Internationale Statistikkongresse und preußische Professorenbürokraten
In welchem Verhältnis stehen Wissenschaft und Politik? Die transnationale Geschichte der halbamtlichen Statistikkongresse des 19. Jahrhunderts beschreibt die Entstehung, Wechselwirkungen und Widersprüche einer janusköpfigen Verbindung.
Sie zeigt, dass die statistische Wissenschaft seit ihrer institutionellen Einbettung in den modernen Verwaltungsstaat nur noch über eine eingeschränkte Autonomie verfügte und gerade deshalb zu einer der weltweit wichtigsten Ressourcen administrativer Entscheidungsfindung aufsteigen konnte. Ermöglicht wurde ihre steile politische Karriere aber erst durch die Initiative einer kleinen Gruppe enthusiastischer Statistikexperten, welche sich der Idee verschrieben hatten, die bis dato bestehenden nationalen Beschränkungen ihrer quantitativen Gesellschaftsbeschreibungen nachhaltig zu überwinden. Sie gründeten 1853 einen der ersten internationalen Wissenschaftskongresse der Weltgeschichte, dessen öffentliche Strahlkraft und methodologische Standardisierungsdiskurse am Fallbeispiel des zusammenwachsenden Deutschen Reiches analysiert werden.
Orte jüdischen Gottesdienstes, Lernens und Lebens. Festschrift für Wolfgang Kraus
Durch die weite Ausbreitung und Zerstreuung des Judentums entstanden früh Orte des Lehrens und religiösen Lebens neben dem Tempel.
Der Band reflektiert die Entstehung der Synagoge, die Gelehrsamkeit und jüdische Versammlung in der Diaspora von Babylonien über Alexandria bis Rom, das Lehrhaus der Weisheit am Beispiel Ben Siras und die Ausbreitung der Lehrhauskultur nach der Zerstörung des Tempels. Er geht der Bedeutung der Schrift in ihrer griechischen Übersetzung (Septuaginta) für das Nachdenken in der Diaspora nach, prüft exemplarisch Impulse und Abgrenzungen, die bei der Entstehung des Christentums durch jüdische Lehre und Schriftworte entstanden, und greift Spuren des christlich-jüdischen Miteinanders bis in jüngste Zeit auf.
Beiträge zur 14. Internationalen Fachtagung für mittelalterliche und frühneuzeitliche Epigraphik, Düsseldorf 2014
HerausgeberInnen: Helga Giersiepen und Andrea Stieldorf
Transfer und Aneignung kultureller Techniken und Errungenschaften stehen seit langem im Fokus des Forschungsinteresses. Auch die Epigraphik ist im Rahmen der Erforschung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Inschriften mit den Voraussetzungen, Abläufen und Ergebnissen von Kulturaustausch konfrontiert. Inschriften auf Grabdenkmälern, im öffentlichen Raum und in Kirchen, aber auch auf schlichten Alltagsgegenständen gewähren Einblicke in den Umgang unserer Vorfahren mit Traditionen und Neuerungen, mit historischen Vorbildern, neuen religiösen Strömungen oder wechselnden kulturellen Einflüssen. Die Autoren des Tagungsbandes stellen Beispiele aus verschiedenen europäischen Ländern vor, die sich über einen Zeitraum von 1000 Jahren erstrecken.
Eine politische Biographie
Diese erste umfassende Biographie Bernhard Wilhelm von Bülows, 1930–1936 Staatssekretär im Auswärtigen Amt, eröffnet einen neuen Blick auf die deutsche Haltung zum System internationaler Friedenssicherung vor dem Hintergrund der Bestrebungen, die Folgen des Versailler Vertrags zu revidieren.Das bislang vorherrschende Bild von Bülows als Locarno- und Völkerbundgegner, der als Staatssekretär ab 1930 bewusst die Abkehr von der Verständigungspolitik Stresemanns einleitete, erfährt dabei eine Neubewertung. Weitere Schwerpunkte der Untersuchung bilden von Bülows Verhältnis zu den Systemwechseln von 1918/19 und 1933 und die Frage nach den Handlungsspielräumen des Auswärtigen Amtes unter dem NS-Regime.
Fachprofil und Bildungsanspruch in der Lehrerbildung
HerausgeberInnen: Michaela Heer und Ulrich Heinen
Lehrerbildung ist in Deutschland zunächst und vor allem Sache des Fachstudiums. Die Fächer tragen den größten Teil der universitären Lehrerbildung. Ihr Fachprofil und ihr Bildungsanspruch prägen die berufliche Identität und das Handeln von Lehrerinnen und Lehrern grundlegend. In der aktuellen Diskussion um die Lehrerprofessionalisierung haben die ausbildenden Fächer eigentümlicherweise kaum eine Stimme. Bei der Weiterentwicklung der Lehrerbildung bleiben sie ungehört und werden in ihren Bildungspotentialen unterschätzt.
Der Sammelband erschließt die fachlichen Perspektiven der lehrerbildenden Wissenschaftsdisziplinen auf die Lehrerbildung und begründet aus ihnen die Bedeutung des Fachstudiums für die Lehrerbildung sowohl aus erziehungswissenschaftlicher wie fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Perspektive. Aus den Beiträgen wird der Begriff der Fachlichkeit entwickelt und quer zu den Disziplinen grundlegend diskutiert.
Zur politischen Philosophie von Rawls, Nozick und Hayek
AutorIn: Jochen Ostheimer
Soziale Gerechtigkeit ist ein kontrovers diskutierter Leitbegriff im politischen Diskurs. Zur Klärung dieses Konzepts analysiert der Band einflussreiche Ansätze der zeitgenössischen liberalen politischen Philosophie: von John Rawls, Robert Nozick und Friedrich August von Hayek. Durch deren Vergleich wird deutlich, dass der sinnvolle Bezugspunkt des Konzepts sozialer Gerechtigkeit die Gesellschaft als Ganze und nicht nur der Sozialsektor ist. Es sind daher nicht primär ökonomische (Um-)Verteilungen in den Blick zu nehmen, sondern im Zentrum steht die gesellschaftliche Institutionenordnung, die die Verteilung der vielgestaltigen sozialen Güter bedingt. Um diese Vielfalt angemessen zu erfassen, ist soziale Gerechtigkeit in ihrer Ausdeutung als Verteilungsgerechtigkeit plural zu konzipieren. Leitidee für eine Theorie sozialer Gerechtigkeit kann dabei das liberale Ideal sein: die soziokulturell vermittelte individuelle Kompetenz, das eigene Leben aktiv zu führen.
Das orthodoxe Christentum von heute verstehen. Aus dem Englischen übersetzt von Renate Sbeghen
Das Buch des Ökumenischen Patriarchen bietet eine fundierte Einführung in das reiche theologische Denken, die wechselvolle Geschichte und die mystische Spiritualität des östlich-orthodoxen Christentums.
In seinem für eine nicht-orthodoxe Leserschaft verfassten Werk beschreibt das Oberhaupt der Weltorthodoxie den erfahrungsbezogenen Ansatz der ostkirchlichen Glaubenslehre, das ästhetische Erlebnis des byzantinischen Gottesdienstes und die lebendige Frömmigkeitspraxis der Ostkirche. Darüber hinaus diskutiert er als einer der profiliertesten orthodoxen Theologen der Gegenwart den Beitrag des orthodoxen Christentums zur Lösung der globalen Herausforderungen des Klimawandels, der sozialen Gerechtigkeit und des Fundamentalismus. Wie Metropolit Augoustinos von Deutschland, EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm und der Metropolit Kallistos Ware einleitend herausarbeiten, leistet Patriarch Bartholomaios mit seinem dialogorientierten Ansatz einen besonderen Beitrag zur ökumenischen, interkulturellen und interreligiösen Verständigung.
„Kosmologische Religiosität“ nennt Monika Neugebauer-Wölk ein Muster der Religions geschichte, das sich auf Räume und Wesen des Kosmos konzentriert und Beziehungen herstellt zur irdischen Existenz und zu den Seelen der Menschen. In ihrer großen Studie richtet die Autorin den Blick auf Magie, Astrologie, Hexenglauben und gelehrte Antikenrezeption im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit.
Neugebauer-Wölk untersucht Modelle des kultischen Kontakts zwischen Menschen, Göttern und Dämonen oder fragt nach dem Einfluss von Platonismus und Hermetik auf die Vorstellungen vom Schicksal der Seelen. Diese und andere Tendenzen Kosmologischer Religiosität nach 1400 werden von ihren Gegnern als Dechristianisierung wahrgenommen und führen zu offenen Kämpfen zwischen säkularem Milieu und Klerus. Es werden aber auch überraschende Querverbindungen sichtbar, besonders an den zahlreichen Konzilien dieser Zeit zwischen Schisma und dem Wunsch nach Einheit des Glaubens. Als Essenz ihrer langjährigen Forschungsarbeit entfaltet die Autorin souverän das Panorama der Wechselwirkung zwischen Nigromantenszene, Gelehrtendiskurs und kirchenpolitischer Debatte an einer religionsgeschichtlichen Wegscheide.
Erster Teil (Juni 1802–Dezember 1805). Kommentar
HerausgeberIn: Hans Dierkes
Der Band kommentiert Friedrich und Dorothea Schlegels Briefwechsel während ihres Aufenthaltes in Paris und Köln von Mitte 1802 bis zum Beginn der ersten provisorischen Professur Schlegels in Köln Ende 1805.

Der Kommentarband erschließt Überlieferungsgeschichte, Druckgrundlage und Vernetzung der Briefe. Vor allem aber klärt er einlässlich – im literaturgeschichtlichen wie im werkgeschichtlichen Kontext – die bislang von der Schlegelforschung wenig beachteten biografischen, historisch-politischen und schriftstellerischen Hintergründe von Dorothea und Friedrich Schlegels Aufenthalt in Paris und Köln bis Ende 1805. Dabei können nicht nur bisherige Missverständnisse berichtigt werden, sondern es werden auch neue Dokumente – insbesondere zur Würzburger und Kölner Berufungsgeschichte – erschlossen und der Forschung erstmals zugänglich gemacht.
Eine Biographie
AutorIn: Kai Wambach
Politisches Wunderkind, „Königsmörder“ und beinahe Bundeskanzler – Wer war der Mann, der Willy Brandt stürzen wollte?
Rainer Barzel ist eine der prägenden politischen Persönlichkeiten der bundesdeutschen Geschichte zwischen Adenauer und Kohl. Mehrfach stand er kurz davor, Bundeskanzler zu werden. Sein Scheitern beim Konstruktiven Misstrauensvotum gegen Willy Brandt im April 1972 ging in die kollektive Erinnerung der Westdeutschen ein. Barzels zeitgeschichtliche Bedeutung aber reicht weit darüber hinaus: Trotz jeweils nur kurzer Amtszeiten als Bundesminister, Präsident des Deutschen Bundestages und Vorsitzender der CDU Deutschlands war er über Jahrzehnte eine Schlüsselfigur der CDU in der Bonner Republik und prägte fast eine Dekade die Unionsfraktion als deren Vorsitzender in Regierungsverantwortung und Opposition.
Auf Grundlage einer Fülle oft bislang unbekannter Quellen und zahlreicher Zeitzeugengespräche legt Kai Wambach erstmals eine umfassende Biographie Barzels vor. Er nähert sich einer ebenso schillernden wie sensiblen Persönlichkeit, die bis heute stark polarisiert, deren partei- wie staatspolitisches Gewicht aber stets außer Frage stand.