Der 9. Mai 2015 im postsozialistischen Europa
Der 9. Mai ist der weltweit wahrscheinlich am breitesten zelebrierte Kriegsgedenktag und vor allem in Russland, den ehemaligen Sowjetrepubliken und Ländern mit großen russischsprachigen Bevölkerungsanteilen ein Volks- und Familienfest. Der 2015 gefeierte 70. Jahrestag des Kriegsendes 1945 war mit besonderer Emotionalität aufgeladen. Das Buch liefert eine Biographie dieses Tages, beschreibt Nachleben und Verwandlungen der sowjetischen Festkultur, gesellschaftliche Initiativen wie das »Unsterbliche Regiment«, den Kampf um das Kriegsgedenken in der Ukraine und anderen postsozialistischen Staaten sowie die Bedeutung des sowjetisch geprägten Kriegsgedenkens im vereinten Deutschland. Aber auch die Bedeutung dieses Tages für das Selbstverständnis der russischsprachigen Minderheiten von Estland bis Deutschland wird betrachtet.
Die UdSSR in Afghanistan 1979 – 1989
HerausgeberInnen: Esther Meier und Tanja Penter
Der sowjetisch-afghanische Krieg war einer der blutigsten Konflikte des Kalten Krieges. Afghanistan wurde nicht nur zum Schlachtfeld der sowjetisch-amerikanischen Systemkonkurrenz, sondern war auch ein Ort der mehr oder minder gewaltsamen Begegnung zwischen »modernen« Sowjets und »rückständigen« Afghanen.
Die Autorinnen und Autoren greifen die wechselseitigen Wahrnehmungen und Kriegserfahrungen auf und spüren den Folgen des Konflikts für Staat und Gesellschaften in beiden Ländern nach. Sie dekonstruieren Mythen, die sich bis heute um den Konflikt ranken, und betrachten das spannungsvolle Verhältnis zwischen der offiziellen Geschichtspolitik in Russland und den Erinnerungen der – oftmals traumatisierten – Veteranen an diesen unpopulären Krieg.
Nach einer kurzen Phase der Öffnung der russischen Archive in den 1990er Jahren ist die zentrale Überlieferung zum sowjetischen Afghanistankrieg in Putins Russland wieder unter Verschluss. Die Beiträge erschließen jedoch bislang vernachlässigte Quellenbestände wie Internetforen, Interviews, Bildquellen, Lieder und Memoiren. Dabei wird auch gefragt, welches Potential diese Quellentypen haben und mit welchen methodischen Herausforderungen ihre Erschließung verbunden ist.
Fritz Sternberg – Wissenschaftler, Vordenker, Sozialist
HerausgeberInnen: Helga Grebing und Klaus-Jürgen Scherer
Der marxistisch inspirierte freiheitliche Sozialismus von Fritz Sternberg (1895–1963) hat uns heute noch viel zu sagen. Die Lektüre passt in eine Zeit, in der sich grundlegende Zukunftsfragen erneut stellen.
Seine Entwicklung eines freiheitlichen Sozialismus steht in der Tradition des radikalen Reformismus, für den Marxsche und andere Analysen der Arbeiterbewegung eine undogmatische Grundlage bilden.
Dieser Band versammelt renommierte Autoren, die die bisher zu wenig rezipierten Texte Fritz Sternbergs neu gelesen haben und zahlreiche Bezüge zu heutigen Debatten um eine linke Politik von Gerechtigkeit, Emanzipation und Demokratie herstellen. Der Sammelband enthält Texte von Helga Grebing, Marcel van der Linden, Thilo Scholle, Richard Saage, Klaus-Jürgen Scherer, Terence Renaud, Nikolas Dörr und Bernd Rudolph sowie einen umfangreichen Dokumententeil.
Slowenische Deutschland-Migrationen im 19. und 20. Jahrhundert
Vom ›Westfälischen Slowenen‹ im Ruhrgebiet zum Automobilarbeiter in Bayern. Italien, Polen und die Türkei sind als Herkunftsgebiete von Arbeitswanderern hierzulande bestens bekannt. Nur wenige wissen, dass im 19. und 20. Jahrhundert auch aus Slowenien Zehntausende von Arbeitssuchenden nach West- und Süddeutschland gelangten. Um 1872 verließen die ersten slowenischen Bergleute und Landwirte die habsburgischen Kronländer Krain und Steiermark, um ins Ruhrgebiet zu ziehen. Dort wurden sie bald unter dem Namen ›Westfälische Slowenen‹ bekannt. Mit dem deutsch-jugoslawischen Anwerbeabkommen von 1968 konzentrierte sich die slowenische Deutschland-Migration vor allem auf Bayern. Damals beschäftigte Audi in Ingolstadt ähnlich viele Arbeitskräfte aus Slowenien wie die Zechen am Niederrhein um 1900. Es lohnt, die Mobilität, die Rück- und Weiterwanderung, die Wohnsituation und die kulturelle Praxis der Migranten beider Epochen ebenso zu vergleichen wie deren konfessionelle Bindungen, die Arbeitskämpfe und das Vereinswesen.
Erzwungene Migration und die kulturelle Aneignung des Oderraums 1945 – 1948. 2. Auflage
AutorIn: Beata Halicka
Die Übernahme der deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Grenze durch Polen war ein schwieriger Prozess der Neubesiedlung und Inbesitznahme einer vom Krieg stark zerstörten Region.
Die Bezeichnung »Polens Wilder Westen« stand damals für das herrschende Chaos und das im Oderraum geltende »Recht des Stärkeren«. Das Zusammenkommen von polnischen Zwangsarbeitern, Neusiedlern und Vertriebenen aus anderen Teilen Polens mit deutschen Einwohnern und Flüchtlingen bewirkt eine vorübergehende Begegnung von Deutschen, Polen und Angehörigen der Sowjetarmee. Deren Zusammenleben auf oft engem Raum war kompliziert. Doch in diesem östlichen »Wilden Westen« gab es auch neue Freiheiten und die Möglichkeit, etwas von Grund auf Neues zu schaffen.
Jenseits der bislang dominierenden Meistererzählungen - dem deutschen Vertriebenendiskurs und der polnischen Rede von den »Wiedergewonnenen Gebieten« - schildert Beata Halicka die Geschichte vom Untergang einer alten und der Bildung einer neuen Grenzlandschaft - facettenreich, mit großer Anschaulichkeit und aus der Sicht zahlreicher Betroffener.
Alltag und Mobilisierung in der Stadt der LKWs
AutorIn: Esther Meier
Der Bau eines der größten LKW-Werke der Welt – samt dazugehöriger Stadt – in Tatarstan war eines der Prestigeobjekte der Breschnew-Ära. Esther Meier erzählt von diesem gigantischen Vorhaben – und schreibt damit auch eine facettenreiche Geschichte des sowjetischen Alltags in den 1970er Jahren.
Die neue Stadt in Nabereschnye Tschelny sollte als Prototyp der »sozialistischen Stadt« jenseits des Stalinismus gelten. Der Aufbau wurde ab 1969 mit großem Aufwand betrieben. Zur Mobilisierung der Bevölkerung wurden die populärsten sowjetischen Künstler aufgeboten. Hunderttausende Menschen aus allen Teilen der Sowjetunion wanderten zu und lebten unter zunächst abenteuerlichen Bedingungen auf der Dauerbaustelle. Die lebendige Darstellung der Errichtung von Fabrik und Stadt eröffnet neue Blicke auf die Breschnew-Ära, auf Arbeits- und Konsumwelten, Migration, Stadtentwicklung und Architektur, Eliten und Randgruppen.
AutorIn: Christian Berg
Heinz Nixdorfs Leben steht beispielhaft für eine Unternehmerkarriere in der deutschen Wirtschaftswunderzeit. Später, in den 1980er-Jahren, galt er als einer der ideenreichsten und erfolgreichsten Unternehmer der Bundesrepublik. Unter seiner Leitung stieg die Nixdorf Computer AG zu einem Weltkonzern auf. Zugleich war Nixdorf das deutsche Vorzeigeunternehmen in der Zukunftsbranche Computerindustrie. Christian Berg schildert – ausgehend von der Familiengeschichte – die Gründerzeit der Firma, die Etablierungsphase und den Weg zum weltweit operierenden Computerhersteller. Dabei kommt auch die Technikgeschichte zur Sprache. Die Strategien des Computerpioniers Nixdorf zur Krisenbewältigung, die sozialen Aspekte der Konzernkultur und seine Bedeutung für die Region Paderborn werden gleichfalls beleuchtet. Die Biographie liefert somit ein umfassendes und detailreiches Bild der Unternehmerpersönlichkeit Heinz Nixdorf und eine fundierte Darstellung seines bis heute reichenden Wirkens.
Ein Mittelalterhistoriker im Banne des "Volkstums" 1920–1960
AutorIn: Reto Heinzel
Erstmals werden hier das Werk und das wissenschaftspolitische Wirken des ebenso umtriebigen wie umstrittenen österreichischen Mediävisten Theodor Mayer (1883–1972) umfassend dargestellt. Im Zentrum steht die Frage nach den Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Politik.
Theodor Mayer – einst einflussreicher Vertreter einer Landesgeschichte auf verfassungsgeschichtlicher Grundlage – wurde in den 1920er Jahren von den aufkommenden volkstumswissenschaftlichen Methoden und Fragestellungen nachhaltig geprägt. Diese zeittypischen Denkmuster formten sein Geschichtsbild und beeinflussten seine wissenschaftliche Tätigkeit noch über 1945 hinaus. Reto Heinzel stellt die einzelnen Stationen in Mayers eindrucksvoller Karriere dar. Zugleich geht es dem Autor darum, das Selbstverständnis des Historikers, aber auch die objektiven Kontinuitäts- und Bruchlinien in seinem wissenschaftlichen und akademischen Wirken kritisch zu beleuchten.
Polen 1944–1947: Leben im Ausnahmezustand
AutorIn: Marcin Zaremba
Rotarmisten, bestechliche Milizionäre, Deserteure, Banditen, Hunderttausende Kriegsversehrte, Waisen und Bettler. Sie prägten das Bild Nachkriegspolens. Marcin Zaremba nimmt den Leser mit auf die schockierende Reise in eine Zeit, die aus der Erinnerung der Polen verschwunden ist – in ein durch den Krieg entvölkertes Land der Angst, Armut und Unsicherheit. Die große Angst ist die Geschichte der ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, bar aller Mythen und Legenden über die Befreiung vom Faschismus.
Der Autor zeigt eine zerstörte Gesellschaft, in der Vergewaltigungen und Plünderungen an der Tagesordnung waren, in der die unsichere Zukunft die von fünf Jahren Besatzung geplagten Menschen um den Schlaf brachte. Gibt es einen neuen Krieg? Schaffe ich es, Hunger und Epidemien zu überstehen? Finde ich ein Heim und Arbeit in diesem Land, das nicht einmal feste Grenzen besitzt? Fragen wie diese stellten sich Millionen Menschen.
Die große Angst ist nicht nur ein bahnbrechendes wissenschaftliches Werk über Gewaltgeschichte und Besatzungserfahrung, sondern auch die faszinierende Erzählung eines Historikers und Publizisten, dessen Beiträge in Zeitschriften und Zeitungen wie Polityka, Gazeta Wyborcza und Rzeczpospolita zu lesen sind.
Position – Problem – Projekt
AutorIn: Peter Hofmann
Die theologische Frage nach dem wahren Bild als systematische Leitfrage.
Vom Eikon zum Logos und zurück – die Methode dieser Studie kehrt die übliche Fragerichtung um, die das Bild mit dem Begriff überwältigen und aufheben will, statt es zu sehen und sich seiner »Ansicht« zu stellen. Der Logos konkurriert mit dem Eikon, das Eikon provoziert den Logos, ohne dass beide einander ausschließen.
Die kunstwissenschaftliche Frage nach dem »wahren Bild« (Hans Belting) führt zu der systematisch-theologischen Frage nach der Ikonizität aller Offenbarung. Das II. Nizänum als Schlusspunkt der altkirchlichen chistologischen Konzilien ordnet die Verehrung der Kultbilder an, ohne in der westlichen und östlichen Theologie angemessen rezipiert zu werden. Das zentrale christliche Kultbild der römischen Veronika entfaltet seine eigene Logik, mit der die Desiderate eines theologischen Bildtraktats formuliert werden.