Eine Ideengeschichte der Zivilisierung von Kriegsgewalt 1864–1945
Transnationale Debatten unter Juristen haben das humanitäre Völkerrecht entscheidend geformt. Die Zivilisierung von Kriegsgewalt stand seit der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zentrum und gipfelte im Konzept von „Crimes against Humanity“, das im Internationalen Militärtribunal von Nürnberg erstmals zum Tatbestand erhoben wurde.
Kerstin von Lingen zeichnet diesen Weg nach – von den frühen völkerrechtlichen Debatten unter Juristen über die Haager Friedenskonferenzen und die Verhandlungen von Versailles nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Angesichts immer höherer Opferzahlen und ansteigender Massengewalt gegen Zivilisten wirkte der Zweite Weltkrieg wie ein Katalysator: Das Konzept „Crimes against Humanity“ wurde in London in Gremien geschärft, deren Akten für dieses Buch erstmals ausgewertet wurden. „Crimes against Humanity“ wurde nach 1945 neben dem Genozid-Vorwurf zum wichtigsten juristischen Werkzeug unserer Zeit, um Massengewalt gegen Zivilisten zu ahnden.
Die abenteuerliche Geschichte der Zweiten Polnischen Republik 1918–1939
AutorIn: Wolfgang Templin
Wolfgang Templin erzählt die unwahrscheinliche und abenteuerliche Geschichte der zweiten Gründung des polnischen Staates: Nach 123 Jahren der Aufteilung zwischen Russland, Österreich und Preußen ließen die Polen im November 1918 ihr Land als souveräner Staat wieder entstehen, während die drei Großmächte mit dem Ende des Weltkriegs in Niederlage und Revolution taumelten. Der Zweiten Polnischen Republik aber gab kaum einer seiner Nachbarn eine Überlebenschance.
Die Zweite Polnische Republik Polen wurde in Europa als „Saisonstaat“ oder störender Raum zwischen Deutschland und Rußland betrachtet. Auseinandersetzungen zwischen extremen Linken und Rechten beförderten die Instabilität der neuen Republik. Dennoch gelang es über 20 Jahre Polen als selbständigen Staat zu erhalten. Erst der gemeinsame Überfall Deutschlands und der Sowjetunion beendete 1939 die Existenz Polens zeitweilig wieder. Wolfgang Templins Buch schildert die frappierenden Umstände der Gründung der Zweiten Polnischen Republik, ihre äußere Bedrohung durch die Nachbarstaaten wie etwa den Krieg gegen Sowjetrußland, aber auch die inneren Konflikte. Die Zeit von 198 bis 1939 war ein an vielen Fronten geführter Kampf um die Existenz Polens. Heute ist jene Zeit in Polen wieder umstritten: Es geht um die historische Deutung der Zweiten Republik, um das Aufbrechen alter Spannungen und Gegensätze, die bis vor 1939 zurückreichen. So liefert Wolfgang Templins Blick auf die Geschichte auch einen Schlüssel zum besseren Verständnis der aktuellen polnischen Auseinandersetzungen.
Eine historisch-empirische Analyse
AutorIn: Faeza Yaqub
Die nationale Identitätsbildung in Tadschikistan wird mit zahlreichen historischen Ereignissen verknüpft, die Größe, Macht und Stabilität symbolisieren sollen.
Das nationale Selbstverständnis in der ehemaligen Sowjetrepublik Tadschikistan hat sich seit der Unabhängigkeit grundlegend verändert. Der Vergleich zwischen der sowjetisch- und der postsowjetisch geprägten Generation in Tadschikistan offenbart diesen Wandel. Zurückzuführen ist dies auf den nationalpolitischen Kurs der tadschikischen Regierung, die mittels einer Vielzahl von Kampagnen ein pronationales Selbstverständnis fördert, indem sie ethnische Minderheiten aus dem Nationsbildungsprozess ausschließt und zunehmender Diskriminierung aussetzt. Die nationale Abgrenzungspolitik der Regierung gefährdet damit nicht nur die innere Stabilität Tadschikistans, sondern auch die Beziehungen zum Nachbarstaat Usbekistan.
Praxis und Konflikt in Kastilien und Spanisch-Amerika im 16. Jahrhundert
Das vorliegende Buch behandelt das historische Phänomen der Sklaverei aus der Perspektive der politischen Praxis. Es untersucht die Sklaverei als kontroverses Verhandlungsthema, zwischen der kastilischen Krone und lokalen Akteuren.
Die immense Bedeutung der Versklavung von Menschen für das frühneuzeitliche Europa wird heutzutage selten in Zweifel gezogen. Gerade in den iberischen Städten des 16. Jahrhunderts gehörten Sklavenmärkte zur Alltäglichkeit. Insbesondere Theologen beschäftigten sich intensiv mit der Frage, ob die Versklavung nicht-christlicher Gefangener erlaubt sei. Die Sklaverei war aber nicht nur ein Thema der Studierzimmer oder ein Phänomen des städtischen Lebens. Sie hatte auch eine zutiefst politische Komponente. Entsprechend widmet sich der Band der Sklavereipolitik der kastilischen Krone im 16. Jahrhundert. Sklaverei wird hier als mehrdimensionaler Komplex zwischen herrschaftspolitischen, ökonomischen, militärischen und theologischen Interessen verortet. Anhand der Versklavung der moriscos während der guerra de Granada (1568–1571) sowie der Versklavung der indigenen Bevölkerung der „Neuen Welt“ wird gezeigt, wie Sklaverei stets als politische Verhandlungsmasse zwischen Zentralregierung, Militär und Peripherie genutzt wurde.
AutorIn: Ulrich Kück
Am Beispiel des Penicillin-Antibiotikaproduzenten Penicillium chrysogenum wird in diesem Artikel die Verknüpfung von Grundlagenforschung und angewandter Forschung aufgezeigt. Bei diesem industriell genutzten Hyphenpilz konnten vor kurzem zum ersten Mal Sexualprozesse beobachtet werden, die von genetischen Faktoren abhängig sind. Dabei wurde entdeckt, dass diese genetischen Faktoren auch die Antibiotikaproduktion wesentlich beeinflussen. Beispielhaft wird somit die Grundlagenforschung mit der anwendungsbezogenen Fragestellung verknüpft.
Osteuropa im Diskurs des Deutschen Kaiserreiches von 1871
Lag das deutsche Indien in Polen? Der Osten Europas war für die Deutschen im 19. Jahrhundert ein Sehnsuchtsort, in dem man die ideale Projektionsfläche für die eigenen kolonialen Ambitionen gefunden hatte.
Im Kaiserreich galt Osteuropa vielen Deutschen als unzivilisiert, chaotisch, primitiv und auf deutsche Kulturleistungen angewiesen. Die östlichen Nachbarn schienen so fern wie der Wilde Westen oder die afrikanische Steppe. Christoph Kienemann analysiert den deutschen Osteuropadiskurs hinsichtlich der Frage, ob er als kolonialer Diskurs gelesen werden muss. Auf diese Weise zeigt sich nicht nur, dass Osteuropa für viele Deutsche ein Sehnsuchtsort kolonialistischer Phantasien war, sondern dass der Kolonialismus eine viel größere Bedeutung für die deutsche Gesellschaft um 1900 besaß, als ihm bisher zugeschrieben wurde.
Das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt 1924–1943
AutorIn: Paul Fröhlich
Die militärische Rüstungsbürokratie zwischen Niederlage des Deutschen Kaiserreiches und ›Totalem Krieg‹ der NS-Diktatur – in dieses Spannungsverhältnis begibt sich der Autor. Er untersucht, wie die Fachleute des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes die Mobilisierung planten – und dabei scheiterten. Bereits kurze Zeit nach der deutschen Niederlage von 1918 wurden die wirtschaftlichen Aspekte der Kriegführung wieder von einem kleinen, hochprofessionellen Offizierskreis diskutiert. Sie nahmen Gedanken aus der Zeit des Ersten Weltkrieges auf und forderten in der Reichswehr und noch stärker in der Wehrmacht die Steuerungshoheit des Militärs über die kriegsrelevante Wirtschaft. Ihre Planungen und Maßnahmen waren nicht nur im Offizierkorps selbst umstritten, sondern unterlagen letztlich auch den Widerständen der Privatwirtschaft und den Interessen von NS-Parteigrößen. Entlang dieser Fronten beschreibt der Autor eine militärische Organisation von ihrem Aufbau 1924 bis zu ihrer ›Zerschlagung‹ durch Albert Speer 1942. Dabei nimmt er auch das alles andere als eindeutige Verhalten des Führungspersonals im Amt in den Blick.
SS und Polizei sollten im Dritten Reich zu einem schlagfertigen Staatsschutzkorps verschmolzen werden. Die Ideologie der SS wurde deshalb durch ein aufwändiges System der Schulung auf die Polizei übertragen. Die weltanschauliche Schulung, die bis dahin in der SS erprobt worden war, wurde ab 1937 in die Dienstpläne der Polizei eingebaut; der Unterricht in »NS-Lehre« wurde ein fester Bestandteil der Polizei-Ausbildung. Hans-Christian Hartens Untersuchung zeigt erstmals das ganze Ausmaß dieser Erziehungs- und Bildungsarbeit. Der Band ergänzt die Arbeit des Autors über die weltanschauliche Schulung der SS. Er macht nachvollziehbar, welch immenser Aufwand getrieben wurde, um aus den größtenteils noch aus der Weimarer Republik übernommenen Polizeibeamten überzeugte Nationalsozialisten und schließlich »politische Soldaten« an der Seite der SS zu machen, die auch für den rassenpolitischen Krieg einsetzbar waren.
Die Fritz Thyssen Stiftung in der Bonner Republik
Amélie Thyssen, die reichste Frau in Westdeutschland, stiftete 1960 überraschend die Hälfte ihres industriellen Vermögens: Mit ihrer Tochter Anita errichtete sie die erste große private Stiftung zur Wissenschaftsförderung in der Bundesrepublik.
Dieses Buch erschließt die familien- und unternehmensgeschichtlichen Zusammenhänge sowie die Medienresonanz dieser ungewöhnlichen Transaktion. Neben den Erbinnen Fritz Thyssens tritt der Kreis ihrer Vermögensverwalter und Berater hervor, deren exzellente Verbindungen bis ins Bundeskanzleramt reichten. Erstmals werden die Protokolle dieses „Thyssen-Komitees“ ausgewertet, die neues Licht auf interne Spannungen bei der Bildung des Thyssen-Konzerns werfen.
Die Stiftung engagierte sich in den Geistes- und Sozialwissenschaften und in der medizinischen Forschung. Mit Blick auf die Förderinitiativen und die gelehrten Köpfe im Wissenschaftlichen Beirat leistet die Studie einen Beitrag zur intellectual history der Bonner Republik.
Ein Leben im Dienste des Königs und Frankreichs
AutorIn: Klaus Malettke
Der oftmals kontrovers beurteilte Kardinal und Staatsmann Richelieu hat die Geschichte Frankreichs nachhaltig geprägt und über seinen Tod hinaus tiefe Spuren in der Geschichte Europas hinterlassen. Klaus Malettke legt nach jahrzehntelanger Forschung zu Richelieu und dessen Epoche eine neue, umfassende Biographie vor. Leben und Agieren des Menschen, Theologen und Staatsmannes behandelt der Autor in seinen positiven wie kritischen Aspekten.
Einen breiten Raum widmet der Verfasser dem außenpolitischen Handeln des „Prinzipalministers“ Richelieu in der Phase des „offenen Krieges“ von 1635 bis 1642. Malettke beleuchtet insbesondere die Vorstellungen des Staatsmanns über die Gestaltung eines umfassenden Friedens in Europa und dessen dauerhafte Bewahrung durch die Verwirklichung eines Systems kollektiver Sicherheit. Aber auch die von Richelieu und seinen Gefolgsleuten entfaltete propagandistische Öffentlichkeitsarbeit sowie sein Wirken als Mäzen weiß der Autor kenntnisreich zu schildern. Nicht weniger Aufmerksamkeit gilt Richelieus Klientelpolitik sowie seinen vielfältigen und weitgespannten Aktivitäten beim Aufbau des eigenen großen Vermögens. Dabei ist es Klaus Malettke immer wichtig zu rekonstruieren, welche Prinzipien und Kategorien damals das Handeln Richelieus und der anderen Akteure bestimmten – wie Dynastie, Konfession, Staatsinteresse, Staatsräson und Tradition.