Vorwort

In: Marsch des Lebens
Author:
Inna Gerasimova
Search for other papers by Inna Gerasimova in
Current site
Brill
Google Scholar
PubMed
Close
Free access

2008 wurde in Russland und danach auf Filmfestivals im Ausland der Dokumentarfilm „Kiselëvs Liste: Rettung aus der Hölle“ gezeigt.1 Später wurde er englisch synchronisiert. Der Film fand nicht nur bei Cineasten Anerkennung, wie zahlreiche Preise und Auszeichnungen bezeugen, sondern auch beim breiten Publikum.

Der Film schildert, wie der russische Partisan Nikolaj Kiselëv und 13 seiner Kameraden im Herbst 1942 mehr als 200 Juden über die Frontlinie führten, vornehmlich Frauen, Kinder und alte Leute.2 Mehr als zwei Monate dauerte der viele Kilometer lange Marsch durch das von deutschen Truppen besetzte Belarus. Etwas Vergleichbares hat während des Zweiten Weltkriegs nicht stattgefunden.

Der Film basiert auf den Erinnerungen von Juden, Teilnehmern des Marsches mit den persönlichen Geschichten ihrer Rettung. Doch es wurden viele Tatsachen und Situationen ausgelassen, ohne die man nicht verstehen kann, aus welchen Gründen die Rettung dieser Menschen möglich wurde, deren Schicksal eigentlich niemanden kümmerte. Weder die Regierung noch die Führung der Partisanenbewegung oder die örtliche Bevölkerung versuchten, jene vor dem Untergang zu retten, die die Nazis allein deswegen vernichten wollten, weil sie als Juden geboren waren.

Warum wurde so eine große Gruppe Juden von einigen Partisanen gerettet? In diesem einzigartigen Geschehen spiegeln sich viele Aspekte der Geschichte des belarusischen Judentums in den Jahren der deutschen Besatzung wider. Zudem erlaubt es die Betrachtung dieses Ereignisses im Kontext der Besatzungsgeschichte Belarus’, die Beziehungen zwischen der örtlichen nichtjüdischen Bevölkerung, den Partisanen und den Juden darzustellen. Vom Kriegsende bis in die Gegenwart wurde es über viele Jahrzehnte nicht gebilligt, darüber zu sprechen oder zu schreiben. Selbst heute, wo doch schon eine große Anzahl von Büchern und Fachartikeln über den Krieg und die Besatzung vorliegt, versuchen Forscher, das Thema zu umgehen.

Die Frage der Hilfe für Juden und der Möglichkeit Ihrer Rettung während der Kriegsjahre wurde auch von der Staatsführung nicht in Betracht gezogen, doch Nikolaj Kiselëv und seine Kameraden ahnten davon nichts. Sie übernahmen die Aufgabe und lösten sie erfolgreich.

Wie gelang ihnen dies? Was waren die Schicksale der Geretteten und der Retter? Warum war diese Geschichte so viele Jahrzehnte lang unbekannt? Ich hoffe, dass dieses Buch diese und noch viele andere Fragen zu beantworten hilft.

Grundlage der Recherchen sind Dokumente, die die Autorin in Archiven in Minsk und Moskau gefunden hat, Erinnerungen, die während Treffen mit Teilnehmern des Marsches in Belarus und Israel aufgezeichnet wurden, zahlreiche Erinnerungen und Dokumente von Führern der Partisanenbewegung, von Kommandeuren von Partisaneneinheiten und einfachen Partisanen. Die erhaltenen Dokumente und Materialien tragen unbestreitbar den Stempel ihrer Zeit, doch zusammengenommen geben sie ein klares Bild des Ereignisses, dem dieses Buch gewidmet ist.

Von dem Moment an, als die ersten Dokumente im Nationalarchiv der Republik Belarus über die Rettung einer großen Gruppe Juden gefunden wurden, vergingen bis zum Abschluss der Forschungen etwa 10 Jahre. In diesen Jahren musste ich viel Zeit in Archiven und Bibliotheken in Belarus, Russland und Israel verbringen, eine große Anzahl von Dokumenten, Büchern und Aufsätzen studieren, aber vor allem lebende Menschen ausfindig machen, Zeugen und Teilnehmer der Ereignisse, aber auch Museumsmitarbeiter, Historiker und Experten auf verschiedenen Gebieten (etwa Finanzfachleute und Diplomaten), deren Erinnerungen, professionelle Ratschläge und Hinweise halfen, die Besonderheiten dieser Geschichte besser zu verstehen.

Aufrichtigen Dank spreche ich an erster Stelle jenen Teilnehmern am „Marsch des Lebens“ mit Nikolaj M. Kiselëv aus, die trotz Alters, Krankheit und der schweren Erinnerungen über diesen Gang erzählten. Viele von ihnen sind zu meinem großen Bedauern inzwischen gestorben.

Ich danke Šimon Chevlin (USA) für seine beständige, langjährige Unterstützung und seine Hilfe bei der Suche nach Zeugen und Teilnehmern des Marsches, aber auch bei den Mühen, den belarusischen Rettern und Nikolaj Kiselëv den Titel „Gerechter unter den Völkern“ zu verleihen.

Ich danke den Israelis Viktor Dimenštejn, Il’ja Rodoškovič, Ėmma Meerson (Dubenštejn) für Ihr Verständnis, ihre Geduld und ihre Hilfsbereitschaft während langer Interviews.

Meine aufrichtige Anerkennung für die Übergabe unschätzbarer Dokumente gilt dem Sohn des berühmten Partisanen und Helden der Sowjetunion Ivan Timčuk, Boris Timčuk (Minsk), Orna Šuman (Israel), der Tochter des Partisanen Fajvl Solomjanskij, Ljubov’ Kostjučenko (Vilejka), Tochter des Partisanen Abram Aleksandrovič und Vladimir Šumejkov (Kasan), Teilnehmer am Großen Vaterländischen Krieg.

Dem Mitarbeiter des Nationalarchivs der Republik Belarus Vjačeslav Selemenev, dem Direktor der Leitung des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Handel der Russischen Föderation Stanislav Kuznecov (Moskau) und dem Wissenschaftlichen Sekretär des Instituts für Geschichte, Sprache und Literatur des Wissenschaftszentrums der Russischen Akademie der Wissenschaften in Ufa Aleksandr Kazančiev drücke ich meine besondere Dankbarkeit für die Möglichkeit aus, Archivdokumente zu studieren.

Über viele Jahre leisteten mir meine Kolleginnen und Kollegen im Museum der Geschichte und Kultur der Juden Belarus’ unschätzbare Hilfe: Elizaveta Kiril’čenko, Marija Movzon, Michail Izrail’skij, Michail Akkerman und Vadim Akopjan (Direktor). Ich danke meinen Freunden – Valentina und Sergej Moroz (Minsk) für ihre beständige Unterstützung und Hilfe, ohne die viele meiner Ideen nicht realisiert worden wären.

Aufrichtiger Dank gilt dem Historiker Pavel Poljan (Moskau) für seine Hartnäckigkeit, mit der er das Manuskript dieses Buchs von mir einforderte und für seine Unterstützung bei der Verwandlung des Manuskriptes in ein Buch.

Besondere Dankbarkeit und Anerkennung gilt meinem Mann Marks Pikman für Verständnis, Unterstützung, Hilfe und Geduld in den Jahren der Arbeit an diesem Buch.

Mein aufrichtiger Dank für ihre Hilfe bei der Vorbereitung der deutschen Ausgabe meines Buches gilt Elena Vil’kin (Stuttgart). Meine Anerkennung und mein Dank gehen auch an Ingrid Damerow (Berlin) als Übersetzerin für Ihre Bemühungen, das Buch dem deutschen Lesepublikum bekannt zu machen.

Meinem Lektor Diethard Sawicki danke ich für die professionelle und verantwortungsvolle Begleitung des Publikationsprozesses.

1

Eine Produktion der Firma „AB-TB“. Regisseur: J. Maljugin. Produzent: J. Kaller. Drehbuch: O. Šaparova. Kamera: S. Starikov. (https://youtube.com/watch?v=SwXIMgYplI8).

2

In den verschiedenen Archivalien – Berichte N.J. Kiselëvs, Aussagen anderer Partisanen, Materialien des Weißrussischen Stabs der Partisanenbewegung – variiert die Anzahl der von ihm über die Frontlinie geführten Juden von 270 Personen bis zu 218 Familien. Im Folgenden (außer in den zitierten Dokumenten) hat sich die Autorin auf die Formulierung „mehr als 200 Personen“ festgelegt.

  • Collapse
  • Expand

Marsch des Lebens

Die Rettung der Juden von Dolginovo 1942