„Die Machtfrage wird nicht dadurch gelöst, dass man den Regierungspalast übernimmt – was das Einfachste ist und was oft geschehen ist –, sondern indem man die sozialen Beziehungen verändert.“ Ein genialer Satz, der präzis das Anliegen der Sozialethik in einer Marktwirtschaft jenseits von Kapitalismus und Sozialismus auf den Punkt bringt. Es geht in der Tat um Macht und um unsere sozialen Beziehungen; beides steht im Mittelpunkt von Demokratie und Marktwirtschaft, die sich zueinander verhalten wie zwei Seiten ein und derselben Medaille, die als gemeinsame Prägung und Aufschrift „Person“ trägt. Politische und wirtschaftliche Freiheit sind untrennbar. Die Forschungen des MIT-Ökonomen Daron Acemoglu beispielsweise belegen eindrucksvoll den empirisch messbaren Zusammenhang von Demokratie und Marktwirtschaft mit Wohlstand.1

Der eingangs genannte Satz wird zitiert von Asal Dardan und Christina Dongowski in einem Artikel zur Wiederherstellung von Notre Dame in Paris in der FAZ vom 30. April 2019; er stammt – und das ist nicht ohne tiefere Bedeutung – vom Gründer der brasilianischen „Bewegung der Landarbeiter ohne Boden“, Joao Pedro Stédile, und wird zitiert von Bini Adamczak in ihrem Buch „Beziehungsweise Revolution“2. Revolutionen, so ihre These, sind nur erfolgreich, wenn Beziehungsweisen und Machtstrukturen verändert werden. Sozialethisch gewendet und in der Sprache der christlichen Theologie heißt das: Die Welt der vorgefundenen Sozialstrukturen, ererbt und tradiert möglicherweise seit Generationen, ist nicht einfach zu erhalten und zu konservieren – was soll dann eigentlich die wirre Rede von „konservativer Revolution bedeuten? –, sondern stets und in jedem Moment zu befragen nach der ihr zugrundeliegenden Gerechtigkeit (oder Ungerechtigkeit) und der anzustrebenden Gerechtigkeit. Das gehört übrigens zur guten Tradition der christlichen Theologie und Sozialethik: zu fragen nach ständiger Verbesserung der Welt und der menschlichen Umwelt, auch wenn dies manchmal über weite geschichtliche Strecken hinweg fast vergessen wurde. Zu denken ist besonders an die benediktinische Reform mit der Hochschätzung der Arbeit, an die päpstliche Revolution – wie sie Philippe Nemo in seinem brillanten Buch „Was ist der Westen?“3 im Anschluss an Harold Berman nennt – nach Papst Gregor VII. (1073–1085) mit der Hochschätzung der Politik, an die franziskanische Reform mit der Hochschätzung der Armen, an die jesuitische Reform mit der Hochschätzung der individuellen Bildung.

Modern gesprochen: Das Ziel ist stets eine möglichst umfassende Entfaltung jeder menschlichen Person mit ihren Talenten und Fähigkeiten; dies geschieht aber wesentlich durch möglichst umfassende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben; dies geschieht wesentlich durch Teilhabe am Markt und durch Arbeit. Der Mensch verwirklicht sich selbst durch Begegnung mit anderen Menschen im öffentlichen Raum und durch Arbeit, Produktivität und Leistung: Das ist die leitende Idee eines ökonomischen Personalismus christlicher Prägung, wie ihn sehr profiliert Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Laborem exercens“ (1981) im Rückgriff auf erste Überlegungen von Papst Leo XIII. In seiner bahnbrechenden Sozialenzyklika „Rerum novarum“ (1891) zum zentralen personalen Wert von Privateigentum und Arbeitsmöglichkeit breit entfaltete. Zehn Jahre später und nach dem (fast) endgültigen Untergang des Kommunismus nach dem Fall der Berliner Mauer wird das Thema im Jahre 1991 wieder aufgegriffen in der vielleicht bedeutendsten Sozialenzyklika, nämlich in „Centesimus annus“ Nr. 42, mit der auch jenseits von Kevin Kühnert naheliegenden Frage, ob der Kapitalismus nach dem Scheitern des Kommunismus das siegreiche Gesellschaftsmodell sei: „Wird mit ‚Kapitalismus‘ ein Wirtschaftssystem bezeichnet, das die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums und der daraus folgenden Verantwortung für die Produktionsmittel, der freien Kreativität des Menschen im Bereich der Wirtschaft anerkennt, ist die Antwort sicher positiv. Vielleicht wäre es passender, von ‚Unternehmenswirtschaft‘ oder ‚Marktwirtschaft‘ oder einfach ‚freier Wirtschaft‘ zu sprechen. Wird aber unter ‚Kapitalismus‘ ein System verstanden, in dem die wirtschaftliche Freiheit nicht in eine feste Rechtsordnung eingebunden ist, die sie in den Dienst der vollen menschlichen Freiheit stellt und sie als eine besondere Dimension dieser Freiheit mit ihrem ethischen und religiösen Mittelpunkt ansieht, dann ist die Antwort ebenso entschieden negativ.“ Im Mittelpunkt des sozialethisch ein Interesses steht eindeutig primäre und zunächst die Freiheit der menschlichen Person, darin besteht die grundlegendste Gerechtigkeit, erst dann folgt die Gleichheit. Dem entspricht die Zuordnung von Staat und Wirtschaft, die in „Centesimus annus“ Nr. 15 nüchtern juristisch charakterisiert wird, insofern die grundlegende Aufgabe des Staates im wirtschaftlichen Bereich darin besteht, einen juristischen Rahmen festzulegen, der die ökonomischen Beziehungen so regelt, „dass die Grundvoraussetzung für eine freie Wirtschaft geschaffen wird, die in einer gewissen Gleichheit unter den Beteiligten besteht, sodass der eine nicht so übermächtig wird, dass er den anderen praktisch zur Sklaverei verurteilt.“ Jedes institutionelle Vakuum ist in dieser Sicht von Übel; ein schlanker und starker Staat ist verlangt; jede wirtschaftliche Aktivität setzt „die Sicherheit der individuellen Freiheit und des Eigentums sowie eine stabile Währung und leistungsfähige öffentliche Dienste voraus.“ (Nr. 48) In jedem Fall ist zu konstatieren: Ohne einen funktionierenden Kapitalismus sozial-institutioneller Einbettung hätte es nicht die erhebliche Verringerung der weltweiten Armut und deutliche Verbesserung der Lebensverhältnisse von Millionen von Menschen und die Verringerung der Ungleichheit weltweit zwischen Ländern gegeben. Interessant dazu sind die Forschungen des serbisch-amerikanischen Ökonomen Branko Milanovic, zugänglich in seinem Buch „Die ungleiche Welt. Migration, das eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht“4. Ende 2019 erscheint von ihm „Capitalism alone.“ Und dennoch bleiben weiter blinde Flecken und skandalöse Entwicklungen von Exklusion und fehlender Chancengerechtigkeit, sowohl im nationalen wie auch besonders im globalen Raum. Fehlender Wohnungsraum zu erschwinglichen Mieten in vielen Großstädten einerseits und menschenunwürdige Produktionsbedingungen in Entwicklungsländern andererseits sind nur zwei besonders eklatante und zu Recht Empörung verursachende Beispiele. Die durch die Banken- und Finanzkrise 2008 zu Tage tretende mangelhafte Bankenaufsicht ist ein weiteres Beispiel für ein offenkundiges Marktversagen und die Schwäche der unsichtbaren Hand des Marktes zum Wohle aller, auch der schwächeren Marktteilnehmer. Dennoch gibt es auch im Kapitalismus einer sozialen Marktwirtschaft gelungene Formen der Mitarbeiterbeteiligung; gibt es Genossenschaften zur kollektiven Verwaltung und Förderung von Wirtschaftsgütern; gibt es neue und in Entwicklung befindliche Formen von „impact investing“ und sozial nachhaltigem Investment.

Es ist das Verdienst von Papst Franziskus, nicht nur in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ die immer notwendige Diskussion um die dem Menschen adäquate Wirtschaftsform mit dem berühmt-berüchtigten Satz „Diese Wirtschaft tötet“5 neu beflügelt zu haben, sondern mehr noch in seiner Enzyklika „Laudato sii“ das Verständnis für eine wirklich ökologisch-soziale Marktwirtschaft neu geweckt zu haben und damit den Blick auf eine Leerstelle der traditionellen sozialen Marktwirtschaft, nämlich das oft vergessene öffentliche Gut der Umwelt zu lenken. Damit ist nämlich unwiderruflich ein neues Kapitel der christlichen Sozialethik und der katholischen Soziallehre aufgeschlagen: die Notwendigkeit einer biodiversitätsfreundlichen Wirtschaft mit dem klaren Blick auf erwirtschaftete Dienstleistungen für das Ökosystem. In einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft soll der Staat dort aktiv werden, wo der Markt versagt. Das ist zumal bei öffentlichen Gütern der Fall: Infrastruktur und Umwelt sind besonders prominente Beispiele, eher klassisch die Justiz und die Landesverteidigung. Aber natürlich ist eine effiziente Bereitstellung der Güter noch lange nicht das ethische Ziel des hochgemuten Unternehmens „soziale Marktwirtschaft“; das Ziel ist eine schrittweise verbesserte Gerechtigkeit, auch und gerade im Blick auf Individuen und Einzelfälle. Deshalb verteilen wir Einkommen um durch Steuern und Sozialversicherungssysteme, deshalb arbeiten wir ständig an der Verbesserung von Ausbildung und Fortbildung.

Sein neues Buch über die Geschichte des Kapitalismus betitelt der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe bewusst provokant mit „Das kalte Herz“6, natürlich in Anlehnung an die mit verbundenen Augen auftretende Figur der „Iustitia“, der gleich gerechten Personifikation der Gerechtigkeit, und in Anspielung auf das berühmte Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff mit der eindrucksvollen Schilderung kalter Raffgier einerseits und sozialromantischer Armut andererseits. „Der Kapitalismus hat Konjunktur“ heißt der erste Satz auf Seite 11 und eröffnet damit den Reigen der seligen Geister einer Betrachtung der maßgeblichen Erfolge des neuzeitlichen Kapitalismus, der ja bekanntlich den Predigten des Franziskaners Bernhardin von Siena (1380–1444) und dem von der franziskanischen Reform inspirierten Frühkapitalismus der Toscana seinen Namen verdankt. Das Buch endet mit einer vollkommen zutreffenden Schlussfolgerung auf der Seite 640: „In der Summe ist die kapitalistische Ordnung allen anderen vorstellbaren Arrangements weit überlegen. Und wenn das so ist, ist die Kälte der Ökonomie zumindest eine notwendige Bedingung eines gelingenden Lebens, wenn auch nicht dessen Erfüllung. Dafür ist die Ökonomie aber auch nicht zuständig, das kann nur den Menschen selbst gelingen.“ Wohl wahr, aber: Man muss ihr Gelingen auch zulassen und ermöglichen und fördern. Auch und gerade, nein: eigentlich nur dafür ist der Kapitalismus der sozialen Marktwirtschaft zuständig.

1

Daron Acemoglu, Democracy does cause growth, in: Journal of Political Economy, vol. 127, No. 1/2019.

2

Bini Adamczak, Beziehungsweise Revolution: 1917, 1968 und kommende, Berlin 2017.

3

Philipp Nemo, Was ist der Westen?, aaO.

4

Branko Milanovic, Die ungleiche Welt. Migration, das eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht, Berlin 2016.

5

Franziskus, Apostolisches Schreiben „Evangelii gaudium“ (2013), Nr. 53.

6

Werner Plumpe, Das kalte Herz. Kapitalismus: die Geschichte einer andauernden Revolution, Berlin 2019.

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