Wolfgang Kraus im Rahmen einer Festschrift zu würdigen heißt, mit Anerkennung und Dank sowohl auf die Vielfalt seiner wissenschaftlichen und kirchlichen Interessen und Lebensvollzüge zu blicken als auch auf inhaltliche Schwerpunkte. Dieses Unterfangen sei einer klassischen Symphonie mit vier Sätzen verglichen:

Für den ersten Satz, Allegro con sforza, sei als Hauptthema die theologische Leidenschaft gewählt. Auch in geselliger Runde geht das Gespräch des Jubilars stets über kurz oder lang in diese Richtung. Die Paulusbriefe (allen voran der Römerbrief), der Hebräerbrief, das Matthäusevangelium – es sind gerade solche Texte voller Leidenschaft, die im Jubilar einen engagierten Leser, Anwalt und Kommentator gefunden haben bzw. finden werden. Darüber hinaus lassen speziell die dunklen Seiten in den biblischen Texten, von Gen 4 bis Jer 20,7–18, diese theologische Leidenschaft eindringlich erleben, in Predigt wie in der akademischen Lehre.

Das folgende Andante con moto bezeichnet einen drängenden Grund seiner theologischen Leidenschaft, die tief empfundene theologische Verantwortlichkeit auf dem Feld des jüdisch-christlichen Miteinanders. Das schmerzliche Thema jüdischen Leidens unter christlicher Schuld bewegt ihn zeitlebens – emotional wie in seinem Publizieren und in seinem Handeln. Sowohl literarisch als auch in unzähligen persönlichen Begegnungen, u.a. im Rahmen des Vereins „Begegnung zwischen Christen und Juden“ hat der Jubilar Exzeptionelles geleistet. Dafür steht vor allem die mit Meir Schwarz und Berndt Hamm initiierte Bestandsaufnahme von Synagogen und jüdischen Gebetsräumen in Bayern, die eine ungeahnte Zahl von noch bestehenden solchen Räumen zu Tage gefördert hat; mit der Veröffentlichung in mehreren gewichtigen Bänden ist sie ein einzigartiges Dokument der historischen wie theologischen Erinnerung geworden. Zu Recht hat sein vielfältiges Wirken eine außerordentliche Würdigung in der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande erfahren.

Ein Scherzo. Allegretto assai schließe an. Es indiziere die Fröhlichkeit und Begeisterungsfähigkeit des Jubilars, aber auch sein unbeugsames Organisationstalent. Bemerkenswert schnell kam das von ihm zusammen mit Martin Karrer initiierte Projekt Septuaginta Deutsch zum Erfolg. Seit 2006 erschienen der Übersetzungsband, die beiden Erläuterungsbände, mehrere Bände des „Handbuches zur Septuaginta“ sowie bisher sieben Bände der Internationalen Septuaginta-Tagungen in Wuppertal. In den Arbeitsgruppen ist viel gegenseitiges Vertrauen erwachsen; die Tagungen in Wuppertal haben wissenschaftliche wie emotionale Brücken gebaut (wozu dann abends auch Wolfgangs Begleitmusik auf der Gitarre beitrug) und einen gewichtigen Beitrag zu einem Aufschwung der Septuaginta-Forschung und deren Breitenwirkung in und außerhalb von Deutschland geleistet. Die Anerkennung dessen spiegelt sich auch in der Herausgeberschaft des Jubilars für die wissenschaftliche Reihe „Septuagint and Cognate Studies“. Die in Arbeit befindliche Sirach-Synopse wird einen Markstein in der Textkonstitution dieser jüdischen Schrift mit ihren weitreichenden antiken Wirkungen darstellen.

Das Finale. Vivace stehe für den zähen Durchsetzungswillen des Jubilars. Er war nicht zuletzt maßgeblich an dem langen Ringen und der intensiven Überzeugungsarbeit beteiligt, die 1998 eine „Erklärung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zum Thema ‚Christen und Juden‘“ und 2012 einen Zusatz in der Kirchenverfassung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern möglich gemacht haben, der die bleibende Erwählung des Volkes Israel, die bleibende Verwurzelung der christlichen Kirche in Israel und die geschwisterliche Verbundenheit mit dem jüdischen Volk betont.

Von der Symphonie begeben wir uns nun zur Prosa des Begleitheftes: Nach seinem Studium der Evangelischen Theologie, seiner Promotion über Röm 3,25–26 (1990) und Habilitation über die paulinische Ekklesiologie (1994) in Erlangen war Wolfgang Kraus von 1996 bis 2004 Professor an der Universität Koblenz/Landau in Koblenz und ist seit 2004 Professor für Neues Testament an der Universität des Saarlandes. Am 4. März 2020 wird er 65 Jahre alt. Die Herausgeber des vorliegenden Bandes und all diejenigen, die sich mit Beiträgen daran beteiligt haben, gratulieren ihm aus diesem Anlass herzlich! Der große Kreis der hier versammelten Autoren hat von ihm in vielfältiger Art und Weise gelernt, wobei das Judentum und seine Lehrinstitutionen immer wieder im Zentrum standen, von der Septuaginta bis zu den Synagogenbauten. Daher freuen sie sich, ihm einen Band mit dem Titel „Tempel, Lehrhaus, Synagoge. Orte jüdischen Gottesdienstes, Lernens und Lebens“ in dankbarer Anerkennung dieser Verdienste zu überreichen.

Die Herausgeber danken all denen, die sich mit Beiträgen beteiligt haben. Einige Kollegen und Freunde bedauern außerordentlich, dass ihnen aus diversen, stets nachvollziehbaren Gründen die Mitwirkung nicht möglich war. Wir danken Herrn Jörg Persch und Herrn Dr. Jacobs für die Übernahme der Festschrift in das Verlagsprogramm sowie Frau Kumbartzky und Herrn Illert für die weitere Betreuung. Wir danken schließlich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Verlages für die Sorgfalt der Drucklegung, ebenso Frau Kerstin Kirsch und Frau Nora Hempel für die Mitarbeit bei den Bibliographien und den Registern.

לחיים. Ad multos annos!

Christian A. Eberhart, Martin Karrer, Siegfried Kreuzer, Martin Meiser

Tempel, Lehrhaus, Synagoge

Orte jüdischen Gottesdienstes, Lernens und Lebens. Festschrift für Wolfgang Kraus

Metrics

All Time Past Year Past 30 Days
Abstract Views 0 0 0
Full Text Views 63 51 2
PDF Views & Downloads 0 0 0