Nach Titel durchsuchen

Verfemung, Verbannung und Tod eines Dichters 1932–38
Der russisch-jüdische Dichter Ossip Mandelstam, 1891 in Warschau geboren, ist einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts. Sein tragisches Schicksal im Stalinismus steht exemplarisch für das Los der Intellektuellen und Künstler in den Diktaturen der Moderne. Der extrem sensible, eigensinnige, demonstrativ individualistische Mandelstam war zwar in der Sowjetunion bis hin zu Stalin selbst als herausragender Poet anerkannt. Letztlich aber wurde dem Dichter seine Unangepasstheit zum Verhängnis: Nach einem Epigramm auf Stalin in das Mahlwerk von Miliz und Geheimdienst geraten, wurde Mandelstam bestraft, verbannt, rehabilitiert, wieder verhaftet und am Ende in den Gulag deportiert, wo er durch die Strapazen des Lagerlebens umkam. Pavel Nerler, wohl der beste Mandelstam-Kenner der Gegenwart, hat in langjährigen Recherchen aus den Archiven unbekanntes Material zusammengetragen und kann so die letzten Lebensjahre des Dichters in erschütternder Anschaulichkeit schildern: die Intrigen der Kollegen, aber auch die Versuche, ihn in die Sowjetgesellschaft einzubinden, die Verhöre, die Widrigkeiten der Verbannung, die psychischen Zusammenbrüche und am Ende den Tod im Fernen Osten.
Der Selbstmord der nationalsozialistischen Elite 1944/45
AutorIn: Hannes Liebrandt
Als in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten ihrem Ende zuging, mündete der Wahn der Eliten des Regimes auch in selbstzerstörerischer Gewalt, wie die große Zahl von Suiziden unter den NS-Führern dokumentiert. Überall dort, wo das Elend des Krieges die Bevölkerung erfasste, kam es zu Selbstmorden unter Angehörigen der NS-Führungsschicht – als Ausdruck ihrer eigenen Endzeitstimmung. Nicht nur Hitler und seine Handlanger flüchteten durch Selbstmord vor der Verantwortung für ihre Taten, sondern auch eine ganze Reihe weiterer prominenter NS-Funktionäre, die Europa und die Welt noch kurz zuvor in Angst und Schrecken versetzt hatten. 1945 sollte die Choreographie eines geschichtsträchtigen Kollektivuntergangs den illusionär gewordenen „Endsieg“ ersetzen. Der Freitod der Eliten war ein Teil dieser Inszenierung.
Teamarbeit und Tyrannei im Kreml
Jahrzehntelang galt Stalin als unumstrittener Diktator der Sowjetunion. Daher beurteilten viele Historiker seine engsten Vertrauten lediglich als Ja-Sager und Statisten auf der politischen Bühne. Die Autorin korrigiert diese Sichtweise, indem sie aufzeigt, dass hinter Stalin eine Gruppe loyaler Anhänger stand, die zusammen mit ihm ein Team bildeten, das vom Ende der 1920er Jahre bis zu seinem Tod eine ebenso bemerkenswerte wie erschreckende Effizienz an den Tag legte.
Stalins Entourage fürchtete und bewunderte ihn gleichermaßen; der Despot wiederum hatte nur diese Gefolgsleute als soziales Umfeld. Die Leser begegnen dem Geheimdienstchef Beria, den die anderen Mitglieder nach Stalins Tod eilends hinrichten lassen. Molotov, die Nr. 2 nach Stalin, bleibt Teil der Mannschaft selbst nachdem seine Ehefrau ins Exil geschickt wird. Ordshonikidse entwickelt bei der Industrialisierung des Landes unternehmerische Ambitionen. Andreev, der Chef der Parteikontrollkommission, hat auf den Reisen zu blutigen Säuberungen in der Provinz sein Grammophon dabei.
Es sollte der aufbrausende Nikita Chrustschow sein, der vier Jahre nach Stalins Tod dessen Mannschaft endgültig auflöste, nachdem der Übergang zu einer kollektiven Staatsführung gelungen war. Von den 1920er Jahren bis zu Stalins letzten, von paranoiden Ängsten geprägten Jahren entsteht ein neues Bild des Herrschers der UdSSR und seines Umfeldes.
Himmlers Krieger in der NS-Propaganda
Die Waffen-SS ist noch immer eines der umstrittensten Themen der Zeitgeschichte. Dazu gehört auch ihr bis heute noch verbreiteter Ruf als »Hitlers Elitetruppe«. Jochen Lehnhardt zeigt nun, dass dieser Ruf tatsächlich schon seitens der NS-Propaganda planmäßig aufgebaut worden ist.
Der Autor zeichnet in einer vielschichtigen Analyse das in den Medien des »Dritten Reichs« präsentierte Bild der Waffen-SS nach. So wird deutlich, wie wirksam sie selbst an der Entstehung und Verbreitung ihres Selbstbildes als höchst effektiver militärischer Elite gearbeitet hat. Lehnhardt zeigt überdies, dass es in der Darstellung und Selbstdarstellung von Himmlers Kriegern bemerkenswerte Parallelen zwischen der Zeit vor 1945 und der Zeit danach gab. Die Darstellung der Wege, auf denen Parolen wie »die Feuerwehr der Ostfront« und »Soldaten wie andere auch« die Bewertung der Waffen-SS bis in die Gegenwart hinein beeinflusst haben, ist von besonderem Interesse.
2. Auflage
Autoritäre Regierungsformen erleben in Osteuropa eine Renaissance, und vielfach knüpfen die heutigen Machthaber an Traditionen und Vorbilder der Zeit zwischen den Weltkriegen an. Denn vom Balkan bis zum Baltikum bestanden nach 1918 zwölf selbständige Staaten mit demokratischen Verfassungen, von denen sich zehn in den 1920er und 1930er Jahren in autoritäre Präsidial- oder Königsdikaturen verwandelten. Die im vorliegenden Band versammelten Innenansichten dieser Regime vermitteln nicht nur Einblicke in die teils bis heute relevanten Verhältnisse im Ostmittel- und Südosteuropa der Zwischenkriegszeit, sondern weisen auch interessante Parallelen zur aktuellen Entwicklung autoritärer Regime auf, wie der Herausgeber in seinem Nachwort erläutert. Behandelt werden: Estland – Lettland – Litauen – Polen – Ungarn – Slowakei – Österreich – Rumänien – Bulgarien – Griechenland – Albanien – Jugoslawien – Serbien.
Eine politische Biographie
AutorIn: Bernard Wiaderny
Hans Adolf von Moltke (1884-1943) war als Vertreter der Weimarer Republik und des »Dritten Reiches« in Polen tätig. Während des Zweiten Weltkrieges beteiligte er sich am NS-Aktenraub im besetzten Europa und wurde 1943 Botschafter in Madrid.
Hans Adolf von Moltke gehörte zu einer Familie, die einen namhaften Platz in der deutschen Geschichte innehatte: Zu seinen Vettern gehörten der Generalfeldmarschall Helmuth Carl Bernhard von Moltke und der Widerständler Helmuth James von Moltke. Bernard Wiaderny rekonstruiert die Persönlichkeit des Diplomaten Hans Adolf von Moltke, seine weltanschaulichen Ansichten und seine politische Verortung vor dem Hintergrund der prägenden Tendenzen seiner Zeit in Deutschland. Der Autor schildert, welche Ziele Moltke während seiner Tätigkeit als Vertreter Deutschlands in Polen verfolgte, welche Rolle er beim NS-Aktenraub spielte, was er während seiner Zeit als Botschafter in Madrid 1943 unternahm und was er über den Widerstand gegen das NS-Regime wusste. Für die Studie wurde ein umfassender Fundus an Quellen in Archiven in Deutschland, Polen, Großbritannien und den USA ausgewertet.
»Vergeltungsaktionen« im deutsch besetzten Europa 1939–1945
Namen wie Oradour und Lidice stehen stellvertretend für jene NS-Verbrechen, die im deutsch besetzten Europa als angebliche »Vergeltung« für Widerstandstätigkeiten gerechtfertigt wurden. Der Band bündelt den Forschungsstand zu dieser Repressalienpolitik, die in einigen Ländern genozidale Formen annahm.
Vorgestellt werden Ereignisse, Opfer, Täter und Formen der Erinnerung an die deutschen Verbrechen in Belarus, Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, den Niederlanden, Österreich, Polen, Serbien, Tschechien und der Ukraine. Gefragt wird nach dem Zusammenhang der Aktionen mit der jeweiligen Besatzungspraxis, nach den sozialen Dynamiken vor Ort, aber auch danach, welche politischen und administrativen Ebenen beteiligt waren. Es zeigt sich, dass den verübten Verbrechen unterschiedliche Motivationen zugrunde lagen, die teils weltanschaulichen, teils militärischen Zielen folgten. Das Zusammenspiel dieser verschiedenen Interessen, variierende Ausrichtungen und Veränderungen der Besatzungspolitik, die Akteure sowie die Ziele in den einzelnen Regionen und Ländern werden vergleichend miteinander in Beziehung gesetzt.
Ein Land auf der Suche nach sich selbst. 2. Auflage
Russland 1917: Das ist ein Staat im Krieg, eine Gesellschaft in der Krise. Der Zar wird gestürzt, der Sturm einer Revolution fegt über das Reich; doch wie es mit Russland weitergehen soll, bleibt heftig umkämpft. Die Neuauflage macht den Klassiker zur Geschichte des Revolutionsjahres in aktualisierter Ausgabe wieder verfügbar. Der Autor entwirft das Panorama eines entscheidenden Jahres der russischen Geschichte und führt in ein Land auf der Suche nach sich selbst. Einig ist es sich nur, in dem, was es nicht will, in der Ablehnung der zarischen Autokratie. Über die Zukunft des Landes ist sich die polarisierte Gesellschaft hingegen uneins. An den Rändern des Vielvölkerreiches kommt es zu Unabhängigkeitsbestrebungen. Helmut Altrichter hat seine unübertroffene Darstellung der Situation, Kräfte und Kämpfe von 1917 anlässlich des 100. Jahrestages der russischen Revolution um eine Rückschau auf Zeit, Ereignis und Mythos vom heutigen Standpunkt aus ergänzt.
Rußlandkenner oder Rußlandversteher? Aufzeichnungen, Briefwechsel, Reden 1917–1953
HerausgeberIn: Winfried Baumgart
Rudolf Nadolny ist einer der deutschen Spitzendiplomaten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1933/34 war er deutscher Botschafter in Moskau und quittierte den Dienst, weil er Hitlers passive Russlandpolitik nicht unterstützen wollte. Die Edition bietet einen repräsentativen Querschnitt der Schriften Nadolnys als Erstpublikationen.
In der Weimarer Republik wurde Nadolny mehrmals als Außenminister gehandelt. Ihm stand aber stets seine politische Gradlinigkeit im Wege. In der NS-Zeit war er nach seinem Abgang 1934 als Privatier in der Landwirtschaft tätig. 1945 nahm er sofort Kontakt zum sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst auf, ohne indes die Besatzungsmacht mit seinem diplomatischen Geschick beeindrucken zu können. Er kämpfte bis zu seinem Tod unentwegt für die Wiedervereinigung Deutschlands, nahm erst spät Abstand von Sowjetrussland und versuchte sich Zugang zur amerikanischen Regierung zu verschaffen.
Das Leben des Obersturmbannführers Alfred Filbert 1905–1990
AutorIn: Alex J. Kay
In dieser wegweisenden Biografie eines Direkttäters des Holocaust deckt Alex J. Kay das Leben des SS-Obersturmbannführers Alfred Filbert auf, der als erster Chef des SS-Einsatzkommandos 9 für die Ermordung von mehr als 18.000 sowjetischen Juden – Männer, Frauen und Kinder – hinter der Ostfront verantwortlich war. Er zeigt, wie Filbert sich nach der politisch motivierten Inhaftierung seines älteren Bruders daranmachte, seine Treue zum NS-Regime zu beweisen, indem er bei der Umsetzung der Befehle Hitlers, Himmlers und Heydrichs besondere Radikalität an den Tag legte. Kay schildert auch Filberts Leben nach dem Krieg: sein Untertauchen, die Verhaftung, den Prozess und die Verurteilung zu lebenslangem Zuchthaus. Vorzeitig entlassen, spielte Filbert 1984 im kontroversen Spielfilm „Wundkanal“ des Regisseurs Thomas Harlan einen SS-Massenmörder – also gleichsam sich selbst. „Der eine Bruder ein Nazi-Mörder und der andere als Kommunist im Konzentrationslager: Das ist die Geschichte der Familie Filbert. Alex Kay gelingt in seinem gekonnt gearbeiteten Buch ein bedeutsamer Schritt, um Massenmorde zu verstehen, indem er die Aufmerksamkeit ebenso auf ideologische Motive wie auf die Rolle von Zufälligkeiten richtet.“ – Timothy Snyder „Alex Kay bereichert mit seinem Buch nicht nur die Holocaust-Forschung, sondern zeigt auch auf, was ein biografischer Ansatz zum Verständnis genozidaler ‚Direkttäter‘ leisten kann.“ – Jürgen Matthäus, United States Holocaust Memorial Museum