große Zahl an Fabrikpostkarten aus Regionen, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Bedeutung als führender Industriestandort bereits verloren hatten wie der Ural oder Tula. Die Analyse der Landkarte basiert auf der Annahme, dass sich das Bildprogramm von Korrespondenzkarten ausgehend von Erwartungen externer Herausgeber und Reisender entwickelte sowie durch Vorlieben lokaler Konsumenten beeinflusst wurde. Die Korrespondenzkarten und ihre regionale Verteilung können Hinweise darauf geben, in welchen Regionen des Zarenreichs die Industrie ein zentraler Bestandteil der regionalen Identität war.193 In diesen Fällen fanden Fabriken als Motiv auf Postkarten Verwendung und weckten das Interesse der Käufer.

Der Ural wie auch das Gebiet um Tula blickte Anfang des 20. Jahrhunderts auf eine lange industrielle Tradition zurück. Mit den ersten Gründungen von Eisengießereien und metallverarbeitendem Gewerbe hatte sich der Ural bereits im 18. Jahrhundert zum Herzen der russischen Industrie entwickelte.194 Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verlor die Industrie im Ural ihre ehemals führende Position in der Eisenproduktion an westeuropäische Staaten und später an den Donbass.195 Der Grund dafür waren fehlende Investitionen,196 das Ausbleiben weiterer Schritte zur Förderung der Industrialisierung sowie die geografische Lage abseits der neu entstehenden Verkehrswege. Zwar war der Ural über die Wasserwege an die Zentren angebunden, der Transport der Produkte nach Petersburg dauerte jedoch mehrere Monate, und im Winter konnten Schiffe diese Routen nicht befahren.197 Im Zuge der Wirtschaftskrise Anfang des 20. Jahrhunderts und dem Verfall der Metallpreise gerieten viele Unternehmen in der Region in finanzielle Schwierigkeiten oder mussten Bankrott anmelden,198 so dass es zu Diskussionen über den Untergang der Industrie im Ural kam.199

Das Gouvernement Tula war ebenfalls eine Region, in der Ende des 19. Jahrhunderts die Anzahl der Fabriken nicht nur mit Blick auf den Durchschnitt des gesamten Imperiums sehr hoch war. Die Gebiete in und um Tula verzeichneten sogar eine höhere Dichte an Fabriken als das stark industrialisierte Gouvernement Moskau.200 Der größte Arbeitgeber in der Gouvernementshauptstadt, die Waffenfabrik, litt zwar nicht so stark unter der Wirtschaftskrise, aber auch sie sah sich mit neuen Konkurrenten aus anderen Regionen des Russischen Reichs konfrontiert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich beispielsweise St. Petersburg zu einem wichtigen Zentrum der Rüstungsindustrie.201

Im Zuge der großen Infrastrukturprojekte kamen im 19. Jahrhundert Diskussionen über die Zukunft einzelner Regionen des Zarenreichs auf, wie Walter Sperling am Beispiel der Eisenbahn herausgearbeitet hat. Vor diesem Hintergrund begannen Menschen in den Provinzen des Reichs ein Verständnis für ihre lokalen Besonderheiten zu entwickeln, es schlossen sich beispielsweise erstmals Interessierte zusammen, um die Geschichte ihrer Region zu erforschen.202 Diese Entwicklungen bilden den Hintergrund, vor dem Metenkov seine Postkartenserie des Urals herausgab, deren Motive das Gebirge als stark industriell geprägtes Gebiet zeigen. In Tula waren ebenfalls Herausgeber vor Ort maßgeblich daran beteiligt, das Bild der Stadt als Industriestandort zu propagieren. Sechs der zehn Herausgeber von Fabrikkarten stammten aus der Gouvernementshauptstadt.

Die große Bedeutung lokaler Akteure bei der Produktion von Fabrikpostkarten könnte darauf zurückzuführen sein, dass diese Herausgeber sich ihrer Heimatregion besonders verbunden fühlten. Sie bemühten sich darum, das Bild der Region möglichst positiv darzustellen. Wenn zu ihrem Selbstverständnis Fabriken gehörten, zeigten sie diese von ihrer besten Seite. Möglicherweise spielte auch eine gewisse Nostalgie eine Rolle,203 die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, in der die eigene Region eine größere Bedeutung gehabt hatte. Nach 1900 waren auch die Fabriken in der Provinz von den Auswirkungen der Wirtschaftskrise betroffen. Vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Abschwungs mussten der Aufstieg neuer Industrieregionen und der Verlust des eigenen Einflusses noch schmerzlicher erschienen sein. Die große Anzahl von Fabrikmotiven kann in diesem Kontext auch als Ausdrucksform in einem Konkurrenzkampf um politische Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung interpretiert werden. James Harris beschreibt, dass sich die Zeitgenossen im Uralgebiet darüber im Klaren waren, dass ihre Betriebe im Vergleich zu den neu gegründeten Unternehmen im Donbass bezüglich neuer Investitionen wenig fortschrittlich waren.204 Während die russische Regierung sowie ausländische Geldgeber die Neugründungen im Donezbecken großzügig förderten, waren die metallurgischen Betriebe im Ural auf sich alleine gestellt. Vor diesem Hintergrund bemühten sich die lokalen Industriellen, in St. Petersburg das Bewusstsein der Regierung auf die schwierige finanzielle Lage ihrer Unternehmen zu lenken. Doch obwohl beispielsweise 1910 Vertreter des Handels- und Industrieministeriums zugaben, dass finanzielle Unterstützung notwendig sei, um die Betriebe im Ural zu erhalten, blieb die Hilfe von staatlicher Seite aus.

Neben wenigen neueren Industriestandorten wie Taganrog oder Sormovo, heute ein Stadtteil Nižnij Novgorods, stammten besonders viele Fabrikpostkarten der Sammlung Tagrin aus Industrieregionen, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem Bedeutungsverlust konfrontiert sahen. Indem die Herausgeber den wirtschaftlichen und industriellen Stellenwert ihrer Region oder Stadt in Form von Fabriken zu inszenieren suchten, schrieben sie visuell gegen den Verlust der wirtschaftlichen Relevanz ihrer Heimatgemeinden an.

8.6 Fazit

Das neue Medium der Postkarte war im Zarenreich ab den 1870er Jahren und besonders während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts sehr populär. Die Karten ermöglichten eine schnelle und preiswerte Kommunikation zu einer Zeit, in der immer mehr Menschen ihren Heimatort verlassen mussten. Die mit fotografischen Aufnahmen bedruckten Karten halfen, menschliche Beziehungen auch über eine größere Distanz hinweg aufrechtzuerhalten. Die Korrespondenzkarten waren Massenprodukte, die in einem Geflecht von Nachfrage der Kundschaft, technischen Rahmenparametern, vorgeprägten Sehgewohnheiten der Fotografen und lokalen Spezifika und Vorlieben der Herausgeber entstanden.

Die Herausgeber setzten mit Ansichten von Gebäuden, Denkmälern oder Sehenswürdigkeiten Orte möglichst ansprechend in Szene. Fotografen griffen dabei auf eine Bildsprache zurück, zu deren zentralen Elementen die Positionierung der Kamera auf Augenhöhe und die Frontalansicht von Gebäuden zählten, Stilelemente, die in ganz Europa verbreitet waren.205 Dies zeigt, wie eng die Verflechtungen zwischen Auftraggebern, Druckereien und Käufern aus unterschiedlichen Ländern in der Postkartenindustrie waren. Je nach Stadt spielten Fabrikdarstellungen bei der visuellen Präsentation eines Ortes eine wichtigere oder unbedeutendere Rolle. Das Fallbeispiel von Tula und die Analyse der Karten aus dem Ural zeigen, dass je nach Region lokale Herausgeber Fabriken als Kartenmotive viel Aufmerksamkeit zugestanden. Sie konnten zu Identifikationsobjekten eines Orts werden, so dass sie einen Platz auf den Postkarten erhielten. Fabriken boten den Akteuren außerhalb der beiden Hauptstädte die Möglichkeit, ihre Region als fortschrittlich darzustellen und potentielle Empfänger an die Bedeutung der regionalen Industrie für das gesamte Imperium zu erinnern. Schließlich geben die Beschriftungen der Karten Hinweise darauf, welche Orte im Zarenreich den Zeitgenossen als besonders industrialisiert galten. Auf der kognitiven Karte des industrialisierten russischen Raumes treten dabei besonders diejenigen Regionen in Erscheinung, deren unternehmerische Tradition bis ins 18. Jahrhundert zurückreichte, deren Stern sich Ende des 19. Jahrhunderts jedoch bereits im Sinken befand. In diesen Ortschaften und Regionen waren Fabriken beliebte Motive, während das Publikum in den politischen und kulturellen Zentren ihnen offenbar nur wenig Aufmerksamkeit entgegenbrachte.

1

Beispielsweise für Tula: GATO f. 90, op. 1 t 47, d. 41460; oder für Kolomna: Samošin: Putešestvie v staruju Kolomnu, S. 25–38.

2

Karin Walter schlüsselt dies eindrücklich am Beispiel des Tübinger Ansichtskartenverlags Metz auf. Walter: Postkarte und Fotografie, S. 22. Auch in Russland waren die Preise für Fotografien recht hoch: GATO f. 187, op. 2, d. 133, Bd. 3, l. 283.

3

Streng genommen handelt es sich bei allen für diese Arbeit untersuchten Karten um Ansichtskarten, weil sie von privaten Verlegern herausgegeben und nicht wie Postkarten von der russischen Post gedruckt wurden. In dieser Arbeit werden die Bezeichnungen „Ansichtskarte“, „Postkarte“, „Correspondenzkarte“ und „Korrespondenzkarte“ wie im heutigen Sprachgebrauch üblich jedoch synonym verwendet, um Wiederholungen im Text zu umgehen. Zur genauen Unterscheidung der einzelnen Kartentypen sieh u. a.: Robert Lebeck; Gerhard Kaufmann: Viele Grüsse … Eine Kulturgeschichte der Postkarte, Dortmund 1985, S. 402, 405; Anett Holzheid: Das Medium Postkarte. Eine sprachwissenschaftliche und mediengeschichtliche Studie, Berlin 2011, S. 35; Barbara Piatti: Ansichtskarten. Landschaft im Taschenformat, in: Susanne Bieri (Hrsg.): „Als regne es hier nie …“, Basel 2003, S. 19–57, S. 21.

4

Walter: Postkarte und Fotografie, S. 127; Anna Nikolaevna Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv. kak istočniki po istorii i kulture Moskvy, Moskva, Univ., Diss., 2004, S. 22.

5

Alison Rowley: Open Letters. Russian Popular Culture and the Picture Postcard, 1880–1922, Toronto u. a. 2013, S. 19–20, 22. Bereits vor der Entwicklung der Drucktechniken trug zur späteren explosionsartigen Verbreitung der Postkarte auch ein Verfahren bei, nach dem Papier statt aus teuren Lumpen aus Holz hergestellt werden konnte. Von 1847 an sanken die Herstellungskosten für Papier sehr stark. Zu Details der Postkartenherstellung und Datierung: Timm Starl; Eva Tropper: Identifizieren und Datieren von illustrierten Postkarten, Wien 2014.

6

Rudolf Jaworski: Alte Postkarten als kulturhistorische Quellen, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Jg. 51/2000, Heft 2, S. 88–102, S. 92.

7

Anna Nikolaevna Larina: Istorija Moskvy v počtovoj otkrytke, Moskva 2010, S. 9.

8

Ljudmila Ivanovna Petrova: Unveröffentlichte biografische Informationen zu Tagrin, Nikolaj Spiridonovič, Sankt-Peterburg o. J., S. 1.

9

o. A.: Ėnciklopedija kul’turnoj žizni našej ėpochi, Sobranie N. S. Tagrin v fondach Gosudarstvennogo muzeja istorii Sankt-Peterburga, in: Mir ėkskursii, Jg.17/2012, Heft 1, S. 9–12, S. 10. Hierbei handelt es sich um die komplette Anzahl an Karten, mit allen Duplikaten. Die Sammlung umfasst 505.208 Ansichtskarten mit unterschiedlichen Motiven aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

10

Hierbei handelt es sich allerdings um alle Postkarten, die vor 1917 erschienen sind. Leider lässt es der Aufbau der Datenbank nicht zu, die Zahl der Karten mit russischen Motiven gesondert nachzuvollziehen.

11

Wobei Polen als eigenständige Einheit gefasst ist, die nicht zum Zarenreich zählt.

12

Grundlage der quantitative Analyse ist: Rose: Visual Methodologies.

13

Ebd., S. 89–101.

14

Aufgrund der hohen Reproduktionskosten war es nicht möglich, Scans der einzelnen Karten anfertigen zu lassen.

15

Der Begriff „Fabrikpostkarte“ wird in dieser Arbeit für Postkarten verwendet, die mit Fabrikfotografien illustriert sind.

16

Der Kognitionspsychologe Edward C. Tolman prägte den Begriff cognitive maps im Rahmen seiner Forschungen zum Orientierungssinn von Ratten. Edward C. Tolman: Cognitive Maps in Rats and Men, in: The Psychological Review, Jg. 55/1948, Heft 4, S. 189–208. Zum Konzept der mental maps in der Geographie: R. J. Johnston: Mental Maps of the City. Suburban Preference Patterns, in: Environment and Planning, Jg. 3/1971, Heft 3, S. 63–72; Peter Gould; Rodney White: Mental Maps, London 1992.

17

Zu mental maps beispielsweise das Themenheft: Christoph Conrad (Hrsg.): Mental Maps, Themenheft: Geschichte und Gesellschaft, Jg. 28/2002, Heft 3; Roger M. Downs; David Stea: Maps in Minds. Reflections on Cognitive Mapping, New York u. a. 1977; Gunda Barth-Scalmani; Kurt Scharr: Mental Maps historischer Reiseführer. Zur touristischen Verdichtung von Kulturräumen in den Alpen am Beispiel der Brennerroute, in: Thomas Busset; Luigi Lorenzetti; Jon Mathieu (Hrsg.): Tourisme et changements culturels – Tourismus und kultureller Wandel, Zürich 2004, S. 203–224; Juval Portugali (Hrsg.): The Construction of Cognitive Maps, London 1996; Frithjof Benjamin Schenk: Das Paradigma des Raumes in der Osteuropäischen Geschichte, in: Zeitenblicke, Jg. 6/2007, Heft 2, URL: http://www.zeitenblicke.de/2007/2/schenk (zuletzt eingesehen am 02.01.2015); Frithjof Benjamin Schenk: Mental Maps: Die kognitive Kartierung des Kontinents als Forschungsgegenstand der europäischen Geschichte, in: Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (Hrsg.): Europäische Geschichte Online, Mainz 05.06.2013, URL: http://www.ieg-ego.eu/schenkf-2013-de URN: urn:nbn:de:0159-2013052237 (zuletzt eingesehen am 26.09.2016).

18

Zur veränderten Raumwahrnehmung mittels Postkarten auch: Nancy Stieber: Postcards and the Invention of Old Amsterdam Around 1900, in: David Prochaska; Jordana Mendelson (Hrsg.): Postcards. Ephemeral Histories of Modernity, Pennsylvania 2010, S. 24–41, S. 24.

19

Die Arbeit begegnet mit der Verwendung von Postkarten für die Analyse auch der Kritik, dass in der Forschung zu mental maps häufig visuelle Quellen ignoriert würden. Andreas Langenohl: Mental maps, Raum und Erinnerung. Zur kultursoziologischen Erschließung eines transdisziplinären Konzepts, in: Sabine Damir-Geilsdorf; Angelika Hartmann; Béatrice Hendrich (Hrsg.): Mental Maps – Raum – Erinnerung. Kulturwissenschaftliche Zugänge zum Verhältnis von Raum und Erinnerung, Münster 2005, S. 51–69, S. 67–69.

20

Zum Zusammenhang zwischen Industrielandschaften und Identität auch: Gibas: Repräsentationen von Industrielandschaften.

21

Walter: Postkarte und Fotografie, S. 10.

22

Martin Willoughby: Die Geschichte der Postkarte. Ein illustrierter Bericht von der Jahrhundertwende bis in die Gegenwart, Erlangen 1993, S. 33, 37.

23

Larina: Istorija Moskvy v počtovoj otkrytke, S. 8–9. Bei diesem Buch handelt es sich um ein Lesebuch für russische Schüler, nicht um eine wissenschaftliche Publikation. Die Autorin promovierte jedoch 2004 zur dokumentarischen Postkarte in Moskau und ist eine ausgewiesene Spezialistin für russische Postkarten. Aus diesem Grund wird dieses Buch für die Arbeit verwendet, obwohl es beispielsweise keine Fußnoten hat.

24

Eva Tropper: Kontakte und Transfers. Der Ort der Gedruckten Fotografie in einer Geschichte der Postkarte, in: Ulrich Hägele; Irene Ziehe (Hrsg.): Gedruckte Fotografie. Abbildung Objekt und mediales Format, Münster 2015, S. 216–234, S. 217–221.

25

Lebeck; Kaufmann: Viele Grüße …, S. 401.

26

Nikolaj Spiridonovič Tagrin: Mir v otkrytke, Moskva 1978, S. 42.

27

Dieses galt in Russland bis 1925. Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 86.

28

Karin Walter: Eine Kamelherde geht auf Reisen. Weltpostverein und Postverbindungen, in: Beatrice Kümin; Susanne Kumschick (Hrsg.): Gruss aus der Ferne. Fremde Welten auf frühen Ansichtskarten, Zürich 2001, S. 40–43, S. 42.

29

Osterhammel: Verwandlung der Welt, S. 118–121. Zu Standardisierungsbemühungen in der Medizin siehe das Dissertationsprojekt von Katharina Kreuder-Sonnen: Wie man Mikroben auf Reisen schickt. Zirkulierendes bakteriologisches Wissen, polnische Seuchenpolitik und biomedizinische Wissenschaften, 1885–1939.

30

Larina: Istorija Moskvy v počtovoj otkrytke, S. 12.

31

Diese Einteilung von Vor- und Rückseite schlägt Anett Holzheid vor, sie wird für diese Arbeit übernommen. Holzheid: Das Medium Postkarte, S. 43.

32

Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 89.

33

Lebeck; Kaufmann: Viele Grüsse …, S. 401.

34

Eva Tropper: Bild/Störung. Beschriebene Postkarten um 1900, in: Fotogeschichte, Jg. 30/2010, Heft 118, S. 5–16, S. 7–8.

35

Tagrin: Mir v otkrytke, S. 44.

36

Dies blieb auch so, als Ende der 1890er Jahre mehr und mehr Ansichtskarten mit Einzelbildern in den Handel kamen. Tropper: Bild/Störung, S. 8–9.

37

Willoughby: Die Geschichte der Postkarte, S. 67–68.

38

Tagrin: Mir v otkrytke, S. 48.

39

Beatrice Kümin: So eine Reise wäre famos. Zur Geschichte und Bilderwelt der Ansichtskarte, in: dies.; Susanne Kumschick (Hrsg.): Gruss aus der Ferne. Fremde Welten auf frühen Ansichtskarten aus der Sammlung des Völkerkundemuseums, Zürich 2001, S. 32–37, S. 33; Walter: Postkarte und Fotografie, S. 80–82, 91–93; Lebeck; Kaufmann: Viele Grüsse …, S. 413–414. Um die Jahrhundertewende kamen auch Fotopostkarten auf. Hier handelt es nicht um Druckerzeugnisse, sondern um original ausbelichtete Negative. Ihre Herstellung ermöglichte die neu entwickelte „Kilometer Fotografie“, bei der Fotopapier in Rollenform produziert wurde, was die Ausbelichtung der Fotografien auf vollautomatischen Kopiermaschinen ermöglichte. Hierzu: Timm Starl; Eva Tropper: Zeigen, Grüssen, Senden. Editorial, in: Fotogeschichte, Jg. 30/2010, Heft 118, S. 3–4, S. 3. Fotopostkarten konnten die enorm gestiegene Nachfrage allerdings nicht befriedigen. Walter: Postkarte und Fotografie, S. 5. Diese Form der Postkarte spielt bei der vorliegenden Untersuchung so gut wie keine Rolle, weil sich nur ganz vereinzelt Exemplare im untersuchten Korpus befinden.

40

Unter anderem: Beatrice Kümin; Susanne Kumschick: Editorial, in: dies. (Hrsg.): Gruss aus der Ferne. Fremde Welten auf frühen Ansichtskarten aus der Sammlung des Völkerkundemuseums, Zürich 2001, S. 4–5, S. 4; Lebeck; Kaufmann: Viele Grüsse …, S. 411.

41

Zu den technischen Schwierigkeiten der Landschaftsfotografie: Walter: Postkarte und Fotografie, S. 123.

42

Ebd., S. 53. Zu den Bemühungen deutscher Fotografen, ihre Bilder urheberrechtlich schützen zu lassen, ausführlich: Ebd., S. 57–74.

43

Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 48, 107, 110.

44

Es waren nicht nur Postkartenverlage, die Ansichtskarten druckten, sondern auch grafische Anstalten, Kunstdruckereinen oder Papierhandlungen. Darüber hinaus gaben auch Organisationen wie das Rote Kreuz, oder Parteien und Verein Karten heraus. Teilweise findet sich auf den Karten deren voller Name vermerkt, in anderen Fällen nur Verlagskürzel oder keinerlei Angaben zum Herausgeber. Angesichts der Masse an Produzenten ist es darum leider oft nicht möglich, nachzuvollziehen, wer die jeweiligen Karten in Auftrag gegeben hat. Hierzu auch: Jaworski: Alte Postkarten, S. 100.

45

Lebeck; Kaufmann: Viele Grüsse …, S. 416. 1898 waren in Deutschland ca. 12.000 Arbeiter in der Postkartenindustrie beschäftigt. Ludwig Hoerner: Zur Geschichte der fotografischen Ansichtspostkarte, in: Fotogeschichte, Jg. 7/1987, Heft 26, S. 29–44, S. 39.

46

Larina: Istorija Moskvy v počtovoj otkrytke, S. 14–15.

47

Tagrin: Mir v otkrytke, S. 44–45. Beispiele hierzu finden sich auch im analysierten Quellenkorpus. Beispielsweise von Trenkler aus Leipzig: GMISPb ST: 363113_399; Wilhelm Greve aus Berlin: GMISPb ST: 363172_692.

48

Ansichtskarten von ihnen sind ebenfalls im Quellenkorpus vertreten: Šerer, Nabgol’c i Ko beispielsweise: GMISPb ST: 363101_168; 363113_403; 363130_194; K. A. Fišer beispielsweise: GMISPb ST: 363187_370.

49

Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 4.

50

Rowley: Open Letters, S. 25–26.

51

Natal’ja Aleksandrovna Mozochina: Otkrytki Obščiny sv. Evgenii kak chudožestvennyj proekt masterov ob”edinenija „Mir iskusstva“. Problemy istorii i chudožestvennoj praktiki, Moskva, Univ., Diss., 2009, S. 69.

52

o. A.: Stravočnyj ukazatel’, chudožestvennych izdanij, sostojaščago pod pokrovitel’stvom ej Imperatorskago Vysočestva princessa Evgenii Maksimilianovny Ol’denburgskoj, S.-Peterburgskago Popečitel’nago komiteta o sestrach krasnago kresta, Sankt-Peterburg 1911, S. 2.

53

Mozochina: Otkrytki Obščiny sv. Evgenii, S. 106–107.

54

Tagrin: Mir v otkrytke, S. 46, 50.

55

Larina: Istorija Moskvy v počtovoj otkrytke, S. 25.

56

Mozochina: Otkrytki Obščiny sv. Evgenii, S. 50.

57

Das Ministerstvo Putej Soobščenija (Ministerium für Verkehrswege) erlaubte der Gesellschaft, in Bahnhöfen aufklappbare Verkaufsstände für Korrespondenzkarten zu unterhalten. Larina: Istorija Moskvy v počtovoj otkrytke, S. 49–50.

58

Jaworski: Alte Postkarten, S. 100. Eine Ausnahme bildet die Arbeit von Karin Walter, in der die Autorin die Produktionszusammenhänge von illustrierten Postkarten am Beispiel des Tübinger Ansichtskartenverlags Metz nachzeichnet. Walter: Postkarte und Fotografie.

59

Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 99. Ebenso wie die Fotografen waren die Herausgeber von Postkarten verpflichtet, für die Zensurbehörden Alben mit allen von ihnen verlegten Ansichtskarten zu erstellen. Leider scheint keines dieser Alben überliefert zu sein.

60

Maksim Petrovič Dmitriev stellte ca. 900 Karten her, die den Verlauf der Wolga und das Leben am Ufer des Flusses bis zu seiner Mündung dokumentieren. Tagrin: Mir v otkrytke, S. 52.; Maksim P. Dmitriev; Oleg A. Rjabov: Počtovye otkrytki fotografa Maksima Dmitrieva iz kollekcii L’va Tel’nova, Nižnij Novgorod 2007; Aleksandr Nikolaevič Semenov (Hrsg.): Volžskij Al’bom Dmitrieva, Tver’ 2008.

61

Evgenij Michajlovič Birjukov: Metenkov i Ko. Foto, Ekaterinburg 2007, S. 10–11, 14–15, 21, 24.

62

Tagrin: Mir v otkrytke, S. 52.

63

Birjukov: Metenkov i Ko, S. 25, 30.

64

Vergleich hierzu: CGIA f. 1512, op. 1, d. 100, l. 79.

65

Larina: Istorija Moskvy v počtovoj otkrytke, S. 29.

66

Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 127.

67

Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 16.

68

Mozochina: Otkrytki Obščiny sv. Evgenii; Matthew E. Lenoe: Closer to the Masses. Stalinist Culture, Social Revolution, and Soviet Newspapers, Cambridge, Mass. u. a. 2004, S. 14; Jeffrey Brooks: Studies of the Reader in the 1920s, in: Russian History, Jg. 9/1982, Heft 2–3, S. 187–202, S. 188. Die Karten aus den Jahren 1916 bis 1917 zeichnen sich durch ein viel gröberes, qualitativ minderwertiges Druckbild aus, weil die Hersteller nur über poröses, graues Papier verfügten. Larina: Istorija Moskvy v počtovoj otkrytke, S. 29.

69

Starl; Tropper: Zeigen, Grüssen, Senden, S. 3.

70

In folgenden beiden Aufsätzen werden die mit Postkarten verbundenen Praktiken detailliert interpretiert: Roberto Zaugg: Zwischen Europäisierung und Afrikanisierung. Zur visuellen Konstruktion der Kapverden auf kolonialen Postkarten, in: Fotogeschichte, Jg. 30/2010, Heft 118, S. 17–28; Tropper: Bild/Störung.

71

Lebeck; Kaufmann: Viele Grüsse …, S. 403; Helmut Hartwig: „Weiter nichts neues andermal Mehr“. Kommunikation per Postkarte, in: Karl Riha (Hrsg.): Massenmedium Bildpostkarte, Siegen 1979, S. 1–13, S. 5; Tropper: Bild/Störung, S. 6.

72

Rowley: Open Letters, S. 17.

73

John W. Randolph: The Singing Coachman or, the Road and Russia’s Ethnographic Invention in Early Modern Times, in: Journal of Early Modern History, Jg. 11/2007, Heft 1–2, S. 33–62, S. 39. In manchen abgelegenen Gebieten des Landes blieb dies bis in die 1930er Jahre der Fall. Rowley: Open Letters, S. 17.

74

Cvetkovski: Modernisierung durch Beschleunigung, S. 140–141; Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 89. Cvetkovski gibt auch einen Einblick in die Organisation der russischen Post vor der Entwicklung der Eisenbahn.

75

Rowley: Open Letters, S. 18.

76

Auf rund 7.000 Menschen kam nur ein Telefonanschluss. Osterhammel: Verwandlung der Welt, S. 1025; In den USA besaß jeder 60. einen Telefonanschluss, in Schweden jeder 115. und in Frankreich verfügte einer von 1.216 Bewohnern über ein Telefon. Heßler: Kulturgeschichte der Technik, S. 130.

77

Rowley: Open Letters, S. 31. Im europäischen Vergleich arbeitete die russische Post hier immer noch relativ langsam. In westeuropäischen Großstädten wie Berlin trugen Briefträger bis zu dreimal pro Tag Sendungen aus, so dass sich die Menschen per Post am Morgen für den Nachmittag verabreden konnten. Lebeck; Kaufmann: Viele Grüsse …, S. 409; Piatti: Ansichtskarten, S. 27.

78

Hierzu beispielsweise: Holzheid: Das Medium Postkarte, S. 46, 50; Tropper: Bild/Störung, S. 8.

79

Holzheid: Das Medium Postkarte, S. 76, 79.

80

Lebeck; Kaufmann: Viele Grüsse …, S. 403; Isa Schikorsky: Herzl. Euer Oscar. Ansichtskarten als Kommunikationsmedium, in: Beatrice Kümin; Susanne Kumschick (Hrsg.): Gruss aus der Ferne. Fremde Welten auf frühen Ansichtskarten aus der Sammlung des Völkerkundemuseums, Zürich 2001, S. 46–51, S. 48.

81

Das Porto für eine Postkarte innerhalb derselben russischen Stadt kostete drei Kopeken, lebte der Adressat in einer anderen Stadt, verlangte die Post fünf Kopeken für die Beförderung. In den 1870er Jahren kostete ein Laib Brot circa eine halbe Kopeke. Larina: Istorija Moskvy v počtovoj otkrytke, S. 11.

82

Hierzu: Manfred Hildermeier: Bürgertum und Stadt in Russland 1760–1870. Rechtliche Lage und soziale Struktur, Köln 1986.

83

o. A.: Stravočnyj ukazatel’, S. 60, 64; Tagrin: Mir v otkrytke, S. 45.

84

CGIA f. 1179, op. 27, d. 1, l. 167.

85

Kanatchikov: From the Story of My Life, S. 55; Hildermeier: Geschichte Russlands, S. 1196.

86

Larina führt in ihrer Studie an, dass 97 Prozent der versandten Postkarten für Kommunikation von Privatpersonen genutzt wurde. Larina: Istorija Moskvy v počtovoj otkrytke, S. 55.

87

o. A.: Statistika otkrytok, in: Otkrytoe Pis’mo, Jg. 1/1904/1905, No 1, S. 13–14.

88

Hierzu beispielsweise: Grefe: Die Geschichte der Architekturfotografie des 19. Jahrhunderts, S. 53; Piatti: Ansichtskarten, S. 31; Rowley: Open Letters, S. 35–36; Albert Wirz: Landkarten und Traumbilder der Moderne. Zu Carl Täubners Bildern aus Südamerika, in: Beatrice Kümin; Susanne Kumschick (Hrsg.): Gruss aus der Ferne. Fremde Welten auf frühen Ansichtskarten aus der Sammlung des Völkerkundemuseums, Zürich 2001, S. 90–97, S. 90.

89

Zur Entwicklung des Tourismus im Zarenreich beispielsweise: Gennadij Petrovič Dolženko: Istorija turizma v dorevoljucionnoj Rossii i SSSR, Rostov-na-Donu 1988, S. 20–60; Christian Noack: Building Tourism in One Country? The Sovietization of Vacationing, 1917–41, in: Eric G. E. Zuelow (Hrsg.): Touring Beyond the Nation. A Transnational Approach to European Tourism History, Farnham, Burlington 2011, S. 171–193, S. 172–176.

90

McReynolds: The Prerevolutionary Russian Tourist, S. 17–18.

91

Die erste Organisation, die ähnlich wie Thomas Cook bereits 1867 Reisen nach Italien und Spanien anbot, war Leopol’d Lipson. Allerdings kostete ein dreiwöchiger Aufenthalt in Finnland und Schweden 1885 350 Rubel, und für drei Monate in Italien und Spanien verlangte der Anbieter 2500 Rubel. Diese Summen konnten sich keine einfachen Arbeiter leisten. Die Wochenendausflüge von Russkij Turist kosteten dagegen nur etwa zehn Kopeken. McReynolds: The Prerevolutionary Russian Tourist, S. 26–28.

92

McReynolds: The Prerevolutionary Russian Tourist, S. 32, 34, 37–38.

93

Beispielsweise: Kümin; Kumschick (Hrsg.): Gruss aus der Ferne; Jäger: Fotografie und Geschichte, S. 168–182; Piatti: Ansichtskarten; Zaugg: Zwischen Europäisierung und Afrikanisierung.

94

Kümin: So eine Reise wäre famos, S. 33. Diese Faszination war so groß, dass, wer es sich leisten konnte, teilweise ganze Räume mit Abbildungen aus der weiten Welt tapezieren ließ. o. A.: Chefs-d’oeuvre du Musée de l’Impression sur Étoffes, Mulhouse, Tokyo 1978. Auch in Berichten über die Präsentation des Zarenreichs auf Weltausstellungen betonten die Autoren, dass besonders die exotischen Abteilungen wie die Darstellung Sibiriens die Besucher in ihren Bann zogen o. A.: Rossija na vsemirnoj vystavke v Pariže v 1900 g. – La Rusiie a l’exposititon universelle de Paris en 1900, Sankt-Peterburg 1900, S. 50; Orlov: Vsemirnaja Parižskaja vystavka 1900 goda, S. 162.

95

Holzheid: Das Medium Postkarte, S. 251. Zur Sammelleidenschaft um die Jahrhundertwende siehe auch: Eva Tropper: Illustrierte Postkarten, ein Format entsteht und verändert sich, in: dies.; Timm Starl (Hrsg.): Format Postkarte. Illustrierte Korrespondenzen, 1900 bis 1936, Wien 2014, S. 10–41, S. 36–41.

96

Die Herstellung dieser Alben entwickelte sich ebenfalls zu einem blühenden Industriezweig. 1897 existierten in Deutschland schon 60 Fabriken, die Postkartensammelalben herstellten. Lebeck; Kaufmann: Viele Grüsse …, S. 410.

97

Walter: Eine Kamelherde geht auf Reisen, S. 42.

98

Die Kritik, die Anett Holzheid formuliert, es werde immer nur die illustrierte Rückseite untersucht, hat demnach nicht unbedingt etwas mit einem Desinteresse an der schriftlichen Informationsvermittlung auf Postkarten zu tun, sondern kann auch eine Folge der Quellenlage sein. Holzheid: Das Medium Postkarte, S. 24.

99

Die gilt sowohl mit Blick auf den Geschmack der Käufer als auch auf die bis 1906 von der Zensur genehmigten Motive. Wirz: Landkarten und Traumbilder der Moderne, S. 91.

100

Karin Walter: Die Ansichtskarte als visuelles Medium, in: Kaspar Maase; Wolfgang Kaschuba (Hrsg.): Schund und Schönheit. Populäre Kultur um 1900, Köln, Weimar, Wien 2001, S. 46–61, S. 61. Ähnliches stellt Daniel Speich für Panoramen fest: Daniel Speich: Wissenschaftlicher Blick und touristischer Blick. Zur Geschichte der „Aussicht“ im 19. Jahrhundert, in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte, Jg. 6/1999, Heft 3, S. 83–99, S. 89. Zur Entwicklung der Fähigkeit, zweidimensional Dargestelltes und speziell Fotografien zu erkennen und auf eine mehrdimensionale Umgebung zu übertragen, siehe: Forge: Learning to See in New Guinea, S. 286–288; hierzu auch: Marshall H. Segall; Donald T. Campbell; Melville J. Herskovit: The Influence of Culture on Visual Perception, Indianapolis 1966.

101

Walter: Postkarte und Fotografie, S. 52.

102

Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 15.

103

Ebd., S. 15–16.

104

GMISPb ST: 363200_395.

105

GMISPb ST: 363131_645.

106

GMISPb ST: 363131_419; 311717_2355.

107

Vgl. hierzu die Anfrage des Fotografen V. I. Vakulenko aus Tula vom 19. März 1912 anlässlich des 200. Firmenjubiläums Fotografien in den Werkstätten machen zu dürfen, die nicht genehmigt wurde. GATO f. 187, op. 2, d. 133, Bd. 3, l. 215, 283.

108

Für Details zur Vedutenmalerei siehe: Kapitel „Visuelle Vorgänger – Fabriken in der Malerei“, S. 61–79.

109

Grefe: Die Geschichte der Architekturfotografie des 19. Jahrhunderts, S. 57. Grefe arbeitet die enge Verbindung zwischen Vedutenmalerei und Postkarten am Beispiel von Venedig und Rom heraus. Ebd. S. 60–61.

110

Zu diesem Zweck besaßen Postkartenverlage teilweise ganze Staffagekataloge, aus denen sie entsprechende Personen oder kleinere Menschengruppen auswählen und eine Aufnahme entsprechend ergänzen konnten. Walter: Postkarte und Fotografie, S. 43, 178.

111

Gestwa: Der Blick auf Land und Leute, S. 64.

112

Zu Plakaten beispielsweise: Waschik; Baburina (Hrsg.): Werben für die Utopie; Klimova; Zolotinkina (Hrsg.): Reklamnyj plakat v Rossii. Zu sonstigen Werbematerialien beispielsweise die Ausstellung: „Dizajn upakovki. Sdelano v Rossii“ 19.4.–2.6.2013 Manež, Muzejnovystavočnoe ob”edinenie, Moskva. Zu Briefköpfen: Christoph Schotten; Bernd Steyer (Hrsg.): Fabrik und Ornament. Briefköpfe aus 5 Jahrzehnten. Katalog zur Ausstellung 14. November 1993–16. Januar 1994, Schloß Hardenberg, Velbert, Velbert 1993, S. 5–6.

113

Glinternik: Reklama v Rossii, S. 178; Pierrot: Le silence des artistes?, S. 17; Herz: Gesammelte Fotografie und fotografierte Erinnerungen, S. 255.

114

Nye: Image Worlds, S. 73.

115

Pierrot: Le silence des artistes?, S. 17.

116

Lüdtke: Gesichter der Belegschaft, S. 89. Nicht umsonst ist eine der bekanntesten Industrieansichten aus dem 19. Jahrhundert ein Panorama aus der Vogelperspektive. Es handelt sich um eine Aufnahme des Geländes der Firma Krupp, die von einem der dortigen Schornsteine gemacht wurde. Siehe hierzu: von Dewitz: Die Bilder sind nicht teuer, S. 41–42.

117

Je stärker die Mechanisierung voranschritt, desto mehr Industrieanlagen hatten mindestens einen an das Kesselhaus angeschlossenen Schornstein. Von der Anzahl der betriebenen Dampfmaschinen hing die Höhe des Kamins ab. Douglas Farnie; Mike Williams: Cotton Mills in Greater Manchester, Preston 1992, S. 113.

118

Stamper: Aerial Views and Panoramas, S. 101.

119

Pohlmann: Obelisken der Industrie – Poesie der Technik, S. 7; West: I Shop in Moscow, S. 107; Schotten; Steyer: Fabrik und Ornament, S. 5; Türk: Bilder der Arbeit, S. 19.

120

Benson (Hrsg.): The Printed Picture, S. 106; Boom: Moderne Landschaft, S. 81.

121

Sachsse: Fotografie, S. 75; Walter: Postkarte und Fotografie, S. 131, 194–195.

122

o. A.: Vidy cepodelatel’nago zavoda. Die symbolische Bedeutung des rauchenden Schornsteins gilt auch für Frankreich, wo ebenfalls auf Fotografien vielfach mit Retuschen Rauchwolken ergänzt wurden. Assegond: La photographie du travail, S. 181.

123

Schotten; Steyer: Fabrik und Ornament, S. 5.

124

GMISPb ST: 363110_265.

125

Walter: Postkarte und Fotografie, S. 175.

126

Assegond: La photographie du travail, S. 226, 257–260.

127

Hierzu beispielsweise: Willoughby: Die Geschichte der Postkarte, S. 10; Assegond: Les débuts de la photographie du travail usinier, S. 93.

128

Albert G. Juskin: Rußlands unvergeßliche Gestalt. Das Zentralarchiv für Film und Photographie der UdSSR, Krasnogorsk, in: Nikolaj Nikolaevič Rachmanov (Hrsg.): Das Russland der Zaren. Photographien von 1839 bis zur Oktoberrevolution, Berlin 1989, S. 212–252, S. 212.

129

In der Sammlung Tagrin findet sich nicht ein Beispiel einer Fabrikansicht, die von einem Unternehmen in Auftrag gegeben wäre. Dies lässt sich mit relativ großer Sicherheit sagen, weil Unternehmen die Karten als Werbeträger verstanden und folglich ihr Firmenlogo zumindest auf der Rückseite abdrucken ließen. Rowley: Open Letters, S. 33. Außerdem fanden sich auch in keinen Firmennachlässen Dokumente, die auf eine Bestellung von Postkarten bei einer Druckerei hinweisen.

130

Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 92–93.

131

Rowley: Open Letters, S. 32–33.

132

Allerdings konnte eine räumliche Abgrenzung auch aus der Erfahrung resultieren, dass es in den Betrieben immer wieder zu Explosionen und Unfällen kam, die auch Wohnhäuser in unmittelbarer Nähe in Mitleidenschaft zogen. Gestwa: Proto-Industrialisierung, S. 163. In diesem Fall resultierte die Haltung gegenüber der Fabrik als einem bedrohlichen Ort aus der eigenen Erfahrung oder den Erlebnissen der Vorfahren.

133

Pohlmann: Obelisken der Industrie – Poesie der Technik, S. 9.

134

Der Kynovskij železodelatel’nyj zavod (Kynover metallverarbeitender Betrieb) ist ein typisches Beispiel für die Gewerbesiedlungen im Ural. Nach der Gründung des Betriebs 1761 entwickelte sich um das Unternehmen das heutige Dorf Kyn.

135

Dmitrij Vasil’evič Gavrilov: Rabočie Urala v period domonopolitičeskogo kapitalizma, 1861–1900, Moskva 1985, S. 269; Alekseev Vasilevič Veniamin u. a.: Industrial Heritage on the Ural in Photographs, Ekaterinburg 1993, S. 7; Vera Jur’evna Krupjanskaja; Ninel’ Savvišna Poliščuk: Kul’tura i byt rabočich gornozavodskogo Urala. Konec XIX–načalo XX v., Moskva 1971, S. 103–122.

136

Als Gegenbeispiel können Aufnahmen aus dem Krupparchiv gelten. Ulrich Borsdorf; Sigrid Schneider: Ein gewaltiger Betrieb. Fabrik und Stadt auf den Kruppschen Fotografien, in: Klaus Tenfelde (Hrsg.): Bilder von Krupp. Fotografie und Geschichte im Industriezeitalter, München 1994, S. 123–158, S. 158.

137

GMISPb ST: 363175_98.

138

Lebeck; Kaufmann: Viele Grüsse …, S. 9.

139

Wirz: Landkarten und Traumbilder der Moderne, S. 93–96; Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 18. Fotografische Aufnahmen von Eisenbahnstrecken gehören zu den sehr frühen Industrieaufnahmen, sowohl im Zarenreich als auch in Westeuropa und den USA. Bereits 1852 hielt Charles Blacker Vignoles einen Brückenbau über den Dnepr bei Kiev in Fotografien fest. Pohlmann: Obelisken der Industrie – Poesie der Technik, S. 8. 1861 dokumentierte der Fotograf Anton Rohrbach (1825–1889) die Eisenbahnstrecke Warschau-St. Petersburg. Dainius Junevicius: Anton Rohrbach. Rediscovering a Mid-19th Century Photographer of Railway Bridges, in: Anna Auer; Uwe Schögl (Hrsg.): Jubilee 30 Years ESHPh. Congress of Photography in Vienna, Salzburg 2008, S. 110–125. Bis heute befinden sich in russischen Archiven und Bibliotheken zahlreiche Alben, in denen unterschiedliche Eisenbahnstrecken fotografisch dokumentiert sind, beispielsweise im Otdel’ Ėstampov der RNB oder der Fotoabteilung der RGB. Sie übersteigen die Anzahl der Alben, in denen Fabrikfotografien aufbewahrt sind, um ein Vielfaches.

140

Pohlmann: Naturwunder und Territorium, S. 10; Schenk: Russlands Fahrt in die Moderne, S. 87.

141

Larina: Istorija Moskvy v počtovoj otkrytke, S. 13; Wirz: Landkarten und Traumbilder der Moderne, S. 93.

142

V. V. Mel’šijan: Tula. Ėkonomiko-geografičeskij očerk, Tula 1968, S. 19–22; V. V. Mel’šijan: Tul’skaja Oblast’. Ėkonomiko-geografičeskij očerk, Tula 1959, S. 39–41.

143

P. S. Ul’jancevym: Vo vremja feodal’nye, in: Istorija Tul’skogo Oružejnogo Zavoda, 1712–1972. Pod gnetom ėkspluatacii. Rabočij klass u vlasti, Moskva 1973, S. 10–70, S. 28.

144

G. Bakulev; D. Solomencev: Promyšlennost’ Tul’skogo ėkonomičeskogo rajona, Tula 1960, S. 93–94; Vsja Tula i Tul’skaja gubernija. Spravočnaja kniga, Tula 1925, S. 16–17.

145

Mel’šijan: Tul’skaja Oblast’, S. 46; Bakulev; Solomencev: Promyšlennost’, S. 94.

146

o. A.: Putevoditel’ po Moskovsko-Kurskoj železnoj dorogi, Moskva 1905, S. 118–123. Zu Tula und seiner Waffenfabrik: S. 186–187.

147

Baedeker: Russland, S. 358; Karl Baedeker: Russland nebst Teheran, Port Arthur, Peking. Handbuch für Reisende, Leipzig 1912, S. 346.

148

V. P. Semenov (Hrsg.): Pol’noe geografičeskoe opisanie našego otečestva. Srednerusskaja černozemnaja oblast’, Sankt-Peterburg 1902, S. 164.

149

Alfred Kirchhoff (Hrsg.): Länderkunde von Europa. Rußland, Leipzig, Wien 1907, S. 292.

150

Walter: Die Ansichtskarte als visuelles Medium, S. 52.

151

Einschränkend muss hier angemerkt werden, dass auf einigen Postkarten auch Kirchen oder deren Glockentürme zu sehen waren, obwohl sich die Bildunterschrift nur auf den jeweiligen Straßennamen bezog. Gleiches gilt auch für Industrieanlagen. Diese sind insofern schwieriger zu erkennen, als dass der Betrachter zwar Schornsteine entdecken kann, es aber häufig nicht klar ist, ob diese zu einem Fabrikgebäude gehören oder eventuell ein Heizwerk darstellen. Darum stützen sich Auswahl und Analyse der folgenden Postkarten in erster Linie auf deren Bildunterschriften.

152

Wirz: Landkarten und Traumbilder der Moderne, S. 93.

153

Burri: Die Welt im Taschenformat, S. 12.

154

Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 20.

155

Zwar wäre es denkbar, dass sich in einem Reiseführer die Fotografie einer Fabrik findet, aber es fehlen sowohl die Marker wie hohe Schornsteine, als auch eine entsprechende Bildunterschrift. In diesem Falle wäre nur ein ortskundiger Betrachter in der Lage gewesen, das abgebildete Objekt zu erkennen. So bei einer Abbildung aus Kolpino: Vladimir Alekseevič Adadurov: Illjustrirovannyj putevoditel’ po Nikolaevskoj ž. d., Petrograd 1914, S. 45–46. Für diese Arbeit wurden zahlreiche Reiseführer mit Blick auf Aufnahmen von Industrieanalgen hin ausgewertet, darunter: o. A.: Putevoditel’ po Rossii. „Frum“, Sankt-Peterburg 1909; L. Dekroz: Illjustrirovannyj Al’bom-Putevoditel’ po Volge. S vidami glavnych gorodov po Volge: Nižnjago-Novgoroda, Kazani, Simbirska, Samary, Saratova, Astrachani i s mnogimi illjustracijami, Moskva 1890; N. I. Ignatov: Po Rossii. Putevoditel’ i Spravočnik po Vsej Rossii. Železnyja dorogi, parochodstva, počtovye trakty, Sankt-Peterburg 1901; N. I. Ignatova: Drevnyj Peterburg. Putevoditel’-Spravočnik s illjustracijami i planom S.-Peterburga, Sankt-Peterburg 1900; M. A. Moskvič: Illjustrirovannyj praktičeskij putevoditel’ po Moskve i okrestnostjam s priloženiem: desjati planov, 32 illjustracij, alfavita i proč, Odessa 21908; N. N. Putnika: Putevoditel’ po Krymu, Kavkazu i Vostoku (Konstantinopel’ Kaur), Odessa 31899; N. N. Putnika: Vseobščij illjustrirovannyi putevoditel’. Glavnejšie železnodorožnye maršruty i morskija putešestvija, Krym, Kavkaz i Vostok, Sankt-Peterburg 1914; о. А.: Illjustrirovannyj putevoditel’ po jugozapadnym kazennym železnym dorogam, Kiev 1898; о. А.: Putevoditel’ po Moskovsko-Kurskoj železnoj dorogi; о. А.: Putevoditel’ po Moskovskoj Okružnoj železnoj doroge, Moskva 1909; A. M. Karačunskij (Hrsg.): Sputnik po Peterburgu, illjustrirovannyj, Sankt Peterburg 1906.

156

Tilli (Hrsg.): Putevoditel’ po Rossii. Karmannoe izdanie. Sostavlen po oficial’nym svedenijam. Polnoe soderžanie železnodorožnych i parochodnych soobščenij po vsej Rossii. S priloženii železnodorožnoj karty so vsemi neobchodimymi svedenijami, Moskva 61893, S. 44.

157

Baedeker: Russland nebst Teheran, S. 346; Karl Baedeker: Russia with Teheran, Port Arthur, and Peking. Handbook for Travellers, Leipzig 1914, S. 361.

158

Baedeker: Russland, S. 358.

159

Die englische Ausgabe erwähnt, dass ein großer Teil der Fabrikbauten unter der Bauaufsicht eines Engländers namens Trewheller entstanden sei. Baedeker: Russia with Teheran, S. 361.

160

Susanne Müller: Die Welt des Baedeker. Eine Medienkulturgeschichte des Reiseführers, 1830–1945, Frankfurt a. M., New York 2012, S. 145.

161

Beispielsweise: Ekaterininskaja železnaja doroga (Hrsg.): Po Ekaterininskoj železnoj doroge, Bd. 1, Ekaterinoslav 1903, S. 130–147; Ekaterininskaja železnaja doroga (Hrsg.): Po Ekaterininskoj železnoj doroge, Bd 2, Ekaterinoslav 1912, S. 56–63, 106–111, 252–259; o. A.: Putevoditel’ po Moskovsko-Kurskoj železnoj dorogi, S. 118–123. Zu Tula und seiner Waffenfabrik: S. 199–202.

162

Osterhammel: Verwandlung der Welt, S. 51–53.

163

Vermutlich handelt es sich bei der Mehrzahl jedoch um gewöhnliche Reiseführer. Die Eisenbahnführer hatten eine deutlich geringere Auflage und waren teurer, so dass touristische Führer ein breiteres Publikum gehabt haben dürften. Teilweise erschienen sie in fast identischer Ausgabe über mehrere Jahre: Russkoe obščestvo parochodstva i torgovli: Rospisanija rejsov parochodov i Tarify. Odessa, bereg Kryma i Kavkaza, Odessa 1899; Russkoe obščestvo parochodstva i torgovli: Illjustrirovannyj putevoditel’ po Odesse, Krymu, Kavkazu i vostoku. Konstantionpel’-Kair, Odessa 91905; Russkoe obščestvo parachodstva i torgovli: Putevoditel’ po Krymu, Kavkazu i Bližnemu vostoku, Odessa 1913.

164

Zur Wahrnehmung von Fabriken beispielsweise: Steinberg: Proletarian Imagination, S. 161–164.

165

Über ergänzende Internetrecherchen konnten einige wenige Postkarten mit Fabrikmotiven aus der russischen Hauptstadt ausfindig gemacht werden. Allerdings zeigt die überwiegende Mehrheit der Karten Aufnahmen von Bauwerken oder Denkmälern.

166

Portal: The Industrialization of Russia, S. 831–832.

167

Für den Fall Moskau gilt eine ähnliche Beobachtung. Hier findet sich unter dem Stichwort „zavod“ oder „ fabrika“ nur eine Postkarte zu einer Handwerks- und Industrieausstellung, die 1913 in Moskau stattgefunden hatte.

168

Katerina Clark: Petersburg. Crucible of Cultural Revolution, Cambridge, London 1995, S. 58–73; Karl Schlögel: Petersburg. Das Laboratorium der Moderne, 1909–1921, München, Wien 2002, S. 27–41.

169

Julie A. Buckler: Mapping St. Petersburg. Imperial Text and Cityshape, Princeton, Oxford 2005, S. 180, 182.

170

In der Enzyklopädie Rossija. Pol’noe geografičeskoe opisanie našego otečestva wird bei der Stadtbeschreibung Tulas angemerkt, dass nur wenige alte Bauwerke die Zeit überdauert hätten. Semenov (Hrsg.): Pol’noe geografičeskoe opisanie našego otečestva, S. 434.

171

Unter den Karten der Sammlung Tagrin zu Tula befinden sich 16 Ansichten von Fabriken und nur elf Darstellungen des Kremls, dabei wurden sowohl Gesamtansichten gezählt als auch Karten, die nur einen Turm oder ein Tor des Kremls zeigen.

172

Möglicherweise stellten Handelsvertreter, die zur Waffenfabrik oder den zahlreichen anderen Unternehmen reisten, eine weitere Käufergruppe für Fabrikpostkarten aus Tula dar.

173

o. A.: Spisok Fabrik, zavodov i dr. promyšlennyci predprijatij Tul’skoj gubernii, S. 8–9. Interessant ist, dass auch im lokalen Archiv GATO nur eine Fotografie archiviert ist, die eine Samowarfabrik zeigt. GATO f. 3097, op. 3, d 67.

174

Zuckerfabrik, GMISPb ST: 363200_395; Patronenfabrik, GMISPb ST: 363200_328. Ebd., 14–15; 20–21; Semenov (Hrsg.): Pol’noe geografičeskoe opisanie našego otečestva, S. 435. P. A. Poffart: Die Königreiche Schweden und Norwegen, das Kaiserthum Rußland und Königreich Polen, und Freistaat Krakau, Stuttgart 1841, S. 524. Insgesamt gewann die Lebensmittelindustrie im Gouvernement Tula besonders in den 1870er und 1880er Jahren an Bedeutung. Bakulev; Solomencev: Promyšlennost’, S. 77.

175

Blackwell: The Beginnings of Russian Industrialization, S. 53.

176

Baedeker: Russland, S. 357.

177

Poffart: Die Königreiche, S. 524.

178

Mel’šijan: Tul’skaja Oblast’, S. 46.

179

Semenov (Hrsg.): Pol’noe geografičeskoe opisanie našego otečestva, S. 435.

180

Er war mit gut 338 Rubel pro Jahr fast doppelt so hoch wie in der Nahrungsmittelindustrie. Hildermeier: Geschichte Russlands, S. 1196.

181

Mel’šijan: Tul’skaja Oblast’, S. 47. Für eine ausführliche Schilderung der Tulaer Arbeiter sowie ihrer Vorlieben und Bräuche siehe: Poffart: Die Königreiche, S. 527–528.

182

Beispielsweise: Kirchhoff (Hrsg.): Länderkunde, S. 292; speziell zur Ausstattung der Waffenfabrik in der vorrevolutionären Zeit siehe auch: Poffart: Die Königreiche, S. 527; oder in der Sekundärliteratur: Ul’jancevym: Vo vremja feodal’nye.

183

Baedeker: Russland, S. 357.

184

Mel’šijan: Tula, S. 25–26.

185

Beispielsweise: GMISPb ST: 363207_911–913; 363208_180–184; 363208_187.

186

Beispielsweise: Rossija. Ural. Kamennye vorota na reke Iseti u Kamenskogo zavoda, № 367 – Russland. Ural. Steinernes Tor am Fluss Iset’ beim Kamensker Betrieb, № 367, GMISPb ST: 363207_911 oder Rossija. Ural. Reka Kamenka v 5 verstach ot Kamenskogo zavoda, № 301 – Russland. Ural. Der Fluss Kamenka fünf Werst vom Kamensker Betrieb entfernt, № 301, GMISPb ST: 363208_187.

187

Details zu diesem metallverarbeitenden Betrieb: Buranov: Akcionirovanie gorozavodskoj promyšlennosti Urala, S. 165.

188

V. N. Bočkarev; S. M. Tomsinskij: Ural v pervoj polovine XVIII veka, in: K. S. Machanek; V. V. Muchin; P. I. Chitrov (Hrsg.): Istorija Urala, Bd. 1. Pervobytnoobščinnyj stroj, period feodalizma, period kapitalizma, Perm’ 1963, S. 94–108, S. 96–103.

189

Portal: The Industrialization of Russia, S. 831–833; Bonwetsch: Die russische Revolution 1917, S. 66.

190

Die Arbeiterschaft machte ca. zehn Prozent der Stadtbevölkerung aus, ein ungewöhnlich großer Anteil für das Zarenreich. Bonwetsch: Die russische Revolution 1917, S. 66.

191

In Frankreich war es sehr verbreitet, dass Arbeiter Fotografien der Unternehmen erstanden, in denen sie selbst tätig waren. Assegond: La photographie du travail, S. 226, 257–260.

192

Auch in anderen europäischen Städten wie Paris konzentrierten sich Herausgeber von Postkarten auf bestimmte Sujets und Stadtviertel. Insbesondere wenig bürgerlich geprägte Viertel fanden kaum visuellen Niederschlag auf Postkarten. Naomi Schor: Cartes Postales. Representing Paris 1900, in: David Prochaska; Jordana Mendelson (Hrsg.): Postcards. Ephemeral Histories of Modernity, Pennsylvania 2010, S. 1–23, S. 15.

193

Roger Downs; David Stea: Kognitive Karten. Die Welt in unseren Köpfen, New York 1982, S. 24; Robert Lloyed; Rex Cammack: Constructing Cognitive Maps with Orientation Biases, in: Juval Portugali (Hrsg.): The Construction of Cognitive Maps, Dorbrecht u. a. 1996, S. 187–213, S. 187; M. Jeanne Sholl: From Visual Information to Cognitive Maps, in: Juval Portugali (Hrsg.): The Construction of Cognitive Maps, Dorbrecht u. a. 1996, S. 157–186, S. 162.

194

Blackwell: The Beginnings of Russian Industrialization, S. 19; Portal: L’Oural au XVIIIe siècle; Vladislav Vladimirovič Muchin: Istorija gornozavodskich chozjajstv Urala pervoj poloviny XIX veka. Učebnoe posobie po speckursu, Perm’ 1978.

195

Pavel Grigor’evič Ryndzjunskij: Utverždenie kapitalizma v Rossii. 1850–1880 gg, Moskva 1978, S. 206–219. Zur Entwicklung der Wirtschaft in der Ukraine beispielsweise: L. G. Mel’nik: K voprosu o načale promyšlennogo perevorota v Rossii, Na materialach Ukrainy, in: Akademii nauk SSSR (Hrsg.): Problemy genezisa kapitalizma, Moskva 1979, S. 104–136.

196

James Harris: The Great Urals. Regionalism and the Evolution of the Soviet System, Ithaca 1999, S. 13.

197

Erst Ende der 1870er Jahre erhielten erste Ortschaften im Ural eine Anbindung an die Eisenbahn. Portal: The Industrialization of Russia, S. 847; Blackwell: The Beginnings of Russian Industrialization, S. 23; Schenk: Russlands Fahrt in die Moderne, S. 75.

198

Vjatkin: Gornozavodskij Ural, S. 241.

199

Harris: The Great Urals, S. 18. In der Sowjetunion wurde der Ural durch Neugründungen und die forcierte Förderung der Schwerindustrie wieder zu einem Industriezentrum. Stephen Kotkin: Magnetic Mountain. Stalinism as a Civilization, Berkeley 1995; Lennart Samuelson: Tankograd. The Formation of a Soviet Company Town, Cheliabinsk, 1900s–1950s, Basingstoke 2011.

200

Bakulev; Solomencev: Promyšlennost’, S. 101.

201

Beispielsweise im Putilovskij Zavod: Obščestvo Putilovskij Zavod: V pamjat’ poseščenija ego imperatorskim veličestvom Putilovskago zavoda i verfi, 31 Marta 1915 goda, Petrograd 1915; Grant: Big Business in Russia, S. 2. Auch in anderen Industriezweigen verstärkten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die Unterschiede zwischen einzelnen Regionen. Dabei war besonders markant, wie sich Zentrum und Peripherie auseinanderentwickelten. Hildermeier: Geschichte Russlands, S. 1129–1130.

202

Vergleichsweise hierzu: Sperling: Der Aufbruch der Provinz, S. 224–225; Walter Sperling: Der Eisenbahnbau und die „Entdeckung“ der russischen Provinz (1850–1920), in: Jörg Baberowski; David Feest; Christoph Gumb (Hrsg.): Imperiale Herrschaft in der Provinz. Repräsentation politischer Macht im späten Zarenreich, Frankfurt a. M., New York 2008, S. 196–222, S. 212–213, 216.

203

Suzanne Vrome: The Ambiguity of Nostalgia, in: Yivo Annual, Jg. 21/1993, S. 69–86, S. 70–71; Svetlana Boym: The Future of Nostalgia, New York 2001, S. XIII–XIV.

204

Harris: The great Urals, S. 16–19.

205

Larina konnte bei ihren Untersuchungen feststellen, dass Postkartenmotive einer Region sich erstaunlich ähnlich waren, unabhängig davon, ob die Herausgeber aus Westeuropa oder aus dem Zarenreich stammten. Larina: Dokumental’naja otkrytka konca XIX–načala XX vv., S. 18.