Vormundschaft der Natur – Stand der Freiheit

Paradies und Sündenfall (Genesis 2–6) in Kants Aufsatz „Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte“

in Religiöses Wissen im vormodernen Europa

Kants Aufsatz Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte (1786) gehört auf dem Höhepunkt der Aufklärung zu einer Reihe von Versuchen, Offenbarungswissen vor dem Hintergrund rationalistischer Bibelkritik neu zu deuten. Die biblische Erzählung von Paradies und Sündenfall (Genesis 2–6) wird – in Auseinandersetzung mit Herder – in einem Übergangsfeld zwischen historischer Quelle, Mythos und „Roman“ verortet. Dabei deutet Kant den Sündenfall zur „felix culpa“ um: Erst die Vertreibung aus dem Paradies habe den Menschen von einem Instinkt- in ein Vernunft- und Verstandeswesen verwandelt. Erst der Sündenfall habe in ihm die Disposition, in freier Wahl über sein Leben und Handeln zu bestimmen, geschafft bzw. geweckt. Dieser Schritt in die Freiheit ist jedoch erkauft mit der Entlassung aus dem „Mutterschoße der Natur“, mit der Sorge um die Zukunft und der Furcht vor dem Tod. Kants Deutung von Genesis 2–6, an die Schiller mit seinem Essay Etwas über die erste Menschengesellschaft unmittelbar anschließen wird, zeigt die ambivalente Rolle des Offenbarungswissens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Einerseits setzt Kant zu einer historisierenden und profanierenden Lesart des Offenbarungstextes an, andererseits bewahrt er doch dessen zentrale Aussagen, indem er sie in das Feld der Ethik und Religionsphilosophie verschiebt. Der Sündenfall wird – dies kann der Blick auf die Religionsschrift Die Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft belegen – zur Strukturparabel des Handelns und gleichsam zum Mythos der praktischen Vernunft.

Religiöses Wissen im vormodernen Europa

Schöpfung – Mutterschaft – Passion

Kennzahlen

Insgesamt Im letzten Jahr In den letzten 30 Tagen
Aufrufe von Kurzbeschreibungen 52 52 6
Gesamttextansichten 0 0 0
PDF-Downloads 0 0 0