Der Erste reformatorische Abendmahlsstreit

Die Transformation religiöser Grundannahmen und die Schaffung neuer Aushandlungsprozesse

in Religiöses Wissen im vormodernen Europa

Der sogenannte Erste Abendmahlsstreit ist ein zentrales Ereignis der Reformationsgeschichte, in welchem sich Zürcher und Wittenberger Reformation auseinanderentwickelten. Er begann mit den Auseinandersetzungen zwischen Andreas Karlstadt und Martin Luther in Sachsen, konzentrierte sich dann aber auf das Gegenüber Luthers zu dem Zürcher Reformator Huldrych Zwingli. Das Marburger Religionsgespräch 1529 konnte trotz Feststellung weitgehender Übereinstimmung in grundlegenden Fragen keine Einigung über das Abendmahl herbeiführen. Die Deutung des Abendmahls war dabei verknüpft mit Fragen der Schrifthermeneutik, der Ontologie, der Christologie und des Gottesverständnisses. Hinter diesen dogmatischen Fragen standen unterschiedliche Verständnisse von Repräsentation und Dynamik. Das Präsentwerden des Heiligen, das in der mittelalterlichen Tradition an die Stellvertreterfunktion des Priesters gebunden war, verband sich bei Luther mit der Externität des Wortes Gottes, bei Zwingli mit der Glaubenshaltung der Gemeinde. Dem entsprach, dass die reziproke Dynamik des mittelalterlichen Abendmahlsgeschehens in lineare Dynamiken transformiert wurde: Luther favorisierte ein ganz vom göttlichen Handeln ausgehendes Deszendenzmodell, Zwingli ein von der Gemeinde ausgehendes Aszendenzmodell. Im Horizont der Frage nach dem religiösen Wissen spiegeln sich dabei auch unterschiedliche Aushandlungsmodelle, wie die Durchsetzung charismatischer Autorität, Netzwerkbildung, der Appell an die Öffentlichkeit als Richterin und schließlich, im Falle Marburgs, das Religionsgespräch ohne klare Entscheidungsinstanz.

Die christliche Lehre vom Abendmahl knüpft in mehrfachen Transformationen an den Einsetzungsbericht innerhalb der Passionserzählungen an. Das Selbstopfer Christi am Kreuz verdichtete sich im Mittelalter, wie unter anderem der Beitrag von Andreas Odenthal1 in diesem Band zeigt, mit einer opfertheologischen Deutung des Sakraments. Gerade dies aber wurde in einer neuerlichen Transformation zum Ausgangspunkt für reformatorische Kritik: Man sah gemeinreformatorisch in der mittelalterlichen Messe eine Opfervorstellung am Werk, die den Blick auf das Handeln Gottes am Menschen verdunkelte.2 Dennoch entstand über die Frage der Präsenz der Erste (reformatorische) Abendmahlsstreit.3 Der frühe Streit und die Unversöhnlichkeit, in der er endete, markieren für das konfessionelle Gedächtnis das Ende der reformatorischen Einheit. Diese symbolische Bedeutung hat zu vielfachen Besetzungen und Kodierungen aus neuzeitlicher konfessioneller Sicht geführt. Dabei gerät nicht zuletzt der einfache Umstand, dass die reine Abendmahlslehre Zwinglis, gegen welche Luther sich seinerzeit wandte, nicht konfessionsbildend geworden ist, leicht aus dem Blick. Die Unterschiede zwischen heutiger reformierter und lutherischer Kirche haben insofern nur mittelbar mit dem Geschehen in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts zu tun. Für die historische Rückfrage aber bleibt dieser Zeitabschnitt markant und interessant, weil sich an ihm ablesen lässt, wie eine fragile Einheit im reformatorischen Lager zerbrechen konnte. Dies soll im Folgenden unter verschiedenen Perspektiven untersucht werden, die in der Forschung bislang wenig Aufmerksamkeit gefunden haben.

Religiöses Wissen im vormodernen Europa

Schöpfung – Mutterschaft – Passion

Kennzahlen

Insgesamt Im letzten Jahr In den letzten 30 Tagen
Aufrufe von Kurzbeschreibungen 30 30 4
Gesamttextansichten 0 0 0
PDF-Downloads 0 0 0