Die Geschichte einer Suche: fast ein Detektivroman

In: Marsch des Lebens
Author:
Inna Gerasimova
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Als ich mich in den Archiven auf die Suche nach Material zur belarusischen Partisanenbewegung machte, fiel mir 2002 durch Zufall ein Dokument in die Hände. Es war der Brief des Politleiters Nikolaj Jakovlevič Kiselëv, den er 1944 dem Ersten Sekretär der KP Belarus’, Pantelejmon Ponomarenko1 geschickt hatte. Darin berichtete der Politleiter von seiner Teilnahme am Partisanenkampf in Belarus und beschrieb unter anderem die Geschichte der Rettung einer Gruppe von Juden aus den Dörfern Dolginovo, Il’ja und Knjažicy im Rayon Vilejka im Minsker Bezirk hinter die Frontlinie im Jahr 1942. Er berichtete zudem von der Untergrundorganisation in Il’ja, unter deren Mitgliedern es auch Juden gab.

Es erstaunt, mit welcher Begeisterung er über Heroismus der Juden sprach. In jenen Jahren kam es selten vor, von einem Russen so etwas zu hören. Die Suche nach weiterem Material über Kiselëv und seine Geschichte führte zu nichts.

Einige Zeit später fand ich eine Erwähnung dieses Dokuments in einem Artikel des bekannten Forschers Arkadij Lejserov.2 Er erzählte mir selbst, dass er zu Kiselëv nichts weiter in den Archiven gefunden hatte. Trotzdem setzte ich meine Suche weiter fort. Und allmählich begann sich Einiges zu klären. Es fanden sich verschiedene Briefe aus den Jahren 1945-1946, in denen sich Kiselëv an andere Partisanenführer in Belarus wandte. In ihnen bewies er, dass Partisanen unter seiner Führung eine Gruppe von Juden aus dem Besatzungsgebiet geführt hatten und es nicht unter der Leitung anderer Personen geschehen war, die dieses Verdienst nach dem Krieg für sich beanspruchten.

Interessant ist, dass in den Dokumenten zur Geschichte der Partisanenbrigade „Rächer des Volkes“, deren Leitung ihn (laut dem Schreiber des Briefs) mit den Juden hinter die Frontlinie geschickt hatte, kein Wort darüber erwähnt wird. Denn die Tätigkeiten der Partisanenbrigaden und des Stabs dieser Brigade, alle Kampf- und anderen Aktionen in den Jahren 1942-44 sind in den zeitgenössischen Quellen im Nationalarchiv der Republik Belarus dokumentiert.

Dort entdeckte ich in einem der Briefe Kiselëvs von 1944 einen Absender: Moskau, Babuškin Pereulok 4, Akademie für Außenhandel. Möglicherweise war er auf irgendeine Weise mit dieser Lehranstalt verbunden. Doch in Moskau gibt es eine solche Gasse wie auch die Lehranstalt nicht mehr. Es war also nötig, Fachleute zu finden, die etwas über die Akademie wussten. Zur gleichen Zeit entdeckte ich in den Moskauer Militärkommissariaten Angaben über Freiwilligendivisionen, die die Hauptstadt im Herbst 1941 verteidigt hatten. In einem dieser Dokumente sprach Kiselëv davon, dass er zu Beginn des Krieges als Freiwilliger an der Verteidigung Moskaus teilgenommen hatte, verwundet wurde, in Gefangenschaft geriet, floh und in Belarus hängenblieb.

All das ergab sich aus Telefongesprächen mit Moskauern, die nur wenig zusätzlich zu den schon bekannten Fakten erbrachten. Da ich keine Möglichkeit hatte, nach Moskau zu fahren, setzte ich meine Suche nach Material zu Kiselëv und seiner Geschichte in Minsk fort. So verging mehr als ein Jahr. In dieser Zeit machte ich mich mit der Geschichte des Holocaust in den Dörfern des damaligen Rayons Vilejka vertraut, besonders in dem Rayon, in dem die Partisanenbrigade „Rächer des Volkes“, der Kiselëv angehörte, gekämpft hatte. Nirgends aber gab es auch nur eine Andeutung der Ereignisse, über die er in seinen Briefen an den Weißrussischen Stab der Partisanenbewegung geschrieben hatte.

Allmählich wurde klar, dass die von Partisanen geführte Gruppe hauptsächlich aus Juden bestand, Einwohnern von Dolginovo und Il’ja.3 Leider führte die Suche nach Menschen in diesen Orten, die den Holocaust überlebt hatten, zu nichts. Es fand sich auch keine Bestätigung für diese außergewöhnliche Geschichte. Ich wollte jedoch meine Nachforschungen nicht einstellen und begann daher in Israel unter Personen mit belarusischen Wurzeln nach Ausgewanderten aus Dolginovo und Il’ja zu suchen.

Und dann geschah, wie es schien, das Unmögliche. Im Mai 2003 erschien im Museum der Geschichte und Kultur der Juden Belarus’ in Minsk ein eleganter Herr, nicht mehr ganz jung, offensichtlich ein Auswärtiger, der mit deutlichem Akzent Russisch sprach. Gewöhnlich fragte ich die Besucher, woher sie kommen und was sie besonders interessiert. Meist sind die Antworten der Beginn einer interessanten Familienerzählung oder auch anderer Geschichten, die für Ausstellung und Archiv des Museums bedeutsam sind. Dieses Mal war ich gerade im Begriff hinauszugehen, doch etwas ließ mich wieder umkehren.

Ich ging auf den Mann zu und fragte ihn: „Woher kommen Sie?“ Er antwortete, er lebe in den USA. Dann fragte ich ihn weiter, wo er vor dem Krieg gelebt habe. Der Gast lächelte und sagte, dass ich diesen kleinen Ort sicher nicht kennen könne, weil es ein kleines Dorf, ungefähr 100 Kilometer von Minsk entfernt, sei. Ich blieb hartnäckig. Und er antwortete: „Dolginovo“.

Sofort fragte ich ihn: „Kennen Sie den Namen Kiselëv?“ Da veränderte sich sein Gesichtsausdruck: „Woher kennen Sie diesen Namen?“ Ich ging nicht darauf ein und wiederholte meine Frage. Nun erfuhr ich von ihm: „Diesem Menschen sind meine Familie und ich für unsere Rettung verpflichtet.“ Der Mann war so erschüttert, dass jemand von Nikolaj Kiselëv wusste, dass es eine Weile dauerte, bis ich ihn beruhigen konnte.

Wir verabredeten uns für den nächsten Tag, um uns dann weiter unterhalten zu können. Und so erzählte mir Šimon Chevlin – so hieß dieser einstige Einwohner Dolginovos – fast fünf Stunden lang aufgewühlt, was in den Jahren 1941-1942 mit seiner Familie und anderen Juden aus Dolginovo geschehen war. Dabei erfuhr ich auch vieles Wichtige und Interessante über Nikolaj Kiselëv. So entstand durch Šimons Worte zum ersten Mal vor meinen Augen die Gestalt des Menschen, der mit größter Gewissenhaftigkeit den Auftrag erfüllt hatte, eine große Gruppe von Juden – meist Alte, Frauen und Kinder zwischen drei und 60 Jahren – aus dem deutsch besetzten Territorium hinter die Frontlinie ins „Große Land“4 zu bringen.

Die Erzählungen Šimons muteten teilweise wie Legenden oder Fantasterei an und nicht wie Realität, wie die Berichte eines Augenzeugen. In erster Linie betraf das die Sorge Kiselëvs um die kranken Alten und die Kinder während des schwierigen Weges im Spätherbst und Winter 1942. Ich wusste von dem schwierigen Verhältnis zu den Juden und vom Antisemitismus, der in den Partisaneneinheiten grassierte. Daher fiel es mir schwer zu glauben, dass sich die Partisanen wirklich bemüht haben sollten, Juden zu helfen.

Man muss anmerken, dass sich die Gruppe im Besatzungsgebiet nur nachts bewegen konnte, nur das zu essen bekam, was Kiselëv und seine Leute, oft unter Drohungen, bei den örtlichen Bauern erhalten konnten. Und es mussten nicht etwa nur zehn, sondern über 200 Menschen ernährt werden.

Ungeachtet der überaus bedeutsamen Zeugenaussage Šimons, der mir auch noch Adressen und Telefonnummern anderer damaliger Beteiligter gab, die in Israel und den USA lebten, genügten diese Beweise noch nicht.5 Das Wichtigste fehlte, nämlich offizielle Dokumente aus Archiven (keine von Kiselëv selbst), die bewiesen, dass sich die Ereignisse wirklich abgespielt hatten und die Menschen tatsächlich gerettet worden waren. Außerdem war es unerlässlich, etwas über das Schicksal des Politleiters Nikolaj Jakovlevič zu erfahren – waren doch weder sein Geburtsort noch sein Geburtsjahr bekannt.

So setzte ich die Suche in Minsk fort. Im Personalblatt zum „Verzeichnis der Partisanenkader“ hatte Kiselëv im August 1945 angegeben, dass er 1913 in einer Bauernfamilie im Dorf Bogorodskoe, nicht weit von Ufa, geboren wurde. Seine militärische Laufbahn und die Umstände, die ihn ins Dorf Il’ja führten, waren bereits aus seinem Brief an Pantelejmon Ponomarenko bekannt.

Im Sommer 2003 machte ich Urlaub in Kasan. Von dort telefonierte ich mit dem Blagoveščensker Bezirksvorstand, um zu erfahren, ob es in Bogorodskoe jemanden aus der Familie Kiselëv gebe. Man gab mir die Telefonnummer des örtlichen Museums. Doch dort wusste man nichts. Ich rief ein paar Tage später wieder an. Diesmal antwortete man mir, dass es in Bogorodskoe jetzt keine Einwohner dieses Namens mehr gebe.

Bald darauf fand ich im Nationalarchiv der Republik Belarus einen zweiten Brief Kiselëvs, den er einem Führer der belarusischen Partisanenbewegung geschickt hatte, und zwar mit dem identischen Vermerk über seine Studien an der Akademie für Außenhandel in Moskau. Nun begann für mich die Suche in Moskau.

Nach einiger Zeit gelang es mir, von einem Verwaltungsleiter im Ministerium für Wirtschaftsentwicklung und Handel der Russischen Föderation empfangen zu werden. Der Beamte, mit dem wir länger sprachen als man hätte vermuten können, gab mir die Erlaubnis zur Einsicht in Dokumente aus dem Archiv des Ministeriums, das für externe Forschungsvorhaben gesperrt war. Und so hatte ich schließlich die Personalakte Nikolaj Kiselëvs vor mir, in der ich Antworten zwar nicht auf alle, aber doch auf viele Fragen fand.

Leben und Tätigkeit dieses außergewöhnlichen Menschen wurden in Dokumenten und Fotografien lebendig. Doch der wichtigste und lang erwartete Fund, der einen Endpunkt in der jahrelangen Erforschung dieser erstaunlichen Geschichte setzte, war ein Dokument aus dem Nationalarchiv in Minsk. Es handelte sich um einen Befehl des Weißrussischen Stabs der Partisanenbewegung vom 14. Januar 1943 über die Verleihung einer Geldprämie an eine Partisanengruppe unter Kiselëvs Leitung für die „Verbringung von 210 jüdischen Familien aus dem von den Deutschen besetzten Hinterland“. Das war in der Tat die offizielle Bestätigung dieser Geschichte.

Einige Zeit später flog ich nach Israel, wo ich einige Teilnehmer dieses einzigartigen Grenzübergangs traf, und schrieb ihre Erinnerungen auf. Dies ermöglichte es, die Geschichte dieses „Marschs des Lebens“, den Flüchtlinge aus verschiedenen Ghettos des Minsker Gebiets unter Führung belarusischer Partisanen unternahmen, sehr viel vollständiger zu rekonstruieren.

So hatten mir etwa folgende Fragen keine Ruhe gelassen: Warum schrieb Kiselëv so viele Briefe über dasselbe Thema an verschiedene Adressaten aus der Führung der Partisanenbewegung über seine Tätigkeiten in Belarus, die Führung der Untergrundorganisation im Dorf Il’ja und das Geleit für die Juden? Was hatte er beweisen wollen? Warum entschied sich gerade die Führung der Partisanenbrigade „Rächer des Volkes“, eine so große Gruppe von Juden hinter die Front zu bringen? Außerdem war zu klären, ob auch andere Partisaneneinheiten Ähnliches getan hatten. Es war zudem erforderlich, die Haltung des Stabs der Partisanenbewegung zu diesem Rettungsmarsch zu ermitteln.

Es vergingen wiederum einige Jahre, bevor sich neue Dokumente fanden, die den schwierigen Kampf zeigten, den Nikolaj Kiselëv als Kommandeur, und Nikolaj Rogov als begleitender Kommissar des Marsches in den Jahren 1944-1946 mit der Leitung der belarusischen Partisanen führten. Diese war bestrebt, möglichst zu beweisen, dass das, was Kiselëv und seine Kameraden getan hatten, nichts Besonderes gewesen sei und daher auch keine Auszeichnung rechtfertige.

Neben den Dokumenten aus dem Nationalarchiv halfen bei der Beantwortung meiner Fragen auch die Materialien aus dem persönlichen Archiv des Helden der Sowjetunion und ehemaligen Kommissars der Partisanenbrigade „Rächer des Volkes“ Ivan Timčuk,6 die mir 2009 dessen Sohn Boris Timčuk zur Verfügung gestellt hatte. Insbesondere berichtet Ivan Timčuk in seinen Erinnerungen aus dem Jahr 1946 von den Juden in seiner Brigade und von der Begleitung einer Gruppe von Juden durch die Partisanen. Von besonderem Interesse war seine Korrespondenz mit Freunden aus der Partisanenzeit in den 1950er und 1960er Jahren.

Später hörte ich auch von Erinnerungen von Juden aus Dolginovo, die in einem „Erinnerungsbuch Dolginovo“ veröffentlicht wurden, erschienen in Israel in Hebräisch in den 1980er Jahren. Die Arbeit an dem Band „Wir standen Schulter an Schulter“ über die belarusischen jüdischen Partisanen half mir ebenfalls, interessantes Material zu finden, das geeignet war, die Beziehungen zwischen Partisanen und Juden besser zu verstehen.

Erst nachdem so meine vielen Fragen beantwortet worden waren, hielt ich meine Nachforschungen für beendet und eine bis dahin unbekannte Seite der Geschichte des Holocaust an den belarusischen Juden schien aufgeschlagen. Jetzt ist die Zeit gekommen, darüber genauer zu berichten. Denn die Kriegsjahre brachten tragische, kaum glaubhafte Geschichten hervor über die Rettung belarusischer Juden und die Schicksale ihrer Retter – belarusische Bauernfamilien und Partisanen.

Die wichtigste Rolle in diesem Buch spielen Dokumente, die mit dem „Marsch des Lebens“ verbunden sind. Damit heutige Leser die Geschichte und Bedeutung dieses Marsches besser einordnen können, muss zunächst gezeigt werden, was mit der jüdischen Bevölkerung auf dem besetzten Territorium Belarus’ in den Jahren 1941-1944 geschah und wie sich die örtliche Bevölkerung und Partisanen in dieser Zeit gegenüber den Juden verhielten. Es ist auch zu klären, warum in den offiziellen Listen der Brigaden und Einheiten des Weißrussischen Stabs der Partisanenbewegung, die im Sommer 1944 mit Einheiten der Roten Armee vereinigt wurden, keine einzige jüdische Kampfeinheit erwähnt wird. Man weiß aber, und dies bestätigen Dokumente in den Archiven, dass 1942/43 solche jüdischen Einheiten mehr als 10.000 Personen umfassten. Warum haben weder die Leitung der Partisanenbewegung, die doch bestens darüber informiert war, noch Kiselëv und seine Kameraden oder die von ihnen geretteten Juden davon berichtet?

Auf diese, aber auch auf andere Fragen soll dieses Buch antworten, weil sie wichtig sind. Und zwar nicht nur als Beitrag zur Geschichte der belarusischen Juden in den Jahren der deutschen Besatzung, sondern auch um zumindest einige weiße Flecken in der belarusischen Historiografie über die Kriegszeit zu tilgen, darunter auch die schwierige Frage über die Lage, in der sich die jüdische Bevölkerung der Republik in dieser Zeit befand.

1

Pantelejmon Kondrat’evič Ponomarenko (1902-1984), Generalleutnant, war ein bedeutender sowjetischer Partei- und Staatsfunktionär. 1938-1947 erster Sekretär des ZK der KP Belarus’. 1942-1944 Leiter des Zentralen Stabs der Partisanenbewegung. 1944-1948 Vorsitzender des Rats der Volkskommissare Belarus’. Autor von Büchern zur Geschichte der Partisanen- und Untergrundbewegung in den Jahren des Krieges. Ab 1950 auf verschiedenen Partei- und diplomatischen Posten der UdSSR.

2

Лейзеров А.: Через линию фронта, Minsk 2000, S. 11 (A. Lejserov: Über die Frontlinie).

3

Bis 1940 Siedlungen, kleine Ortschaften. 1940 erhielten sie den Status eines Dorfs.

4

„Großes Land“ nannte man in dieser Zeit das Gebiet der unbesetzten Sowjetunion. (I.D.).

5

Die Juden, die unter Leitung Kiselëvs an dem Marsch teilgenommen hatten, konnten Ende der 1940er Jahre als ehemals polnische Staatsbürger, die bis 1939 in Polen gelebt hatten, aus der UdSSR in die USA und Israel auswandern.

6

Ivan Matveevič Timčuk (1901-1982) war bis 1941 Direktor einer Pelztierfarm im Gebiet Vilejka. In den ersten Kriegstagen ging er in den Untergrund und war dann bei den Partisanen. Er gehört zu den Initiatoren der Hilfe der Partisanen für die jüdische Bevölkerung. Er ist Autor vieler Publikationen über die Partisanenbewegung in Belarus.

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Die Rettung der Juden von Dolginovo 1942