Das „Opfer für das Vaterland“

Passionsblut im modernen Krieg

in Religiöses Wissen im vormodernen Europa

Ein junger Frater der Münchner Niederlassung der Jesuiten schreibt am 26. Juli 1941 aus Russland an seinen Ordensoberen. Er muss berichten vom Tod eines Mitbruders. Dieser hatte „in den Kämpfen am Dnjepr sein Leben lassen müssen. Wahrscheinlich aber hat er es gern für ein neues Deutschland geopfert. Gut erinnere ich mich noch seiner Predigt [über einen im ersten Weltkrieg getöteten Sanitäter aus dem Jesuitenorden], in der er dargelegt hat, wie jener den heißen Wunsch gehabt hat, als Blutzeuge für den Glauben zu sterben, und wie dieser Wunsch dann doch irgendwie in seinem Tod für sein Vaterland in Erfüllung gegangen ist.“1

Der Novize berichtet von seinem Schmerz und seiner Trauer, schließt jedoch mit einem jugendbewegten Slogan: „Aber alles das für ein besseres Deutschland.“ Der Brief bezeugt, wie eine millionenfache Erfahrung des modernen Massenkrieges als Transformation der Passionsgeschichte gelesen wurde, als ein sühnendes Opfer des eigenen Lebens, freiwillig Gott dargebracht für ein metaphysisches Ziel. Dieses Ziel aber changiert eigentümlich: Der Tod für das Vaterland erfüllt den „heißen“ Wunsch, „als Blutzeuge für den Glauben zu sterben“, wenn auch nur „irgendwie“. Dieses ‚Wie‘ ist eine der wirkmächtigsten Transformationen des Offenbarungswissens von der Passion Jesu Christi im Kontext des modernen Massenkrieges geworden, zumal der Brief deutlich macht, wie sich im Lichte dieser Deutung Sinnkonstruktionen sanitätssoldatischen Sterbens im Ersten und Zweiten Weltkrieg miteinander verknüpfen ließen.

Eine der bemerkenswertesten großen Studien zum Ersten Weltkrieg, die zum Jubiläumsjahr 2014 auf den Markt kamen, beschreibt die politischen „Protagonisten von 1914“ als „Schlafwandler“: Sie waren „wachsam, aber blind, von Albträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten.“2In gewisser Weise gilt das auch für die Protagonisten der Religion, die sich anschickten, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, die den Keim aller nachfolgenden Katastrophen schon in sich trug, religiös zu deuten. Schlafwandlerisch agierten die Vertreter institutionalisierter Religion in den Jahren zwischen 1914 und 1918 darum, weil sie sich auf die Funktionsfähigkeit ihrer überkommenen Arsenale religiöser Kriegsdeutung und Kriegsbewältigung verließen, in eben der Weise, wie die Politiker, Diplomaten und Militärs dies mit ihren Instrumentarien der politisch-militärischen Steuerung ebenso taten. Der Erste Weltkrieg aber konfrontierte sie, ähnlich wie alle anderen Akteure und Opfer, mit Wirklichkeiten, auf die das traditionelle theologische und rituelle Rüstzeug nur mehr sehr bedingt passen sollte. Daraus wurde bis 1939 nicht wirklich gelernt; bis 1945 sollte diese Transformation der biblischen Passionserzählungen in einen Sinnstrom soldatischen Leidens und Sterbens aber die Plausibilität kirchlicher Verkündigung insgesamt nicht unerheblich beschädigen.

Religiöses Wissen im vormodernen Europa

Schöpfung – Mutterschaft – Passion

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