Totalitarismuskritik und philosophische Geschichtsschreibung im Anschluss an Jacob Leib Talmon
Das Konzept des 'politischen Messianismus', wie es Jacob Leib Talmon (1916-1980) geprägt hat, verbindet ursprünglich transzendente Heilsvorstellungen mit den politisch-weltlichen Ideologien totalitärer Systeme. So lassen sich in den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts weltliche Heilsvorstellungen finden, die zu verheerenden Entfesselungen von Gewalt und Terror geführt haben und noch führen können. Im Werk Talmons überschneiden sich The-men der politischen Theorie, Philosophie, Religion und Geschichte. Dabei zeigen sich deutlich Talmons mentalitätsgeschichtlicher Ansatz und seine ideengeschichtliche Methode, die seine totalitarismuskritische Forschung als philosophische Geschichtsschreibung charakterisieren. Talmon unterscheidet liberale und totalitäre Entwicklungslinien der Demokratie. In der totalitären Demokratie spielt die 'natürliche Ordnung', die auch für Rousseaus Denken prägend ist, eine große Rolle. Sie weist laut Talmon deutlich messianistische Züge auf. Folglich ist der politische Messianismus mit jeder Offenbarungsreligion unvereinbar. In letzter Konsequenz ist die Erwartung des heilbringenden Zieles, das als Wahrheit verkündet wird, so mächtig, daß die Menschen bereit sind, alles zu tun, um als Auserwählte zu diesem Ziel zu gelangen. In den totalitären Regimen des 20. Jahr-hunderts erreicht die Wirkkraft des politischen Messianismus ihren grausamen Höhepunkt. Mit dem politischen Messianismus als Konzept philosophischer Geschichtsschreibung weist Talmon der Totalitarismuskritik neue Wege.
Mit einer einleitenden Studie versehen, herausgegeben und kommentiert von Heidrun Eichner
HerausgeberIn: Heidrun Eichner
Die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste ist eine Vereinigung der führenden Forscherinnen und Forscher des Landes. Sie wurde 1970 als Nachfolgeeinrichtung der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen gegründet. Die Akademie ist in drei wissenschaftliche Klassen für Geisteswissenschaften, für Naturwissenschaften und Medizin sowie für Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften und in eine Klasse der Künste gegliedert.

Mit Publikationen zu den wissenschaftlichen Vorträgen in den Klassensitzungen, zu öffentlichen Veranstaltungen und Symposien will die Akademie die Fach- und allgemeine Öffentlichkeit über die Arbeiten der Akademie und ihrer Forschungsstellen informieren.
AutorIn: Horst Halling
Die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste ist eine Vereinigung der führenden Forscherinnen und Forscher des Landes. Sie wurde 1970 als Nachfolgeeinrichtung der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen gegründet. Die Akademie ist in drei wissenschaftliche Klassen für Geisteswissenschaften, für Naturwissenschaften und Medizin sowie für Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften und in eine Klasse der Künste gegliedert.

Mit Publikationen zu den wissenschaftlichen Vorträgen in den Klassensitzungen, zu öffentlichen Veranstaltungen und Symposien will die Akademie die Fach- und allgemeine Öffentlichkeit über die Arbeiten der Akademie und ihrer Forschungsstellen informieren.
Ein Entwurf
AutorIn: Konrad Utz
Das Zufallsereignis ist in sich widersprüchlich bestimmt, denn in ihm vermischt sich Unvereinbares: Bestimmtheit und Unbestimmtheit, Begründetheit und Grundlosigkeit. Dieses paradoxe Anti-Prinzip aber liegt aller Wirklichkeit unhintergehbar zugrunde. Das möchte 'Die Philosophie des Zufalls' in einem ersten Schritt aufweisen. In einem zweiten entwickelt sie daraus den Grundriß zu einem philosophischen System, das Ontologie, Erkenntnistheorie und praktische Philosophie umfaßt. Dieses System ergibt sich daraus, daß der Zufall in unterschiedlichen Weisen eintritt und sich darin realisiert. Seine drei grundlegenden Realisationswei- sen sind das Ereignis, das offene Bewußtseinsgeschehen sowie der freie Freundschaftsschluß und -vollzug. Die unterschiedlichen Ebenen der Wirklichkeit des Zufalls entwickeln sich konsequent auseinander: das Bewußtsein aus der inneren Reflexion des Ereignisses, die Freundesliebe aus der Umkehrung des Bewußtseinsbezugs hin auf den Anderen. So führt die Einsicht in die Unhintergehbarkeit des Zufalls nicht hin auf einen Relativismus, sondern auf eine gehaltvolle, normativ anspruchsvolle Theorie.
Eine Einführung
AutorInnen: Reto Bugmann und Basil Studer
Augustins De Trinitate ist zweifellos eines der zentralen religionsphilosophischen Hauptwerke des großen Kirchenlehrers. Mit Basil Studer gibt einer der bedeutendsten deutschsprachigen Augustinuskenner der Gegenwart eine grundlegende Einführung in seinen Argumentationsgang. Im Taufglauben mit seiner Anrufung der göttlichen Dreifaltigkeit ist die Grundlage des christlichen Glaubens gelegt. Heutigen Christen fällt allerdings der Zugang zum Geheimnis der Trinität nicht leicht; es scheint das abstrakteste aller christlichen Dogmen zu sein. Es drängt sich darum auf, die Gedanken darüber verständlicher und lebensnaher zu fassen. In dieser Hinsicht fällt Augustinus’ Werk eine wichtige Schlüsselrolle zu. Denn Augustin eröffnet eine heilsgeschichtliche Sicht des Glaubens an den „Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, den einen Gott“, mit der auch „gewöhnliche“ Gläubige etwas anzufangen vermögen. Von diesem pastoralen Anliegen abgesehen, mag es gut sein, Augustins De Trinitate eindeutiger in den kulturellen Streit seiner Zeit hineinzustellen, denn es war ja vor allem der Streit um die Trinitätslehre, der die kirchlichen Richtungskämpfe um 400 n. Chr. maßgeblich beeinflußte. Im Blick auf dieses doppelte Ziel behandelt Basil Studer zuerst die theologische Methode Augustins. Darauf befaßt er sich mit drei Grundzügen von De Trinitate: die Darlegungen über die Sendungen des Wortes und des Geistes, die persönlichen Eigenheiten von Vater, Sohn und Geist, sowie den christologischen Zugang zum Glauben an die Trinitas quae est unus Deus.
Schellings Weg zur Selbstbildung der Persönlichkeit (1801-1810)
AutorIn: Rie Shibuya
Schellings Identitätsphilosophie läßt sich auf den ersten Blick nur schwer als Plädoyer für den Identitätsgedanken lesen. In Wahrheit jedoch ringt sie kontinuierlich um einen adäquaten Begriff der Individualität. Aus ihr entfaltet sich das Konzept der Selbstbildung der Persönlichkeit, welches von 1809 an den Philosophen intensiv beschäftigt. Durch die Auseinandersetzung nicht nur mit Fichtes Begriff des Ich, sondern auch mit der Privationslehre von Leibniz gelang es Schelling allmählich, die Individualität so zu konzipieren, daß das Individuum weder zugunsten der Freiheit von seiner Wurzel in der Natur abgeschnitten wird noch um seiner Endlichkeit willen zum unfreien Scheinwesen herabgesetzt wird. In seinem bekannten Werk Über das Wesen der menschlichen Freiheit 1809 führt Schelling ein derartiges Konzept unter dem Begriff der Persönlichkeit ein. Ein Jahr später, in den Stuttgarter Privatvorlesungen, entfaltet er den Begriff der Selbstbildung. Ein Mensch ist ein Gebilde aus unzähligen Facetten, eine interaktive Aufeinanderfolge seiner individuellen Entwicklungsstufen. Eine lebendige Persönlichkeit ist er nur dort, wo er von seinen vergangenen Stadien – von seinem „niederen Selbst“ – nicht entwurzelt ist und dieses durch das „höhere Selbst“ überwindet. Durch dieses Konzept der Selbstbildung, welches die Zeittheorie der Weltalter von 1811 an vorbereitet, gewinnt Schellings Philosophie einen neuen Identitätsbegriff, der – jenseits des spinozistischen Quietismus – die Entwicklung des menschlichen Selbst darstellen kann.
Transzendenzsuche in der Postmoderne
Jolana Poláková ist 1951 in Prag geboren. Nach dem Studium der Philosophie und der klassischen Philologie wird sie 1975 mit einer Arbeit über „Die Entstehung der europäischen Philosophie im Blickwinkel der Beziehung von Mythos und Logos“ promoviert; anschließend wird sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am renommierten Philosophischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Prag. Ihr nächstes Buch „Das gedankliche Schaffen – ein Aufriß der allgemeinen Theorie“ wird aus ideologischen Gründen verboten; sie selbst wird aus dem Philosophischen Institut entlassen. Es folgen philosophische Aufsätze im sog. Samizdat, der tschechischen Untergrundpresse. Erst 1990 wird sie rehabilitiert. Ihr Buch „Perspektive der Hoffnung“, das der Suche nach Transzendenz in der europäischen Philosophie von den Anfängen an nachgeht, von Platon über Kant bis zu Jaspers und Lévinas, ist ohne ihre schmerzhafte Erfahrungen mit der Diktatur und der geistigen Isolation und ohne die daraus entstandene Sehnsucht nach freiem Gedankenaustausch zwischen West und Ost nicht denkbar. Sie erhielt dafür den Tom Stoppard Price der Stiftung der Charta 77. Seit 1994 ist Poláková Mitglied der New York Academy of Sciences. In Kanada erhielt sie den URAM Award for Excellence in Creative Scholarly Writing.
AutorIn: Timo Markworth
Um im 18. Jahrhundert Identität sinnvoll bestimmen zu können, muss erst einmal der diachrone Rahmen abgesteckt werden: Endet die persönliche Identität mit dem Tod oder ist von ihrer postmortalen Fortexistenz auszugehen? J. G. Herder entwickelt 1769 eine radikale Antwort auf diese Frage, um ein neues Identitätsmodell - das Individuum - erfolgreich etablieren zu können. Die vorliegende Arbeit analysiert Johann Gottfried Herders Unsterblichkeitsmodelle und ihren Einfluss auf Konzepte der persönlichen Identität bis zur Geschichtsphilosophie von 1774. Dabei wird gezeigt, dass erst die retributionsfreien, auf die jenseitige Fortdauer der individuellen Anlage beschränkten Unsterblichkeitskonstruktionen Herders es möglich machen, die orthodox-christlichen und aufklärerischen Identitätskonzeptionen theoretisch zu überwinden und die Grundlage für das Modell des Individuums zu schaffen.
Für eine Wiedergeburt des "europäischen Menschen"
AutorIn: Giovanni Reale
Was ist Europa? Ein Ableger Asiens, wie Nietzsche polemisierte? Oder handelt es sich um eine Idee, die in einer besonderen Kultur (im Griechenland eines Sokrates und Platon) entstanden ist und dann universale Bedeutung und Tragweite gewonnen hat, wie Husserl erklärte? Können wir uns wirklich Europäer nennen? Die Dringlichkeit dieser Fragen war vielleicht nie so augenscheinlich wie in unseren Tagen, in denen die neue Verfassung Gestalt annimmt. Und doch - betont Giovanni Reale - ist man ihnen vielleicht nie zuvor so ausgewichen wie heute. Wenn man Europa nicht zu einer bloßen politisch-ökonomischen Herausforderung verkürzen will, wenn man ihm jenen Freiheitssinn wiedergeben will, der seit jeher zu ihm gehört, muss man aus der Erkenntnis, dass die Errichtung des 'gemeinsamen Hauses' von der Möglichkeit und Fähigkeit abhängt, den europäischen Menschen zu erneuern, seine kulturellen und geistigen Wurzeln in neuer Gestalt zu beleben, den Mut aufbringen, einen Blick auf den Ursprung unserer Geschichte zu werfen. Denn, wie Max Scheler sagte, 'nie und nirgends stiften bloße Rechtsverträge allein wahre Gemeinschaft, sie drücken sie höchstens aus'. Zur italienischen Originalausgabe: 'Mit analytischer Genauigkeit und kritischer Energie durchschreitet Reale die verschiedenen Epochen, die unser Bewusstsein als europäische Bürger geprägt und geformt haben.' (La Repubblica) 'Eine überaus nützliche Einübung, gerade auch für Politiker, wenn die historischen Wegmarken aufgezeigt werden, die man auch in der Diskussion praktischer und juristischer Fragen nicht außer Acht lassen kann.' (Corriere della sera 'Das Buch ist vor allem vor dem Hintergrund einer endgültigen Annahme einer gemeinsamen Verfassung für unseren Kontinent durch die europäischen Regierungen brandaktuell. Es sollte als eine ernsthafte Basis für eine ehrliche und vorurteilslose Diskussion über die Bedeutung der europäischen Identität gelesen und diskutiert werden.' (Secolo d’Italia
Das katholische Staatsdenken in Deutschland von der Französischen Revolution bis zum II. Vatikanischen Konzil (1789-1965)
AutorIn: Rudolf Uertz
Das katholische Staatsdenken hat viele Facetten. Über Jahrhunderte war es eine Domäne des Klerus. Nach 1789 wird es auch von Laien mitgeprägt – in Frankreich traditionalistisch und konterrevolutionär, in Deutschland romantisch gefärbt. Mit dem Konstitutionalismus seit 1848 entsteht ein Liberalkatholizismus, der Grundrechte und parlamentarische Vertretung fordert, diese aber noch in historische Rechtsideen kleidet. In der fast zeitgleich entstehenden Neuscholastik dominiert wieder die kirchenamtliche Doktrin. Ihre Leistung: Sie setzt dem herrschenden Rechtspositivismus Naturrechtsforderungen entgegen; ihr Manko: sie vermag diese nicht konsistent mit individuellen Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatsidee zu verbinden. Erst mit dem seit den 1930er Jahren entwickelten christlichen Personalismus können die Katholiken Anschluss an die liberale Theorie gewinnen und nach 1945 in den Verfassungen eigene Akzente setzen. Das II. Vatikanum (1962–1965) vollzieht in seiner politischen Ethik diese Positionen nach. Damit war der Schritt von der abstrakten religiösen Wahrheit zum konkreten Recht der Person getan.