Mit großer Freude legen wir den zweiten Band unseres Übersetzungsprojekts Frankfurter Neues Testament vor. Wir sind dankbar für die vielen ermutigenden Reaktionen aus Wissenschaft, Kirche und Kultur auf den im Frühjahr 2020 veröffentlichten ersten Band mit der Neuübersetzung der Johannesapokalypse.

Die Bibel ist unserer Auffassung nach nicht das Buch der Kirchen, sondern Buch für alle Welt, für Jede und Jeden. Besitzansprüche oder gar Deutungsmacht für eine bestimmte Leserschaft zu beanspruchen, ist gänzlich fehl am Platz. Deswegen leiten nicht kirchliche Übersetzungstraditionen unsere Neuübersetzung an, sondern philologisch-kritische Überlegungen und Argumente, deren übersetzungstheoretische Konsequenzen wir in der Einleitung von FNT 1 aufgezeigt haben. Um es mit Blick auf die theologische Forschung zu konkretisieren: Was philologisch nicht geht, geht auch exegetisch nicht. Gleiches ließe sich aber auch für die religionsgeschichtliche oder die althistorische Forschung sagen.

Aus unserer bewährten Zusammenarbeit eines Gräzisten und eines Neutestamentlers sind mittlerweile zwei weitere Buchreihen entstanden, die unserer Überzeugung Rechnung tragen, dass die interkulturelle Verflechtung neutestamentlicher Texte mit ihren jeweiligen Text- und Lebenswelten in besonderem Maße interdisziplinäre Arbeit an diesen erfolgreichsten Schriften der Weltliteratur erforderlich macht und dafür die Philologie die Basis für jede weitere Forschung darstellt. Der philologisch-kritische Respekt vor der jeweiligen Ausdruckskraft der Zeichenproduktion anderer ist nicht nur die wissenschaftliche, sondern auch die ethische Grundlage des Frankfurter Neuen Testaments und der dieses Übersetzungsprojekt flankierenden neuen Buchreihen Beyond Historicism – New Testament Studies Today sowie Biblische Argumente in gegenwärtigen Debatten, die dankenswerterweise alle vom Brill/Schöningh Verlag verlegt werden.

Wir sind sehr froh, mit dem Althistoriker Hartmut Leppin und dem Neutestamentler Tobias Nicklas zwei langjährige Kollegen zu haben, die mit uns auf der Grundlage des Frankfurter Neuen Testaments die neue Buchreihe Beyond Historicism – New Testament Studies Today, konzipiert haben. Ihr erster Band, Antagonismen in neutestamentlichen Schriften, wird ebenfalls 2021 erscheinen. Dass diese neue interdisziplinäre Reihe zudem von einem exquisiten wissenschaftlichen Beirat unterstützt wird, stellt unser interdisziplinäres Anliegen auf eine erfreulich breite Basis. Wir danken schon jetzt dafür der Neutestamentlerin Christiane Zimmermann (Kiel), dem Gräzisten Manuel Baumbach (Bochum), dem Althistoriker Ulrich Huttner (Siegen) und dem Neutestamentler Thomas J. Kraus (Regensburg).

Da uns die neutestamentlichen Texte aber nicht nur philologisch und historisch interessieren, sondern wir sie auch für unsere gegenwärtigen Lebenswelten für unverzichtbar halten, sind wir dem Brill/Schöningh Verlag sehr dankbar, dass wir dort auch noch eine Reihe beheimaten konnten, die biblische Denkanstöße und Argumente in Gegenwartsdiskurse einbringen will. Die Bibel verstehen wir nämlich als Buch kritischen und selbstkritischen Umdenkens, was sie mit dem griechischen Leitwort µετάνοια (metánoia) zum Ausdruck bringt. Biblische Texte entfalten ein kritisches und kreatives Potential, neu und Neues zu denken, wenn ihre Sichtweisen auf Gott und die Welt nicht kirchlich, politisch oder moralistisch domestiziert, subjektivistisch privatisiert und auch nicht historistisch musealisiert oder gar konstruktivistisch der Beliebigkeit und Belanglosigkeit ausgesetzt werden, sondern ihr anderes, befremdendes, streitbares Denken als enthüllender Widerstreit gegen ideologisch proklamierte Alternativlosigkeit, Starrsinn und jegliche Rechthaberei in kirchliche, kulturelle und politische Debatten eingebracht wird. Dafür bedarf es aber auch einer Übersetzung wie der des Frankfurter Neuen Testaments, die den übersetzten Texten ihre Fremdheit lässt. Wir freuen uns, dass Tobias Nicklas auch die Reihe Biblische Argumente in gegenwärtigen Debatten mit uns herausgeben wird, die auf der Basis der Sprach- und Denkkraft und der mitunter irritierenden Perspektiven biblischer Texte auf Gegenwartsdiskurse zielt. Auch hier können wir auf die Unterstützung eines engagierten wissenschaftlichen Beirats zählen. Wir sind sehr dankbar, dass wir mit den Neutestamentlern Christos Karakolis (Athen), David Moffitt (St. Andrews) und Cosmin Pricop (Bukarest) diesen für die neue Reihe kompetent, interkonfessionell und international besetzen konnten. Der erste Band dieser Reihe wurde gemeinsam von Stefan Alkier, Christos Karakolis und Tobias Nicklas geschrieben und trägt den programmatischen Titel Sola Scriptura ökumenisch.

Aber auch unser erster Band des FNT zur Johannesapokalypse hat schon eine kulturelle Frucht hervorgebracht. Peter Schröder vom Schauspiel Frankfurt, der bereits bei dem von Stefan Alkier konzipierten Projekt Nacht der Bibel – Infos dazu auf der Frankfurter Homepage von Stefan Alkier – zusammen mit Barbara Auer, Constanze Becker, Peter Lohmeyer, Ulrich Nöthen u. a. und seit 2020 mit Wolfram Koch in zahlreichen Aufführungen und auch bei dem gleichnamigen Hörbuch mitwirkte, hat in seiner unvergleichlichen Präzision und Intensität unsere Apokalypse-Übersetzung in neun Videos gelesen, die unter „Frankfurter Neues Testament“ auf Youtube zu finden sind. Dort findet sich auch ein Interview, das Anke von Legat mit uns über unser Übersetzungsprojekt geführt hat. Dass diese Videoproduktionen auf Anregung von Pfarrer Dr. Thorsten Latzel von der Evangelischen Akademie Frankfurt aufgezeichnet wurden, freut uns besonders, weil damit auch das kirchliche Interesse an unserem Übersetzungsprojekt zum Ausdruck kommt. Für die technische Umsetzung danken wir Tabea Gruß und Markus Schmid.

Dass die positiven Reaktionen auf FNT 1 aus Gräzistik und Exegese, aber eben auch aus der Theaterwelt kamen, freut uns so sehr, dass wir uns erlauben, hier einige Stimmen mit deren Einverständnis zu veröffentlichen:

Die neue, alte Wörtlichkeit eröffnet mir Sinn. Gleichsam wie durchgepflügt und unter die Lupe genommen leuchten da Sprachsteine und -kristalle auf dem Weg, die den Verständnispfad verändern lassen. Nicht umkehren, – umdenken! Und ich denke beim Lesen Zeile für Zeile hin und: neu. Wenn es bei Kafka heißt: Wegen der Ungeduld sind sie ausgewiesen worden und wegen der Ungeduld kehren sie nicht zurück, dann scheint es mir doch wegweisend, dass Stefan Alkier und Thomas Paulsen sich in ihrer Neuübersetzung nicht nur der Genauigkeit verschrieben haben, sondern auch Geduld hatten.

Peter Schröder

Schauspiel Frankfurt

Jede Übersetzung der Apokalypse ist ein Wagnis. Denn sie muss die Sprachmacht des Sehers und nicht nur die Worte wiedergeben. Alkier und Paulsen gelingt dies. Sie wählen einen Gestus, der wie beim Vortrag auf einer Bühne auf die Bilder des Textes hinweist. Das hat guten Grund; denn mit dem neuesten Forschungsstand verstehen sie den griechischen Text als rhetorisch gekonnt gestaltet. Man / frau lese ihre Übersetzung daher wie auf der Bühne laut, halte von Satzteil zu Satzteil kurz inne, betone Höhepunkte und hole bei Szenenwechseln Luft. Diese Übersetzung zu lesen und sich so in die Apokalypse einzufühlen, lohnt!

Dr. Martin Karrer

Professor für Neues Testament an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal

Die Johannesapokalypse ist ein Text, den wir alle zu kennen glauben. Die Neuübersetzung von Stefan Alkier und Thomas Paulsen zeigt, wie falsch diese Annahme ist: Durch ihre ganz nah am griechischen Text orientierte, bewusst nicht glättende, sondern herausfordernde und bisweilen verstörende Sprache lädt sie uns ein, einen sperrigen und provozierenden Text neu wahrzunehmen. In ihrer philologischen Sorgfalt, ihrer ausdrucksstarken Prosa und benutzerfreundlichen Gestaltung ist sie für die private Lektüre ebenso gut geeignet wie für den akademischen oder kirchlichen Gebrauch.

Dr. Thomas Schmitz

Professor für Gräzistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Die Frankfurter Übersetzung lässt der Offenbarung ihre originale sprachliche Widerborstigkeit, vermeidet Verharmlosungen und Glättungen ebenso wie Rückgriffe auf etablierte Formulierungen. So entsteht eine Frische der Übertragung, die in Universität und Schule der Beschäftigung mit dem Text neue Akzente verleihen kann. Beide Lesergruppen, Philologen wie Schüler, werden durch die willkommene Verdoppelung in Lese- und Studienfassung eigens angesprochen.

Dr. Peter von Möllendorff

Professor für Klassische Philologie / Griechische Philologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen

Diese völlig neue Übersetzung der Johannesapokalypse stört eingefahrene Leseweisen der Bibel und bringt sie gerade so zum Leuchten. Die Lesefassung ohne Verse ermöglicht einen freien Blick jenseits künstlicher Perikopengrenzen: Exegeten und Philologen, Lehrerinnen und Lehrer, Bibelkreise, im Grunde alle, die einen frischen Blick auf die Bibel werfen wollen, werden Spannendes entdecken!

Dr. Tobias Nicklas

Professor für Exegese und Hermeneutik des Neuen Testaments an der Universität Regensburg

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Es hatte sich schon für unsere Übersetzung der Johannesapokalypse als Glücksfall erwiesen, dass wir vor der Publikation dazu ein zweitägiges Symposion veranstalteten, auf dem Expertinnen und Experten gemeinsam mit unseren Frankfurter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unsere Übersetzung kritisch prüften und diskutierten. Dadurch wurden nicht nur manche Fehler vermieden, sondern es entstand eine so intensive Atmosphäre gemeinsamen Denkens, dass alle, aber ganz besonders wir, durch diese Sternstunden gemeinsamer Forschung reich beschenkt wurden.

Es war uns sofort klar, dass wir diese Form kritischer, kreativer, kollegialer Wissenschaft auch für alle weiteren Bände des Frankfurter Neuen Testaments in Anspruch nehmen wollen. Dass beide Symposien zu unserer Übersetzung des Markusevangeliums und des Matthäusevangeliums mit gleicher Intensität und Produktivität gelingen würden, war aber nicht planbar und ist allein den daran beteiligten Kolleginnen und Kollegen zu danken und zwar für das Markussymposion: Prof. Dr. Manuel Baumbach (Bochum), Dr. Andrea Bencsik (Göttingen), Dominic Blauth (Frankfurt), Prof. Dr. Cilliers Breytenbach (Berlin), Simon Dittmann (Frankfurt), Nadine Haas (Frankfurt), Prof. Dr. Peter von Möllendorff (Gießen). Dass wegen der Coronagefahren Prof. Dr. Eckart Reinmuth (Rostock) und Dr. Sylvia Usener (Frankfurt) daran nicht teilnehmen konnten, war ein bitterer Wermutstropfen für uns. Umso dankbarer sind wir, dass sie uns Ihre kritischen und kreativen Anregungen schriftlich zur Verfügung stellten.

Bis zuletzt haben wir gebangt, ob das Symposion zu unserer Matthäusübersetzung am 30. und 31. Oktober 2020 wegen der steigenden Coronafallzahlen überhaupt stattfinden würde und haben dann Dank der organisatorischen und technischen Kompetenz von Dominic Blauth notgedrungen in einem für uns neuen Hybridformat gearbeitet. Sicher ist es viel schöner, wenn alle leiblich anwesend sind; dass aber auch via Internetschaltung eine ertragreiche Kommunikation möglich war, haben wir allen Beteiligten zu verdanken, namentlich Dr. Andrea Bencsik (Göttingen), Dominic Blauth (Frankfurt), Simon Dittmann (Frankfurt), Bianca Hinzer-AlHasan (Frankfurt), Dr. Elena Iakovou (Göttingen), Prof. Dr. Peter von Möllendorff (Gießen), Prof. Dr. Tobias Nicklas (Regensburg) und Dr. Michael Schneider (Frankfurt).

Wir danken dem Brill/Schöningh Verlag für den Raum und die programmatische Unterstützung unserer drei Buchreihen, die weit über das rein kommerzielle Interesse hinausgeht. Zunächst Dr. Martin Illert und dann Frau Dr. Martina Kayser und vor allem von den ersten Ideen an Dr. Jörg Persch haben sich intensiv an den konzeptionellen Überlegungen beteiligt. Vor allem aber danken wir unserem herausragenden, gleichermaßen engagierten wie kritischen und kreativen Frankfurter Mitarbeiterteam, ohne das keines dieser Projekte hätte verwirklicht werden können. Insbesondere sei Dominic Blauth für sein innovatives und oft auch unkonventionelles Mitdenken und gleichermaßen für sein organisatorisches Geschick gedankt. Er hat auch die abschließende Korrekturphase betreut. Simon Dittmann hat schon als Student von der ersten Stunde an an unserem Apokalypseprojekt kritisch und einfallsreich mitgearbeitet, aus dem das Frankfurter Neue Testament hervorgegangen ist. Wie schon für FNT 1 hat er auch das druckfertige Manuskript von FNT 2 in gewohnter Sorgfalt erstellt. Dafür danken wir ihm sehr.

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Wir wünschen uns, dass unsere Neuübersetzung der Evangelien nach Markus und nach Matthäus Sie, verehrte Leserinnen und Leser, zu einer neuen Begegnung mit diesen Versionen der Jesus-Christus-Geschichte führt und diese Sie nicht nur ins Denken bringen, sondern Sie auch insbesondere mit unseren Lesefassungen die ästhetische Kraft dieser kunstvoll gestalteten Erzählungen erleben lassen. Es hängt an Ihnen, ob Sie sich in dieser Geschichte wiederfinden und sie weitergeben, sei es in privaten, wissenschaftlichen, kirchlichen oder kulturellen Zusammenhängen. Wir sind jedenfalls von der kontinuierlichen Wirkkraft dieser Texte beeindruckt und hoffen, mit unseren Übersetzungen dazu beizutragen, dass ihre Stimmen auch weiterhin gehört werden.

Stefan Alkier und Thomas Paulsen

Bochum und Frankfurt am 01. Dezember 2020

Die Evangelien nach Markus und Matthäus

Neu übersetzt und mit Überlegungen zur Sprache des Neuen Testaments, zur Gattung der Evangelien und zur intertextuellen Schreibweise sowie mit einem Glossar

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