Das Militär und der Primat der Politik
AutorIn: Oliver Stein
Die deutsche Heeresrüstung in der wilhelminischen Zeit wurde von einer auffallend ungleichmäßigen Entwicklung geprägt. Auf eine langanhaltende zahlenmäßige Stagnation folgte in den Jahren 1912/13 eine Phase hektischer Auf-rüstung. Die Forschung hat bislang die rüstungspolitische Zurückhaltung vorrangig mit einer systemstabilisierenden Funktion der Armee erklärt, die Aufrüstung kurz vor Ausbruch des Krieges dann mit dem Aufstieg einer radikalen Form des Militarismus. Die vorliegende Studie, die zahlreiche Facetten der Heeresrüstungspolitik untersucht, widmet sich intensiv dem innermilitärischen Rüstungsdiskurs. Hier war, so ein Befund der Arbeit, der Antagonismus von Qualität und Quantität für die Rüstungspolitik prägend. Vor allem aber rückt das Buch die Beziehung zwischen der militärischen und der politischen Führung - repräsentiert durch Kriegsminister und Reichskanzler - in den Fokus. Unter Verwendung zahlreicher Quellen weist Oliver Stein nach, dass die Heeresrüstung im Kaiserreich deutlich unter dem vom Reichskanzler verfochtenen Primat der Politik stand.
Frankreichs Kriege und der deutsche Süden. Alltag - Wahrnehmung - Deutung 1792-1841
AutorIn: Ute Planert
Als die Französische Revolution Europas Throne ins Wanken und Napoleon an die Macht brachte, bedeutete das für die Zeitgenossen im deutschen Süden und Südwesten vor allem eins: den permanenten Kriegszustand. Truppen aus aller Herren Länder machten Baden, Württemberg und Bayern zum Kriegsschauplatz. Einquartierungen und Durchmärsche, Plünderungen und Requisitionen, Seuchen und wirtschaftliche Not brachten die Einwohner an die Grenzen ihrer Leistungs- und Leidenskraft. Wie die Menschen vor 200 Jahren den Kriegsalltag zu meistern suchten, beschreibt Ute Planert in ihrem überaus eindrucksvollen Buch. Sie zeigt auch, wie sich der Krieg, seine Wahrnehmung und seine Bedeutung nach 1815 in den Köpfen veränderten und wie die ehemaligen Rheinbundstaaten ihre Vergangenheit neu erfanden. Aus Verbündeten Napoleons wurden jetzt Feinde, die alles daran setzten, durch symbolische Politik ihre französische „Mesalliance“ zu überdecken und ihre Geschichte in den neuen nationalen Mythos vom Befreiungskrieg zu integrieren.
Rekrutierungspolitik in den neuen Provinzen: Staatliches Handeln und Bevölkerung
AutorIn: Bernhard Schmitt
Welche Rolle spielte das Integrationsinstrument Militär bei der Eingliederung neuer Provinzen in Preußen und in Österreich nach 1815? Der Band untersucht diese Frage, indem er die Ein- und Durchführung der Wehrpflicht in der preußischen Rheinprovinz und im habsburgischen Veneto analysiert und dabei sowohl staatliches Handeln wie auch die Reaktion der Bevölkerung betrachtet. Preußen und Österreich zielten seit 1815 darauf ab, die Bewohner ihrer neuen Provinzen am Rhein und in Oberitalien durch den Dienst im Militär zu guten Untertanen zu erziehen. Allerdings verharrte man in politischen Konzepten der Vorrevolutionszeit und trug mehr zu einer Regionalisierung des Staates als zu einer nationalen bzw. supranationalen Verschmelzung bei. Die Bevölkerung begegnete dem Militärdienst mit Gelassenheit. Obwohl sich die Konflikte mit den neuen Herren häuften, widersetzten sich die Menschen den Rekrutierungen nur in geringem Maße. Zwar wurde der Militärdienst nicht zu dem Katalysator nationaler Integration wie im Frankreich der Revolutions- und dem Preußen der Befreiungskriege, doch war er entgegen weitverbreiteter Ansichten keineswegs Anlass zum Widerstand gegen die preußischen bzw. österreichischen Herrscher am Rhein und in Oberitalien.
Teil 1: Torgau und Bunzelwitz, Teil 2: Schweidnitz und Freiberg. Textband und Kartenschuber. Herausgegeben im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes
AutorIn: Eberhard Kessel
HerausgeberIn: Thomas Lindner
Unerwartet tauchten 1992 mit verloren geglaubten Beständen des Pots-damer Heeresarchivs/Kriegsgeschichtliche Forschungsanstalt des Heeres Manuskripte auf, bei denen es sich mit an Sicherheit grenzender Wahr-scheinlichkeit um Arbeiten Eberhard Kessels zur Vollendung des großen Generalstabswerkes über die Kriege Friedrichs des Großen handelt. Entgegen der Vermutung des Autors hatten sie das Ende des Zweiten Weltkriegs in Potsdam und Berlin unbeschadet überstanden. Sie liegen heute als Typoskript mit handschriftlichen Korrekturen und Ergänzungen mindestens zweier unterschiedlicher Bearbeiter, von denen der eine Kessel selbst ge-wesen sein dürfte, im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes hat Thomas Lind-ner das umfangreiche Material für die Veröffentlichung aufbereitet, um auf diese Weise das unvollendet gebliebene Generalstabswerk über den Siebenjährigen Krieg abzuschließen. Die Edition liefert fast 100 Jahre nach dem Erscheinen des 13. Bandes des Generalstabswerkes eine detailreiche Darstellung der letzten Feldzugsjahre des Siebenjährigen Krieges, von unschätzbarem Wert besonders durch die intensive Nutzung vieler heute nicht mehr verfügbarer Quellen. Die Veröffentlichung erfolgt unbeschadet des Umstandes, dass kurz vor Drucklegung im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin bis dahin unbekannte Umbruchkorrekturen eines 15. Bandes sowie Frag-mente der Fahnenkorrektur eines 16. Bandes des originalen Generalstabs-werkes aufgetaucht sind. Ein 14. Band sowie die fehlenden Teile des 16. Bandes sind nicht nachweisbar. Hierbei handelt es sich wie bei Kessels Typoskripten um Rückgaben aus sowjetischem Beutegut, die über das ehemalige Militärarchiv der DDR in Potsdam ins Geheime Staatsarchiv gelangt sind. Unverhofft bildet Kessels Arbeit damit auch das Teilstück eines spannenden Wissenschaftspuzzles der seltenen Art.
Wirtschaft und Gesellschaft im deutsch-französischen Krieg
Der Krieg von 1870/71 nimmt in der Forschung eine ungeklärte Position ein. Lange wurde er als letzter Kabinettskrieg im klassischen Sinne betrachtet. Erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bemühte sich die Forschung intensiver um den deutsch-französischen Krieg und um eine neue Einordnung des „Reichseinigungskrieges“ in den historischen Kontext. Handelt es sich bei ihm noch um einen Kabinettskrieg oder schon um einen industrialisierten Volkskrieg oder gar um einen ersten Schritt zum modernen Vernichtungskrieg? Anhand einer Vielzahl neu gewonnener Fakten aus zum Teil bisher noch ungehobenen Quellen gelingt es dem Autor, in einer großangelegten Analyse den deutsch-französischen Krieg in eine neue Perspektive zu rücken. Seine zum Teil überraschenden Ergebnisse zeigen, dass der Krieg weit tiefer in die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft eingriff, als dies bisher bekannt war. Das umfangreiche, spannend geschriebene Werk dürfte die Diskussion um den Stellenwert des deutsch-französischen Krieges neu entfachen.
Raum, Bevölkerung, Mythos 1570-1750
AutorIn: Achim Landwehr
Venedig ist Realität und Mythos zugleich, auch heute noch. Wie beide in der Frühen Neuzeit entstanden, ist das Thema dieser glänzenden Arbeit. Ihr Ausgangspunkt ist die Hypothese, dass die Insti-tution des Staates keineswegs das historisch 'notwendige' Gebilde ist, als das sie nicht selten angesehen wird. Vielmehr ist der Staat das Ergebnis zahlreicher historisch-diskursiver Prozesse, in denen Formen so-zialer Wirklichkeit etabliert wurden. Wie es europäischen Obrigkeiten während der Frühen Neuzeit gelang, diese vielfältigen Handlungen und Prozesse zu einer Struktur zu verdichten, der wir inzwischen den Namen 'Staat' geben, wird im Rahmen der vorliegenden Ar-beit am Beispiel Venedig untersucht.
Internationale Beziehungen 1559-1660
AutorIn: Heinz Schilling
Der neue Band des Handbuchs der Geschichte der Internationalen Beziehungen behandelt in einer Kombination von struktur-, ereignis- und kulturgeschichtlichen Ansätzen die Entstehung des europäischen Staatensystems der Neuzeit in dem Jahrhundert zwischen dem Scheitern des Versuchs Karls V., die Staatenvielfalt Europas mit einem universalistischen Kaiserkonzept neu zu ordnen, und der Etablierung der ersten neuzeitlichen Staatenordnung durch die Friedensschlüsse in Westfalen, den Pyrenäen und Oliva zu Mitte des 17. Jahrhunderts. Dem bewährten Aufbau des Handbuchs folgend, beschreibt ein erster Teil die Bedingungen von Außenpolitik und internationalen Beziehungen vor ihrer Monopolisierung durch den Staat. Gegliedert nach regionalen Mächtekreisen stellt der zweite Teil die einzelnen Akteure vor, mit einem Schwerpunkt auf den großen Antagonisten der Epoche: Osmanen, Habsburger resp. Spanien, England, Niederlande. Im dritten Teil werden die Ereignisse geschildert und in ihren struktur- wie kulturgeschichtlichen Bedingungen und Konsequenzen analysiert. Das Buch endet mit den großen Kriegen von 1618 bis 1660, die als Glaubens- und Staatenkriege begriffen werden, und mit einer Würdigung der diese Kriege beendenden Friedensverträge als neue europäische Mächteordnung auf der Basis souveräner, gegenüber den religiös-kirchlichen Kräften autonomer Partikularstaaten unter einem universalistischen Völkerrecht. Die souveräne Synthese der internationalen Beziehungen eines dramatisch bewegten Zeitalters!
AutorIn: Annika Boentert
Obwohl die Kinderarbeit im 19. Jahrhundert nach wie vor zu den Standardthemen im Geschichtsunterricht gehört, ist ihre wissenschaftliche Aufarbeitung bisher überraschend lückenhaft geblieben. Im ihrem Mittelpunkt stand meist die Fabrikarbeit, während die zahlenmäßig sehr viel größeren Sektoren – die Hausindustrie, die Landwirtschaft und der Dienstleistungsbereich – nur am Rande erwähnt wurden. So blieben viele Fragen offen: Welche Arbeitszeiten z. B. hatte ein Hütejunge, was verdiente ein Kegelaufsetzer, gab es einen gesetzlichen Schutz für schulpflichtige Dienstmädchen? Wer setzte sich für die arbeitenden Kinder ein, warum und mit welchem Erfolg? Durch die Auswertung wenig bekannter Statistiken, die Schilderung typischer Einsatzbereiche (Zigarrenindustrie, Landwirtschaft u. a.) und einen internationalen Vergleich der Gesetzgebung leistet das Buch einen wichtigen Beitrag zur Korrektur dieser Schieflage. Die Berücksichtigung der unterschiedlichen Wirtschaftszweige führt zu einer Neubewertung der Einflussfaktoren, die den institutionellen Wandel der Kinderarbeit maßgeblich prägten: Die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts rücken stärker ins Blickfeld, wichtiger als ökonomisch-technische Rationalisierungsbemühungen wird das Engagement politischer Persönlichkeiten und wichtiger Verbände. Eine neue, wegweisende Studie über die Kinderarbeit im deutschen Kaiserreich.
Der deutsch-französische Krieg war für die deut-schen Juden ein bedeutsames Ereignis. Er führte die Reichseinigung herbei und er stellte damit auch die Weichen für den weiteren Gang der Ju-den-emanzipation. Der Krieg letztlich entschied über den Status der Juden im künftigen National-staat. Wie unter einem Brennglas lässt sich in ihm die Problematik des Emanzipationsprozesses be-trachten. Deutsche Juden hofften 1870/71, durch ihre engagierte Kriegsteilnahme die von Emanzipationsgegnern gehegten Zwei-fel an ihrer nationalen Loyalität zu entkräften, um endlich als gleichberechtigte Staatsbürger anerkannt zu werden. Doch in dem Kriegsgegner Frankreich bekämpften sie ein Land, das eine Vorreiterrolle bei der Judenemanzipation einnahm und das ihnen seit der Französischen Revolution als Vorbild galt. Glau-bensgenossen in Frankreich und im neutralen Ausland hielten ihnen daher vor, gegen die gemeinsame jüdische Sache zu kämpfen. Das sorgfältig gearbeitete Buch zeigt, wie sich deut-sche Juden in dieser schwierigen Konfliktlage positionierten.
HerausgeberInnen: Klaus Hildebrand und Eberhard Kolb
Otto von Bismarck war bereits zu Lebzeiten ein Mythos. Zuhauf wurden ihm Ehrenbürgerschaften verliehen, unzählige Denkmäler errichtet und Fackelzüge veranstaltet. Doch wie wurde Bismarck im europäischen Ausland betrachtet? Diese Frage steht im Mittelpunkt dieses Bandes. Historiker aus sieben Ländern versuchen in ihren Beiträgen, das zeitgenössische Bismarck-Bild in den wichtigsten kleineren und größeren Staaten Europas zu beleuchten. Die Ergebnisse sind interessant und spannend zugleich und eröffnen neue Perspektiven für die Bismarckforschung aus kulturgeschichtlicher wie auch aus politikgeschichtlicher Sicht.