Verstehen und Interpretieren

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In: Verstehen und Interpretieren
Authors:
Andreas Mauz
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Christiane Tietz
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I. Arbeit am Basisvokabular

Hermeneutik und Interpretationstheorie bedienen sich eines breiten Fachvokabulars.1 Unabhängig von der jeweils dominierenden Disziplin oder theoretischen Strömung ragen aus diesem aber zwei Begriffe deutlich heraus: » ›Verstehen‹ und ›Interpretation‹ waren und sind die beiden Leitbegriffe der Hermeneutik«2, so Oliver R. Scholz in seinem Beitrag zum vorliegenden Band. Analog eröffnet Wolfgang Detel eine seiner Studien zur Hermeneutik mit der Bestimmung: »Die Theorie des Verstehens und der Interpretation, die Hermeneutik, kann auf eine lange und reiche Tradition zurückblicken […].«3 Dass es sich bei »Verstehen« und »Interpretieren« tatsächlich um die Leitbegriffe oder – in unserer Diktion – um das Basisvokabular des in Frage stehenden Diskursfeldes handelt, zeigt sich prima vista in ihrer regelmäßigen gemeinsamen Wiederkehr in Publikationstiteln oder Kapitelüberschriften, aber auch in den Lemmata von Wörterbüchern und Lexika.4 Dies gilt nicht nur für die deutsche, sondern auch für andere Fachsprachen5 sowie – im historischen Kontext – für das Lateinische (intelligere vs. interpretari)6.7

Mit der Auszeichnung von zwei Grundbegriffen geht zwangsläufig die Frage einher, wie sie sowohl für sich als auch in ihrem Zusammenhang zu explizieren sind. Wer das Verstehen verstehen will, sieht sich aufgrund des etablierten Sprachgebrauchs schnell darauf verwiesen, auch den Begriff des Interpretierens einzubeziehen – und vice versa. Da es alltagssprachlich in vielen Fällen ganz unproblematisch ist, beide Ausdrücke synonym zu verwenden (»Ich verstehe/interpretiere das so und so …«), wird man im argumentativ anspruchsvolleren Umfeld der Wissenschaften angesichts des explikationsbedürftigen »und« an erster Stelle betonen, dass die Doppelbegrifflichkeit nicht (oder wenigstens nicht ausschließlich) dem bloßen Wunsch nach stilistischer Varianz geschuldet ist,8 sondern substanzielleren sachlichen Differenzen. Dies liest sich, thetisch formuliert, dann beispielsweise so: »Not all acts of understanding are acts of interpretation and not all meanings are made apparent through acts of interpretation.«9

Der betreffende Autor, der Ästhetiker Stephen Davies, begründet die begriffliche Differenz durch den Rekurs auf zwei Dimensionen von Verstehensvollzügen: einerseits eben deren Aktcharakter (»acts«), andererseits deren resultative Seite (»apparent meanings«). Weder sind alle Verstehensakte Interpretationsakte, noch gehen alle kenntlich gewordenen Bedeutungen aus solchen hervor. Nun wird dieser thetische Merksatz bei einem analytisch gesinnten Autor wie Davies recht sorgfältig begründet, wobei er ausgeht vom Formalproblem der interpretationsleitenden Identifikation des Interpretandums:

Picking out the object of interpretation and identifying it is a prerequisite for its interpretation. Since its content, including basic semantic content, can be among its identifying features, some content must be established and acknowledged before the interpretative project of seeking (further) meaning begins. If the object of interpretation is the greeting in English, Good morning, the primary dictionary meaning of the terms and phrase are part of what identify it as the utterance it is. In that case, its subsequent interpretation does not concern these directly, but looks for additional meanings the phrase might have in the context of use on this occasion. If the object of interpretation is the English sentence He was hoisted by his own petard and the auditor does not know the meaning of the word petard, the interpretation can start only after uncovering what petard means, and the discovery of that meaning is not part of the interpretation as such. Not all acts of understanding are acts of interpretation and not all meanings are made apparent through acts of interpretation.10

Die Pointe der Explikation ist klar: Das Verstehen von Good morning stellt sich zwanglos ein, es ist nicht das Ergebnis eines Interpretationsakts (wobei sich allenfalls mit Blick auf den weiteren Äußerungszusammenhang ein solcher anschließen mag); das Verstehen des Wortes petard erfordert dagegen möglicherweise eine bewusste Verstehensbemühung, aber wiederum keine des Interpretierens. Diese doppelte Unterscheidung des Verstehens vom Interpretieren zeichnet das Interpretieren doppelt als höherstufigen Akt aus; sie belässt es freilich auch bei einer ausschließlich negativen Bestimmung.

Ausdrückliche Begriffsklärungen dieser Art sind aber keineswegs die Regel. Die topische Formel, die hermeneutische Reflexion gelte im Kern den Grundstrukturen des Verstehens und Interpretierens, geht längst nicht immer einher mit einer näheren Bestimmung der Relate bzw. deren Relation. In vielen Fällen bleiben die Gebrauchsregeln implizit und halten systematischer Belastung denn auch nicht unbedingt stand. Zu beobachten ist ferner, dass der Begriffsgebrauch auch bei expliziter Einführung der Doppelbegrifflichkeit eine mehr oder minder deutliche Neigung zugunsten des einen oder des anderen Ausdrucks erkennen lässt. In Abhängigkeit von den jeweils dominierenden theoriegeschichtlichen Präferenzen übernimmt das Verstehen oder das Interpretieren vielleicht nicht nur systematisch, sondern auch schlicht numerisch (in der Häufigkeit der Rekurrenz) die Führung. So kommt Axel Bühler im einleitenden Beitrag zu seinem einschlägigen Hermeneutik-Reader »zur Einführung in die wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Verstehen und Interpretation« konsequenterweise auf beide Begriffe wie deren wechselseitige Profilierung zu sprechen: »Verstehen ist […] eine der geistigen Leistungen, die für symbolverwendende Wesen innerhalb einer sprachlichen Gemeinschaft charakteristisch sind. Auslegen und Interpretieren sind Tätigkeiten, die ins Spiel kommen, wenn es nicht gelingt, sprachliche Äußerungen (oder auch andere Zeichen […]) auf Anhieb, mehr oder weniger automatisch zu verstehen.«11 In der Folge wird die Hermeneutik aber durchgängig (nur) als »Methodenlehre der Interpretation«12 bezeichnet. Mit dem pragmatischen Argument sprachlicher Ökonomie allein ist diese Einschränkung nicht zu begründen; dann könnte ebenso gut auch vom einer »Methodenlehre des Verstehens« die Rede sein. Die sprachliche Priorisierung des Interpretationsbegriffs – obwohl das Interpretieren dem Verstehen sachlich-prozedural gerade nachgeordnet wird13 – dürfte sich eben einer Option für eine hermeneutische Reflexion in der Linie von analytischer Philosophie und Wissenschaftstheorie und einer gewissen Distanz zu einer Verstehens- oder Sinn-Emphase in der Tradition der kontinentalen hermeneutischen Philosophie verdanken.14 Und tatsächlich richten sich nicht nur die wertvollen Arbeiten zur Grundbegrifflichkeit in Bühlers Band, sondern auch die Mehrheit der verfügbaren Forschungsbeiträge explizit entweder auf das Verstehen15 oder auf das Interpretieren16, während deren Beziehung, wenn überhaupt, allenfalls beiläufig zur Sprache kommt.

Bei Befunden wie diesen setzt der vorliegende Band an. Er wendet sich dem genannten Basisvokabular zu, um die beiden Begriff für sich wie in ihrem Zusammenhang näherer Betrachtung zu unterziehen.17 Wenn er Verstehen und Interpretieren in den Rang des Haupttitels erhebt, springt er zugleich in eine erstaunliche Lücke. Tatsächlich scheint es ungeachtet des topischen Charakters der Koppelung bislang keine deutschsprachige Monographie dieses Titels zu geben.18

Die Fälligkeit einer Arbeit am hermeneutisch-interpretationstheoretischen Basisvokabular soll einleitend nun in zwei Schritten weiter erläutert bzw. begründet werden: Zunächst möchten wir bottom up anhand eines disziplinär- hermeneutischen Quellentextes exemplarisch zeigen, welche begriffliche Gemengelage konkret etwa auszumachen (II.). Auf dieser Grundlage benennen wir einige allgemeine Aspekte, die für die begriffskritische Arbeit relevant sein dürften. In den folgenden Abschnitten identifizieren wir das Standardmodell zur Relationsbestimmung von Verstehen und Interpretieren (III.) und geben Hinweis auf dessen Varianten, aber auch auf markante Alternativen, beide Begriffe bzw. Vollzüge zu fassen (IV./V.). Während das Standardmodell typologisch ein Phasenmodell darstellt, lässt sich die Beziehung aber auch innerhalb eines Aspekte- oder auch Voraussetzungsmodells entfalten. Alles in allem wird nur eine Sichtung des Problemfeldes angezielt, nicht aber ein Vorschlag formuliert, wie die fragliche Relation künftig aufgefasst werden soll. Solche materialen Positionen seien den Beiträgen vorbehalten.

II. Zum Beispiel: Emil Staigers Die Kunst der Interpretation (1951/55)

Emil Staigers Freiburger Vortrag Die Kunst der Interpretation (1951) ist ein kanonischer Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Hermeneutik des 20. Jahrhunderts. Er eröffnet als theoretisches Intro den gleichnamigen Band mit Einzelinterpretationen von 1955.19 Staiger diskutiert hier programmatisch die Prämissen seiner literaturwissenschaftlichen Hermeneutik, die unter den Titeln »immanente Interpretation« oder auch »Stilkritik« bekannt sind. Mit diesem Programm wurde er eben zu einer der zentralen Figuren der Nachkriegsgermanistik, zu einem eigentlichen Schuloberhaupt. Da der Titel des Vortrags den Interpretationsbegriff privilegiert (warum, wird sich noch zeigen), stellt sich die Frage, in welcher Weise er mit welchen anderen Grundbegriffen ins Verhältnis gesetzt wird. Im gegebenen Kontext ist allerdings keine detaillierte Rekonstruktion angestrebt,20 sondern die Identifikation gewisser Eigenschaften der Begriffspraxis, die auch systematisch relevant sein dürften.

Staiger exponiert seine Vorstellung von der literaturwissenschaftlichen »Kunst der Interpretation« bekanntlich am Beispiel eines Mörike-Gedichts, des »Dinggedichts« Auf eine Lampe (1846). Da seine Überlegungen – vorgetragen in Freiburg im Breisgau – keinen geringeren als Martin Heidegger zum Widerspruch herausgefordert haben, führte Staigers Beitrag zu einer ausführlichen brieflichen Kontroverse zwischen beiden, die im gleichen Band nachzulesen ist.21

Einige einschlägige Auszüge aus dem ersten Teil des Vortrags zeigen ein relativ klar erkennbares Verhältnis von Verstehen und Interpretieren:

[A]n einem kleinen Gedicht zu begreifen, was uns ergreift […].

[…]

Ich wähle Mörikes Gedicht ›Auf eine Lampe‹. Diese Verse bedürfen keines Kommentars. Wer Deutsch kann, erfaßt den Wortlaut des Textes. Der Interpret aber maßt sich an, auf wissenschaftliche Weise etwas über die Dichtung auszusagen, was ihr Geheimnis und ihre Schönheit, ohne sie zu zerstören, erschließt, und mit der Erkenntnis zugleich die Lust am Wert des Sprachkunstwerks vertieft. Ist das möglich? Es fragt sich, was Wissenschaft heißen soll.

[…]

Wir lesen Verse; sie sprechen uns an. Der Wortlaut mag uns faßlich scheinen. Verstanden haben wir ihn noch nicht. […] Nur rationalistische Theoretiker würden bestreiten, daß dem so ist. Zuerst verstehen wir eigentlich nicht. Wir sind berührt; aber diese Berührung entscheidet darüber, was uns der Dichter in Zukunft bedeuten soll. […] Ich liebe sie [die Verse Mörikes]; sie sprechen mich an, und im Vertrauen auf diese Begegnung wage ich es, sie zu interpretieren.

[…]

Das Kriterium des Gefühls wird auch das Kriterium der Wissenschaftlichkeit sein.

[…]

Jeder Wahrnehmung winkt eine andere zu. Jeder Zug, der sichtbar wird, bestätigt, was bereits erkannt ist. Die Interpretation ist evident. Auf solcher Evidenz beruht die Wahrheit unserer Wissenschaft. (10-19)

Staiger operiert also ausdrücklich mit beiden Grundbegriffen. Auch für ihn stellen sie das hermeneutische Basisvokabular dar, dies aber in Verbindung mit einer breiteren Begrifflichkeit, vor allem einem dritten Terminus und Phänomen, das die Praktiken von Verstehen und Interpretieren in Bewegung setzt und situiert. Um mit dem titelgebenden Interpretationsbegriff zu beginnen: Staiger nimmt – und das scheint wichtig – die virulenten technischen Konnotationen des Interpretationsbegriffs (wer interpretiert, handelt regelgeleitet, er folgt einem strukturierten Verfahren) von vornherein zurück durch die Bestimmung der Interpretation als »Kunst«, eines Vollzugs also, der seinerseits durch Regeln charakterisiert ist – allerdings durch Regeln, »deren Anwendung durch Regeln nicht geregelt werden kann«22.

Wie verhält es sich nun mit dem Verstehen? Auch es kommt in charakteristischer Weise ins Spiel, nämlich als Absentes, als ein Mangel. Und dieser Mangel ist von Belang, weil verstanden werden soll. Verstehen, wie es hier gefasst wird, ist mehr als das bloße und leicht bewältigbare Erfassen »de[s] Wortlaut[s]«23, zu paraphrasieren etwa als Oberflächenverstehen. Dass überhaupt verstanden werden soll, verdankt sich aber gerade dem Erfassen dieses Wortlauts bzw. dem, was über dieses Erfassen hinaus geschieht: »Wir sind […] berührt«24, oder – wie es ähnlich leibhaft in der klassischsten aller Formulierungen des klassischen Aufsatzes heißt – »ergriffen«: »Ich liebe sie [die Verse]; sie sprechen mich an; und im Vertrauen auf diese Begegnung wage ich es, sie zu interpretieren.«25 Das primäre Ereignis eines starken Eindrucks wird durch die Kunst der Interpretation reflexiv eingeholt. In der Diktion Staigers: Es wird aktiv begriffen, was zuerst – passiv – ergriff. Und es ist hier wohl nur um der Rhetorik des Ergreifens/Begreifens willen, dass er nicht von »Verstehen« spricht, von einem (wiederum paraphrasierend) Tiefenverstehen. Wo dieses Tiefenverstehen erreicht wird, ist es gelungen, in rechter Weise in den literaturwissenschaftlichen hermeneutischen Zirkel hineinzukommen;26 die Interpretation ist wissenschaftlich und wahr: »Die Interpretation ist evident. Auf solcher Evidenz beruht die Wahrheit unserer Wissenschaft.«27 Staigers hermeneutisches Modell kennt, kurz gesagt, drei Instanzen oder auch Phasen: das initiale intuitive Angesprochen- oder Ergriffen-Sein, das kunstförmige Interpretieren und – resultativ – das Verstehen.

Das Beispiel scheint von Interesse, weil sich von ihm her einige zentrale Aspekte des Problems en gros formulieren lassen. Wir beschränken uns auf drei Bemerkungen:

  1. Das Exempel zeigt, dass die Beziehung der fraglichen Leitbegriffe innerhalb eines zeitlichen Horizonts gedacht werden kann, eben als Phasenmodell: erst dieses, dann jenes. Das lässt danach fragen, welche anderen Typen der Verschaltung beider Vorgänge denkbar oder in concreto greifbar sind, sei es in Verbindung mit oder auch jenseits des Phasenmodells.

  2. Das Exempel zeigt, dass die beiden Leitbegriffe auch in einer komplexeren Grundbegrifflichkeit situiert werden können, hier eben in einem dreigliedrigen Schema. Das wirft zumindest zwei zentrale Folgefragen auf: Welche dritten, vierten usf. Begriffe kommen ins Spiel? Und zweitens: Fungieren Verstehen und Interpretieren innerhalb dieser breiteren Vokabulare tatsächlich bzw. notwendigerweise als ›Königsbegriffe‹, wie wir und viele andere es postulieren? Und wer dominiert innerhalb der geteilten Herrschaft, sei es explizit und systematisch, sei es implizit und numerisch?

  3. Das Exempel zeigt, dass die Konstellierung des Basisvokabulars auch innerhalb spezifischer fachhermeneutischer Kontexte verfolgenswert ist. Staigers Modell bezieht sich auf die kunstförmige Interpretation von Sprachkunstwerken. Ob die erwähnte Dynamik auch in anderen Zusammenhängen spielt, diskutiert er nicht, noch nicht einmal, ob sie für die Gesamtheit der Künste gelten soll. Das lässt fragen nach dem Einschlag, den die Differenz von allgemeiner und besonderer Hermeneutik für das Thema hat: Welcher Allgemeinheitsgrad wird in einem bestimmten Modell angesteuert? Wie allgemein kann von Verstehen und Interpretieren überhaupt die Rede sein? Wie plausibel lässt sich die eskalierende Pluralität der Verstehensobjekte und Zielbestimmungen des Verstehens/Interpretierens überhaupt in einem allgemeinen Strukturmodell des Verstehens und/oder Interpretierens unterbringen?

III. Das Standardmodell: Varianten …

Staigers Vortrag liefert nicht zuletzt auch einen prominenten Beleg für das, was als Standardmodell der fraglichen Relationsbestimmung gelten kann: Interpretieren wird hier wie in vielen Fällen konzipiert als ein Verstehen zweiter Ordnung.28 Das Verstehen erscheint, so gesehen, als Phänomen, das sich im Regelfall mühelos und weitgehend spontan einstellt; das Interpretieren wird dagegen gleichsam als Reparaturmodus gefasst, der in Kraft tritt, wenn dieses spontane Verstehen – das Verstehen erster Ordnung – ausbleibt oder in bestimmter Hinsicht an eine Grenze stößt. Mit einer Formulierung Oliver R. Scholz’: »Wenn wir ein Verstehensobjekt nicht im ersten Anlauf verstehen, können wir versuchen, es dennoch zu verstehen. Die bewussten zielgerichteten Tätigkeiten nennen wir mit einem generischen Ausdruck ›Interpretieren‹; das Ergebnis oder Produkt dieser Tätigkeiten nennen wir ›Interpretation‹.«29 Oder in den Worten Klaus Weimars (in seinem Fall bezogen auf den engeren Phänomenbereich der Texthermeneutik): »Ist dem Verstehen alles klar, so hat weiteres Bemühen um den jeweiligen Text gefälligst zu unterbleiben; bleibt ihm dagegen etwas unklar, so ruft es die Interpretation zur Hilfe. Interpretation wäre dann also die Klärung dessen, was das Verstehen als ungeklärt festgestellt und ›gemeldet‹ hat.«30

Für die zitierten Entfaltungen der Differenzbeziehung von Verstehen und Interpretieren scheinen somit die folgenden Annahmen grundlegend zu sein:

  1. Eine Verstehensstörung kann durch gezielte Interpretation idealerweise überwunden und in ein neues oder besseres Verstehen überführt werden.

  2. Das Verstehen steht nicht von ungefähr als erstes Relat vor dem Relationsbegriff »und«: Das Interpretieren erscheint als Funktion des Verstehens, nicht umgekehrt.

  3. Es gibt (in texthermeneutischer Hinsicht formuliert) aber auch »Klartexte«, also Texte bzw. andere Verstehensobjekte, die kein Verstehen zweiter Ordnung – kein Interpretieren – erfordern.31

  4. Das Verstehen kann demnach unabhängig vom Interpretieren auftreten. Die Beziehung beider ist aber insofern asymmetrisch, als das Gegenteil nicht gilt: Das Interpretieren kann nur in Verbindung mit bzw. Abhängigkeit vom Verstehen (genauer nämlich einem Nicht- oder Missverstehen) auftreten, das den Interpretationsbedarf allererst schafft.

  5. »Das Verstehen muß daher gedacht sein als eines, das eine Art permanenter Selbstevaluation praktiziert und sein eigenes Gelingen wie Misslingen konstatiert.«32

  6. Dass das Interpretieren einen gestörten Verstehensprozess entstören kann, heißt nicht, dass es dies auch tut. Auch intensives Interpretieren wird nicht zwangsläufig durch neues oder besseres Verstehen belohnt.

  7. Das Verstehen dominiert auch insofern, als es als spontanes Ereignis modelliert wird: Es geschieht einfach; man kann nicht nicht verstehen. Klaus Weimar spricht, um diesen Punkt zu akzentuieren (und mit Bezug auf die Texthermeneutik), gar von einer »Zwangshandlung«.33 Das Interpretieren ist, was es ist, aber gerade, weil es sich durch einen höheren Grad an person- und kontextspezifischer Entscheidung auszeichnet.

  8. Das Standardmodell folgt klar einer der beiden maßgeblichen Alternativen in der Rede von »Interpretation«. Es ist grundsätzlich einem (engen) »technischen« und nicht einem (weiten) »erkenntnistheoretischen« Interpretationsbegriff verpflichtet.34 »Interpretation« wird – anders als prominent im »Interpretationismus«35 – also nicht begriffen als transzendentale Bedingung, die jeden menschlichen Selbst- und Weltbezug grundiert,36 sondern technisch-methodisch im Sinn der aktiven Wahl situativ angemessener Mittel der Verstehensermöglichung.37

  9. Schließlich: Die sachliche Differenz, die der begrifflichen von »Verstehen« und »Interpretieren« zugewiesen wird, kann natürlich auch durch eine Binnendifferenzierung eines der beiden Leitbegriffe eingeholt werden. So arbeitet Peter Lamarque etwa mit der verwandten Unterscheidung einer »revelatory interpretation«, die wahrheitssuchend gewisse (verborgene) Eigenschaften von Interpretanda identifiziert, von einer »creative interpretation«, die anhand desselben konstruktiv gewisse Perspektiven eröffnet, ohne deren Vorfindlichkeit zu behaupten und nachdrückliche Wahrheitsansprüche zu formulieren.38

Allerdings kann dieses Standardmodell, wie sich in den Zitaten gleichfalls andeutet, sehr verschieden ausformuliert und akzentuiert werden. Um auf eine aktuelle und wiederum programmatisch angelegte Explikation der hermeneutischen Grundbegrifflichkeit zu verweisen: Die »einleitenden Begriffsklärungen« in Vittorio Hösles Kritik der verstehenden Vernunft (2018) setzen, wie zu erwarten war, mit dem Verstehensbegriff ein. Nach Hinweisen zum »Auslegen« und »Deuten« ist es aber wiederum das »Interpretieren«, dem der Autor in Relation zum Verstehen besondere Aufmerksamkeit schenkt. Hösles Variation liegt zunächst darin, dass er das Standardmodell mit einer institutionellen Differenz koppelt: »Analog muss man zwischen einem lebensweltlichen und einem wissenschaftlichen, d. h. methodisch geregelten, Einzelfälle auf allgemeine Prinzipien zurückführenden Verstehen unterscheiden. Allein das letztere will ich ›Interpretieren‹ nennen.«39 Die Differenz von lebensweltlichem Verstehen und wissenschaftlichem Verstehen, also Interpretieren, wird dabei ihrerseits anthropologisch fundiert: Alle können verstehen, auch und bereits Babies (nämlich qua Einfühlung den »Gefühlszustand der Mutter«40 ); »interpretatorische Leistungen« dagegen werden »nicht von allen vollbracht«: »Es bedarf der besonderen und bewussten Ausbildung, um eine Inschrift aus einer Sprache […], ein komplexes philosophisches Argument oder ein literarisches Werk wie Joyce’ ›Finnegans Wake‹ zu verstehen – hier wird also das Verstehen zum Interpretieren.«41 Kurz: Verstehen ist Laiengeschäft; das Interpretieren ist den Profis vorbehalten.42

Wenn das Verstehen zum Interpretieren »wird«, ist damit die systematische Frage nach der Identifikation bzw. Identifizierbarkeit der Differenz gestellt. Und hier plädiert Hösle – in einem gewissen Gegenzug zur dezidierten Reservation des Interpretationsbegriffs für wissenschaftliche Verstehensvollzüge – für eine flexible Grenze. Er fasst die Differenz ausdrücklich als »komparative«.43 Gerade diese Flexibilierung zeigt aber noch einmal an, dass das Standardmodell Verstehen und Interpretieren als klassifikatorische (oder qualitative) Begriffe modelliert, als Begriffe also, die nach der Logik des Entweder-Oder funktionieren, und nicht nach der des Mehr-oder-Weniger.

Mit diesen Hinweisen ist allerdings noch nicht gesagt, dass die Praxis des Interpretierens als Verstehen zweiter Ordnung notwendigerweise auch, wie oben eingeführt, als »Reparaturmodus« gedacht werden muss, der auf gescheiterte Verstehensbemühungen folgt. Der mode two der Interpretation kann zweifellos auch einsetzen, wenn der Verstehensprozess ohne besondere Misslingenserfahrung höherstufig fortgeführt wird, etwa, weil die gegebenen disziplinären Üblichkeiten dies erfordern. Mit Staiger gesprochen: »Der Wortlaut mag uns faßlich scheinen. Verstanden haben wir ihn noch nicht.« Die literaturwissenschaftliche »Kunst der Interpretation« will oder soll nun einmal begreifen, was den Interpreten [lies: Versteher] ergriffen hat. Möchte man die Beziehung von Verstehen und Interpretieren auf dieser Linie – also ohne krisenhafte Verknüpfung – begrifflich fassen, so lässt sich mit Günter Figal und David Espinet etwa von einer »Intensivierung« sprechen: »[I]nterpretation is not a synonym for understanding but rather its intensification […].«44 Die zitierten Belege zeigen damit nicht zuletzt, dass das Standardmodell so sehr ein Standard ist, dass es gleichermaßen vertreten wird von AutorInnen, die primär in analytischer Tradition arbeiten, wie von solchen, die primär in kontinentaler Tradition stehen.

Diese sicher erweiterbaren Hinweise lassen sich bündeln in der Beobachtung, dass das Standardmodell in wenigstens zwei Grundformen nachweisbar ist, die ihrerseits in weiteren maßgeblichen Kontexten situiert werden können. Was beide Grundformen unterscheidet, ist die Modellierung des Anlasses, der den Übergang vom Verstehen zum Interpretieren motiviert:

  • Variante 1 (sicher die verbreitetste) sieht den Übergang vom Verstehen zum Interpretieren motiviert durch eine bewusste Misslingenserfahrung. Das – spontane – Verstehen stößt an eine Grenze, die der Eigenart dieser Grenze gemäß einen gewissen Maßnahmentypus erfordert. Oliver Scholz hat hier eine instruktive Dreiertypologie von Verstehensschwierigkeiten und ihnen korrespondierenden Interpretationsmaßnahmen vorgeschlagen: Manche Verstehensobjekte sind kompliziert (ein Schachtelsatz von Kant); was die Interpretation zu leisten hat, ist Analyse. Manche Verstehensobjekte sind kontextlos (eine Flaschenpost ohne Absender und ohne bekannten Aufgabeort); was die Interpretation zu leisten hat, ist eine Einbettung in einen passenden Zusammenhang. Manche Verstehensobjekte sind unterbestimmt oder ungenau begrenzt (Flüstern, eine verschwommene Photographie); was die Interpretation zu leisten hat, ist eine genauere Artikulation oder Abgrenzung.45

  • Variante 2 sieht den Übergang vom Verstehen zum Interpretieren motiviert durch das Bewusstsein einer Vorläufigkeit, Teilhaftigkeit oder Intensivierungsfähigkeit des Verstehens, das die Option fortgesetzter Verstehensbemühungen einschließt, ein »Verstehen des Verstandenen«.

Die Differenz beider Varianten liegt auch darin, dass sie mit deutlich verschiedenen Emotionalitäten einhergehen. Während in Variante 1 ein Leidensdruck herrscht, der zum mode two des Interpretierens gleichsam nötigt, zeichnet sich Variante 2 durch eine professionelle Distanziertheit aus: Der Interpret/die Interpretin scheint deutlich weniger involviert in den Interpretationsprozess, weil sie/er (noch) nicht konfrontiert wurde mit einem leidvollen Entzug des Verständnisses. Da ist nichts, was eine Reparatur erfordert. Der Übergang zur Interpretation ist kühl; es wird bloß ›ein Gang hochgeschaltet‹, weil dieser Gang standardmäßig zur Verfügung steht und auch genutzt wird, nicht aber, weil der zunächst gewählte Gang versagt hätte.

Dieser Differenz schließt zudem ein, dass die jeweiligen Methoden des Interpretierens in unterschiedlicher Weise bereitstehen. Die Beziehung von Verstehensproblem und Methodenoption ist jeweils eine andere. Bei Variante 1 erfolgt die Methodenwahl ad hoc; sie reagiert, wie Scholz’ Typologie exemplarisch zeigt, auf die Spezifik der akut gewordenen Verstehensgrenze. Bei Variante 2 erfolgt die Methodenwahl dagegen ungleich stärker als effektive Wahl: Die Methode ist nicht qua Spezifik der Verstehenskrise gegeben; sie wird innerhalb eines individuellen oder diskurs- oder disziplinspezifisch etablierten Methodenkanons mehr oder weniger frei gewählt.

Die Reflexion auf das Verhältnis von Verstehen und Interpretieren zeigt schließlich eine Asymmetrie, die, obwohl deutlich, eher selten benannt wird: Werden beide Begriffe bzw. Vollzüge auf einander bezogen, so ist die Abfolge der Relate fast immer eben diese: erst das Verstehen, dann das Interpretieren.46 Wäre man gezwungen, einen Grundbegriff der Hermeneutik auszuzeichnen, so hätte man klar auf das Verstehen zu verweisen – wenigstens dann, wenn als Entscheidungskriterium der faktische Sprachgebrauch berücksichtigt würde. Dafür sprechen mindestens zwei Befunde:

(1.) Das Primat des Verstehens, so gesehen, zeigt sich daran, dass die verfügbaren Leitbegriffe oft als bedeutungsnah oder synonym zu »Interpretieren« gefasst werden, nicht aber zu »Verstehen«. So formuliert Oliver Scholz gerade im Interesse einer Verhältnisklärung, es wäre ein Fehler, »alles Verstehen nach dem Modell von Interpretation, von Deutung aufzufassen«47. Gerade »die Deutung« bzw. »das Deuten« scheint nebst »der Auslegung« bzw. »dem Auslegen« das diesbezügliche Wortfeld anzuführen. So schreibt etwa Emil Angehrn: »Der Begriff der Interpretation (Deutung, Auslegung) umfasst ein ganzes Spektrum von Operationen, die je nach theoretischem Ansatz in den Vordergrund rücken.«48

(2.) Diesem Vorrang entsprechend ist es auch das Verstehen und nicht das Interpretieren, das in verschiedenste andere und mehr oder weniger einschlägige Begriffspaare integriert wird: etwa (und im deutschsprachigen Kontext tendenziell an erster Stelle) »Verstehen und Erklären«49, aber auch »Verstehen und Anwenden«50, »Verstehen und Verständigung«51, »Verstehen und Gestalten«52, »Wahrnehmen und Verstehen«, »Beschreiben und Verstehen« oder »Lesen und Verstehen« (wobei das Verstehen in den letztgenannten Paarungen an die zweite Stelle rückt, weil die Relation innerhalb einer Folgelogik gedacht wird). Immer gibt das Verstehen die begriffliche Nullstufe ab, von der her Differenzen eingezogen werden.

IV. … und Alternativen: das Aspektemodell (Dalferth, Caputo)

Weist man dem Standardmodell nun einen Modelltypus zu, so liegt es nahe, von einem Phasenmodell zu sprechen. Denn unabhängig von den erwähnten Varianten ist es in jeden Fall so, dass Verstehen und Interpretieren auch temporal unterscheidbare Akte sind. Sie weisen einen spezifischen Zeitindex auf: erst wird verstanden (nämlich bis mehr oder minder intensiv nicht mehr verstanden wird), dann – und deswegen – wird interpretiert. Und genau dies ist bei einer prominenten Alternative zum Standardmodell nicht der Fall. Dieses ist kein diachrones Phasen-, sondern ein synchrones Aspektemodell.

Als wichtiger Vertreter dieses Modelltypus kann Ingolf U. Dalferth gelten. Er sieht Verstehen und Interpretieren nicht als zwei distinkte Vollzugsformen und -phasen innerhalb eines Verstehensvorgangs, sondern das Eine (das Interpretieren) als die Realisierungsgestalt oder »Struktur« des Anderen (das Verstehen):

Ist verstehen das, worauf die hermeneutische Arbeit zielt, dann ist interpretieren (d. h. verständlich machen) das Verfahren, mit dem dieses Ziel zu erreichen versucht wird. […] Verstehen hat […] selbst die Struktur von Interpretieren […]. Es handelt sich beim Verstehen und Interpretieren also um dasselbe Phänomen, betrachtet unter verschiedenen Gesichtspunkten.53

In seinem Beitrag für den vorliegenden Band vertritt Dalferth die nämliche Auffassung, erläutert sie aber zusätzlich durch eine begriffsklassifikatorische Differenz: »Verstehen ist nicht nur ein Verfahrensbegriff, sondern ein Erfolgswort. Um etwas zu verstehen, muss man es in bestimmter Weise interpretieren. […] Verstehen ist ein Erfolgswort, interpretieren ein Vollzugswort.«54

Wird das Interpretieren also als Verfahren gefasst – als Verfahren nämlich, »etwas auf methodische Wese verständlich zu machen«55 –, so ergibt sich wiederum eine hierarchische Ordnung des Vokabulars, in der das Verstehen das Interpretieren dominiert. Anders als beim Phasenmodell können die methodischen Weisen der Verständlichmachung aber durch ein breites nachgeordnetes Vokabular bezeichnet werden. Das Wortfeld ist zumindest implizit weiter und kann flexibel die nie trennscharfen kursierenden Begrifflichkeiten integrieren. »Explizites Interpretieren«, so Dalferth, wird vollzogen »im Auslegen und Deuten, Illustrieren und Kommentieren, Exemplifizieren und Konkretisieren, Zueignen und Aneignen und in einer Vielzahl weiterer konkreter Weisen.«56

Eine andere Variante eines Aspektemodells begegnet bei John D. Caputo, etwa in seiner kürzlich erschienenen Einführung in die neuere Hermeneutik.57 Während Dalferth an einer nüchternen Beschreibung des Zusammenspiels bzw. der begriffsanalytischen Zuordnung von Verstehen und Interpretieren liegt, haben Caputos Hinweise einen kritischen Grundzug. Er richtet sich – wie zu erwarten bei einem Autor, der stark an den Positionen des Poststrukturalismus ausgerichtet ist – primär auf das ›reine‹ Verstehen. Caputo will Verstehensvorgänge generell als »interpretive« verstanden wissen58. Für ihn gilt, »that every act of understanding is already an interpretation, not only in the humanties but also in der natural sciences«59. In der Tradition der klassischen Kritik des Objektivitätsideals wird Interpretativität als Grundeigenschaft von Verstehensvorgängen ausgegeben; Caputo geht auf Distanz zu der Zuverlässigkeitsprätention qua Methodizität. Das Interpretieren, das sich (gerade entgegen einer gezielten Maßnahme) einfach vollzieht, ›dekonstruiert‹ das Verstehen.60

Eine entscheidende Differenz zwischen den beiden genannten Modelltypen liegt schließlich in der deutlichen Anreicherung des Phasenmodells mit einer normativen Dimension. Im Fall von Variante 1 liegt sie recht deutlich auf der Hand. Hier ist die Überführung der Verstehenskrise in einen Akt gezielten Interpretierens ein positiver Schritt, weil sie sowohl der Krisenerfahrung Rechnung trägt als auch der Komplexität des Verstehensobjekts. Aber auch in der schwächeren, weil weniger stark emotionalisierten Variante 2 läuft mehr oder weniger offensichtlich der Imperativ mit, vom Verstehen zum Interpretieren überzugehen. Hier gebietet das habitualisierte Ethos der Professionalität oder die Vorzüglichkeit der Intensivierung, das prinzipiell »unendliche Geschäft« (Schleiermacher) weiter fortzusetzen und den Raum des qua Interpretieren Verstehbaren möglichst auszudehnen.

V. Das Voraussetzungsmodell (Weimar)

Schließlich wird im vorliegenden Band noch ein dritter Modelltypus angeboten, der freilich insofern auf etwas anderer Ebene liegt, als er ausdrücklich den Phänomenbereich der Texthermeneutik adressiert (also eine »besondere« Hermeneutik betrifft, wenn auch die am wenigsten besondere). Klaus Weimar schlägt in seinen Hermeneutica in nuce61 verdichtet vor, was in anderen Beiträgen ausführlicher entfaltet wird: Seine Überlegungen können dabei im Zuge der typologischen Sichtung wohl am besten mit dem Begriff des Voraussetzungsmodells belegt werden. Denn die Beziehung von Verstehen und Interpretieren wird hier vorrangig unter dem Aspekt wechselseitiger Bedingtheit reflektiert. Dabei ist es dem materialen Problemfeld des Textverstehens (oder, wie es treffender wäre, wären da nicht die theologischen Assoziationen, der Schrifthermeneutik) geschuldet, dass die beiden Leitbegriffe um einen dritten erweitert werden: das Lesen. Wenn Weimar die Hermeneutik also als »Theorie des Lesens, Verstehens, Interpretierens von Texten«62 begreift, so suggeriert diese Abfolge möglicherweise eine prozedural-temporale Logik, nach welcher erst gelesen wird, das Gelesene sodann verstanden und schließlich interpretiert wird. Gerade dieses Verständnis wird aber ausdrücklich verworfen, da Weimar eben am Aspekt der »zunehmende[n] Komplexität« bzw. der Voraussetzungsverhältnisse liegt:

Interpretieren setzt Verstehen voraus, Verstehen setzt Lesen voraus, Lesen setzt Erkennen von Schrift voraus. Oder anders: Wer interpretiert, muß schon verstanden haben; wer versteht, muß schon gelesen haben; und wer liest, muß etwas als Schrift erkannt und identifiziert haben.63

Auch wenn diese Modellbildung ausdrücklich nur die Texthermeneutik betrifft: Sie kann zweifellos auf andere Felder übertragen werden. Wenn »Lesen« auf der Identifikation von etwas als »Schrift« beruht, so lassen sich in anderen semiotischen Systemen analoge Voraussetzungsverhältnisse identifizieren und hermeneutische Praktiken mit bestimmten Transformationsgraden korrelieren.

VI. Zum Schluss

Sei es das Standardmodell (in seinen Varianten), das Aspektemodell, das Voraussetzungsmodell oder auch ein anderes: Sie haben alle ihre Pointe und schärfen durch begriffliche Klärungen substanzielle sachliche Differenzen. Deshalb ist die Arbeit am hermeneutischen Basisvokabular, den Begriffen und ihren Beziehungen, unerlässlich. Wenn in der hier angestellten Sichtung des Feldes ausdrückliche Verhältnisbestimmungen von »Verstehen und Interpretieren« im Vordergrund standen, so möchten wir abschließend auf eine wenig reflektierte implizite Beziehung verweisen.

Angesichts der Geläufigkeit sprachanalytischer Verfahren im Umfeld von Hermeneutik und Interpretationstheorie haben die Kompositabildungen zu »Verstehen« und »Interpretieren« erstaunlich geringe Aufmerksamkeit erfahren. Eine Ausnahme bildet hier erneut Klaus Weimar. Im Zuge von Überlegungen zu den Grenzen der Interpretation hat er beiläufig festgehalten, dass diese Komposita vor allem im Blick auf die Artikulation defizitärer Verstehensvorgänge in aufschlussreicher Weise divergieren. Diese Spur wäre weiter zu verfolgen, in der Spannung zwischen akademischem und alltäglichem Sprachgebrauch und auch über »Verstehen« und »Interpretieren« hinaus. Denn bekanntlich sind es ja gerade diese Fehlformen, die besonders intensiv zur hermeneutischen Reflexion herausfordern.

Es gibt also die Wörter Mißverständnis und Fehlinterpretation, und deshalb braucht man gar nicht lange zu argumentieren, um Zustimmung zur Feststellung zu erhalten, daß sowohl das Verstehen als auch das Interpretieren auf Abwege geraten können. Es gibt aber auch deutliche Asymmetrien: die Wörter Unverständnis und Nicht-Verstehen haben ebensowenig eine Entsprechung auf Seiten der Interpretation (Un- und Nicht-Interpretation fehlen) wie das Wort Überinterpretation auf Seiten des Verstehens (Überverstehen ist nicht vorgesehen). Nach Meinung der deutschen Sprache und Sprachgemeinschaft […] haben Verstehen und Interpretieren das eine miteinander gemeinsam, daß sie gleichermaßen fehleranfällig sind und also Mißverständnis oder Fehlinterpretation werden können, und sie unterscheiden sich nach eben derselben Meinung dadurch voneinander, daß einerseits wohl das Aus- und Unterbleiben des Verstehens (das Unverständnis), nicht aber dasjenige des Interpretierens einen Namen hat und daß andererseits und umgekehrt eine Übertreibung (eine Überinterpretation) nur auf Seiten des Interpretierens denk- und benennbar ist.

Dieses Einerseits/Andererseits verträgt wohl die Ausformulierung, daß einerseits das Verstehen obligatorisch und das Interpretieren fakultativ ist und daß andererseits die Grenzen beider unterschiedliche Qualität haben: die Grenzen des Verstehens sind erreicht oder überschritten, wenn Unverständnis oder Nicht-Verstehen eintritt, die Grenzen der Interpretation dagegen nur und erst dann, wenn sich ein Zuviel etwa in Gestalt einer Überinterpretation einstellt.64

1

Vgl. Berner, Christian/Thouard, Denis (Hg.), L’Interprétation. Un dictionnaire philosophique, Paris 2015.

2

Scholz, Oliver R., Verstehen – Objekte, Aufgaben und Hindernisse, in diesem Band, 21-37, 21; vgl. auch ders., Art. Hermeneutics, in: Wright, James D. (Hg.), The International Encyclopedia of Social and Behavioral Sciences, Oxford 22015, 778-784.

3

Detel, Wolfgang, Geist und Verstehen. Historische Grundlagen einer modernen Hermeneutik, Frankfurt a. M. 2011, 15.

4

Eine leicht erweiterbare Auswahl: Angehrn, Emil, Handlungsverstehen und Interpretation, in: Straub, Jürgen/Werbik, Hans (Hg.), Handlungstheorie: Begriff und Erklärung des Handelns im interdisziplinären Diskurs, Frankfurt a. M. 1999, 213-239; Baßler, Wolfgang, »Verstehen und Interpretieren« oder »Verstehen als Grundlage der Interpretation«. Ideen über Diltheys Begriff des Verstehens, in: Rickes, Joachim u. a. (Hg.), 1955-2005: Emil Staiger und ›Die Kunst der Interpretation‹ heute, Bern 2007, 189-201; Bernstein, Katie A., Misunderstanding and (mis)interpretation as strategic tools in intercultural interactions between preschool children, in: Applied Linguistics Review 7 (2016), 4, 471-493; Bühler, Axel (Hg.), Hermeneutik. Basistexte zur Einführung in die wissenschaftstheoretischen Grundlagen von Verstehen und Interpretation, Heidelberg 22008; Busse, Dietrich, Sprachverstehen und Textinterpretation: Grundzüge einer verstehenstheoretisch reflektierten interpretativen Semantik, Wiesbaden 2015; Dascal, Marcelo, Interpretation and understanding, Amsterdam 2003; Gashemi, A. u. a., Ricœur’s Theory of Interpretation: A Method for Understanding Text, in: World Applied Sciences Journal 15 (2011), 11, 1623-1629; Kögler, Hans-Herbert, Understanding and Interpretation, in: Outhwaite, William/Turner, Stephen (Hg.), Handbook of Social Science Methodology, London 2007, 363-383; Mink, Louis O., Interpretation and Narrative Understanding, in: The Journal of Philosophy 69 (1972), 20, 735-737; Patterson, Dennis, Wittgenstein on Understanding and Interpretation (Comments on the Work of Thomas Morawetz), in: Philosophical Investigations 29 (2006), 2, 129-139; Regan, Paul, Hans-Georg Gadamer’s philosophical hermeneutics: Concepts of reading, understanding and interpretation, in: META: Research in Hermeneutics, Phenomenology, and Practical Philosophy 4 (2012), 2, 286-303; Weimar, Klaus, Der Vorgang des Verstehens/Der Vorgang des Interpretierens, in: Binder, Wolfgang, Literatur als Denkschule: Eine Vorlesung, mit zwei Kapiteln von Klaus Weimar, Zürich 1972, 179-199, 201-223; Wellmer, Albrecht, Verstehen und Interpretieren, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 45 (1997), 3, 393-414. Interessante Folgefragen ergeben sich aber auch durch die folgende Verbindung beider Grundbegriffe: Lavender, Harry, Understanding interpretation, in: Dance Research Journal 27 (1995), 2, 25-33.

5

Exemplarisch für das Englische: »From the Greek to interpret or to make clear, hermeneutics is the study of the theory and the practice of understanding and interpretation.« Melissa Freeman, Art. Hermeneutics, in: The Sage Encyclopedia of Qualitative Research Methods, Thousand Oaks 2008, 385-398, 385.

6

Vgl. exemplarisch die Hermeneutik Johannes Claubergs, Logica vetus et nova, Amsterdam 1658. Zu den Kontexten: Sdzuj, Reimund, Historische Studien zur Interpretationsmethodologie der frühen Neuzeit, Würzburg 1997, 124ff. Mit Weimar (Was ist Interpretation?, in: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 49, 2002, 2, 104-115, 105) ist aber auch zu verweisen auf die Nachdrücklichkeit der betreffenden Unterscheidung in der juristischen Methodenlehre (cf. Interpretatio cessat in claris). Vgl. Schott, Clausdieter, »Interpretatio cessat in claris« – Auslegungsfähigkeit und Auslegungsbedürftigkeit in der juristischen Hermeneutik, in: Schröder, Jan (Hg.), Theorie der Interpretation vom Humanismus bis zur Romantik – Rechtswissenschaft, Philosophie, Theologie, Stuttgart 2001, 155-190, 155ff.

7

Dass beide Begriffe und mit ihnen die Sinndimension auch grundsätzlich in Frage gestellt werden (etwa im Namen der »Präsenz« oder des »Prozessierens«), sei gleichfalls erwähnt. Vgl. exemplarisch Hans Ulrich Gumbrechts Überlegungen zu einer (ästhetischen) »Präsenz« »diesseits der Hermeneutik«: ders., Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz, Frankfurt a. M. 2004. Prägnant zu diesen Vorschlägen: Stoellger, Philipp, Verständigung mit Fremden. Zur Hermeneutik der Differenz ohne Konsens, in: Sachs-Hombach, Klaus (Hg.), Verstehen und Verständigung. Intermediale, multimodale und interkulturelle Aspekte von Kommunikation und Ästhetik, Köln 2016, 164-193, 179f. (»Alternativen zum Verstehen«).

8

Vgl. Hösle, Vittorio, Kritik der verstehenden Vernunft: Eine Grundlegung der Geisteswissenschaften, München 2018, 29.

9

Davies, Stephen, The Philosophy of Art, Malden 2006, 112.

10

Ebd., 111f.

11

Bühler, Axel, Grundprobleme der Hermeneutik, in: ders., Hermeneutik, 3-19, 4.

12

Ebd. und passim (im Orig. recte).

13

Dazu ausführlich unsere Hinweise zum Standardmodell der Relationsbestimmung (Abschnitt III).

14

Vgl. die Abgrenzung ebd., 5.

15

Vgl. u. a. Apel, Karl-Otto, Das Verstehen (eine Problemgeschichte als Begriffsgeschichte), in: Rothacker, Erich (Hg.) Archiv für Begriffsgeschichte, Bd. 1, Bonn 1955, 142-199; Cooper, Neil, The Epistemology of Understanding, in: Inquiry 38 (1995), 205-215; Gorden, Emma C., Understanding in Epistemology, in: Internet Encyclopedia of Philosophy, 2017, https://www.iep.utm.edu/understa/(28.03.2019); Grimm, Stephen R., Art. Understanding, in: Bernecker, Sven/Pritchard, Duncan (Hg.), The Routledge Companion to Epistemology, New York 2011, 84-94; Grimm, Stephen R. u. a. (Hg.), Explaining Understanding: New Perspectives From Epistemology and Philosophy of Science, New York 2017; Lessing, Hans-Ulrich/Liggieri, Kevin, Einleitung: »Das Wunder des Verstehens« – ein interdisziplinärer Blick auf ein ›außer-ordentliches‹ Phänomen, in: dies. (Hg.), »Das Wunder des Verstehens«. Ein interdisziplinärer Blick auf ein ›außer-ordentliches‹ Phänomen, Freiburg i. B. 2018, 9-20; Penrose, Roger, On understanding understanding, in: International Studies in the Philosophy of Science 11 (1997), 1, 7-20; Scholz, Oliver R., Verstehen verstehen, in: Helmerich, Markus u. a. (Hg.), Mathematik verstehen. Philosophische und didaktische Perspektiven, Wiesbaden 2011, 3-14; Strube, Werner, Analyse des Verstehensbegriffs, in: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie 16 (1985), 315-333; Saalmann, Gernot/Rehbein, Boike (Hg.), Verstehen, Konstanz 2009; Schwandt, Thomas A., On Understanding Understanding, in: Qualitative Inquiry 5 (1999), 4, 451-464; Ziff, Paul, Understanding Understanding, Ithaca 1972.

16

Vgl. u. a. Albrecht, Andrea u. a. (Hg.), Theorien, Methoden und Praktiken des Interpretierens, Berlin 2015; Bühler, Axel, Die Vielfalt des Interpretierens, in: Analyse & Kritik 21 (1999), 117-137; Carlshamre, Staffan/Pettersson, Anders (Hg.), Types of interpretation in the aesthetic disciplines, Montréal 2003; Dalferth, Ingolf U., Interpreting Interpretation, in: Scopus 25 (2008), 8-13; Dirks, Ulrich/Wagner, Astrid (Hg.), Abel im Dialog: Perspektiven der Zeichen- und Interpretationsphilosophie, 2 Bde., Berlin 2018; Kindt, Tom/Köppe, Tilmann (Hg.), Moderne Interpretationstheorien. Ein Reader, Göttingen 2008; Margolis, Joseph, Preparations for a Theory of Interpretation, in: Contemporary Pragmatism 12 (2015), 11-37.

17

Einschränkend ist allerdings gleich zuzugestehen, dass der Akzent nicht immer auf der begrifflichen Gesamtkonstellation liegt; auch einige der hier versammelten Beiträge gelten nur am Rand der Relation, weil sie um eine so oder anders akzentuierte Entfaltung eines der Grundbegriffe bemüht sind.

18

Zu den Charakteristika solcher Titelpaare neuerdings und instruktiv: Lepper, Marcel/Schauer, Hendrikje (Hg.), Titelpaare. Ein philosophisches und literarisches Wörterbuch, Stuttgart 22018.

19

Staiger, Emil, Die Kunst der Interpretation, in: ders., Studien zur deutschen Literaturgeschichte, Zürich 1955, 9-33.

20

Aus der breiten Forschung zu Staiger und seiner Schule nur: Wögenbauer, Werner, Emil Staiger, in: König, Christoph u. a. (Hg.), Wissenschaftsgeschichte der Germanistik in Porträts, Berlin 2000, 239-249; Klauk, Tobias/Köppe, Tilmann, Zur Struktur und Rolle ästhetischer Erfahrung in Emil Staigers ›Die Kunst der Interpretation‹ (1951), in: Scientia Poetica 21 (2017), 1, 135-170; Rickes u. a. (Hg.), Emil Staiger und ›Die Kunst der Interpretation‹ heute.

21

Vgl. Staiger, Emil, Ein Briefwechsel mit Martin Heidegger, in: ders., Die Kunst der Interpretation, 34-48.

22

Dalferth, Ingolf U., Die Kunst des Verstehens. Grundzüge einer Hermeneutik der Kommunikation durch Texte, Tübingen 2018, Vorwort [unpag., V].

23

Staiger, Kunst der Interpretation, 11.

24

Ebd., 12.

25

Ebd.

26

Staiger borgt sich diese prägnante Rede bekanntlich von Heidegger, vgl. ders., Sein und Zeit [1927], Tübingen 101963, 153.

27

Staiger, Kunst der Interpretation, 19.

28

So bereits in der oben (4) zitierten Verhältnisbestimmung Axel Bühlers.

29

Scholz, Verstehen verstehen, 9.

30

Weimar, Was ist Interpretation?, 106.

31

Diese Annahme ist, wie Weimar anhand von Exempla aus dem Bereich der Rechtwissenschaft zeigt (da Gesetze ja besonders klar sein wollen), natürlich eine Idealisierung.

32

Weimar, Was ist Interpretation?, 106.

33

Weimar, Klaus, Hermeneutica in nuce (in diesem Band 79-85, 80 [Ms., 2]): »[§9] Etwas als bekannte Schrift Identifiziertes nicht zu lesen, ist unmöglich. [§10] Lesen ist eine Zwangshandlung, die man zwar jederzeit beenden, aber angesichts von bekannter Schrift weder wollen noch unterlassen oder verhindern kann, also nicht einfach nur ein aktives Handeln, sondern immer auch ein passives, erzwungenes, erlittenes Handeln-Müssen.«

34

Zu dieser basalen Differenz: Spree, Axel, Kritik der Interpretation, Paderborn 1995, 44-51.

35

Vgl. die einschlägigen Arbeiten Günter Abels und Hans Lenks.

36

Als Kurzformel dieser Position mag Abels Reformulierung des klassischen Wittgenstein- Diktums gelten: »Die Grenzen der Interpretation sind die Grenzen der Welt.« Abel, Günter, Nietzsche. Die Dynamik der Willen zur Macht und die ewige Wiederkehr, Berlin 1984, 169.

37

Für eine knappere Grundbestimmung der Relation, die gemessen am Standard der konsultierten verfügbaren Literatur doch zu den längeren gehört, vgl. Bühler, Vielfalt des Interpretierens, 119. Das Standardmodell dient auch einigen der hier vorgelegten Beiträge als (positiver oder negativer) Bezugspunkt. So formuliert etwa Staffan Carlshamre: »Interpretation is an activity which we engage in when understanding is lacking or problematic, and which, when successful, leads to a new or better understanding.« (Dimensions of Interpretation, 39-56, 40) Jørgen Sneis fasst die Differenz mit Verweis auf Scholz’ Vorschlag, das Sinnerfassungsmodell durch das Zusammenhangsmodell des Verstehens abzulösen, im Dual des »Erkennens« bzw. »Herstellens« von Zusammenhängen: »Ist das Verstehen ganz grundsätzlich als ein Erkennen von Zusammenhängen zu beschreiben, […] so ist das Interpretieren ein Herstellen von Zusammenhängen. Auf einer ganz elementaren Ebene ist also das Ziel des Interpretierens ein tieferes und besseres Verständnis.« (Faktischer und hypothetischer Intentionalismus. Einige Bedenken aus methodologischer Sicht gegen eine inzwischen etablierte Unterscheidung, 173-190, 183).

38

Lamarque, Peter, On Why Interpretation is a Problem for Philosophy of Art, in: Grube, Dirk-Martin (Hg.), Interpretation and Meaning in Philosophy and Religion, Amsterdam 2016, 19-33, 20.

39

Hösle, Kritik der verstehenden Vernunft, 29. Wissenschaftlichkeit wird hier sehr direkt mit methodischer Regelung identifiziert, was mit Bezug auf die Breite der Debatten zur Praxeologie bzw. zum impliziten Wissen kritisch zu glossieren wäre.

40

Ebd.

41

Ebd., 30.

42

Dieser Zug zum Professionellen zeigt sich auch daran, dass das Interpretieren deutlich stärker mit dem Methodenbegriff assoziiert ist als das Verstehen. Friedrich Reinmuth spricht in seinem Beitrag zu unserem Band denn auch vom »methodischen Interpretieren«. Wahres und vertretbares Verstehen, 87-125, 111.

43

Diese Reservation des Interpretationsbegriff für wissenschaftliche Verstehensvollzüge hat, so klar sie ist, den gewichtigen Nachteil, dass sie dem Alltags- oder Laienverstehen eine Methodizität abspricht, die sich schwerlich leugnen lässt. Für eine programmatische Betonung der Kontinuität zwischen sog. alltäglicher und sog. wissenschaftlicher Wissensproduktion vgl. Hoyningen-Huene, Paul, Systematicity. The Nature of Science, New York 2013.

44

Espinet, David/Figal, Günter, Art. Hermeneutics, in: Luft, Sebastian/Overgaard, Søren (Hg.), The Routledge Companion to Phenomenology, London 2011, 496-507, 506.

45

Vgl. Scholz, Verstehen – Objekte, Aufgaben und Hindernisse, 33.

46

Eine der wenigen Ausnahmen, die die Regel bestätigen: Dascal, Marcelo, Interpretation and understanding, Amsterdam 2003. Innerhalb unseres Bandes besetzt Florian Priesemuth diese Stelle, wenn er vom »Verstehen als einer bestimmten Form der Interpretation« spricht: »Nicht jede Interpretation will hermeneutisch verstehen, alles hermeneutische Verstehen aber ist Interpretation, die auf ein Besserverstehen aus ist.« Ders., Besserverstehen. Verstehen als Interpretieren, 163-171, 164.

47

Scholz, Verstehen verstehen, 9.

48

Angehrn, Handlungsverstehen und Interpretation, 229.

49

Für einen Überblick: Schurz, Gerhard, Erklären und Verstehen: Tradition, Transformation und Aktualität einer klassischen Kontroverse, in: Jäger, Friedrich/Straub, Jürgen (Hg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Bd. 2 (Paradigmen und Disziplinen), Stuttgart 2004, 156-174. Für einen aktuellen Neuansatz: Van Camp, Wesley, Explaining understanding (or understanding explanation), in: European Journal for Philosophy of Science 4 (2014), 1, 95-114.

50

Vgl. Bühler, Axel, Verstehen und Anwenden von Gesetzen in der juristischen Hermeneutik des 18. Jahrhunderts in Deutschland, in: Schröder (Hg.), Theorie der Interpretation vom Humanismus bis zur Romantik, 191-114, v.a. 101-107.

51

Vgl. Sachs-Hombach, Verstehen und Verständigung.

52

Vgl. Liggieri, Kevin, Verstehen und Gestalten. Zur produktiven Problematik des Mensch-Maschine-Interface, in: Lessing/Liggieri, Wunder des Verstehens, 305-332.

53

Dalferth, Kunst des Verstehens, 107f. Vom so verstandenen Interpretieren unterscheidet Dalferth noch einmal das Auslegen: »Im ausdrücklichen Auslegen hermeneutischer Interpretationen wird das explizit gemacht bzw. in Anspruch genommen, was im Verstehen als Interpretationsgeschehen vor sich geht.« (Ebd., 108f.) Die systematische Ausarbeitung dieser Auffassung anhand der fundamentalen Unterscheidung der Mit-, der Als- und der Durch-Struktur muss an dieser Stelle außen vor bleiben.

54

Dalferth, Die Phänomene des Verstehens und die Praxis des Interpretierens, 57-78, 57.

55

Ebd., 74.

56

Ebd., 76. Der Verweis auf Dalferths Aspektemodell zeigt schließlich auch noch einmal eine entscheidende Eigenschaft des Phasenmodells: In jenem Kontext ist die Aktualisierung des Interpretierens als Verstehen zweiter Ordnung nur eine Option, nicht aber eine Notwendigkeit. Anders im Aspektemodell: Hier können Verstehen und Interpretieren nur gemeinsam auftreten, weil ersteres ohne letzteres, da seine Realierungsgestalt, nicht ist.

57

Caputo, John D., Hermeneutics. Facts and Interpretation in the Age of Information, London 2018.

58

Ebd., 7.

59

Ebd.

60

Vgl. exemplarisch Caputos Derrida-Kapitel, ebd., 115-142 (»Derrida and the Two Interpretations of Interpretation«).

61

Vgl. Weimar, Klaus, Hermeneutica in nuce, in diesem Band, 79-85.

62

Ebd., 79.

63

Ebd., 80.

64

Weimar, Klaus, Über die Grenzen der Interpretation, in: Dalferth, Ingolf U./Stoellger, Philipp (Hg.), Interpretation in den Wissenschaften, Würzburg 2005, 127-136, 127f.

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