Flucht und Vertreibung - Erinnerungen der zweiten Generation
HerausgeberInnen: Roswitha Schieb und Rosemarie Zens
Die Zahl der deutschen Vertriebenen und Flüchtlinge um 1945 betrug mehr als zehn Millionen Menschen. Auch in anderen Ländern, allen voran Polen, gab es einige Millionen Vertriebene. Die Zahl der zwischen 1945 und etwa 1970 in solchen Flüchtlings- und Vertriebenenfamilien Geborenen, die sogenannte »zweite Generation der Vertriebenen«, ist entsprechend groß. Diese Anthologie beruht auf vielen Gesprächen mit Vertretern der »zweiten Generation« aus Deutschland und Polen. Es geht um die Bedeutung der verlorenen Heimat der Eltern für das eigene Leben, für die eigene Identität, über lange nicht begriffene Erfahrungen von Fremdsein und Ausgrenzung. Oft übten die plastisch berichteten oder umgekehrt die unterdrückten Erinnerungen der Eltern eine solche Kraft aus, dass sie die Verwurzelung der Kinder an den neuen Lebensorten erschwerten und traumatische Erfahrungen unbewusst auf die Nachkommen übertragen wurden. Die Texte in ihren vielfältigen Formen von Essay, Interview, Gedicht, Bericht und Kurzprosa zeugen aber auch von der Überwindung der elterlichen Erinnerungslasten und gelungener Selbstbestimmung.
Kriegserfahrungen und Friedenskonzeptionen US-amerikanischer Kernphysiker 1920-1963
AutorIn: Ulrike Wunderle
Die Studie widmet sich der amerikanischen Kernphysikerelite, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Möglichkeiten ihrer Wissenschaft für Krieg und Frieden deutete. Was bestimmte ihr Denken und Handeln?
Der Fokus liegt auf den wissenschaftlichen Prägungen und Kriegserfahrungen der ersten »truly international generation of physicists«, die in den 1920er Jahren ihre Karriere begann, bevor viele ihrer Vertreter vor dem NS-Regime aus Europa fliehen mussten und im Manhattan-Projekt am Bau der Atombombe mitwirkten. Diese Erfahrungen zieht Ulrike Wunderle heran, um den Deutungen dieser Elite in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf die Spur zu kommen. Inwiefern ihr – international orientiertes und durch die eigenen Lebenswege geprägtes – Denken im Kalten Krieg seinen Ausdruck fand, wird auf verschiedenen Handlungsebenen der Akteure von der Brüsseler Austellung »Atoms for Peace« von 1955 bis zur Diskussion über das begrenzte Teststoppabkommen 1963 nachgezeichnet.
Topographie einer deutschen Erinnerungslandschaft
AutorIn: Stephan Scholz
Die öffentliche Erinnerung an Flucht und Vertreibung war in der Bundesrepublik nie ein Tabu. Das zeigt die Untersuchung von über 1.500 Vertriebenendenkmälern und ihrer vielfältigen Funktionszusammenhänge. In der deutschen Denkmallandschaft hatte und hat die Erinnerung an Flucht und Vertreibung einen festen Platz. Zahlreiche Gedenkorte verschaffen ihr eine dauerhafte Präsenz im öffentlichen Raum. Stephan Scholz analysiert die räumliche Verteilung und zeitlichen Konjunkturen, die gewählten Standorte, Formen, Motive und Inschriften der deutschen Vertriebenendenkmäler. Im Zentrum stehen dabei die beabsichtigten und die tatsächlich realisierten Funktionen im Zusammenhang von Verlustbewältigung, Integration, Deutschlandpolitik und Geschichtskultur. Aus dem Panorama einer Denkmallandschaft kristallisiert sich die Struktur einer dezentralisierten deutschen Erinnerungskultur heraus, vor deren Hintergrund auch Initiativen für einen zentralen Gedenkort analysiert werden.
Krieg, christliche Kultur und Antisemitismus in Ungarn
»Prohászka, Ottokár. Leading figure of conservative antisemitic ideology.« – Diesen Satz liest der Besucher in ungarischer und englischer Sprache unter einem Portrait des Bischofs Ottokár in der Dauerausstellung des im April 2004 neu eröffneten Holocaust-Museums in Budapest. Prohászka war von 1905 bis 1927 Bischof von Stuhlweißenburg (Székesfehérvár) und gilt als Initiator für die Formung des Katholizismus in Ungarn seit Mitte der 1890er Jahre. Die aktuelle Forschung sieht einen engen Zusammenhang zwischen dem politischen Katholizismus Ungarns und dem Antisemitismus der Zwischenkriegszeit. So lautet die Kernfrage des Buches: Welche Rolle spielte die »Erfahrung des Krieges« im Wandlungsprozess antisemitischer und nationalistischer Denkweise bei Prohászka? Welche Wirkung hatte der Krieg auf das Denken und Handeln katholischer Würdenträger in Ungarn? Besteht ein Zusammenhang zwischen Theologie, Nationalismus und Antisemitismus?
Ein Handbuch der Medien und Praktiken
HerausgeberInnen: Stephan Scholz, Bill Niven und Maren Röger
Das Handbuch gibt erstmals einen umfassenden Überblick über die vielfältigen Medien und Praktiken, die den deutschen Vertreibungsdiskurs seit Jahrzehnten wesentlich bestimmen.
Erinnerungsmedien und -praktiken spielten und spielen eine wichtige Rolle bei der Konstruktion und Vermittlung kollektiver Erinnerungen an Flucht und Vertreibung der Deutschen als Folge des Zweiten Weltkrieges. Ob Ausstellungen oder Denkmäler, Presse oder Literatur, Film oder Fernsehen, Gedenktage, Heimattreffen oder Straßennamen: Sie alle sind nicht nur Speicher, Bühnen oder Vehikel, sondern auch Produzenten von Erinnerung. Von Akteuren werden sie mit unterschiedlichen Zielen verwendet, besitzen aber auch Eigenlogiken. Dieses Kompendium gibt jetzt Einblick in die Konjunkturen und Konflikte der deutschen Erinnerungsgeschichte nach 1945.
Italien in den 1960er Jahren. Die erste umfassende Reform des Hochschulwesens seit der Ära des Faschismus galt als eines der ambitioniertesten Projekte der 1963 mit hohen Erwartungen gestarteten Mitte-Links-Regierung unter Aldo Moro. Die strukturell in der vorindustriellen und vordemokratischen Welt des 19. Jahrhunderts verhaftet gebliebenen Universitäten Italiens standen im Zuge der tiefgreifenden politischen, ökonomischen und sozialen Wandlungsprozesse nach 1945 vorsubstantiellen Herausforderungen. Diesen begegnete die Mitte-Links-Regierung mit einem weitreichenden Reformentwurf zum Umbau der überkommenen Elitenuniversitäten in moderne Massenuniversitäten mittels Expansion, Studienreform, Restrukturierung und Demokratisierung. Hierüber entbrannte ein jahrelanger Konflikt zwischen den hochschulpolitischen Akteuren, den die Revolte der Studenten von 1968 zusätzlich anheizte. Die Studie untersucht die kontroversen Debatten, die konkreten Reformmaßnahmen sowie deren konfliktreiche Umsetzung und fragt nach den Wechselwirkungen zwischen Hochschulreform und Studentenrevolte.
Gewerkschaften und Arbeitsmigration in der Bundesrepublik und in Großbritannien in den 1960er und 70er Jahren
AutorIn: Oliver Trede
Schon immer war die Haltung der Gewerkschaften zur Arbeitsmigration von Misstrauen geprägt: Kamen da Lohndrücker und Streikbrecher oder Kollegen, die gleiche Rechte beanspruchen konnten?
Diese Studie verbindet Gewerkschafts- und Sozialgeschichte mit Migrationsgeschichte und zeichnet so ein Bild des Wandels in der Bundesrepublik und Großbritannien während der 1960er und 1970er Jahre. Welche Rolle spielten Gewerkschaften bei Fragen der Regulation von Einwanderung, Integration und Benachteiligungen von Migranten? Welche Rolle spielten Migranten in den Arbeitnehmerorganisationen? Welche Bedeutung hatten ausländerfeindliche Einstellungen oder der Wandel der Arbeitsmarktbedingungen durch Leiharbeit und illegale Beschäftigung?
Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR
Die Grenzen ungebremsten Wirtschaftswachstums wurden nach 1970 auch von der DDR-Opposition diskutiert. Im Ergebnis entstanden drei Öko-Utopien, die – bei aller Sperrigkeit – erstaunlich relevante Fragen aufwerfen.
Rudolf Bahro, Wolfgang Harich und Robert Havemann waren die wohl bekanntesten SED-Kritiker in der DDR. Dabei verstanden sie sich als Marxisten und ihre Forderungen reichten weit über eine Demokratisierung des Realsozialismus hinaus. Als in den siebziger Jahren im Westen die Umweltfrage wichtiger wurde, hielt die SED das für ein ideologisches Manöver des Klassenfeindes. Anders sahen das die drei Dissidenten: Sie verbanden Sozialismus und Ökologie und griffen dabei auf die unter Marxisten verpönte Utopie zurück. Damit schufen sie für den Ostblock einmalige politische Konzeptionen. Alexander Amberger stellt sie vor, setzt sie in Beziehung und stellt die Frage nach ihrer damaligen und heutigen Relevanz.
Das Politische und der Umbruch in Polen 1976-1997
Der Systemwechsel in Polen, dem zweitwichtigsten Land des Warschauer Paktes, gilt aufgrund seines friedlichen Verlaufs als Vorbild für eine gelungene Revolution. Vor dem Hintergrund der neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion fragt Agnieszka Zagan´czyk-Neufeld nach den tieferen Ursachen für diesen glücklichen Ausgang.
Die Autorin untersucht den politischen Diskurs und fragt nach dem Bezug zu den konkreten Handlungen, durch die in Polen ein weitgehend gewaltloser Wandel möglich wurde. Sie hinterfragt die etablierte Meistererzählung vom Zusammenbruch des Kommunismus aus reiner Systemschwäche und entdeckt folgenschwere Veränderungen im Denken über das Politische schon in den späten 1970er Jahren. Sie analysiert die Rolle der Intellektuellen, die Bedeutung der Untergrundpresse und die tatsächliche Bedeutung der Kirche für die Vorgänge. Auch die politische Strategie, mit der Ministerpräsident Jaruzelski während des Kriegsrechts den Machterhalt nach innen sichern, mit der Opposition im Dialog bleiben und gleichzeitig eine militärische Intervention der Nachbarstaaten vermeiden wollte, wird durchleuchtet. In ihre fundierte Analyse bezieht Agnieszka Zagan´czyk-Neufeld Konzepte von Reinhart Koselleck, Ernesto Laclau, Chantal Mouffe und Carl Schmitt ein – und leistet damit einen beeindruckenden Beitrag zur Neuen Politikgeschichte.