Das Paradies im fernen Osten: die Chronologie Joseph Stöckleins S.J. (1729) als Kommentar zur Zeitgeschichte

in Religiöses Wissen im vormodernen Europa

Frühneuzeitliche Chronologien sind als „religiöses Wissen“ zu klassifizieren, in welchem sich Bibelexegese, mathematisches und astronomisches Wissen, historisches Wissen und Wissen um die Zukunft miteinander verbanden. Einerseits spiegelten Chronologien das Bedürfnis nach (Heils-)Gewissheit. Andererseits aber war den Chronologien Ungewissheit grundsätzlich immanent. Der vorliegende Beitrag diskutiert die 1729 im Neuen Welt-Bott erschienene Chronologie Joseph Stöckleins S.J. (1676–1733). Die zeitgenössische Bedeutung dieser Chronologie liegt in einer Antwort Stöckleins auf das päpstliche Verbot jesuitischer Akkomodationspolitik in China, weil er mit der Chronologie Zensurpraktiken kritisierte und zur chinesischen Geschichte Stellung bezog, ohne explizit Partei zu ergreifen für die jesuitische Position im „Ritenstreit“. Ausgangspunkt und durchgängige Referenz sind die biblischen Erzählungen, insbesondere Gen 1–9. Die empirischen Methoden eines Nachweises der Zuverlässigkeit chinesischer Astronomie dienten Stöcklein allerdings nicht nur für eine weitere Auslegung der biblischen Geschichte. Offenbarungscharakter erhält demgegenüber auch die chinesische Geschichte bis zum Turmbau zu Babel – sprechendes Symbol dieser These ist die Gleichsetzung Adams mit dem ersten mythischen chinesischen Kaiser und Stöckleins Lokalisierung des Paradieses gleich außerhalb des chinesischen Reiches. Stöckleins Antwort auf die zeitgenössischen Herausforderungen bestand also darin, Heilsgeschichte als chinesische Geschichte zu interpretieren und damit ein Konzept von Universalgeschichte zu entwickeln, das mindestens bis zum Turmbau zu Babel von China aus gedacht war.

Religiöses Wissen im vormodernen Europa

Schöpfung – Mutterschaft – Passion

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