Der Autor zeigt mit der Rechtsgeschichte der Reichswehr 1918–1933 das Spannungsverhältnis auf, in dem die Weimarer Republik zum Militär als Ganzem wie auch dem einzelnen Soldaten stand.
Wie und warum die Integration der Streitkräfte in die erste deutsche Republik aus juristischer Perspektive misslang, belegt diese archivalisch fundierte Rechtsgeschichte der Reichswehr erstmals anhand verschiedenster Themenfelder wie der Militärstrafjustiz, dem Ehren- sowie dem Disziplinar- und Beschwerderecht. Das überlieferte Bild vom »Staat im Staate« bildete sich rechtlich gesehen in einer Tendenz der Reichswehr zur »Paralegalität« ab. Sie hatte ihre Wurzeln vor allem im überkommenen preußisch-deutschen Sonderstatus des Militärs im Staatsaufbau, in exzessiven ausnahmerechtlichen Einsätzen im Innern sowie im fortgesetzten Völkerrechtsbruch der Geheimrüstung.
Ernst von Salomon und der Soldatische Nationalismus
AutorIn: Gregor Fröhlich
Diese Biographie Ernst von Salomons (1902–1972) zeichnet den Lebensweg eines der umstrittensten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts nach. Salomon verkörpert wie nur wenige die wilhelminische Jugend, welche nach 1918 eine Welt im Umbruch erfuhr. Die soziale Desintegration des preußischen Kadettenschülers steigerte sich nach Kriegserfahrung in den Freikorps zu einer erbitterten Feindschaft gegen die Weimarer Republik. Auch nach Haftstrafen aufgrund der Ermordung Walther Rathenauss blieb die antiliberale Geisteshaltung als weltanschaulicher Kompass für Ernst von Salomon bestehen. Das Psychogramm Salomons gibt Einblicke in die abgeschottete Welt der militanten Verschwörer der 1920er Jahre und die sozialen Mechanismen, welche nötig waren paramilitärische Kriegerbünde aufrechtzuerhalten. Terror und Gewalt waren hierfür ebenso Kennzeichen wie das Sehnen nach einem Leben in Funktion. So bleiben Salomons Romane Zeugen eines literarischen Projekts der antimodernen Moderne.
Judenverfolgung in den Niederlanden 1940–1945
AutorIn: Katja Happe
Zwischen 1940 und 1945 kamen drei Viertel der niederländischen Juden im Holocaust um – ein höherer Anteil als in allen anderen Ländern Nord- und Westeuropas. Der vorliegende Band ist die erste Darstellung der Judenverfolgung in den Niederlanden auf Deutsch. Dabei richtet die Autorin ein besonderes Augenmerk auf die ausländischen Hilfsbemühungen zur Rettung der Juden in den Niederlanden. Denn die entsprechenden Aktivitäten der niederländischen Exilregierung und ausländischer Hilfsorganisationen sind bislang kaum näher untersucht worden.
Darüber hinaus erörtert Katja Happe das Vorgehen der deutschen Täter, schildert die fortschreitende Entrechtung und Isolation der Juden in den Niederlanden sowie die Bemühun-gen des Jüdischen Rats und der Juden, den Deportationen zu entgehen. Zudem durchleuchtet die Autorin anschaulich die vielfältigen Reaktionen der niederländischen Öffentlichkeit auf die Verfolgungen – ein bis heute in den Niederlanden viel diskutiertes Thema, über das in Deutschland kaum etwas bekannt ist.
AutorIn: Hajo Bernett
HerausgeberInnen: Berno Bahro und Hans Joachim Teichler
Der Band versammelt die zentralen Aufsätze Hajo Bernetts zur Sportgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus, die von der zeitgeschichtlichen Forschung in der Regel kaum rezipiert wurden.
Hajo Bernett gilt als Begründer der deutschen Zeitgeschichte des Sports. Ausgelöst durch seine Pionierarbeiten gilt das Kapitel des NS-Sports inzwischen als das am gründlichsten erforschte Kapitel der deutschen Sportgeschichte. Seine zahlreichen Aufsätze und Bücher erschienen jedoch zumeist verstreut in Zeitschriften und Verlagen, die von der Forschung nicht oder nur unzureichend wahrgenommen wurden. Mit der gesammelten Herausgabe seiner wichtigsten Aufsätze zur nationalsozialistischen Sportgeschichte sollen seine ertragreichen sporthistorischen Studien einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden.
Die Liga im Ghetto Theresienstadt 1943–44
Fußball „im Wartesaal des Todes“: Die NS-Propaganda stellte das Lager Theresienstadt, nördlich von Prag gelegen, als „jüdisches Siedlungsgebiet“ dar. Tatsächlich war es eine Zwischenstation zur Deportation in die Vernichtungslager. Schwer vorstellbar – aber es gab dort über zwei Jahre eine Fußballiga auf hohem Niveau und mit großen Zuschauerzahlen. Das von der jüdischen Selbstverwaltung im Lager organisierte Kultur- und Sportleben lässt sich nicht als Ablenkungsaktion der NS-Propaganda abtun. Überlebende betonten immer wieder, dass Fußballspielen oder Zuschauen einen „Augenblick der Menschlichkeit“ darstellte, in dem man sich als Individuum habe fühlen können. František Steiner verfasste unter Mitarbeit von Zeitzeugen eine berührende Geschichte des Fußballs im Lager Theresienstadt. Stefan Zwicker hat sie übersetzt, ausführlich erläutert, ergänzt und mit einem Kommentar in den Stand der Forschung eingeordnet. Das Buch ist ein beeindruckendes Zeugnis, wie der Fußball Mut zum Weiterleben machen konnte.
Blenden – überzeugen – wüten
Hitler überzeugte: Fachleute verzichteten auf ihre begründete Meinung und schlossen sich ihm an. Ausländische Politiker staunten, wie staatsmännisch und sachkundig er verhandelte. Hitlers Selbstgewissheit und seine kühnen Projektionen blendeten. Aber nicht immer gewann er seine Wortgefechte. Hitlers Lügen und Täuschungen konnten offenbar werden – das zerstörte Vertrauen. Seine Wutanfälle waren meist Mittel der Macht, gelegentlich aber auch Ausdruck der Verzweiflung.
Karl-Günter Zelle untersucht eine Vielzahl von Gesprächen Hitlers mit Diplomaten, Generälen, Anhängern, Unabhängigen. Er entdeckt das reiche sprachliche und gestische Instrumentarium, mit dem dieser seine Gesprächserfolge erzielte.
Zelle zeigt aber auch die Widersprüche auf, in denen Hitler lebte: Er erdachte Wunschträume und wollte sie verwirklichen. Aber es gab auch depressive Phasen mit Realismus und sogar Todesgedanken. Hinter den offensichtlichen Zielen Hitlers erscheinen seine verborgenen.
Psychologische Exkurse eröffnen dem Leser eine zusätzliche Dimension der Deutung. Mit höchster Aufmerksamkeit für das Detail zeichnet Karl-Günter Zelle die Nahsicht eines Diktators im Gespräch.
Verfemung, Verbannung und Tod eines Dichters 1932–38
Der russisch-jüdische Dichter Ossip Mandelstam, 1891 in Warschau geboren, ist einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts. Sein tragisches Schicksal im Stalinismus steht exemplarisch für das Los der Intellektuellen und Künstler in den Diktaturen der Moderne. Der extrem sensible, eigensinnige, demonstrativ individualistische Mandelstam war zwar in der Sowjetunion bis hin zu Stalin selbst als herausragender Poet anerkannt. Letztlich aber wurde dem Dichter seine Unangepasstheit zum Verhängnis: Nach einem Epigramm auf Stalin in das Mahlwerk von Miliz und Geheimdienst geraten, wurde Mandelstam bestraft, verbannt, rehabilitiert, wieder verhaftet und am Ende in den Gulag deportiert, wo er durch die Strapazen des Lagerlebens umkam. Pavel Nerler, wohl der beste Mandelstam-Kenner der Gegenwart, hat in langjährigen Recherchen aus den Archiven unbekanntes Material zusammengetragen und kann so die letzten Lebensjahre des Dichters in erschütternder Anschaulichkeit schildern: die Intrigen der Kollegen, aber auch die Versuche, ihn in die Sowjetgesellschaft einzubinden, die Verhöre, die Widrigkeiten der Verbannung, die psychischen Zusammenbrüche und am Ende den Tod im Fernen Osten.
Der Selbstmord der nationalsozialistischen Elite 1944/45
AutorIn: Hannes Liebrandt
Als in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten ihrem Ende zuging, mündete der Wahn der Eliten des Regimes auch in selbstzerstörerischer Gewalt, wie die große Zahl von Suiziden unter den NS-Führern dokumentiert. Überall dort, wo das Elend des Krieges die Bevölkerung erfasste, kam es zu Selbstmorden unter Angehörigen der NS-Führungsschicht – als Ausdruck ihrer eigenen Endzeitstimmung. Nicht nur Hitler und seine Handlanger flüchteten durch Selbstmord vor der Verantwortung für ihre Taten, sondern auch eine ganze Reihe weiterer prominenter NS-Funktionäre, die Europa und die Welt noch kurz zuvor in Angst und Schrecken versetzt hatten. 1945 sollte die Choreographie eines geschichtsträchtigen Kollektivuntergangs den illusionär gewordenen „Endsieg“ ersetzen. Der Freitod der Eliten war ein Teil dieser Inszenierung.
Teamarbeit und Tyrannei im Kreml
Jahrzehntelang galt Stalin als unumstrittener Diktator der Sowjetunion. Daher beurteilten viele Historiker seine engsten Vertrauten lediglich als Ja-Sager und Statisten auf der politischen Bühne. Die Autorin korrigiert diese Sichtweise, indem sie aufzeigt, dass hinter Stalin eine Gruppe loyaler Anhänger stand, die zusammen mit ihm ein Team bildeten, das vom Ende der 1920er Jahre bis zu seinem Tod eine ebenso bemerkenswerte wie erschreckende Effizienz an den Tag legte.
Stalins Entourage fürchtete und bewunderte ihn gleichermaßen; der Despot wiederum hatte nur diese Gefolgsleute als soziales Umfeld. Die Leser begegnen dem Geheimdienstchef Beria, den die anderen Mitglieder nach Stalins Tod eilends hinrichten lassen. Molotov, die Nr. 2 nach Stalin, bleibt Teil der Mannschaft selbst nachdem seine Ehefrau ins Exil geschickt wird. Ordshonikidse entwickelt bei der Industrialisierung des Landes unternehmerische Ambitionen. Andreev, der Chef der Parteikontrollkommission, hat auf den Reisen zu blutigen Säuberungen in der Provinz sein Grammophon dabei.
Es sollte der aufbrausende Nikita Chrustschow sein, der vier Jahre nach Stalins Tod dessen Mannschaft endgültig auflöste, nachdem der Übergang zu einer kollektiven Staatsführung gelungen war. Von den 1920er Jahren bis zu Stalins letzten, von paranoiden Ängsten geprägten Jahren entsteht ein neues Bild des Herrschers der UdSSR und seines Umfeldes.
Himmlers Krieger in der NS-Propaganda
AutorIn: Jochen Lehnhardt
Die Waffen-SS ist noch immer eines der umstrittensten Themen der Zeitgeschichte. Dazu gehört auch ihr bis heute noch verbreiteter Ruf als »Hitlers Elitetruppe«. Jochen Lehnhardt zeigt nun, dass dieser Ruf tatsächlich schon seitens der NS-Propaganda planmäßig aufgebaut worden ist.
Der Autor zeichnet in einer vielschichtigen Analyse das in den Medien des »Dritten Reichs« präsentierte Bild der Waffen-SS nach. So wird deutlich, wie wirksam sie selbst an der Entstehung und Verbreitung ihres Selbstbildes als höchst effektiver militärischer Elite gearbeitet hat. Lehnhardt zeigt überdies, dass es in der Darstellung und Selbstdarstellung von Himmlers Kriegern bemerkenswerte Parallelen zwischen der Zeit vor 1945 und der Zeit danach gab. Die Darstellung der Wege, auf denen Parolen wie »die Feuerwehr der Ostfront« und »Soldaten wie andere auch« die Bewertung der Waffen-SS bis in die Gegenwart hinein beeinflusst haben, ist von besonderem Interesse.