Zur Pathogenese der Moderne
AutorIn: Manfred Frank
Literarische Schiffreisen erreichen in der Antike ihr Ziel umwegig (Odyssee), modernen ist es weggebrochen, und ihre Fahrt verendet in einer ‚schlechten Unendlichkeit’ (Hegel). Es gibt keinen heimatlichen Hafen mehr, der zu erreichen wäre; es herrscht ‚transzendentale Obdachlosigkeit’ (Lukács); „Gott ist tot“ (Nietzsche). Die Schiffe – seit dem Fliegenden Holländer, der übersinnliche Werte im Geist des neu erwachten kopernikanischen Paradigmas als normative Orientierungspunkte ablehnt – irren und fahren sie mit dem „Wind, der in den untersten Regionen des Todes weht“ (Kafka). D. h., das trotzig abgewiesene Sinnangebot der übersinnlichen Welt behält negativ seine Kraft: Es hindert die Lebensreise des modernen Menschen, hienieden ans Ziel zu kommen. Die Unendlichkeit, zu der menschliches Streben fortan verurteilt ist, wird als Strafe erlebt für die Auflehnung gegen eine robustere Gestalt von Absolutheit, die von Stund an als unwiederbringlich abgegolten erlebt wird. Mittlerweile in ihrer 3., erweiterten Auflage präsentiert Manfred Frank die Geschichte des Motivs vom Fliegenden Holländer, dem Ewigen Juden bis zu Rimbauds Trunkenem Schiff und zu Kafkas Jäger Gracchus. Neben den verwandten Motiven des ‚kommenden Gottes’ (der ‚neuen Mythologie’) und der in Kälte erstarrenden Herzen gehört es zu denen, die am sprechendsten von den Pathologien der Moderne Zeugnis ablegen.
Athenäum – einst die berühmte Zeitschrift der Brüder Schlegel – steht inhaltlich wie stilistisch für höchste Ansprüche. Insbesondere mit Friedrich Schlegels philologischen und philosophischen Arbeiten hat das Athenaeum die Romantik begründet. Im Athenäum wird Schlegels Impuls für Philologie und Kulturwissenschaften aufgenommen und für die heutige Forschung produktiv gemacht. Über Friedrich Schlegel hinaus rückt die ganze Romantik in den Blick. Die Struktur des Jahrbuchs ist interdisziplinär, sein Stil liberal und agonal.

Aus dem Inhalt:
Heinrich Bosse: Das Dispositiv der Bildung in Jena
Matthias Buschmeier: Spätromantische Interventionen. Friedrich Schlegels Kulturpolitik nach 1809
Britta Herrmann: Für eine wahrhaft deutsche Kunst und Rede. Friedrich Schlegel und Adam Müller
Günter Oesterle: Der Tanz als »untergeordnete Kunst« oder als »Zentrum« und Erneuerer aller Künste.
Héctor Canal Prado: Übersetzungen August Wilhelm Schlegels aus dem Spanischen.
Monika Tokarzewska: Friedrich von Hardenbergs ›moralische Astronomie‹
Die vorliegende Edition erschließt zum ersten Mal Friedrich Schlegels Überlegungen zu den theoretischen Grundlagen der Philologie in ihrer Überlieferung als Textträger. Vollständig faksimiliert, wird der Textbestand der Manuskripte »Zur Philologie« über diplomatische Umschriften und ein umfangreiches Register erschlossen und in einem ausführlichen Nachwort erläutert.
In dieser Form nimmt die Edition auf die Bedingungen der Philologie Rücksicht und ermöglicht es damit, ein faszinierendes Ergebnis sichtbar werden zu lassen: Auch wenn Schlegels Hefte keinen Text beinhalten, sind die Materialien in einer Weise interpretierbar, die der Interpretation eines Textes entspricht. Es ist dieser Umstand, der dieses Dokument des Scheiterns eines textgenetischen Prozesses zum Nukleus aller weiteren theoretischen Überlegungen zur theoretischen Begründung der Philologie gemacht hat.
Ein romantischer Streitfall

Warum kam es auf dem wichtigsten Treffen der frühromantischen Akteure zu einer Auseinandersetzung, die innerhalb der Gruppe nicht überwunden werden konnte?

Das Treffen der frühromantischen Gruppe, das im November 1799 in Jena stattfand, wird in allen Literaturgeschichten genannt und gilt als wichtiges Ereignis in der Entwicklung der Romantik. Aber die Dynamik dieses Treffens, die aus dem Streit um Friedrich von Hardenbergs (Novalis) Rede „Die Christenheit oder Europa“ und um Friedrich Wilhelm Joseph Schellings Gegenschrift „Epikurisch Glaubensbekenntniß Heinz Widerporstens“ hervorging, ist bisher noch nicht analysiert worden. Der vorliegende Band untersucht das Treffen aus der Perspektive der beteiligten Autoren und Autorinnen.
Das romantische Kritikkonzept – Entstehung, Geschichte und Rezeption – und seine hauptsächlichen Vertreter stehen im Zentrum dieser facettenreichen Darstellung. Die romantische Weiterentwicklung aufklärerischer Kritikvorstellungen, auf welche die Gegner der Romantik wiederum reagierten, ist geprägt durch ironische Selbstreflexion, Bemühen um poetische Reorganisation von Wissen und Gesellschaft und ästhetische Kritik des kongenialen, die Geistesgeschichte überblickenden Subjekts. Insbesondere dadurch, dass Friedrich Schlegel die philologische Textkritik in der Untrennbarkeit von Reflexion und Kunstwerk begründete und eine progressive kritische Universalpoesie forderte, wurde zusammen mit der auf Selbstbegründung gerichteten und darum immer vorläufigen und unabschließbaren Reflexionskette die Kritik zum Kennzeichen der Romantik und die Auseinandersetzung mit ihr unabdingbar für Vertreter und Gegner.
HerausgeberInnen: Ulrich Breuer und Nikolaus Wegmann
Aus dem Inhalt: ULRICH BREUER/NIKOLAUS WEGMANN: Editorial Abhandlungen FRANK PETER BESTEBREURTJE: Der autonome Autor. Friedrich Schleiermachers Vorreden zu Über die Religion ZSUZSA BOGNÁR: Die frühen Essays von Georg Lukács als Auseinandersetzung mit dem frühromantischen Begriff der Kritik ARNE KLAWITTER: Inszenierte Schatten. Das Schattenspiel als theatralisches Genre in der deutschen Literatur zwischen Empfindsamkeit und Romantik ROBERT LEVENTHAL: Gattungen und System der Kritik beim jungen Friedrich Schlegel GERNOT WEISS: Letzte Worte. Die ›ars moriendi‹ bei Novalis À Propos THOMAS MEISSNER: Eulenböcks Wiederkehr. Über Fälschung, Kunstfrömmigkeit und Ironie bei Daniel Kehlmann und Ludwig Tieck Funde HERMANN PATSCH: Der Spötter Witz aus Berlin. Ein Parodien-Gefecht über Friedrich Schlegel Labor MAXIMILIAN BERGENGRUEN: Psychische Kur mit den Mitteln frühneuzeitlicher Mystik. Novalis‘ Monolog als Dialog mit Jakob Böhme Rezensionen TIMOTHY ATTANUCCI: Wie fragt man eine Datenbank des 18. Jahrhunderts ab? (zu Elisabeth Décultot (Hg.): Lesen, Kopieren, Schreiben. Lese- und Exzerpierkunst in der europäischen Literatur des 18. Jahrhunderts) TILL DEMBECK: Philister kommentieren (zu Clemens Brentano: Sämtliche Werke und Briefe. Bd. 21.1.: Satiren und Kleine Prosa. Hg. von Maximilian Bergengruen, Wolfgang Bunzel, Renate Moering, Stefan Niehaus, Christina Sauer und Hartwig Schultz) NORMAN KASPER: Alexander Košenina (Hg): Literatur – Bilder. Johann Heinrich Ramberg als Buchillustrator der Goethezeit PETER NIEDERMÜLLER: Florian Kraemer: Entzauberung der Musik. Beethoven, Schumann und die romantische Ironie DIRK VON PETERSDORFF: Markus Häfner: Melancholie und Lied. Eine typologische Untersuchung am Beispiel der Lyrik der Romantik LUDWIG STOCKINGER: Wilhelm Voßkamp/Günter Blamberger/Martin Roussel (Hg): Möglichkeitsdenken. Utopie und Dystopie in der Gegenwart
Friedrich Schlegels Übertritt zum Katholizismus im Kontext
1808 konvertiert Friedrich Schlegel zum Katholizismus. Bei den Zeitgenossen, die im Verfasser der Lucinde vor allem den Freigeist und Ironiker gesehen hatten, löst dieses Ereignis eine Art Schock aus. Es markiert eine Wende, die sich spätestens seit der Jahrhundertwende auf verschiedensten Feldern des Schlegelschen Denkens - Literaturkritik, Hermeneutik, Theologie, politische Theorie - bereits abgezeichnet hatte.
Welcher Logik gehorcht diese Konversion? Folgt sie bestimmten inneren Denknotwendigkeiten? Welche Rolle spielen sozialgeschichtliche, ökonomische, juristische oder politische Faktoren? Welche Brüche und Kontinuitäten sind zwischen Früh- und Spätwerk feststellbar?
Figuren der Konversion integriert Perspektiven der Literatur und Kulturwissenschaft mit solchen der Sozialgeschichte, der Soziologie und der Theologie.
Jahrbuch der Friedrich Schlegel-Gesellschaft. 23. Jahrgang 2013
Aus dem Inhalt:
Ulrich Breuer, Nikolaus Wegmann: Editorial
Abhandlungen
Alberto Bonchino: Vom Urozean zu Tränen der Natur. Baader und Schubert zwischen Freiberger und Dresdner Romantik (1788-1808)
Ulrich Breuer: Ethik der Ironie? Paratextuelle Programmierungen zu Friedrich Schlegels Idee der Komödie und Ludwig Tiecks Der gestiefelte Kater
Jan Urbich: Friedrich Schlegels frühromantischer Symbolbegriff. Überlegungen zum poetologischen Problemhorizont der Goethezeit
Interview
Dagmar Lorenz: Intellektueller mit Bauchlandung? Ein Gespräch über Friedrich Schlegel mit Ulrich Breuer und Armin Erlinghagen
Funde
Hans Dierkes: Vier unveröffentlichte Briefe Dorothea Veits und Friedrich Schlegels aus dem Jahr 1802
Labor
Philipp Weber: »Conjuncturen des Zufalls«. Zu Natur und Bildung bei Friedrich Schiller und Novalis
Mit Rezensionen von Manuel Bauer, Alberto Bonchino, Christopher Busch, Mark-Georg Dehrmann, Armin Erlinghagen, Maren Jäger, Norman Kasper, Kai Kauffmann, Joel B. Lande, Thomas Meissner und Christine Waldschmidt
Der Band versammelt die Beiträge der Tagung »Friedrich Schlegel und die Philologie« an der Freien Universität Berlin im April 2012, die sich erstmals in umfassender Weise dem disziplinären Potential des bisher allenfalls rudimentär ausgeschöpften Beitrags Friedrich Schlegels zur modernen Philologie widmen. Um diesen Beitrag vor dem Hintergrund aktueller Debatten trennscharf bestimmen und differenziert einschätzen zu können, werden zum einen zentrale Aspekte der Philologie Friedrich Schlegels mit den gegenwärtigen Entwicklungen in der Philologie und den Medienkulturwissenschaften verknüpft. Zum anderen arbeiten die vier Abteilungen des Bandes die Einflüsse (Genealogie), die Wirkung (Rezeption), die spezifischen Merkmale und Formen (Studium) und die fachspezifische Bedeutung (Disziplin) der Philologie Friedrich Schlegels heraus.