Aufstieg und Fall eines Mythos
Albert Speer als der „gute Nazi“: Dieser von ihm selbst inszenierte Mythos prägte entscheidend die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte. Millionen von Kriegsteilnehmern und Parteigenossen konnten sich entlastet fühlen, wenn doch nicht einmal Hitlers Stararchitekt und Rüstungsminister etwas vom Holocaust gewusst hatte, geschweige denn daran beteiligt gewesen war. Wolfgang Schroeter begibt sich auf die Spuren der Entstehung und Wirkungsgeschichte des Speer-Mythos. Wie war Speer selbst an dessen Schaffung beteiligt? Wer unterstützte ihn und schrieb den Mythos fort? Erstmals verfolgt der Autor den Wandel des Speer-Bildes über vier Generationen. Während die Kriegs- und Flakhelfergeneration Speer heroisierte, revoltierten die „68er“ dagegen. Nach einer weiteren Verschärfung der Kritik kehrt Speer in den Medienwelten des digitalen Zeitalters neu imaginiert zurück – und ist weiterhin Gegenstand von Biographien und Dokumentationen. Der Mythos wird entzaubert.
Die Geschichte einer Radikalisierung
AutorIn: Alex Aßmann
Gudrun Ensslin – Pastorentochter, Studienstiftlerin, Terroristin: Was sagen diese Schlagworte über die Person? Wie kam es zu ihrer Radikalisierung?
Im Fokus des Buches steht die Kehrtwendung Gudrun Ensslins aus einer vornehmlich bürgerlichen Existenz zu einem Dasein im Untergrund. Diese Wende der späteren Mitbegründerin der RAF in die Militanz und den Terrorismus scheint sich ohne nennenswerten ideologischen Anlauf vollzogen zu haben. Bis ins Jahr 1967 nimmt Ensslin beispielsweise kaum an Demonstrationen teil. Im Vordergrund steht für sie der Aufstieg ins linksliberale Kulturestablishment der Bundesrepublik, eine geplante Dissertation über Hans Henny Jahnn, schließlich auch ihr Kind. Der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 markiert den Beginn ihrer Radikalisierung, die sie geradezu zur Kaufhausbrandstiftung und daran anschließend zur RAF-Gründung katapultiert. Was den Zeitgenossen damals schon rätselhaft erschien, ist auch heute für uns ein aktuelles Problem. Immer wieder fragen wir uns, wie Radikalisierung unbemerkt entstehen konnte (und kann). Folgt man dem Radikalisierungsverlauf Gudrun Ensslins durch die Bildungsinstitutionen hindurch, dann wird sichtbar, wie sich darin langsam das Erleben von Bildung und das von Radikalität immer ähnlicher werden.
Alex Aßmann rekonstruiert den Weg Ensslins von der Studentenbewegung in den Linksradikalismus als Bildungsgeschichte. Ihren Ausgang nimmt diese Entwicklung in den 1940er und 50er Jahren, denen das besondere Augenmerk des Autors gilt. Sein Buch eröffnet auf diese Weise einen neuen Blick auf die RAF-Protagonistin und räumt mit weit verbreiteten Missverständnissen auf.
Die DDR und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung
AutorIn: Maria Schubert
Ihren Kampf begriffen amerikanische Bürgerrechtler seit jeher als einen globalen und trugen diesen in die DDR. Während die SED dort Solidarität mit der afroamerikanischen Bevölkerung verkündete, ermutigten Martin Luther Kings Ideen so manchen zum Widerstand gegen das heimische Regime…
Maria Schubert untersucht anhand der DDR-Besuche von Paul Robeson, Martin Luther King, Ralph Abernathy und Angela Davis die Wirkungsgeschichte der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung im ostdeutschen Staat. Ne-ben der offiziellen SED-Politik gegenüber dem sogenannten „anderen Amerika“ stehen die eigenwilligen Umdeutungen des Bildes bei der Bevölkerung im Mittelpunkt. Dabei setzt sich die Autorin mit der Geschichte der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und der sozialistischen Gedankenwelt auseinander. Sie zeigt, wie (inner-)gesellschaftliche Entwicklungen in der DDR durch transnationale Einflüsse eine besondere Dynamik erhielten.
Eine historisch-empirische Analyse
AutorIn: Faeza Yaqub
Die nationale Identitätsbildung in Tadschikistan wird mit zahlreichen historischen Ereignissen verknüpft, die Größe, Macht und Stabilität symbolisieren sollen.
Das nationale Selbstverständnis in der ehemaligen Sowjetrepublik Tadschikistan hat sich seit der Unabhängigkeit grundlegend verändert. Der Vergleich zwischen der sowjetisch- und der postsowjetisch geprägten Generation in Tadschikistan offenbart diesen Wandel. Zurückzuführen ist dies auf den nationalpolitischen Kurs der tadschikischen Regierung, die mittels einer Vielzahl von Kampagnen ein pronationales Selbstverständnis fördert, indem sie ethnische Minderheiten aus dem Nationsbildungsprozess ausschließt und zunehmender Diskriminierung aussetzt. Die nationale Abgrenzungspolitik der Regierung gefährdet damit nicht nur die innere Stabilität Tadschikistans, sondern auch die Beziehungen zum Nachbarstaat Usbekistan.
Die Fritz Thyssen Stiftung in der Bonner Republik
Amélie Thyssen, die reichste Frau in Westdeutschland, stiftete 1960 überraschend die Hälfte ihres industriellen Vermögens: Mit ihrer Tochter Anita errichtete sie die erste große private Stiftung zur Wissenschaftsförderung in der Bundesrepublik.
Dieses Buch erschließt die familien- und unternehmensgeschichtlichen Zusammenhänge sowie die Medienresonanz dieser ungewöhnlichen Transaktion. Neben den Erbinnen Fritz Thyssens tritt der Kreis ihrer Vermögensverwalter und Berater hervor, deren exzellente Verbindungen bis ins Bundeskanzleramt reichten. Erstmals werden die Protokolle dieses „Thyssen-Komitees“ ausgewertet, die neues Licht auf interne Spannungen bei der Bildung des Thyssen-Konzerns werfen.
Die Stiftung engagierte sich in den Geistes- und Sozialwissenschaften und in der medizinischen Forschung. Mit Blick auf die Förderinitiativen und die gelehrten Köpfe im Wissenschaftlichen Beirat leistet die Studie einen Beitrag zur intellectual history der Bonner Republik.
Die Exilzeitschrift "Kultura" im Kampf um die Unabhängigkeit Polens 1947–1991
AutorIn: Bernard Wiaderny
Mit Bernard Wiadernys Buch liegt die erste deutschsprachige Monographie über die polnische Exilzeitschrift »Kultura« vor. Sie erschien in Paris und war die wirkungsmächtigste polnische Zeitschrift der Nachkriegszeit – ein Laboratorium des weltoffenen Denkens. Der Autor rekonstruiert die Bemühungen des »Kultura«-Kreises um ein unabhängiges Polen ohne kommunistische Herrschaft. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges geht es um die Aktivitäten im Rahmen des US-finanzierten »Kongresses für kulturelle Freiheit« ebenso wie um das Engagement der Zeitschrift in Polen: ihr Einsatz für die reformfreudigen, parteinahen Intellektuellen in den 1950er und 1960er Jahren, für die demokratische Opposition und die Gewerkschaft»Solidarno´s´c« in den 1970er und 1980er Jahren. Auch die Positionierung des Blattes während des Zerfalls des kommunistischen Regimes 1989 kommt zur Sprache. Die Haltung der »Kultura« zur Deutschland-Problematik und zur »Ostpolitik« der SPD in den 1970er und 1980er Jahren findet gleichfalls Berücksichtigung. Thematisiert wird auch die Zusammenarbeit der Zeitschrift mit russischen und ukrainischen Intellektuellen, sowohl in der Sowjetunion als auch im Exil.
Ministerien und Behörden im geteilten Deutschland 1949–1972
HerausgeberInnen: Dominik Geppert und Stefan Creuzberger
Die Geschichtswissenschaft wirft derzeit mit Hilfe verschiedener Historikerkommissionen einen zweiten Blick auf die personellen und institutionellen Kontinuitäten und Brüche im Nachkriegsdeutschland. Während bislang vor allem die Bundesrepublik im Mittelpunkt bestand, wendet sich die Forschung jetzt auch verstärkt der DDR zu.
Denn inzwischen ist auf breiterer Quellenbasis ein deutsch-deutscher Vergleich des Auf- und Umbaus staatlicher Stellen nach dem Ende der NS-Diktatur möglich. Die Beiträge untersuchen am Beispiel von vier zentralen Bereichen staatlichen Handelns (Justiz, Wirtschaft, Sicherheit und Inneres) die Nachwirkungen der NS-Vergangenheit in Behörden und Ministerien des geteilten Deutschland. Über den empirischen Befund personeller Kontinuitäten und Diskontinuitäten hinaus gehen die Autoren der Frage danach, in welcher Form die Erfahrung des Bruchs bzw. des Neuanfangs gedanklich verarbeitet und politisch umgesetzt wurde.
Neue soziale Bewegungen in der Provinz 1970–1990
HerausgeberIn: Julia Paulus
‚Verschnarchte Provinz‘ versus ‚revolutionäre Großstadt‘? Gab es die ‚68er‘, die Friedens-, Umwelt-, Frauen- oder Jugendbewegung auch außerhalb der Metropolen? Historische Studien zur Durchsetzung demokratischer Teilhabestrukturen in der Bundesrepublik unterstellen der ‚Provinz‘ oft kaum oder kein emanzipatorisches Potential. Auch Forschungen zu den Neuen sozialen Bewegungen der 1960er bis 1990er Jahre blicken nur selten über Frankfurt, Berlin oder München hinaus. Dieser Sammelband fragt daher nach der Entstehung, den Einflüssen, den Verhinderungen sowie den Erfolgen dieser Bewegungen in ländlichen Räumen.
Die Beiträge fragen kritisch, welche Bedeutung der Zuschreibung ‚Provinz‘ bislang bei der Erforschung von Bewegungskulturen in kleinstädtischen und ländlichen Gesellschaften zukam. Zum anderen wird überprüft, ob für die Handlungs- und Diskursräume in der ‚Provinz‘ von Eigenlogiken gesprochen werden kann. Und sind Angleichungsprozesse und/oder wechselseitige Einflussnahmen von Metropolen und ‚Provinz‘ auf die Entwicklung sozialer Bewegungen festzustellen?
Der Umgang mit Ehrungen, Denkmälern und Gedenkorten nach 1945
HerausgeberInnen: Matthias Frese und Marcus Weidner
Erinnerung, Ehrung und Politik beschreiben einen Spannungsbogen, der viele Auseinandersetzungen um Gedenkstätten, Denkmäler, Erinnerungsplätze und Namensgeber von Preisen, Gebäuden oder Straßen kennzeichnet.
Diese »Erinnerungsmedien« verweisen auf die Zeit ihrer Einrichtung und auf die Erinnerungsziele der Gruppen und Institutionen, die eine solche Gedenkstätte oder Benennung durchgesetzt haben. Zugleich markieren sie das offizielle Gedächtnis einer Stadt oder einer Organisation. Hingegen greifen Änderungen und Zusätze, die durch Umwidmungen oder Neuausrichtungen hervorgerufen werden, in dieses offizielle Gedächtnis ein und spiegeln damit aktuelle Vergangenheitspolitik – begleitet von zum Teil vehementen Konflikten innerhalb der Stadtgesellschaft oder zwischen den beteiligten Gruppen. Solche Konflikte untersuchen die Beiträge des Bandes anhand von lokalen und regionalen Vorgängen in Westfalen im Vergleich mit anderen Regionen und Ländern seit 1945.