Die Phänomene des Verstehens und die Praxis des Interpretierens

Prolegomena zu einer theologischen Hermeneutik

In: Verstehen und Interpretieren
Author:
Ingolf U. Dalferth
Search for other papers by Ingolf U. Dalferth in
Current site
Brill
Google Scholar
PubMed
Close
Open Access

I. Vorbemerkungen

1. Man kann sich den Phänomenen des Verstehens von der Praxis des Interpretierens her nähern, sie also interpretationstheoretisch thematisieren. Ich werde umgekehrt vorgehen und die Praxis des Interpretierens philosophisch im Phänomenzusammenhang des Verstehens zu verstehen suchen. Meine Ausführungen werden daher eher lebensweltliche Sachverhalte beschreiben als interpretationstheoretische Reflexionen bieten. Beides schließt sich nicht aus. Aber es beeinflusst unser Verständnis der Sache, von welcher Seite wir uns ihr nähern.

2. Verstehen ist nicht nur ein Verfahrensbegriff, sondern ein Erfolgswort. Um etwas zu verstehen, muss man es in bestimmter Weise interpretieren. Aber etwas zu interpretieren, heißt noch lange nicht, es auch zu verstehen. Die linksliberale Elite der westlichen Länder interpretiert zur Zeit unablässig das Phänomen Trump. Aber hat sie es verstanden? Man darf es füglich bezweifeln. Verstehen ist ein Erfolgswort, interpretieren ein Vollzugswort. Wer versteht, weiß, wie man weitermachen könnte, sollte oder müsste. Wer interpretiert, interpretiert etwas als etwas. Das ist nicht alles, wie wir sehen werden. Aber wo das nicht geschieht, wird nicht interpretiert.

3. Verstehen ist eine grundlegende menschliche Orientierungsweise in einer komplexen und nicht überschaubaren Welt. Wer versteht, erbringt zwei Leistungen: Er kann etwas in einen Zusammenhang einordnen, der die Komplexität seiner Welt in relevanter Hinsicht reduziert und dazu verhilft, in einer überschaubar geordneten Sinn-Welt einigermaßen verlässlich und vertrauensvoll leben zu können (Ordnen). Und er kann sich in dieser Sinn-Welt so lokalisieren, dass er anderes auf sich und sich auf anderes sinnvoll beziehen kann (Orten). Interpretieren ist das Verfahren, solches Ordnen und Orten auf methodisch nachvollziehbare Weise zu vollziehen, sich also in komplexen Problemlagen zu orientieren, indem man Dunkles oder Unübersichtliches in relevanter Hinsicht für sich oder für andere verständlich macht.

4. Das führt auf ein Letztes. Es ist eines, etwas zu verstehen, ein anderes, das Verstehen als etwas zu verstehen. Das zweite konkretisiert sich in verschiedenen Theorien des Verstehens, das erste besteht in der Identifikation von etwas als ein Fall von Verstehen. Das setzt zumindest einen Vorbegriff dessen voraus, was man mit ›verstehen‹ meint. Aber es verweist nicht in die theoretische Debatte, sondern in die Praxis des Verstehens. Wo angesichts von Nicht- oder Missverstehen auf methodische Weise zu verstehen versucht wird, wird etwas als etwas interpretiert. Aber wo etwas als etwas interpretiert wird, wird noch nicht zwangsläufig auch etwas verstanden. Was es heißt, etwas zu verstehen bzw. etwas zu interpretieren, ist damit noch nicht geklärt. Auf diese Fragen werden sich meine Überlegungen konzentrieren.

5. Aus der umfangreichen Debatte über das Verstehen des Verstehens werde ich im Folgenden fünf Fragen herausgreifen:

  1. Ist es der Fall, dass wir nichts verstehen können, ohne uns selbst in bestimmter Weise zu verstehen?

  2. Ist es der Fall, dass wir alle irgendwas irgendwie immer schon verstehen?

  3. Was ist zu verstehen, wenn man das Verstehen verstehen will?

  4. Ist Verstehenkönnen eine anthropologische Grundgegebenheit?

  5. Wenn sich Verstehen als Interpretieren vollzieht, wie ist dann das Interpretieren zu verstehen?

II. Das hermeneutische Argument

Die erste Frage ist positiv zu beantworten, wenn man darauf achtet, dass Verstehen im menschlichen Leben kein isoliertes Phänomen ist, sondern stets im Zusammenhang mit anderen Phänomenen auftritt und damit differenziert zu beschreiben ist. Das Argument, das diese Einsicht entfaltet, nenne ich das hermeneutisch-theologische Argument. Dieses Argument lässt sich knapp in zwei Schritten formulieren:

  1. Alles Verstehen ist entweder ein Fall von Weltverstehen (etwas verstehen) oder von Selbstverstehen (sich selbst verstehen) oder von Gottverstehen (Gott verstehen). Keine dieser Arten des Verstehens kann auf eine der beiden anderen zurückgeführt werden. Gottverstehen ist kein Fall des Verstehens von etwas (Weltverstehen). Selbstverstehen ist kein Fall des Weltverstehens (wir verstehen nicht etwas, wenn wir uns verstehen, sondern wir verstehen etwas über oder von uns). Weltverstehen ist kein Fall des Selbst- oder Gottverstehens.

  2. Die drei genannten Arten des Verstehen sind nicht unabhängig voneinander, sondern hängen intrinsisch zusammen. Das heißt:

    • (1.) Alles Verstehen impliziert ein Selbstverstehen derer, die verstehen (der Verstehenden).

    • (2.) Es gibt kein Selbstverstehen ohne ein Weltverstehen.

    • (3.) Alles Selbstverstehen und Weltverstehen impliziert ein Gottverstehen.

Ad (1.): ›Impliziert‹ ist hier nicht bloß im Sinne einer materialen oder formalen Implikation zu verstehen, also im Sinn von p → q (›Immer wenn p, dann q‹: materiale Implikation) oder im Sinn von ∧ x (A(x) → B(x)) (›Für jedes Individuum x gilt: Wenn x die Eigenschaft A besitzt, dann besitzt es auch die Eigenschaft B‹: formale Implikation). Eher ist es im Sinne einer strikten Implikation zu verstehen N (p → q) (›Notwendig: Wenn p, dann q‹), wenn diese als pragmatische Implikation gelesen wird: ›Notwendig: Wenn p vorliegt (also aktual ist), dann liegt auch q vor (ist auch q aktual), und wenn q nicht vorliegt, dann liegt auch p nicht vor‹. Sätze wie ›Ich bin tot‹ (›Ich schlafe‹; ›Ich bin meine Schwester‹ usf.) sind grammatikalisch korrekt und semantisch klar, aber pragmatisch unmöglich. Wer sagt ›Ich bin …‹ gibt damit pragmatisch zu verstehen, dass er, der hier und jetzt von Person zu Person zu mir spricht, nicht tot ist, sondern lebt (nicht schläft, sondern wach ist; und falls er ein Mann ist, nicht seine eigene Schwester ist usf.). In diesem Sinn gilt die pragmatische Implikation: Wenn eine Person etwas versteht, dann tut sie das nicht, ohne dabei immer auch ein bestimmtes Selbstverständnis zu besitzen. Dieses kann explizit und ausdrücklich vorliegen oder nur implizit mitgesetzt sein. Aber läge es nicht vor, könnte man nicht von meinem, seinem oder ihrem Verstehen sprechen, das entsprechende Verstehen also keinem Verstehenden zuordnen. Dieses Selbstverständnis ist kein semantisches Implikat des zur Debatte stehenden Verstehens, sondern ein pragmatisch mitgesetzter Sachverhalt: Wer etwas versteht, versteht dabei auch sich selbst (Selbstverständnis des Verstehenden) bzw. lässt sich von anderen als ein Bestimmter verstehen (Fremdverständnis des Verstehenden). Ich werde das so ausdrücken: Jeder, der etwas versteht, agiert als Verstehender unter einer Beschreibung – mindestens einer Beschreibung, häufig mehreren und nicht immer leicht zu vereinbarenden Beschreibungen. Wenn Sarah versteht, was ihre Tochter gemacht hat, dann kann sie das als Mutter, als Polizeikommissarin, als Buddhistin oder als Bürgerin Zürichs tun. Alle diese Beschreibungen treffen auf sie zu. Sie fügen sich aber nicht ohne weiteres zu einer spannungsfreien Identität. Und sie nötigen sie, sich in bestimmten Situationen primär im einen und nicht in einem anderen Sinn zu verstehen. Entsprechend wird auch ihr Verständnis ihrer Tochter je nach dem sie leitenden Selbstverständnis jeweils anders konkretisiert und pointiert sein.

Dieser Sachverhalt hat zwei wichtige Implikationen. Zum einen müssen uns die Beschreibungen, unter denen wir agieren, nicht explizit bewusst sein. Sie können in unser Verhalten, unsere Kleidung (Dienstkleidung von Ärzten, Schwestern, Polizistinnen, Pfarrern), unseren Körper eingeschrieben sein. Mir wird übel, wenn ich an einen bestimmten Ort komme oder bestimmte Personen treffe, ehe ich mir bewusst zu machen vermag, warum das so ist. Unter welcher Beschreibung ich in einer bestimmten Situation agiere, ist mir selbst unter Umständen gar nicht klar. Wie ich mich verstehe (mein Selbstverstehen also) mag anderen sogar viel deutlicher sein als mir selbst. Und manchmal muss ich als Polizist in einer Weise agieren, die meinem Selbstverständnis als Person widerspricht. So oder so bin ich nicht Herr meines Selbstverstehens, so dass ich das nach Belieben ändern könnte, sondern ich agiere (lebe) unter Beschreibungen, die ich mir in meinem Lebensprozess angeeignet habe oder die mir in der jeweiligen Situation zugeschrieben werden und zu denen ich mich bewusst verhalten kann oder unbewusst verhalte, die aber in jedem Fall in der zur Debatte stehenden Situation eine Rolle spielen. ›Wie verstehe ich mich selbst?‹ oder ›Wie sollte ich mich hier verstehen?‹ sind keine unnötigen Fragen, sondern sie können auf Einsichten führen, die mir selbst bisher gar nicht bewusst waren, obwohl andere sie schon längst hatten.

Zum anderen müssen diese verschiedenen Verständnisse einer Situation unter verschiedenen Beschreibungen der Kommunizierenden keineswegs kompatibel sein, sondern können in Konflikt geraten. Was ich als Privatperson denke und was ich als Amtsperson sagen muss, fällt keineswegs ohne weiteres zusammen. Diese Spannung gilt auch für das Selbstverstehen: Was Sarah als Polizeikommissarin verstehen kann (dass ihre Tochter Drogen nimmt), mag ihr als Mutter ganz unverständlich sein. Dass das Probleme schafft, liegt auf der Hand. Wir müssen daher immer fragen, unter welcher Beschreibung derjenige sich selbst versteht oder zu verstehen ist, der etwas versteht. Denn jeder, der etwas versteht, tut das unter irgendeiner Beschreibung (als so und so Bestimmter), und niemand versteht etwas, der nicht implizit oder explizit unter einer Beschreibung agiert. Wo immer etwas verstanden wird, liegt auch ein Verständnis dessen vor, der hier versteht – ein Selbstverstehen also, das er selbst hat (genetivus subiectivus), oder ein Verständnis, unter dem er von anderen verstanden wird (genetivus obiectivus).

Ad (2.): Dass es kein Selbstverstehen ohne ein Weltverstehen gibt, hat seinen Grund darin, dass der Ausdruck ›selbst‹ ein Kontrastoperator ist, der immer einen Unterschied ins Spiel bringt zwischen mir (uns)/anderen oder mir (uns)/Situation, generell gesagt: zwischen Selbst und Situation. Die Totalität der Situationen, in denen ein Selbst stehen und agieren kann, ist seine (bzw. ihre) Welt. Und die Totalität der Situationen, in denen Selbste in Situationen stehen und agieren können, ist die Welt als Inbegriff dessen, was der Fall ist (des jeweils Wirklichen), und dessen, was der Fall sein könnte (des jeweils Möglichen). Wer etwas versteht, versteht also nicht nur sich selbst in bestimmter Weise, sondern auch die Welt, von der er sich dabei unterscheidet (also die Situation, in der er versteht).

Ad (3.): Am strittigsten dürfte der letzte Schritt sein, dass alles Selbstverstehen und Weltverstehen ein Gottesverstehen impliziert. Das wird klassisch mit einer vertrauten Gedankenfigur begründet: Es gibt kein Selbstverstehen ohne ein korreliertes Weltverstehen, und umgekehrt. Es gibt aber auch weder ein Selbstverstehen noch ein Weltverstehen, das nicht eingebettet wäre in ein Verstehen dessen, ohne das es weder sein könnte noch tatsächlich wirklich wäre. Der Grund liegt darin, dass all unser Selbst- und Weltverstehen kontingent ist, also auch nicht oder anders sein könnte, als es faktisch ist. Nichts aber ist kontingent, das nicht möglich ist, und nichts ist möglich, das nicht die Möglichkeit eines Wirklichen ist. Ist überhaupt etwas möglich, dann ist auch etwas wirklich, wie Kant gezeigt hat.1 Dieses Wirkliche kann in letztere Analyse nicht so sein, dass es selbst nur kontingent wäre, da sich das Problem dadurch nur iterieren würde. Es muss vielmehr etwas notwendig Wirkliches sein, eine Wirklichkeit also, die nicht nicht sein kann, wenn es Mögliches geben können soll. Eben diese Wirklichkeit des Möglichen nennen Kant und Kierkegaard Gott.

Auf unser Problem angewandt besagt das: Um die pragmatische Differenz zwischen Selbst/Situation machen zu können, muss man sein bzw. existieren, und zwar so, dass man als Selbst in einer Situation existiert. Man kann das subjektivitätstheoretisch ausdrücken und die Differenz von der Position des Selbst aus setzen: ›Selbst (Selbst/Situation)‹, oder man kann es kosmologisch ausdrücken und die Differenz von der Position der Situation her setzten: ›Situation (Selbst/Situation)‹. In beiden Fällen muss das Selbst bzw. die Situation aktual sein, um die Differenz konkret machen oder vollziehen zu können. Um aktual zu sein oder zu existieren, muss es möglich sein, dass man das tut, dass es Selbste und Situationen also geben kann. Diese Möglichkeiten können nicht der Wirklichkeit von Selbsten oder der Wirklichkeit von Situationen als solchen zugeschrieben werden, sondern allein der Instanz, von der her die Differenz zwischen Selbst und Situation gesetzt wird, die bei dieser Differenz also vorausgesetzt und in Anspruch genommen wird, und zwar so, dass diese Unterscheidung auf sie selbst nicht angewandt werden kann. Dieser Punkt des Differenzzusammenbruchs oder der coincidentia oppositorum wird in der philosophischen Tradition klassischerweise ›Gott‹ genannt. So ist Gott und Gottverstehen hier zu verstehen. Ohne Gott, keine aktuale und potentielle Selbst/Situation-Differenz. Selbstverstehen und Weltverstehen implizieren pragmatisch ein Gottverstehen im Sinne eines de facto Bezugs bzw. eines konkreten emotionalen, kognitiven oder voluntativen Verhaltens zu Gott als dem, ohne den zwischen Selbst und Situation nicht zu unterscheiden wäre, weil es nichts gäbe, was sich unterscheiden ließe, und niemand gäbe, der etwas unterscheiden könnte.

Mit diesem hermeneutisch-theologischen Argument, dass alles Verstehen einen Zusammenhang von Selbstverstehen, Weltverstehen und Gottverstehen darstellt, werde ich mich im Folgenden nicht beschäftigen. Man kann das skizzierte Argument verteidigen, aber das will ich jetzt nicht tun. Der Grund dafür ist, dass es etwas voraussetzt und in Anspruch nimmt, was sich seinerseits nicht von selbst versteht: dass es Verstehen gibt. Alles, was ich bisher ausgeführt habe, war eine große hypothetische Denkfigur: Wenn es Verstehen gibt, dann … . Aber: Gibt es Verstehen? Was heißt denn ›verstehen‹? Wo lässt sich so etwas finden? Nur bei Menschen oder auch bei anderen Lebewesen? Und wenn wir das Verstehen als Phänomen des menschlichen Lebens verstehen wollen: Kann es das dann geben, oder muss es das geben, wenn es uns gibt?

III. Das phänomenologische Argument

Das bringt mich zur zweiten Frage: Ist es der Fall, dass wir alle irgendwas irgendwie immer schon verstehen? Das ist dann positiv zu beantworten, wenn man darauf achtet, dass Verstehen im menschlichen Leben kein Privatphänomen ist, sondern ein Gemeinschaftsphänomen: Wir verstehen immer schon irgendetwas, nicht weil wir von einer platonischen Wiedererinnerung lebten oder immer schon ein kognitives oder emotionales Verstehensverhältnis zu uns selbst hätten, sondern weil wir Gemeinschaftswesen sind, also nur in Gemeinschaft mit anderen ein ›ich‹ und ›wir‹ werden und damit nicht anders zum eigenen Verstehen, Nichtverstehen und Missverstehen kommen als im Kontext von gemeinsamem Verstehen und gemeinsam Verstandenen. Das Argument, das dies entfaltet, nenne ich das phänomenologisch-ontologische Argument. Es lautet: Verstehen ist ein Grundzug des menschlichen (und vielleicht auch anderen) Lebens. Alle, die leben, verstehen auch irgendwie und irgendetwas, und niemand (kein Mensch jedenfalls) kann leben, ohne zu verstehen.

Ist das wahr? Ist es der Fall, dass wir alle irgendwas irgendwie immer schon verstehen? Ist Verstehen ein Existential, weil niemand leben kann, ohne zu verstehen? Selbst wenn es der Fall wäre, dass wir nichts verstehen können, ohne uns selbst, unsere Welt und irgendwie auch Gott zu verstehen, ist damit nicht gesagt, dass wir das auch tun, oder immer tun, oder gar nicht anders können, als es zu tun. Menschen können verstehen – andere, anderes, einander und sich selbst. Aber sie tun es nicht immer, und wenn sie verstehen, dann tun sie es in der Regel nur mehr oder weniger. Meist macht das nichts, weil das genügt und das Leben auch so weitergeht. Ritualisierte Abläufe, konventionelle Gepflogenheiten und individuelle Gewohnheiten halten es in Gang. Man tut, was man tut, ohne sich ständig zu fragen warum, ohne es zu verstehen, verstehen zu müssen oder verstehen zu wollen und ohne sich ohne Anlass Gedanken über Alternativen zu machen. Es ist, wie es ist. Dass es anders sein könnte und oft auch anders sein sollte, kommt nicht in den Sinn, wird nicht beachtet oder spielt keine Rolle, solange das Leben seinen gewohnten Gang geht.

Bis das nicht mehr geht. Dann gerät man ins Stocken oder kommt aus dem Tritt. Man merkt, dass etwas fehlt oder nicht so geht wie gewohnt oder erwartet. Man findet keinen Anschluss, weil man nicht sieht, wie es weitergehen könnte, oder sich nicht entscheiden kann, wie es weitergehen sollte. In solchen Situationen wird Verstehen wichtig. Denn was nicht verstanden wird, zu dem kann man sich nicht bewusst verhalten, weder zustimmend noch ablehnend noch gleichgültig. Wozu man sich nicht verhalten kann, daran kann man nicht anknüpfen, weder im Fühlen noch im Denken noch im Handeln. Und woran man in Fortsetzung, Entgegensetzung oder Abgrenzung nicht anknüpfen kann, dessen Fortgang kann man nicht mitbestimmen. Das Leben wird auf störende Weise unterbrochen, ohne dass Anschlüsse eröffnet und Fortsetzungen möglich würden. Das Leben geht an mir vorbei, heißt es dann. Ich komme nicht mehr in ihm vor.

Um solche Störungen zu überwinden, also wieder lebens- und gestaltungsfähig zu werden, wird auf Umwegen gesucht, was sich direkt nicht einstellt: die Fähigkeit, Situationen fortzubestimmen und weiterzugestalten. Diese Fähigkeit besteht darin, sich in der eingetretenen Situation zu orientieren und deren schwer überschaubare Komplexität auf diejenigen Aspekte hin zu vereinfachen, die zur Lösung der anstehenden Aufgaben nötig und zur Fortsetzung des Lebens hier und jetzt wichtig sind. Wo bin ich, und was ist mit mir? Was ist eingetreten? Wie ist es dazu gekommen? Welche Möglichkeiten zeigen sich? Wie lässt sich diese Situation verändern? Welche Ziele könnte oder sollte ich ansteuern? Was will ich, und warum, und was nicht? Jede dieser Fragen hat mehr als eine mögliche Antwort. Aber schon die Fragen implizieren, dass man sich ein Stück weit von der eingetretenen Situation distanziert, um sich in ein bewusstes Verhältnis zu ihr setzen zu können, also nicht nur bei dem stehen zu bleiben, was ist, sondern das zu sehen, was möglich sein könnte.

Das, worum wir uns bemühen, um Lebensstörungen auf diese Weise zu überwinden, nennen wir verstehen. Wir suchen es auf Wegen zu erreichen, die wir als interpretieren bezeichnen. Und Hermeneutik heißt die Disziplin, die über diese Umwege zum Verstehen systematisch nachdenkt, ihre Grundlagen, Voraussetzungen, Verfahrensweisen und Möglichkeitsbedingungen erhellt (als philosophische Hermeneutik) und für kulturell wichtige Bereiche wie Alltag, Recht, Religion oder Literatur und die in ihnen virulenten Arten des Nichtverstehens darzulegen sucht, welche Umwege zum Verstehen auf methodisch geregelte Weise gegangen werden können (alltägliche Verstehenspraktiken, juristische, religiöse, literarische Hermeneutik), indem sie die entsprechenden Interpretationsverfahren darlegt, die dabei eine Rolle spielen können oder sollten. Dieses Problemfeld ist etwas genauer zu betrachten.

IV. Die Phänomene des Verstehens

Was ist zu verstehen, wenn man das Verstehen verstehen will? In der Regel haben wir keine Verstehensprobleme. Vieles in unserem Alltagsleben versteht sich von selbst, und vieles funktioniert, ohne dass man es verstehen müsste. Wir folgen den Routinen unseres Lebens, ohne sie im Detail oder überhaupt zu verstehen – ja sie funktionieren gerade deshalb so gut, weil wir keine Zeit darauf verwenden müssen, sie zu verstehen.2 Durch vielfache Wiederholung zur Gewohnheit geworden, leben sie von ihrer Wiederholbarkeit, nicht von ihrer Verständlichkeit.3 Nicht dass man sie nicht verstehen könnte. Aber sie ausdrücklich zu verstehen, ist keine Bedingung dafür, dass sie funktionieren, weder im Sinn eines Verstehens-wie (›Wie geht das?‹: Vollzugsverstehen) noch eines Verstehens-dass (›Warum geht das so?‹: Tatsachenverstehen) noch eines Verstehens-was (›Was geht da?‹: Sachverstehen). Vieles verstehen wir praktisch im (Mit-)Vollzug, ohne zu verstehen, was wir da verstehen, indem wir es vollziehen.

Beispiele kennen wir alle. Wir sprechen unsere Muttersprache, ohne über ihre Grammatik Auskunft geben zu können. Wir halten uns an die unausgesprochenen Verhaltensregeln und Tabus unserer Kultur, ohne sagen zu können, worin sie bestehen. Wir beherrschen die meisten unserer lebensweltlichen Praktiken spielend und ohne sie uns bewusst zu machen. In vielem, was wir tun, folgen wir Regeln, die uns nicht bewusst sind. Wir treffen Entscheidungen, meiden bestimmte Orte, wählen unsere Freunde und Partner, bevorzugen bestimmte Farben, lieben bestimmte Speisen, kleiden uns auf bestimmte Weise, reagieren auf bestimmte Musik, und all das nach Gesetzmäßigkeiten, die wir nicht durchschauen. Wir schalten das Licht an, ohne eine Ahnung von Elektrizität oder Stromversorgung zu haben. Wir surfen im Internet, ohne zu verstehen, wie das geht. Wir können eine Melodie nachsingen, ohne zu verstehen, wie wir dazu in der Lage sind. Aber wir verstehen auch ohne weiteres, was uns jemand sagen will, der mit seinem Zeigefinger an seine Stirn tippt; oder was wir tun müssen, wenn die Milch überkocht; oder dass ein Kind, das in den Fluss fällt, Hilfe braucht. Wir verhalten uns in vielen Situationen angemessen, ohne uns damit aufzuhalten, sie zu verstehen. Und wir verstehen viele Situationen auf einen Blick, ohne uns Gedanken zu machen, ob man sie auch anders verstehen könnte. Sie scheinen uns offensichtlich. Der Schein kann zwar trügen, wie wir wissen. Aber in der Regel tut er es nicht.

Es ist also keineswegs so, dass wir stets ausdrücklich verstehen. So unbestreitbar Menschen verstehen können, so offenkundig ist es, dass sie es nicht immer und überall auch tun. Um die Fälle, wo wir tatsächlich verstehen, von denen unterscheiden zu können, wo das nicht der Fall ist, müssten wir wissen, was mit ›verstehen‹ gemeint ist. Dabei empfiehlt es sich, nicht von der problematischen Wirklichkeit, sondern von der Möglichkeit des Verstehens auszugehen. Denn die zeigt sich nicht nur da, wo verstanden wird, sondern auch dort, wo nicht verstanden wird.

Nichtverstehen gibt es in vielfacher Gestalt, nicht nur als Nichtverstandenes, das auf Verstehen drängt.4 Das Verstehen hat Grenzen, Voraussetzungen und Grundlagen. Es beruht auf Prozessen, die nicht selbst Verstehen sind oder sein müssen. Unser Leben vollzieht sich nach Regeln, die wir häufig nicht bewusst verstehen. Wir verstehen sie in der Regel aber auch nicht unbewusst. Unser Verhalten so zu charakterisieren, ist problematisch. Es steht in Gefahr, die Sichtweise ausdrücklichen Verstehens in die Alltagsvollzüge unseres Lebens und unserer Lebenswelt zurück zu projizieren und diese so überrationalisiert und damit falsch zu beschreiben. Es ist nicht grundsätzlich so, dass wir immer schon verstehen. Vieles, was uns widerfährt, verstehen wir nicht oder können es nur unzureichend oder gar nicht verstehen. Von einer Selbstverständlichkeit oder einem Universalismus des Verstehens kann weder faktisch noch im Prinzip ausgegangen werden. Nicht alles wird verstanden, nicht alles muss verstanden werden, und nicht alles lässt sich verstehen.5 Um das zu erhellen, was wir ›verstehen‹ nennen, ist also nicht davon auszugehen, dass wir ›immer schon‹ verstehen oder dass alles verstehbar ist, sondern dass wir verstehen können. Das wissen wir, weil wir es manchmal tun und manchmal nicht.

Unser Verstehen und Verstehenkönnen haben mannigfache Grenzen.6 Immer wieder fehlen uns Voraussetzungen, um etwas Bestimmtes zu verstehen, die andere vielleicht haben und die auch wir uns verschaffen könnten, wenn wir uns darum bemühen würden (die kleinen Grenzen unseres alltäglichen Nichtverstehens). Immer wieder aber stoßen wir auch auf Fragen, die unsere Verstehensfähigkeit prinzipiell zu überschreiten scheinen (die großen Grenzen wie die Transzendenz von Personen, die Unergründlichkeit des Bösen, die Unfasslichkeit des Glücks, die Unausschöpflichkeit des Glaubens oder die Unbegreiflichkeit Gottes). Vor allem aber baut unser Verstehenkönnen auf biologischen (faktischen) Grundlagen (Was sind wir als Menschen unter anderen Lebewesen?) und anthropologischen (normativen) Voraussetzungen (Wie wollen wir als Menschen unter Menschen leben?) auf, die selbst nicht als Verstehen zu charakterisieren sind, und wir können verstehen, ohne dass man verstehen müsste, dass man versteht (reflexive Selbstthematisierung ist kein notwendiges Strukturmoment des Verstehens, so dass dieses nicht stets bewusst ist oder bewusst sein müsste). Aufmerksam werden wir auf das Phänomen des Verstehens in der Regel daher nicht dort, wo es gelingt, sondern gerade umgekehrt da, wo wir es nicht tun.

Dann bleibt uns der Sinn einer Situation verschlossen und unser Lebensprozess kommt ins Stocken. Wir finden keine Anschlüsse zum Weitermachen oder ziehen falsche Schlüsse wie der Tuttlinger Handwerksbursche in Johann Peter Hebels Kalendergeschichte, der sich in Amsterdam vom exorbitanten Reichtum des vermeintlichen Herrn Kannitverstan beeindrucken ließ.7 Das war ein Missverständnis, aber auch das brachte ihn auf weiterführende Einsichten. Nicht nur Verstehen kann für das Leben ein Gewinn sein, sondern auch Missverstehen und Nichtverstehen.

Zur Wirklichkeit menschlichen Lebens gehören alle drei Gruppen von Phänomenen. Besser als Phänomene gelungenen Verstehens erhellen aber gerade Missverstehen und Nichtverstehen, worin Verstehen besteht. Sie treten in vielfältigen Weisen auf – im Modus von Unkenntnis, Unsinn, Widersinn8 oder in den mannigfaltigen Formen des Falsch- und Fehlverstehens, des Mehr oder Weniger-Verstehens oder des Kaum- oder Gar-nicht-Verstehens.9 Aber sie alle belegen nicht, dass es kein Verstehen gibt,10 sondern machen deutlich, was fehlt, wenn nicht verstanden oder falsch verstanden wird.11

Wer das Verstehen verstehen will, ist gut beraten, sich an diese negativen Phänomene zu halten. Nicht von ungefähr sind Missverstehen als Fehler und Nichtverstehen als Negation schon sprachlich auf das Verstehen als Zentralphänomen bezogen. Das heißt nicht, dass auch das Nichtverständliche und Unverständliche dem Regime des Verstehens unterworfen würde. Das Ziel des Verstehens besteht nicht ausschließlich darin, »das Nicht-Verstehen zu überwinden oder zu beseitigen, sondern oft nur, es schärfer zu fassen«.12 Aber erst im Horizont des Verstehens lässt sich von Nichtverstehen und Missverstehen reden.

V. Mehrdeutiges Nichtverstehen

Negative wie positive Phänomene des Verstehens zeigen: ›Menschen können verstehen‹, bzw. genauer: ›Es ist möglich, dass Menschen verstehen‹. Aber was heißt es, wenn wir etwas nicht verstehen? Verstehen wir jetzt nicht mehr, obwohl wir vorher verstanden haben? Oder gab es vorher keine Notwendigkeit oder keinen Anlass zu verstehen, während sich jetzt ein Verstehensproblem stellt? Wird mit ›verstehen‹ das gemeint, was zum Problem geworden ist – dann ist das fehlende Verstehen das Problem, das zu lösen ist, und es ist gelöst, wenn wir wieder verstehen. Oder meint ›verstehen‹ das, womit wir versuchen, ein bestimmte Problem zu lösen – dann ist Verstehen die Lösung bzw. ein Weg zur Lösung des Problems und sein Verlust nicht dessen Anlass. Beides ist möglich, und beides ist häufig auch der Fall. Man hatte verstanden (oder gemeint zu verstehen) und versteht jetzt nicht mehr. Oder man muss sich jetzt um Verstehen bemühen, während es vorher ohne Verstehen ging (oder zu gehen schien).

Es ist nicht unerheblich, wie man hier antwortet und von welcher Seite man sich dem Phänomenfeld des Verstehens nähert. Im ersten Fall wäre es normal zu verstehen, nicht zu verstehen dagegen wäre die als Störung empfundene Ausnahme. Im zweiten Fall wäre es normal, nicht zu verstehen, und die Verstehensfrage wäre Symptom eines Problems. Beides hat Folgen für die Fassung des Verstehensproblems. Ist Verstehen ein Grundphänomen, ohne das es menschliches Leben nicht gibt? Dann müsste man davon ausgehen, dass immer irgendwie verstanden wird oder doch verstanden werden könnte: Die Grenzen des Verstehens – des faktisch Verstandenen oder des prinzipiell Verstehbaren – wären dann die Grenzen unseres Lebens. Oder ist Verstehen ein Gelegenheitsphänomen, das nur auftritt, wenn sich im Leben ein Problem stellt, das man damit zu lösen sucht? Verstehen wäre dann eine Strategie zur Lösung bestimmter Probleme und nicht die Voraussetzung dafür, überhaupt Probleme zu haben und nach Lösungsstrategien suchen zu können.

Was Verstehensprobleme sind, wird in beiden Fällen ganz verschieden verstanden. Im einen Fall sind es Fragen, die sich dem Verstehen stellen, im anderen Fall dagegen Fragen, auf die Verstehen die Antwort ist. Verstehen wir also immer schon, oder beginnen wir erst zu verstehen, wenn es nicht mehr anders geht? Das ist eine alte Debatte, und sie prägt sich in zwei grundlegend verschiedenen Konzeptionen von Hermeneutik aus. Versteht man unter ›Hermeneutik‹ den Versuch, die Frage nach dem Verstehen zu beantworten (Was heißt es, zu verstehen?), indem man die Frage nach dem Verstehen von Verstehen aufwirft (Was heißt es, verstehen zu können, was es heißt, zu verstehen?), dann führt die eine Fragerichtung dazu, Verstehen als Grundzug menschlichen Lebens zu identifizieren und Hermeneutik philosophisch als Phänomenologie des menschlichen Lebens als umfassenden Verstehensvollzugs zu entwerfen (wie es in unterschiedlicher Weise Heidegger, Gadamer oder Ricœur versucht haben). Die andere dagegen sieht Verstehen als eine Teilfunktion menschlichen Lebens bzw. als eine besondere Operation menschlichen Geistes neben anderen an und konzipiert Hermeneutik dementsprechend als eine Kunst- oder Methodenlehre der Verfahren (Operationen) des Verstehens13 – sei es für bestimmte Verstehensbereiche (literarische, juristische, theologische Hermeneutik) oder für menschliches Verstehen überhaupt: »Thoroughly understand what it is to understand and not only will you understand the broad lines of all there is to be understood but also you will possess a fixed base, an invariant pattern, opening upon all further developments of understanding.«14

Beide Betrachtungsweisen müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Nicht alles Verstehen ist der Versuch, ein Verstehensproblem zu lösen, und wenn menschliches Leben grundsätzlich durch Verstehensvollzüge charakterisiert ist, dann schließt das nicht aus, sondern gerade ein, dass sich im Leben auch spezifische Verstehensprobleme stellen. Der Grund dafür ist: Es gibt kein menschliches Leben, das nicht Gemeinschaftsleben wäre, und es gibt kein menschliches Gemeinschaftsleben, das nicht durch Prozesse des Verstehens, Missverstehens und Nichtverstehens oder kurz: durch Verstehensprozesse charakterisiert wäre. Wo Menschen zusammen leben, gibt es auch Verstehensprozesse, und wo es Verstehen gibt, auch Missverstehen und Nichtverstehen.

Dass Menschen verstehen können, kann nun allerdings auf verschiedene Weisen verstanden werden. Einerseits kann es heißen ›Es ist möglich, dass Menschen verstehen‹, andererseits ›Es ist für Menschen möglich zu verstehen‹. Das erste ist eine de dicto-Aussage über eine hermeneutische Möglichkeit, das zweite eine de re-Aussage über eine menschliche Fähigkeit. Beides ist nicht zu verwechseln. Zum einen sind Möglichkeiten nicht dasselbe wie Fähigkeiten, zum andern gründet nicht alles, was Menschen gemeinsam können, in ihrem individuellen Vermögen. Gemeinsam ist mehr möglich als das, wozu einzelne Menschen je für sich fähig sind, aber individuelle Fähigkeiten können auch Grundlage für den Erwerb ganz anderer weiterer Fähigkeiten werden, die sich nicht direkt aus ihnen ableiten lassen. Man kann lernen, Streichquartett zu spielen, aber die individuellen Kompetenzen, die dazu nötig sind, schließen nicht das Vermögen ein, Streichquartett spielen zu können. Nicht jedem Gemeinschaftsphänomen korrespondiert eine entsprechende individuelle Fähigkeit. Ob und inwiefern das der Fall ist, ist von Fall zu Fall zu prüfen.

Es spricht nun aber viel dafür, dass Verstehenkönnen im Fall der Menschen nicht nur als Möglichkeit, sondern als Fähigkeit zu verstehen ist. Hätte man nicht die Fähigkeit, dann wäre es nicht möglich, etwas zu verstehen, und würde man nie verstehen, dann könnte man nicht menschlich unter Menschen leben. Die Fähigkeit zu verstehen gehört zur Wirklichkeit des Menschen als Gemeinschaftswesen. Diese Fähigkeit kann man pflegen und entwickeln oder vernachlässigen und missachten. Sie kann mehr oder weniger ausgebildet sein. Aber fehlte sie gänzlich, wäre es unmöglich, als Mensch mit Menschen zusammenzuleben. Das belegen nicht nur die Phänomene des Verstehens, sondern auch die des Missverstehens und Nichtverstehens im menschlichen Leben.

Man kann es auch so sagen: Verstehen ist für Menschen die wohl wichtigste Weise, sich in der Welt zu orientieren, in der sie gemeinsam mit anderen leben. Würden wir uns, andere und anderes15 nicht wenigstens ansatzweise verstehen, könnten wir uns in den wechselnden Situationen unserer Lebenswelten und der unübersichtlichen Komplexität unserer gemeinsamen Welt nicht zurechtfinden. Wir würden dann allenfalls nebeneinander existieren, aber nicht menschlich miteinander leben. Schon biologisch sind Menschen keine isolierten Einzelwesen, sondern Gemeinschafts- bzw. Paarwesen.16 Sie leben nicht nur in Horden zusammen wie andere Herdentiere, weil sich ihre Bedürfnisse (Hunger, Sexualität, Selbsterhaltung, Fortpflanzung) so besser befriedigen lassen. Sie leben vielmehr gemeinsam als Menschen unter Menschen in Beziehungen, in denen sie nicht nur als Exemplare einer Gattung (Besondere eines Allgemeinen), sondern als Personen aufeinander bezogen sind, die sich selbst und die anderen in bestimmter Weise verstehen (Individuen, Selbste) und die ihr Leben deshalb nicht nur nach vorgegebenen Mustern vollziehen, sondern im Licht alternativer Möglichkeiten so oder anders führen können.

Es ist daher zwar immer der einzelne Mensch, der versteht, aber Menschen verstehen nur, weil sie zu Gemeinschaften gehören, die verstehen. Das zeichnet sie von anderen Primaten aus. Mit der kognitiven Fähigkeit zur geteilten Intentionalität in gestischer Kommunikation und zur Übernahme der Perspektiven anderer in elementaren Kooperationssituationen des gemeinsamen Lebens17 begann die kumulative Entwicklungsbeschleunigung, die den Menschen von der Natur in die Kultur und damit über das Tierreich hinaus führte. Er konnte jetzt in Gemeinschaft und als Gemeinschaft lernen, verstehen und handeln. Und diese Gemeinschaft stellte die kulturelle Entwicklung des Menschen auf Dauer, indem sie für (relativ) zuverlässige Mechanismen der generationsübergreifenden Weitergabe gemeinschaftlich geteilten Wissens sorgte. Wie wir daher nicht allein und ohne andere leben können, obwohl jeder selbst leben muss und das nicht an andere delegieren kann, so können wir auch nicht allein und ohne andere verstehen, auch wenn jeder selbst verstehen muss, um sinnvoll leben und sich verhalten zu können, und jeder anders als andere versteht, wenn er wirklich selbst versteht. Wir leben, lernen und verstehen als Glieder von Gemeinschaften, die leben, lernen und verstehen, aber wir tun es auf je andere Weise als die anderen.

Als Modus menschlichen Lebensvollzugs in Gemeinschaft mit anderen ist Verstehen eine grundlegende Weise, sich im Leben zu orientieren, und als solche die Bedingung der Möglichkeit dafür, in (selbst)bestimmter Weise leben zu können. Routinen, Konventionen, Praktiken können als sedimentiertes Verstehen beschrieben werden, weil sie Gemeinschaftsvollzüge sind, an denen man nur teilhaben kann, weil andere sie mit praktizieren. Nur weil sie Gemeinschaftsvollzüge mit sedimentiertem Sinn sind, kann ich an ihnen ohne zu verstehen teilnehmen. Man tut es, indem man in bestimmter Weise lebt, denkt, fühlt und sich verhält. Wo das ins Stocken gerät oder unterbrochen wird, weil man nicht versteht, was man verstehen könnte, missversteht, was man zu verstehen meint, oder nicht versteht, ob es in einem bestimmten Fall überhaupt etwas zu verstehen gibt, da stellen sich Fragen, die Hermeneutik auf methodischen Umwegen zu beantworten versucht.

Wo direkte Wege des Verstehens nicht gangbar sind, wo Verstehen misslingt und Nicht- oder Missverstehen das Leben behindern, sucht die Hermeneutik Mittel und Wege, das Ziel indirekt zu erreichen und durch methodisch reflektierte Verfahren (besseres) Verstehen zu ermöglichen.18

Das heißt nicht, dass es Verstehensprozesse nur bei Menschen geben könnte. Es ist zumindest mit der Möglichkeit zu rechnen, dass auch andere Lebewesen im Rahmen ihrer Möglichkeiten ›verstehen‹ können – was immer das im Einzelnen besagen mag. Es wäre jedenfalls vorschnell, Verstehen von vornherein auf menschliches Verstehen zu beschränken. Menschen verstehen menschlich, andere (vielleicht) anders. Hier wie dort tritt Verstehen aber nicht isoliert und für sich auf. Menschliches Verstehen ist eingebettet in die Vollzüge menschlichen Lebens, das seinerseits in die Vollzüge biologischen Lebens und des Lebens überhaupt eingebettet ist bzw. genauer: das diese Prozesse in sich einbettet und sie damit in bestimmter Weise menschlich überformt und (trans-)formiert.19 Durch Einbettung in die komplexeren Strukturen menschlichen Lebens werden die basalen Operationen des Lebens spezifisch menschlich geformt. Auf allen Ebenen vollzieht sich das Leben als Zeichenprozess, von den basalen physikalischen, chemischen und biologischen Prozessen bis zu den hochkomplexen Interaktionen und Kommunikationen menschlichen Gemeinschaftslebens. Und wie die Strukturen des Lebens immer komplexer und differenzierter werden, so wird auch das Verstehen von basalen chemischen Unterscheidungsprozessen über neurophysiologische und emotionale Strategien und bis zu bewussten kognitiven Verfahren und reflexiven Interpretations- und Auslegungsweisen in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen und kulturellen Umgebungen zu einem immer spezifischeren und differenzierteren menschlichen Vermögen.

Dabei konkretisiert sich das Verstehen von der emotionalen und kognitiven Einsicht in das, was in einer gegebenen Situation relevant, erforderlich, nötig, möglich oder sinnvoll ist, um das Leben gut oder überhaupt fortsetzen zu können, zu einem Orientierungsverhalten, das mit Urteilskraft, Einsicht in das Mögliche und Unmögliche, Geschmack für das hier Relevante und Richtige und Gefühl für jetzt Wichtige und Wesentliche zu tun hat. Wer versteht, weiß, wie hier und jetzt weitergelebt werden könnte, weiterzuleben ist oder weiterzuleben wäre, auch wenn er es – aus welchen Gründen auch immer – nicht kann, nicht will oder nicht tut.

Zweifellos verstehen wir nicht immer alles, und häufig verstehen wir so gut wie nichts. Stets gibt es für uns nur endlich viele Möglichkeiten des Verstehens, aber unendlich viele Möglichkeiten des Missverstehens. Aber solange wir an den Gemeinschaftsvollzügen des Lebens partizipieren, teilen wir – im Guten wie im Schlechten – das sedimentierte Verstehen der Gemeinschaft(en), zu der bzw. zu denen wir gehören. Dieses bildet den Sinn-Hintergrund dessen, was wir in der jeweiligen Situation für handlungs- und lebensrelevant halten. Das heißt, es bestimmt mit, was wir in der jeweiligen Situation jeweils als das berücksichtigen, was für unser Verhalten und Handeln in dieser relevant ist, und was wir als (vermeintlich) nicht relevant im Hintergrund lassen. Und je reflektierter wir das tun, desto deutlicher wird unser Verstehen durch eine kulturelle Praxis des Interpretierens bestimmt und geformt.

VI. Die Praxis des Interpretierens

Das bringt mich zu meinem abschließenden Gedankengang: dem Verständnis der Praxis des Interpretierens im Horizont des Lebensphänomens des Verstehens. Wenn sich Verstehen als Interpretieren vollzieht, wie ist dann das Interpretieren zu verstehen?

Menschen sind Gemeinschaftswesen, Gemeinschaftsvollzüge gibt es nicht ohne Verstehen, und nur weil wir verstehen können, können wir auch falsch oder nicht verstehen. Wer nicht versteht, kann eine bestimmte Situation oder bestimmte Prozesse in einer Situation nicht sinnvoll fortsetzen. Er hat bestimmte Unterschiede nicht beachtet oder bestimmte Zusammenhänge nicht erfasst, und wer falsch versteht, hat die in diesem Fall relevanten Unterschiede und Zusammenhänge nicht beachtet oder sich auf andere konzentriert. Aber es gilt auch: Wer alles zugleich sehen will, wird nichts erkennen. Was wir sehen, ist das, was wir auswählen, indem wir auf Bestimmtes achten und auf anderes nicht. Das ist riskant, weil anderes wichtiger oder relevanter sein könnte als das, auf das wir achten. Aber das erweist sich unter Umständen erst im Lauf der Zeit, und es setzt voraus, dass ausgewählt und vereinfacht wurde. Kurz: Ohne riskante Selektion und kontingente Kombination gibt es kein Verstehen. Alles Verstehen findet vor dem Hintergrund statt, dass es anders sein könnte, als verstanden wird. Kein Verstehen ist daher so, dass es das einzig mögliche wäre. Beides zeigt: Verstehen vollzieht sich im Medium von Zeichen und damit im Horizont der Unterscheidung von Sinn (sinnvoll) und Nichtsinn (sinnlos) bzw. Sinn (sinnig) und Unsinn (unsinnig). Verstehensprozesse sind im Kern Zeichen- und Interpretationsprozesse. Ihr Ziel ist die Ermöglichung von praktischer Orientierung im Leben und Denken. Und ihr Verfahren ist das Interpretieren, also das, etwas auf methodische Weise verständlich zu machen. Zehn Punkte sind hier besonders zu beachten.20

1. Interpretieren vollzieht sich als Umgang mit Zeichen. Jedes Zeichen ist als Interpretamen so über einen Interpretanten auf ein Interpretat bezogen, dass dieser Interpretant seinerseits als Zeichen fungiert, das als Interpretamen über einen Interpretanten auf ein Interpretat bezogen ist, der seinerseits in derselben Weise als Zeichen fungiert usf. Kein Zeichen kommt also allein. Jedes Zeichen gehört vielmehr zu einem Zeichen- und Interpretationsprozess, der weiter geht, wenn er nicht aus externen Gründen abgebrochen wird.

2. Jeder aktuelle Zeichenakt verknüpft drei Wirklichkeitsdimensionen vor dem Hintergrund von vier Möglichkeitshorizonten. Die drei Wirklichkeitsdimensionen eines jeden menschlichen Zeichenaktes sind die Existenz von Zeicheninterpreten (Gesellschaft), von Zeichencodes (Kultur) und von Zeichenmedien (Natur). Die vier Möglichkeitshorizonte von Zeichenereignissen sind der Bezug auf den Inbegriff möglicher Zeichen, den Inbegriff des Bezeichenbaren, den Inbegriff möglicher Zeicheninterpreten und den Inbegriff des Erfahrbaren. Über die syntaktische Zeichendimension ist jedes Zeichenereignis auf den Inbegriff möglicher Zeichen(codes) bezogen, aktualisiert also eine Möglichkeit aus der Gesamtheit der möglichen Zeichen- und Kommunikationsrepertoires. Über die semantische Dimension ist es auf den Inbegriff des Bezeichenbaren bezogen, aktualisiert also eine mögliche Welt. Über die pragmatische Dimension ist es auf den Inbegriff möglicher Interpreten bezogen, aktualisiert also eine unter allen möglichen Zeichen-, Kommunikations- oder Interpretationsgemeinschaften. Über die materiale bzw. mediale Dimension schließlich ist es auf den Inbegriff des Erfahrbaren bezogen, verwendet also etwas als Zeichenträger (Medium), was die entsprechende Interpretationsgemeinschaft mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln im Prinzip auch wahrnehmen kann. In der Wirklichkeit wird so durch Sinnproduktion eine Möglichkeitswelt geschaffen. Zeichenereignisse transformieren beständig Möglichkeiten in reale Sachverhalte, die als konkrete Sinnentwürfe verfügbar, weil im Licht der Differenz von Wahrheit und Falschheit negierbar sind. In der Wirklichkeit wird so durch die Negation bestimmter Möglichkeiten bei der Bildung von Sinnstrukturen durch Interpretationen auf konkrete Weise Distanz zur Wirklichkeit geschaffen und damit Raum zur Freiheit eröffnet.

3. Interpretieren vollzieht sich in Interpretationsprozessen, in denen Interpretationen durch andere Interpretationen weiter interpretiert werden. Keine Interpretation kommt allein, jede ist vielmehr durch die vier Strukturmomente jedes Zeichenereignisses intrinsisch auf andere Zeichenereignisse bezogen: Seine Mit-Struktur macht es zum Zeichen unter Zeichen (syntaktische Dimension), seine Als-Struktur erweist es als Zeichen, das etwas als etwas interpretiert (semantische Dimension), seine Durch-Struktur markiert das spezifische Medium, das als Zeichen für etwas gebraucht wird (mediale Dimension), und seine Für-Struktur kennzeichnet es als Zeichen für jemanden, der es als Zeichen gebraucht (pragmatische Dimension). Jede Interpretation hängt von anderen Interpretationen ab und führt zu anderen Interpretationen weiter, ohne dass ein Punkt erreicht würde oder werden könnte, wo nichts mehr zu interpretieren ist, sei es, weil retrospektiv ein prä-interpretativer Fußpunkt aller Interpretationen erreicht worden wäre, sei es, weil prospektiv alles Interpretierbare interpretiert ist. Beides gibt es nicht: weder einen Ausgangspunkt des Noch-ganz-Uninterpretierten noch einen Zielpunkt des Ganz-zu-Ende-Interpretierten. Beides sind idealisierte Grenzpunkte der Orientierungsstrategie des Verstehens, aber keine realistischen Ausgangspunkte oder anstrebbaren Ziele konkreter Interpretation. Auf semantischer Ebene ist der Interpretationsprozess im Prinzip unendlich. Begrenzt wird er stets pragmatisch: Er fängt konkret-kontingent an, und er endet konkret-kontingent, wenn die Zeit fehlt, weiterzumachen, oder das Geld, oder die Lust …

4. Interpretationsprozesse können sich mit jeder Interpretation verzweigen, und häufig tun sie das auch. Jede Interpretation gehört daher nicht nur zu einem wirklichen Interpretationsprozess, sondern ist auch möglicher Anfangspunkt für eine Reihe alternativer möglicher Interpretationsverläufe. Von diesen können nie alle zugleich realisiert werden, weil sie nicht kompatibel sind. Aber es können fast immer mehrere verschiedene Interpretationsanschlüsse realisiert werden, und das ist permanenter Anlass für Kulturdifferenzen und Kulturdebatten. Interpretationsprozesse sind stets mögliche Interpretationsverläufe, von denen mehr als nur ein möglicher Verlauf realisiert wird oder doch werden kann.

5. Interpretieren ist ein Vorgang, der sich auf verschiedene Weisen vollziehen lässt. Unausdrücklich (implizites Interpretieren) kennzeichnet er alles Verstehen, in dem etwas als etwas durch etwas von jemandem verstanden wird. Ausdrücklich (explizites Interpretieren) wird er vollzogen im Auslegen und Deuten, Illustrieren und Kommentieren, Exemplifizieren und Konkretisieren, Zueignen und Aneignen und in einer Vielzahl weiterer konkreter Weisen.

6. Interpretationen lassen sich als sechstellige Relationen analysieren: A (Interpret) interpretiert B (Interpretandum) durch C (Interpretant) im Hinblick auf D (Interpretationshinsicht) als D (Interpretans) für F (Adressat). In konkreten Interpretationen müssen nicht stets alle Positionen der Struktur aktualisiert sein, aber Kurzformen wie ›A interpretiert B als C‹ können zumindest heuristisch zu Vollformen erweitert werden.

7. Verstehen und Interpretieren sind nicht nur äußerlich aufeinander bezogen. Verstehen als Vollzug hat vielmehr selbst die Struktur von Interpretieren, insofern etwas unter anderem (Mit-Struktur) als etwas (Als-Struktur) durch etwas (Durch-Struktur) für jemanden (Für-Struktur) verstanden wird. Es handelt sich beim Verstehen und Interpretieren also um dasselbe Phänomen, betrachtet unter verschiedenen Gesichtspunkten. Wenn die mexikanische Polizei (A) Peter (B) im Blick auf seine Staatsangehörigkeit (C) aufgrund seines Passes (D) mit Hilfe des Dolmetschers (E) als Schweizer (F) versteht, dann gilt umgekehrt, dass der Dolmetscher (E) Peter (B) im Blick auf seine Staatsangehörigkeit (C) aufgrund seines Passes (D) der mexikanischen Polizei (A) als Schweizer (F) verständlich macht bzw. interpretiert. Das heißt, während Verstehen die Struktur hat: A versteht B im Blick auf C aufgrund D durch E als F, wird beim Interpretieren dieselbe Struktur in gegenläufiger Richtung gelesen: E interpretiert B im Blick auf C aufgrund von D als F für A. Insofern macht das Interpretieren deutlich, worin Verstehen besteht. Verstehen ist nicht etwas Anderes gegenüber dem Interpretieren, sondern als solches auf die Ausformungen des Interpretierens in seinen verschiedenen Gestalten hin offen mit der Pointe, dass es um hier und jetzt in bestimmter Weise anschlussfähige Interpretationen geht. Interpretationen müssen sich nicht mit den verkürzten Formen des Verstehens begnügen (A versteht B als F), sondern Interpreten können entlang der Interpretationsstruktur die Möglichkeitshorizonte eines gegebenen Phänomens, Problems oder Sachverhalts abschreiten (Blumenberg). Alles, was für uns in Zeichenprozessen fungiert, kann als Moment von Interpretationsprozessen verstanden und ausgelegt werden.

8. Diejenigen Arten und Formen des Interpretierens, die für bestimmte Problemfelder und Problemarten methodisch regeln, wie etwas für jemanden als etwas zu interpretieren ist, nenne ich Auslegen. Im Auslegen wird das ausdrücklich gemacht bzw. in Anspruch genommen, was im Verstehen als Interpretationsgeschehen vor sich geht. Zum Verstehen kommt es, wenn das Interpretieren gelingt, produktive Fortgestaltungen einer Situation in ihren Möglichkeitshorizonten im Licht des Verstandenen also möglich werden. Ausdrückliches Interpretieren oder Auslegen wird nötig, wenn Verstehen ausbleibt oder misslingt. Auslegung ist die kunstgemäße Verfeinerung des Interpretierens, das wir lebenspraktisch als Verfahren zur Lösung unserer Verstehensprobleme entwickelt haben.

9. Durch Auslegen leben wir nicht nur, sondern bauen bewusst am Sinnuniversum unserer Kultur, in der wir leben. Auslegung gibt es in verschiedenen Konkretionsgestalten für unterschiedliche kulturelle Verstehensfelder (Recht, Religion, Wissenschaft, Musik, Theater usf.) als Kommentar, Explikation, Variation, Übersetzung (zwischen Sprachen und zwischen verschiedenen Medien: Bild, Film, Literatur, Theater). Man kann das interpretations- oder auslegungstheoretisch differenziert entwickeln. Doch auch bei den scheinbar abstraktesten und technisch kompliziertesten Auslegungsverfahren geht es um unser Weiterleben und dessen Qualität und damit auch um den Gemeinschaftsbezug zu anderen, weil wir ohne andere weder leben noch gut leben können. Zum Auslegen gehört daher immer auch eine Ethik der Auslegung. Es geht nicht nur um das Eruieren von Verstehens- und Handlungsmöglichkeiten im Allgemeinen, sondern um das für uns oder andere hier und jetzt Wichtige und Relevante. Es geht um Gefährdungsvermeidung bzw. (zumindest) Gefährdungsverminderung, und es geht um Möglichkeitssteigerung bzw. (zumindest) situative Anschließbarkeit. Und weil immer mehr als nur eines möglich ist, und Verschiedene aufgrund ihrer verschiedenen Interessen und Orientierungen für Verschiedenes plädieren, gibt es keine Auslegung ohne den Streit der Auslegungen.

10. Dieser Streit kann viele Dimensionen haben. Wir sind immer dann besonders gefährdet, wenn wir allein oder gemeinsam unser Leben, Verhalten und Handeln so ausrichten und bestimmen, dass es mit unseren Lebensgrundlagen in Konflikt gerät, also dem widerspricht, ohne das wir auf Dauer entweder nicht gut oder überhaupt nicht leben können.

Dazu gehören die materiellen Lebensgrundlagen, die wir durch kurzsichtiges Handeln zerstören, weil wir ihre Bedeutung für uns und die nachfolgenden Generationen nicht verstehen, oder verstehen, aber nicht würdigen.

Dazu gehören die personalen Lebensbedingungen unserer Angewiesenheit auf gelebte Gemeinschaft mit anderen Menschen. Wir verfehlen das anvisierte Ziel, wenn wir um uns selbst zu erhalten unsere Eigeninteressen anderen gegenüber nur wie Wölfe zur Geltung bringen, die nicht sehen, dass sie gerade aus Selbsterhaltungsgründen für die Erhaltung anderer Selbste eintreten und deren Selbsterhaltung befördern müssen.

Dazu gehört aber auch der Gottesbezug, die wir bei unseren Sinnentscheidungen nicht permanent nur als unthematisierten Sinnhintergrund mit ansprechen oder selbst als solchen ausdrücklich ignorieren können, ohne unser Leben einzeln und gemeinsam mit dem in Konflikt zu bringen, was Leben überhaupt ermöglicht, also zu den notwendigen Bedingungen jeder Lebenssituation gehört, was zu gutem Leben befähigt, also zu den mehr als notwendigen Möglichkeiten des Lebens gehört, und was jenseits allen Nutzens, Bezweckens und Ermöglichens geglücktes Leben gelingen lässt, weil es immer wieder überraschend Neues zuspielt und unerwartbare Lebenschancen eröffnet, die das weit übersteigen, was Lebenssituationen aufgrund ihrer geschichtlichen Genese an Lebensmöglichkeiten nahelegen und erwartbar machen. Zum Verstehen, das zu einem situationsgerechten menschlichen Leben führt, gehört entscheidend die Offenheit für das Nichterwartbare, die Sensibilität für das Nutzlose, die Einsicht in das nur zu Erhoffende und die Wahrnehmung der Würde des Irrelevanten, also kurz all das, was Theologie thematisiert, wenn sie in Auslegung einer bestimmten Verstehenspraxis von Gott spricht.

Theologie ist daher nichts weniger als eine konsequente Hermeneutik des Lebens, die dieses auf das hin auslegt, was in ihm selbst niemals umfassend zur Darstellung kommen kann und ohne das es doch kein Leben, Verstehen und Interpretieren geben könnte. Von hier nimmt alles Verstehen, aber auch alles Nichtverstehen seinen Ausgang. Theologie ist so der Paradefall einer Interpretationspraxis, die dem Verstehen im Nichtverstehen und dem Nichtverstehen im Verstehen nachgeht. Sie ist intrinsisch hermeneutisch, und eben das könnte ein Indiz sein, dass die Hermeneutik auch dort, wo sie ganz anderes zu tun meint, intrinsisch theologisch ist.

1

Kant, Immanuel, Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseyns Gottes (1763), in: ders., Vorkritische Schriften, in: Werke in sechs Bänden, hg. v. Wilhelm Weischedel, Bd. 1, 616-738, 672 (AA II, 83).

2

Blumenberg, Hans, Theorie der Lebenswelt, hg. v. Manfred Sommer, Berlin 2010, 100-108.

3

Lügner, Heinz-Helmut, Routinen und Rituale in der Alltagskommunikation. Fernstudieneinheit 06: Fernstudienangebot Germanistik: Deutsch als Fremdsprache, Berlin 1997; Betsch, Tilmann, Wie beeinflussen Routinen das Entscheidungsverhalten?, in: Psychologische Rundschau 56 (2005), 261-270.

4

Joseph, Betty, Über Verstehen und Nicht-Verstehen: Einige technische Fragen, in: Psyche 40 (1986), 991-1106; Fohrmann, Jürgen, Über die (Un-)Verständlichkeit, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 68 (1994), 197-213; Schurz, Robert, Negative Hermeneutik: Zur sozialen Anthropologie des Nicht-Verstehens, Opladen 1995; Waldenfels, Bernhard, Jenseits von Sinn und Verstehen, in: ders., Vielstimmigkeit der Rede, Frankfurt a. M. 1999, 67-87; Chamrad, Evelyn, Der Mythos vom Verstehen: Ein Gang durch die Kunstgeschichte unter dem Aspekt des Verstehens und Nichtverstehens in der Bildinterpretation, Düsseldorf 2001; Simon, Josef, Verstehen und Nichtverstehen oder Der lange Abschied vom Sein, in: Internationales Jahrbuch für Hermeneutik 1 (2002), 1-19; Kogge, Werner, Die Grenzen des Verstehens: Kultur – Differenz – Diskretion, Weilerswist 2002; Albrecht, Juerg u. a. (Hg.), Kultur Nicht Verstehen. Produktives Nichtverstehen und Verstehen als Gestaltung, Zürich 2005; Dalferth, Ingolf U., Beyond Understanding? Transcending Our Limits and the Limits of Our Transcending, in: Grøn, Arne u. a. (Hg.), Subjectivity and Transcendence, Tübingen 2007, 37-54.

5

Shusterman, Richard, Von der Interpretation. Sprache und Erfahrung in Hermeneutik, Dekonstruktion und Pragmatismus, Wien 1996, 67ff.; Graeser, Andreas, Interpretation, Interpretativität und Interpretationismus, in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 21 (1996), 253-260; Angehrn, Emil, Interpretation und Dekonstruktion. Untersuchungen zur Hermeneutik, Weilerswist 2004, 204ff.; Stoellger, Philipp, Was sich nicht von selbst versteht. Ausblick auf eine Kunst des Nichtverstehens in theologischer Perspektive, in: Albrecht, Kultur Nicht Verstehen, 169-191; Ders., Wo Verstehen zum Problem wird. Einleitende Überlegungen zu Fremdverstehen und Nichtverstehen in Kunst, Gestaltung und Religion, in: Albrecht, Kultur Nicht Verstehen, 7-27; Ders., Vom Nichtverstehen aus. Abgründe und Anfangsgründe einer Hermeneutik der Religion, in: Dalferth, Ingolf U./Stoellger, Philipp (Hg.), Hermeneutik der Religion, Tübingen 2007, 59-89.

6

Dalferth, Beyond Understanding, 37-54.

7

Franz, Kurt, Johann Peter Hebel Kannitverstan. Ein Mißverständnis und seine Folgen. Texte, Kommentar, Abbildungen, München 1985.

8

Kogge, Werner, Die Grenzen des Verstehens: Kultur – Differenz – Diskretion, Weilerswist 2002; Ders., Die Kunst des Nichtverstehens, in: Albrecht, Kultur Nicht Verstehen, 83-108, 91-97.

9

Dalferth, Beyond Understanding?, 37-54.

10

Mersch, Dieter, Gibt es Verstehen?, in: Albrecht, Kultur Nicht Verstehen, 109-125.

11

Schurz, Negative Hermeneutik.

12

Stoellger, Wo Verstehen zum Problem wird, 13.

13

Kunstlehren explizieren Regeln, für deren Anwendung es keine Regeln gibt. Sie sind Versuche, Freiheit durch Regeln zu verstehen, die sie nicht zerstören, sondern durch die sie sich verwirklicht, und Regeln als die Art und Weise zu begreifen, in der Freiheit in der Gestaltung von Wirklichkeit wirksam wird.

14

Lonergan, Bernard, Insight: A Study of Human Understanding [1957], Toronto 1992, 22.

15

Auf der Reihenfolge liegt hier kein Gewicht. Es kann mit guten Gründen vertreten werden, dass wir ohne andere zu verstehen auch uns selbst oder anderes nicht verstehen können – oder umgekehrt.

16

Fellmann, Ferdinand, Das Paar. Eine erotische Rechtfertigung des Menschen, Berlin 2005.

17

Tomasello, Michael, Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation, Frankfurt a. M. 2009.

18

Als Alltagshermeneutik bietet sie im Rahmen konkreter Praktiken Auslegungen und Deutungen an, wie etwas verstanden werden könnte oder sollte. Als praktische Hermeneutik (oder hermeneutische Praxis) sucht sie problembezogen nach Methoden des Verstehens, die mit den verschiedenen Problembereichen variieren (Literatur, Recht, Religion, Medien, Internet). Als theoretische Hermeneutik (oder hermeneutische Theorie) reflektiert sie Phänomene und Probleme des Verstehens im Ausgang von konkreten Verstehenspraktiken mit dem Ziel, eine kritische philosophische Theorie des Verstehens zu entwerfen.

19

Es gibt keine Phänomene, die Menschen mit anderen Tieren teilten, ohne sie auf ganz spezifische Weise zu formen und durch Anpassung an ihre komplexeren Strukturen zu modifizieren. Das gilt für Stoffwechselprozesse, neurologische Informationsprozesse, Wahrnehmungsvorgänge, Stimmungen, Emotionen, Kognitionen oder Reflexionen von Menschen ebenso wie für ihre Interaktionen, Kommunikationen und Kollaborationen. Nichts geschieht an irgendeinem Punkt, ohne sich auf irgendeine Weise auch auf anderes auszuwirken. Die Wirkrichtung ist daher nie nur vom Einfachen zum Komplexen, sondern stets auch gegenläufig. Bottom up causation steht neben top down causation und umgekehrt. Sämtliche Momente menschlichen Lebens modifizieren sich im Lebensprozess gegenseitig. Der alte Organismusgedanke brachte das durch die Figur der wechselseitigen Bestimmung des Ganzen durch die Teile und der Teile durch das Ganze zum Ausdruck, so dass jeder Teil immer zugleich als Mittel und Zweck aller anderen fungiert. Dieses Ganzheitskonzept ist heute fragwürdig geworden und durch dynamischere Begriffe wie Emergenz, Einbeziehung, Einbildung und Einbettung im Rahmen des Konzepts eines lebenden Organismus als eines Stufenbaus offener Systeme abgelöst, der sich im Wechsel der Bestandteile selbst erhält. Die Einheit eines Ganzen ist keine Vorgegebenheit, sondern immer Resultat von Vereinheitlichungsoperationen und durch deren Vollzug bedingt. Ändern sich die Operationen, dann ändert sich auch die entsprechende Einheit, und werden diese Operationen durch komplexere Operationszusammenhänge überformt und bestimmt und in andere Operationszusammenhänge eingebunden, dann ändern sich mit ihrem Charakter auch ihre Resultate.

20

Dalferth, Ingolf U., Evangelische Theologie als Interpretationspraxis. Eine systematische Orientierung, Leipzig 2004, 60-76.

  • Collapse
  • Expand