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Frauen im ukrainischen nationalistischen Untergrund 1944-1954
AutorIn: Olena Petrenko
Über viele Jahre war einer der langwierigsten und blutigsten Aufstände in der Geschichte Osteuropas ein weißer Fleck in der historischen Forschung: der Untergrundkampf der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) zur Errichtung eines unabhängigen ukrainischen Staates. Er fand bis in die 1950er Jahre hinein nicht nur in der UdSSR, sondern unter anderem auch auf polnischem Gebiet statt.
Petrenko nimmt die Bedeutung von Frauen im ukrainischen nationalistischen Untergrund in den Blick. Rollenklischees gleicht sie mit tatsächlichen Befunden ab. Themen, die in der ukrainischen Geschichtsschreibung bislang kaum thematisiert wurden, ergeben ein neues Bild vom nationalistischen Untergrundkampf: Die Autorin berichtet über Agententätigkeiten von Frauen, Sexualität als Machtinstrument, Gewalterfahrung und -ausübung. Dabei zeigt sich, wie stark die historische Betrachtung der Betätigung von Frauen im nationalistischen Untergrund von den jeweils konkurrierenden Geschichtsbildern geprägt wurde und wird – in der UdSSR, bei Exil-Ukrainern, in der postsowjetischen Ukraine sowie in Russland.
Akteure im Umfeld der Lager Bergen-Belsen, Esterwegen und Moringen 1933–1960
Die Autorin vergleicht die Handlungsmöglichkeiten und Sprechweisen im ländlich geprägten Umfeld der drei Konzentrationslager Bergen-Belsen, Esterwegen und Moringen. Im Fokus steht das Verhältnis zwischen Personal, Insassen und Anwohnern.
Dass die Lager nicht abgeschottet, sondern Teil der NS-Gesellschaft waren, verdeutlicht die Analyse der ökonomi-schen Beziehungen, der physischen Gewalt, der Konfliktpotentiale und Gewöhnungseffekte sowie ihrer gezielten Zurschaustellung für die Öffentlichkeit. Dabei bewegten sich die lokalen Akteure zwischen Zustimmung und Mit-machen, Distanzierung und Verweigerung. Die Studie hebt außerdem die Bedeutung des Lokalen für die erinnerungspolitischen Debatten nach 1945 hervor.
Erkenntnisstreben und Entgrenzung
Die Laufbahn des Göttinger Flugmediziners Hermann Rein (1898–1953) steht stellvertretend für die Karrieren einer Forscherelite zwischen dem Kaiserreich und der jungen Bundesrepublik. Die deutschen Flugmediziner jener Zeit, meist selbst Piloten seit dem Ersten Weltkrieg, bauten in den Universitäten, im Militär und in der Luftfahrtforschung ein stabiles Netzwerk auf. Getrieben von einem Erkenntnisstreben, das in Entgrenzung umschlug, beteiligten sie sich auch an Menschenversuchen.
Katharina Trittel zeichnet ein Porträt Hermann Reins. Sie zeigt, wie sein Selbstverständnis als Angehöriger einer opferbereiten Elite, die Behauptung einer „reinen“ Wissenschaft und der Mythos der „sauberen“ Wehrmacht das Selbstverständnis der Flugmediziner seiner Generation prägte. Durch ihr Handeln stabilisierten diese Forscher nicht nur das NS-Unrechtssystem. Ihre Rechtfertigungen und ihr Selbstbild wirkten deutlich über die Zeit zwischen 1933 und 1945 hinaus.
Die abenteuerliche Geschichte der Zweiten Polnischen Republik 1918–1939
AutorIn: Wolfgang Templin
Wolfgang Templin erzählt die unwahrscheinliche und abenteuerliche Geschichte der zweiten Gründung des polnischen Staates: Nach 123 Jahren der Aufteilung zwischen Russland, Österreich und Preußen ließen die Polen im November 1918 ihr Land als souveräner Staat wieder entstehen, während die drei Großmächte mit dem Ende des Weltkriegs in Niederlage und Revolution taumelten. Der Zweiten Polnischen Republik aber gab kaum einer seiner Nachbarn eine Überlebenschance.
Die Zweite Polnische Republik Polen wurde in Europa als „Saisonstaat“ oder störender Raum zwischen Deutschland und Rußland betrachtet. Auseinandersetzungen zwischen extremen Linken und Rechten beförderten die Instabilität der neuen Republik. Dennoch gelang es über 20 Jahre Polen als selbständigen Staat zu erhalten. Erst der gemeinsame Überfall Deutschlands und der Sowjetunion beendete 1939 die Existenz Polens zeitweilig wieder. Wolfgang Templins Buch schildert die frappierenden Umstände der Gründung der Zweiten Polnischen Republik, ihre äußere Bedrohung durch die Nachbarstaaten wie etwa den Krieg gegen Sowjetrußland, aber auch die inneren Konflikte. Die Zeit von 198 bis 1939 war ein an vielen Fronten geführter Kampf um die Existenz Polens. Heute ist jene Zeit in Polen wieder umstritten: Es geht um die historische Deutung der Zweiten Republik, um das Aufbrechen alter Spannungen und Gegensätze, die bis vor 1939 zurückreichen. So liefert Wolfgang Templins Blick auf die Geschichte auch einen Schlüssel zum besseren Verständnis der aktuellen polnischen Auseinandersetzungen.
Technikwissenschaft in Breslau 1900–1945
AutorIn: Kai Kranich
Eine Geschichte über Hochschulpolitik und Konkurrenzkampf im Zeichen des Nationalsozialismus.
Die Technische Hochschule Breslau nimmt unter den deutschen Hochschulen eine Sonderstellung ein. Sie war die letzte Neugründung Preußens und die erste in unmittelbarer Nähe zu einer etablierten Universität. Anfang der 1930er Jahre sollte die TH an die Universität angegliedert werden. Mit der NS-Machtübernahme konnte die Umsetzung dieser Planung zunächst aufgeschoben werden. Forschung und wissenschaftliches Personal wurden dem NS-Regime angepasst. Doch auch die Neuausrichtung half nicht. Der Reichserziehungsminister griff die Idee der Zusammenlegung wieder auf, was für Aufregung sorgte. Wie unter einer Lupe lässt sich die Konkurrenz der beiden Hochschulen nachzeichnen. Beide Institutionen traten in zunehmenden Wettbewerb um Ressourcen, Studenten und Spezialisten.
Eine Ideengeschichte der Zivilisierung von Kriegsgewalt 1864–1945
Transnationale Debatten unter Juristen haben das humanitäre Völkerrecht entscheidend geformt. Die Zivilisierung von Kriegsgewalt stand seit der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zentrum und gipfelte im Konzept von „Crimes against Humanity“, das im Internationalen Militärtribunal von Nürnberg erstmals zum Tatbestand erhoben wurde.
Kerstin von Lingen zeichnet diesen Weg nach – von den frühen völkerrechtlichen Debatten unter Juristen über die Haager Friedenskonferenzen und die Verhandlungen von Versailles nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Angesichts immer höherer Opferzahlen und ansteigender Massengewalt gegen Zivilisten wirkte der Zweite Weltkrieg wie ein Katalysator: Das Konzept „Crimes against Humanity“ wurde in London in Gremien geschärft, deren Akten für dieses Buch erstmals ausgewertet wurden. „Crimes against Humanity“ wurde nach 1945 neben dem Genozid-Vorwurf zum wichtigsten juristischen Werkzeug unserer Zeit, um Massengewalt gegen Zivilisten zu ahnden.
SS und Polizei sollten im Dritten Reich zu einem schlagfertigen Staatsschutzkorps verschmolzen werden. Die Ideologie der SS wurde deshalb durch ein aufwändiges System der Schulung auf die Polizei übertragen. Die weltanschauliche Schulung, die bis dahin in der SS erprobt worden war, wurde ab 1937 in die Dienstpläne der Polizei eingebaut; der Unterricht in »NS-Lehre« wurde ein fester Bestandteil der Polizei-Ausbildung. Hans-Christian Hartens Untersuchung zeigt erstmals das ganze Ausmaß dieser Erziehungs- und Bildungsarbeit. Der Band ergänzt die Arbeit des Autors über die weltanschauliche Schulung der SS. Er macht nachvollziehbar, welch immenser Aufwand getrieben wurde, um aus den größtenteils noch aus der Weimarer Republik übernommenen Polizeibeamten überzeugte Nationalsozialisten und schließlich »politische Soldaten« an der Seite der SS zu machen, die auch für den rassenpolitischen Krieg einsetzbar waren.
Das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt 1924–1943
Die militärische Rüstungsbürokratie zwischen Niederlage des Deutschen Kaiserreiches und ›Totalem Krieg‹ der NS-Diktatur – in dieses Spannungsverhältnis begibt sich der Autor. Er untersucht, wie die Fachleute des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes die Mobilisierung planten – und dabei scheiterten. Bereits kurze Zeit nach der deutschen Niederlage von 1918 wurden die wirtschaftlichen Aspekte der Kriegführung wieder von einem kleinen, hochprofessionellen Offizierskreis diskutiert. Sie nahmen Gedanken aus der Zeit des Ersten Weltkrieges auf und forderten in der Reichswehr und noch stärker in der Wehrmacht die Steuerungshoheit des Militärs über die kriegsrelevante Wirtschaft. Ihre Planungen und Maßnahmen waren nicht nur im Offizierkorps selbst umstritten, sondern unterlagen letztlich auch den Widerständen der Privatwirtschaft und den Interessen von NS-Parteigrößen. Entlang dieser Fronten beschreibt der Autor eine militärische Organisation von ihrem Aufbau 1924 bis zu ihrer ›Zerschlagung‹ durch Albert Speer 1942. Dabei nimmt er auch das alles andere als eindeutige Verhalten des Führungspersonals im Amt in den Blick.
Weltkrieg in der Wüste
Carl Alexander Krethlow öffnet mit seiner Darstellung den Blick auf den Krieg in einer Region, die bis heute im Brennpunkt des Weltgeschehens steht.
Der Erste Weltkrieg im Irak – ein von deutschen Historikern stiefmütterlich behandeltes Thema – zeichnete sich durch eine Vielfalt von Kampfverfahren aus. Die langwierigen und ausgedehnten Gefechte in der Region um Bagdad, Basra und Mossul zeigen exemplarisch die Merkmale der Kriegsführung im Orient zwischen 1914 und 1918. Der schnelle britische Vorstoß 1916 steht für den Bewegungskrieg. Bei der Belagerung von Kut el Amara wandten die Osmanen die klassische Belagerungstaktik an. Südlich der Stadt kam es zum Kampf aus Schützengräben, die mit Stacheldraht und MG-Nestern geschützt waren – ein Vorgehen, das sich kaum von den Schlachtfeldern bei Verdun und an der Somme unterschied. Zudem wandten die Briten systematische Strafexpeditionen gegen die irakische Zivilbevölkerung an. Maßnahmen, die 1920 wesentlich zum irakischen Aufstand gegen die britischen Besatzer führten.
Der Großindustrielle Fritz Thyssen setzte sich früh für Hitler ein, brach aber 1939 mit dem NS-Regime, das ihn daraufhin enteignete. Nach 1945 rang er um die Rückerstattung.
Das Buch erörtert die Erwartungen, Fehlwahrnehmungen und Brüche im Verhältnis Fritz Thyssens zum Nationalsozialismus. Mit seiner Flucht aus Deutschland riskierte er die Enteignung seines Vermögens – das NS-Regime ordnete sie im Dezember 1939 an. Der Autor zeigt, wie der komplexe Prozess der Beschlagnahme und Verwertung des privaten und industriellen Vermögens verlief. Ebenso untersucht er das Entnazifizierungsverfahren, das 1948 mit der Frage konfrontiert war, inwieweit Thyssens Bruch mit dem Regime die frühere Förderung Hitlers aufwiegen könne. Die Einstufung als »Minderbelasteter« ermöglichte es, die Rückerstattung der Vermögenswerte zu beantragen. Die hier erstmals aus den Quellen erhellte Restitution war mit wirtschaftspolitischen Fragen verknüpft, die aus dem Fall Thyssen einen Sonderfall der »Wiedergutmachung« machten.