»Postcolonial studies« haben in den Geistes- und Sozialwissenschaften der vergangenen Jahre einen enormen Aufschwung erlebt. Bereits 1947 hat Joseph Höffner die Verdienste der spanischen Spätscholastik um einen menschenwürdigen Umgang mit den Bewohnern der kolonialisierten Gebiete in Süd- und Mittelamerika herausgearbeitet und so zu einem differenzierten Verständnis von Realpolitik und ethischer Refle-xion im 16. Jahrhundert beigetragen. Mit der Monographie »Kolonialismus und Evangelium« führt der vorliegende Band auf eindringliche Weise die Notwendigkeit von historisch sensibler Reflexion und systematischer Entschiedenheit vor Augen, derer es bedarf, wenn die christliche Rede von der »Würde des Menschen« nicht zu einer Leerformel verkommen soll.
77 Zugriffe auf die Bibel – 77 Hits on the Bible
„VULGATA. 77 Zugriffe auf die Bibel“ befragt mit 50 Künstlerinnen und Künstlern der Gegenwart ein Buch, das in der Menschheitskultur zu den wesentlichsten Inspirationsquellen der Kunst zählt.
Von Gläubigen wird dieses Buch als Heilige Schrift betrachtet, das heißt als Text, der heilig ist, bindend und inspirierend für das eigene Leben – trotz allen Wissens, dass er historisch entstand, vollkommen unterschiedliche Textgattungen enthält, höchst unterschiedlich in seiner literarischen Qualität und immer weniger kompatibel mit einem modernen, durch die Erkenntnisse der (Natur-)Wissenschaft determinierten Weltbild ist. Dort befinden sich die Brüche, die Abbrüche, die Ironien und zugleich die kreativen Energien ihrer mythischen und spirituellen Kraft. Dort ist auch der Ort einer Kunst, die Vertrautes, Verlorenes oder Fremdes neu sehen lässt: Sie wird hier vom Autor als Ausstellung vorgestellt und in einem Buch-Essay begleitet.
AutorIn: Dieter Burkert
Ziel der „Bausteine“ ist es, auf die Bedeutung der theologischen Disziplin ‚Christologie‘ erneut aufmerksam zu machen und so ihre Position wieder zu festigen. Zur Erreichung dieses Zieles gehe ich zwei Wege: Ich ordne zeitlich (I diachron, II synchron) und konzentriere inhaltlich (Beispiel: Auferweckung/Auferstehung). Besonderes Gewicht liegt auf der (einführenden) Verankerung, d. h. im AT- und Israel-Bezug. Ohne diesen Doppelbezug ist weder die Bedeutung der von Jesus selber gegebenen christologischen Impulse noch sind deren Aufnahme und Weiterentwicklung durch die frühen Christen hinreichend zu verstehen. Weiteres Proprium des hier vorliegenden Textes ist die Konzentration auf Jesus als gottgesandte Person, frei von Funktion: „Jesu Christologizität bemisst sich nach dessen Gottesbezogenheit“ (IV 1.3 (3)).
Die Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle Mönchengladbach
AutorIn: Anton Rauscher
Antworten auf die sozialen Herausforderungen: Die Tätigkeit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach.
Die deutschen Bischöfe vertrauten die Leitung der 1963 errichteten Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Gustav Gundlach, dem Berater Pius’ XII, an. Als er nach wenigen Monaten starb, übertrug der Bischof von Münster und spätere Kardinal von Köln, Joseph Höffner, Anton Rauscher diese Aufgabe, die er auch nach seiner Berufung auf den Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre in Augsburg weiterhin wahrnahm. Große Herausforderungen waren der Streit um die Mitbestimmung, der Wahlhirtenbrief der deutschen Bischöfe, die Auseinandersetzung mit der Theologie der Befreiung, die Arbeitslosigkeit und die Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen, Europa-Fragen, die Aushöhlung des Grundgesetzes, die Deutsch-Amerikanischen und die Deutsch-Koreanischen Kolloquien. Markenzeichen der KSZ wurde die grüne Reihe »Kirche und Gesellschaft« zu brennenden Fragen
Mit Vorwort und kritischem Kommentar
»Tagebücher« sind in der Regel keine wissenschaftlichen Texte. Sie sind aber für die Wissenschaft von wesentlicher Bedeutung, weil sie das Denken und Empfinden eines Autors unverschleiert vermitteln und verdeutlichen. Dies trifft gerade auf die Jugendtagebücher Baaders zu. Von daher ist es mehr als notwendig, diese Texte zugänglich zu machen und zu kommentieren. Die passagenweise von jugendlichem Schwung geprägten Tagebucheinträge zeugen aber andererseits von der Reife und Abgeklärtheit Franz von Baaders. Sie führen jungen Studierenden, deren philosophischer Eros noch nicht erloschen bzw. ausgelöscht worden ist, sein kritisches Denken vor Augen. Von nichts anderem dürfte Franz von Baader mehr beseelt und getrieben gewesen sein.
Predigerbruder und Professor
AutorIn: Ulrich Horst
Das 13. Jahrhundert war eine Zeit des Aufbruchs in Kirche und Gesellschaft. Franziskaner und Dominikaner arbeiteten in den Städten. Predigt und Beichtpastoral setzten theologische Bildung voraus, die jetzt die Universitäten bieten. Thomas von Aquin hat die daraus entstandenen Konflikte mit einer neuen Sicht des päpstlichen Primats und der Funktion der Orden in der Kirche zu lösen versucht.
Thomas von Aquin schloss sich 1244 der Gemeinschaft der Dominikaner an. Diese verkörperte einen neuen Ordenstyp, der die Nachfolge des armen und predigenden Christus zum Ziel hatte, das nicht mehr im Monasterium oder in der Einöde, sondern in der Stadt realisiert werden sollte. Da Predigt ein Studium voraussetzt, waren die Bettelmönche bald an den Universitäten zu finden. Die nicht an einen Ort gebundene Seelsorge provozierte den Widerstand des Klerus. Er zeigt, dass ein auf päpstlicher Sendung beruhender Orden keinen Widerspruch zur herkömmlichen Kirchenfassung darstellt. Ekklesiologische Fragen sowie das Verhältnis der apostolischen Armut zum Besitz stehen im Vordergrund wie auch Aspekte des neutestamentlichen Wunderbegriffs und das Problem der Zwangstaufe von Juden.
Die Indexkongregation im Literatur-, Gewerkschafts- und Zentrumsstreit
HerausgeberIn: Hubert Wolf
Vor 100 Jahren suchten selbstbewusste Laien nach neuen Wegen, sich als Katholiken in den Streitfragen des bürgerlichen Lebens zu behaupten. Im Gepäck hatten sie unter anderem die Kulturzeitschrift »Hochland«, Schriften des Theologen Joseph Mausbach und Reden des Zentrumspolitikers Theodor Wacker.
Der Autor arbeitet heraus, wie diese Emanzipationsbestrebungen unter Papst Pius X. als »praktischer Modernismus« bekämpft wurden. Ein zentrales Instrument dieses Kampfes war die Buchzensur. Welche Netzwerke von Gegnern der Laienemanzipation stießen die Zensurprozesse an und beeinflussten sie? Wie argumentierten die Gutachter der Indexkongregation? Und auf welche Weise übten sie Druck aus? Diese Fragen beantwortet der Autor anhand der römischen Archivbestände.
Erik Petersons eschatologischer Kirchenbegriff im Kontext der Moderne
AutorIn: Christian Stoll
Erik Peterson (1890-1960) ist kein theologischer Geheimtipp mehr. Die provokativen Einsprüche des Konvertiten für ein selbstbewusstes Kirchenverständnis im Angesicht des Nationalsozialismus sind in der Theologie wieder präsent. Im Herzen der Theologie Petersons steht die Kirche, verstanden als „Öffentlichkeit“ eines eschatologischen Krisenaktes, der Zeit und Kosmos verändert. Die vorliegende Arbeit entschlüsselt das Konzept einer „Öffentlichkeit der Christus- Krise“ als ekklesiologisches Bildprogramm, das Peterson im Austausch mit Adolf von Harnack, Karl Barth und Carl Schmitt gewinnt. Es ist ein Stück Krisentheologie in zweifachem Sinne: als Zeitphänomen der Weimarer Jahre und als pointiert eschatologische Offenbarungstheologie in der Spur Karl Barths. Am Ende steht der Versuch, Petersons Konzeption im katholischen Diskurs über die Kirche in der Moderne zu verorten. Im Anschluss an Peterson soll ein neues Konzept kirchlicher Öffentlichkeit skizziert werden, das eine Leerstelle in der Ekklesiologie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil schließen kann.
Kanonistische Nachfragen und Perspektiven zum Verbot der “Laienpredigt“
Sind die Bestimmungen zur Laienpredigt eine Anleitung zur Schizophrenie? Das jedenfalls meint ein Autor, der sich zu einer entsprechenden Neuregelung dieser Frage in der Schweiz im Jahr 2015 äußert. Das offizielle Verbot der Laienpredigt sorgt immer noch für Aufregung.
Das kirchenrechtliche und rechtsgeschichtliche Werk fragt nach der Entstehung und Begründung des Laienpredigtverbots. So untersucht es z.B. Entscheidungen mittelalterlicher Synoden, aber auch Dokumente des II. Vatikanischen Konzils. Dabei stellt sich heraus, dass es im Kern gar nicht um die Predigt geht, sondern um einen Streit um das Kirchenbild. Daher wurde die Frage der Laienpredigt immer mehr zu einem Konflikt um die Kompetenzen von Priestern und Laien hochstilisiert. Tatsächlich muss es aber um die Frage gehen, wer eine Sendung zur Predigt erhalten kann. Das Konzil hat hierfür die Türen für Laien weit geöffnet. Der Impuls von Papst Franziskus, manche Fragen auf teilkirchlicher und nicht auf weltkirchlicher Ebene zu lösen, eröffnet neue Perspektiven.
AutorIn: Werner Huber
Joseph Ratzinger ist ein Intellektueller, der aber nicht in die Gefahr des Intellektualismus geriet, sondern sich das gläubige Herz eines einfachen Christen bewahrt hat. Seine Werke und Intentionen sind nur von seiner Verwurzelung im religiösen Leben der Kirche her zu verstehen. Sie werden hier in ihren Kerngedanken vorgestellt.
Joseph Ratzinger war Theologe der Liebe. Seine Schriften und Reden sind nicht nur faszinierende Texte der Theologie, sondern zum Teil auch Liebesgeschichten. Aus seiner Liebe zu Gott und zum Mitmenschen erwuchs sein Plädoyer für die Relevanz des Sozialen. Insofern ist sein Werk ein wesentlicher Beitrag zur Geschichte der katholischen Soziallehre. Sein sozialer Sinn hat dabei seinen Blick auf die Einzigartigkeit des Individuums nicht verdunkelt. Dessen Gefährdung hat er freilich nicht übersehen – vor allem die Gefährdung durch den Egoismus, der selbst die Heiligen heimsucht. Echte Liebe ist mit der Wahrheit verknüpft: Ratzinger fühlte sich stets dem hohen Anspruch der Wahrheit verpflichtet; so stand er oftmals isoliert und unverstanden in einer Zeit, der der Relativismus seinen Stempel aufdrückte. Er war ein Mann des Mutes, der – gelegen oder ungelegen – seinen Überzeugungen unbeirrbar Ausdruck verlieh.