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Stefan Alkier Bochumden 5. April 2021

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Die biblischen Schriften sind voller Konflikte. Sie zeichnen damit ein realistisches Bild von den Gefährdungen, Streitigkeiten, Herausforderungen und der Verletztheit menschlichen Lebens. Konfliktkonstellationen werden in den biblischen Texten vielfältig und komplex dargestellt, sodass sie sich solchen binären Simplifikationen entziehen, die die Welt selbstgerecht in ein Lager der Guten und ein Lager der Bösen aufteilen, wobei die Bösen natürlich immer die anderen sind. Ein Blick auf die vielen Streitigkeiten Jesu mit seinen eigenen Schülern und die kurze Erinnerung daran, dass er aus ihrer Mitte heraus verraten und verleumdet wird, bewahrt davor, mit Oppositionen von drinnen und draußen, gut und böse, rechtgläubig und verdammt Konflikte und die Verantwortung für Konflikte nur bei den anderen, den „Gegnern“, den „Heiden“, den „Römern“ usw. zu suchen. Agonistische und antagonistische Konflikte ziehen sich vielmehr auch durch die diversen Versammlungen im Namen Jesu Christi und sind konstitutiv für die Identitätsbildungsprozesse, von denen die neutestamentlichen Schriften sprechen und die sie mitgestalten. Indes spiegeln die neutestamentlichen Texte Konfliktlagen nicht empirisch wider, sondern greifen normativ ein, beziehen Position und entwerfen Werte, Haltungen und Leitbilder, an denen sich Christusanhänger*innen und ihre sich ausbildenden Gemeinschaften orientieren können und sollen. Neutestamentliche Schriften beschreiben nicht einfach die kollektive Identität christlicher „Gemeinden“, sondern sie aspirieren normativ, was für Versammlungen im Namen Jesu Christi gelten soll bzw. wie diese überhaupt zu einer angemessenen und verbindlichen kollektiven Identität kommen können.

Nur wenige neutestamentliche Texte benennen explizit – wie etwa Paulus in Gal 2,11–21 –, worüber genau gestritten wird. Aber selbst im Galaterbrief wird nur diejenige Perspektive auf die Konfliktkonstellation greifbar, die Paulus mit seinem Schreiben zu lesen gibt. Es lässt sich z. B. nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob seine Konfliktpartner das Problem, das Paulus zur Weißglut trieb, überhaupt in derselben Intensität empfunden und wahrgenommen haben, wie der sich selbst zum Apostel der Völker stilisierende Paulus. Auf der Basis der Zeichendaten des Schreibens lässt sich kaum eine Geschichte „hinter“ den Texten aufklären. Erforschbar ist aber, welche Konflikte in den vorliegenden Texten dargestellt, inszeniert und miteinander vernetzt werden und welche Konfliktkonstellationen auf diese Weise generiert werden. Zu fragen ist auch, ob es sich um verhandelbare agonale Konflikte oder aber um antagonistische Streitkonstellationen handelt, die nicht mehr nur von Gegnerschaft, sondern von Feindschaft geprägt werden. Weil die Texte nicht Geschichte „spiegeln“, sondern selbst Teil und Movens von Geschichte sind, ist mit der Erforschung der dargestellten Konfliktwelten und Positionierungen zwar kein Tatsachenbericht über eine Geschichte der frühen Christen zu gewinnen, dafür eröffnen sich aber umso mehr verlässliche Einblicke in Konfliktwahrnehmungen, Konfliktpraktiken, Positionierungsstrategien und Identitätsbildungsprozesse.

Die zahlreichen und höchst unterschiedlich gelagerten Konfliktkonstellationen in biblischen Schriften erhalten zudem dadurch erhebliches Gewicht, dass im Zentrum des christlichen Kanons die tödliche Konflikterzählung von der erniedrigenden Folterung Jesu und seiner Hinrichtung am Kreuz steht. Die Thematisierung von Gegnerschaft, Feindschaft, Streit und Bedrückung sowie die Positionierung zu diesen Phänomenen gehören zum Kernbestand biblischer Schriften und stehen im christlichen Kanon immer in Verbindung mit dem Kreuz Jesu. Die Erforschung von Konfliktkonstellationen in neutestamentlichen Schriften ist daher nicht nur historisch interessant, sondern von genuin theologischer Relevanz. Das Evangelium, die gute Nachricht, gibt nicht zuletzt Antwort auf aussichtslos erscheinende Konfliktlagen. Es ermutigt zu Zuversicht und Hoffnung selbst da, wo todbringende Antagonismen die Vorherrschaft zu haben scheinen. Wer das Evangelium einer Schrift verstehen möchte, muss die Konfliktkonstellationen erforschen, auf die es antwortet, die es möglicherweise inszeniert und für die es die ersehnte Lösung aufzeigen will. Die methodische und hermeneutische Voraussetzung dafür ist es aber, die Texte selbst als positionelle und polyphone Stimmen in den Mittelpunkt der Konfliktforschung zu stellen und sich nicht von vorgefertigten Geschichtsbildern und ihren Makrokonfliktgeschichten leiten zu lassen, die „hinter“ den Texten vermutet und dann gleichsam als Fakten in sie eingetragen werden.

Im Rahmen des Frankfurter LOEWE-Schwerpunkts „Religiöse Positionierungen in jüdischen, christlichen und muslimischen Kontexten“ haben wir deshalb das neutestamentliche Projekt „Positionierung durch Schrift“ konzipiert und eine Tagung dazu organisiert, die unter dem Titel „Antagonismen in neutestamentlichen Texten“ vom 6. bis 8. November 2019 am Fachbereich Evangelische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main stattfand. Im Vorfeld der Tagung wurden die Referentinnen und Referenten darum gebeten, weniger der traditionellen Frage nach etwaigen „Gegnern“ zur Zeit der Produktion der neutestamentlichen Texte nachzugehen, sondern Texträume, Diskursuniversen und Konfliktpragmatiken der einzelnen Schriften darauf hin zu untersuchen, wie vermittelt durch die Texte selbst Konflikte eingespielt, bearbeitet, vorausgesetzt oder auch hervorgebracht werden. Ich war sehr dankbar, dass sich alle Referentinnen und Referenten trotz ihrer sehr unterschiedlichen methodischen und hermeneutischen Zugänge auf diesen methodischen Primat des Textes auf ihre Weise eingelassen haben. Schon auf der Tagung entstand der Eindruck, dass mit dem Primat des Textes sowie mit der Unterscheidung von antagonistischen und agonalen Konflikten eine neue, zugleich vertiefte und erweiterte Sichtweise auf die klassische „Gegnerfrage“ möglich wurde und damit zunehmend eine interdisziplinär informierte neutestamentliche Konfliktforschung in den Blick geriet. Zu den für die Drucklegung überarbeiteten Beiträgen kommen in der vorliegenden Publikation einige Studien hinzu, die den Tagungsband durch eine Erweiterung des Spektrums der untersuchten Schriften sowie durch weitere konzeptionelle und interdisziplinäre Theorieansätze bereichern. Allen Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes möchte ich für ihre Bereitschaft, gemeinsam Neues zu denken, zu diskutieren und zu prüfen herzlich danken.

Ich freue mich sehr darüber, dass der vorliegende Band die neue Studienreihe „Beyond Historicism – New Testament Studies Today“ mit einem gleichermaßen literarisch, historisch und theologisch zentralen Thema eröffnet und in seiner Vielstimmigkeit aufzeigen kann, wie Neutestamentliche Wissenschaft heute unter dem Primat des Textes und der intensivierten inter- und transdisziplinären Kommunikation neu konzipiert werden kann.

Diese Publikation erscheint im Kontext des vom LOEWE-Programm des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst geförderten Forschungsschwerpunkts „Religiöse Positionierung: Modalitäten und Konstellationen in jüdischen, christlichen und islamischen Kontexten“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Ich danke dem Verlag Brill Schöningh für die freundliche und konstruktive Zusammenarbeit und möchte stellvertretend dafür Dr. Martina Kayser und Jörg Persch nennen. Zu danken ist auch meinem studentischen Mitarbeiter Luca Ganz, der die Register angefertigt hat. Mein besonderer Dank aber gilt meinem Assistenten Dominic Blauth, der unermüdlich, ideenreich und konzentriert nicht nur an der Planung und Durchführung der Tagung beteiligt war, sondern auch die mühselige Arbeit übernommen hat, ein druckfertiges Manuskript zu erarbeiten und in der Vielfalt immer wieder neuer Versionen der vorliegenden Beiträge nicht die Übersicht zu verlieren.

Stefan Alkier

Bochum, den 5. April 2021

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