Die Wiederkehr des Urteilens

Zu Rudolf Makkreels hermeneutischem Kontextualismus

In: Verstehen und Interpretieren
Author:
Tobias Keiling
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Zu den Grundbegriffen der Philosophischen Hermeneutik gehören alternative Beschreibungen für das eminente Phänomen der Hermeneutik, den Zugang zu hermeneutischer Wahrheit, oder, weniger terminologisch festgelegt: für hermeneutische Sinnerfahrung. Verstehen und Interpretieren sind die vermutlich wichtigsten Grundbegriffe zur Beschreibung eines hermeneutischen Weltzugangs. Auslegen oder Deuten sind Alternativen, die sich stärker am Paradigma des Textverstehens orientieren. Aber auch der Begriff der Erfahrung selbst kann als hermeneutischer Grundbegriff gefasst werden. Das Urteilen dagegen wird in der gegenwärtigen Hermeneutik selten als Grundform verstehenden Tuns angesetzt.

Das hat, mit Blick auf die Geschichte der Philosophischen Hermeneutik, vor allem mit der Kritik zu tun, die der junge Heidegger entwickelt und Gadamer übernimmt. Hermeneutik, wie Heidegger sie versteht, kann nur dann eine Artikulation des Lebens in seiner Faktizität sein, wenn sie dieses in seinem Vollzugssinn erfasst. Der sogenannte Bezugssinn, die am Gegenständlichen orientierte Artikulation des Lebens, findet dagegen keinen Zugang zu der dem Leben eigenen Dynamik von Sinnkonstitution.1 Der Bezugssinn erfasst weder die Vergangenheit gegenwärtigen Sinns, noch die Zukunftsgerichtheit des Verstehens. Aber gerade diese Ausrichtung auf die Zukunft – Heideggers Paradigma ist die Naherwartung der Paulinischen Briefe2 – definiert die »Sorge« als kognitiv-praktische Grundbestimmung des Menschseins. Die zukunftsgerichtete Dynamik des menschlichen Lebens konstituiert für Heidegger jenen Sinn, der im Lebensvollzug verstanden wird und der auszulegen ist.3 Gegen die »Generalherrschaft des Theoretischen«,4 die Heidegger der Phänomenologie Husserls zuschreibt, geht es Heidegger um einen Primat hermeneutischer Praxis.

Diese Konzeption einer Philosophischen Hermeneutik ist gerade gegen das Urteilen gerichtet: Aufgrund ihrer propositionalen Form sind Urteile nicht nur ungeeignet, den Vollzugssinn des Lebens zu artikulieren. Urteile sind zwar konstitutiv für die Artikulation eines theoretischen Weltzugangs und für die Zuschreibung von Objektivität, aber sie verdecken die genuine Sinnerfahrung. Die Aussage ist, wie es in Sein und Zeit heißt, nicht der originäre »›Ort‹ der Wahrheit« – Urteile können damit bestenfalls eine abgeleitete Wahrheit zum Ausdruck bringen.5 Aber nicht nur für die Epistemologie, auch für die Ontologie hat die Orientierung am Urteilen – folgt man Heidegger – problematische Konsequenzen: Die Vorstellung, der »Dingbau« entspreche dem »Satzbau«, liegt nach Heideggers Analyse einer Substanzontologie zugrunde.6 In verschiedenen Bereichen wird so deutlich, dass Heideggers Konzeption der Hermeneutik auf der Ablehnung des Urteilens als Grundform eines hermeneutischen Weltzugangs beruht. Gadamer übernimmt diese Überzeugung bereits in der Gegenüberstellung methodischer und hermeneutischer Wahrheit. Zwar beginnt Wahrheit und Methode mit einem Plädoyer für Urteilskraft als humanistischem Leitbegriff der Hermeneutik, die allerdings mit dem sensus communis, dem common sense und der aristotelischen phronesis mehr oder weniger identifiziert wird.7 Das Urteilen gerät darüber aus dem Blick.

1

Heideggers und Gadamers Dynamisierung des Verstehens ist jedoch mit einem Problem konfrontiert, das mit der Ablehnung des Urteilens zusammenhängen könnte: Wenn Verstehen im wesentlichen eine auf die Unbestimmtheit der Zukunft gerichtete Praxis oder durch die Überlieferung geschieht, welche die hermeneutische Wahrheitserfahrung ausmacht, dann droht Verstehen beliebig zu werden. Es ist nicht mehr klar, woran sich das Verstehen eigentlich halten soll, wenn es gewissermaßen reines Tun ist, sei es das sich entwerfende Sorgen menschlichen Daseins oder, mit Gadamers Formulierung, »das Tun der Sache selbst«8. Wenn Sinn aus einer menschlichen Praxis oder einem ontologischen Geschichtsprozess in dynamischer Weise generiert wird, ist schwer zu sehen, was bleibende Fixpunkte des Verstehens sein können und wie sich auf diese auch eine kritische Distanznahme zur hermeneutischen Erfahrung gründen kann. Das hat zur Folge, dass auch unklar wird, wofür Interpreten eigentlich Verantwortung übernehmen und wie sich hermeneutische Subjektivität noch verstehen lässt. Gadamer etwa versteht den Gedanken einer ahistorischen transzendentalen Subjektivität als »Zerrspiegel«9, legt aber auch keine positive Bestimmung hermeneutischer Subjektivität vor. Das könnte eben daran liegen, dass sich eine so verstandene Hermeneutik von ihrem Paradigma des Verstehens von Texten oder anderen kulturellen Zeugnissen und Formen zu weit entfernt. Denn auf die Frage, worauf sich die hermeneutische Erfahrung denn eigentlich richte, müsste man nämlich eine nicht nur vage, sondern in problematischer Weise diffuse Antwort geben wie ›den Sinn‹, ›die Sprache‹, ›das Leben‹, ›die Geschichte‹ oder ›die Tradition‹. Die Antwort: ›Das Verstehen richtet sich auf diesen Text oder jenes Bild‹, wäre dagegen konstitutiv ungenügend, weil sie die das Verstehen ermöglichende und leitende inhärente zeitliche oder geschichtliche Dynamik konstitutiv verfehlt.

Besonders Günter Figal hat auf dieses Problem aufmerksam gemacht und bietet als Lösung eine Hermeneutik der Gegenständlichkeit an. Er unterscheidet verschiedene hermeneutische Grundbegriffe – Verstehen, Interpretieren, Auslegen, Deuten – als Weisen, den Sinn eines konkreten, gegenständlichen Bezugspunkts zu entfalten.10 Dies ist explizit als eine Rehabilitierung des Bezugssinns gegenüber dem Vollzugssinn gedacht. Während die Philosophie Heideggers ebenso wie die Gadamers und die moderne Philosophie insgesamt als anti-realistisches »Entgegenständlichungsunternehmen« erscheint,11 will Figal die Gegenständlichkeit und Äußerlichkeit des Korrelats hermeneutischer Bemühungen hervorheben. Das führt ihn zu einer Umdeutung des Weltbegriffs zum Begriff eines »hermeneutischen Raums«, der unscheinbar Bedingung und Medium der realen Manifestation von Sinn ist.12 Entsprechend sind auch die hermeneutischen Bemühungen, Sinn zu verstehen als Operationen im Raum zu verstehen. Figal ist daher auch um den Nachweis bemüht, dass Begriffsbildung und -verwendung konstitutiv räumlich sind.13

Ohne diese Konsequenz zu ziehen, lässt sich im Anschluss an Figal festhalten, dass der Verlust ihrer gegenständlichen oder realistischen Ausrichtung ein genuines Problem für eine philosophische Hermeneutik darstellt, wenn dadurch das Modell des Textverstehens tendenziell überboten wird und letztlich nicht mehr maßgeblich ist.14 Es erscheint durchaus plausibel, hervorzuheben, es liege im Begriff der Hermeneutik, dass es mit dem Text oder einem anderen Gegenstand ein reales Korrelat der Interpretation gibt. Das kann man sich dadurch erläutern, dass Heideggers Versuch problematisch ist, Bezugssinn auf Vollzugssinn zu reduzieren. Besonders die Pluralität von Formen des Verstehens und Wissen führt auf diese Konsequenz, denn ein Konflikt von Interpretationen wird gerade dadurch definiert, dasselbe auf verschiedene Weise zu verstehen. Auch Michael Forster hat darauf aufmerksam gemacht, dass hermeneutische Rationalität dank ihres Bezugspunkts in einem zu interpretierenden Text sogar die Relativität von conceptual schemes beschreiben kann.15 Forster verbindet dies mit dem Gedanken, Hermeneutik allein als Philosophie des Textverstehens zu konzipieren.16 Damit verliert das Textverstehen jedoch seinen paradigmatischen Status für eine universale philosophische Hermeneutik.

Will man dagegen an der von Gadamer proklamierten Universalität der Hermeneutik festhalten, dann stellt sich die Aufgabe, die Möglichkeit des Verstehens nicht durch eine bestimmte positive Metaphysik zu sichern, wie das in Wahrheit und Methode in der »ontologischen Wende der Hermeneutik am Leitfaden der Sprache«17 geschieht. Figals Raumphilosophie stellt zu dieser Ontologie eine Alternative dar. Doch seine Rehabilitierung der Gegenständlichkeit verpflichtet darauf, die Räumlichkeit des Sinns in ähnlicher Weise als Ermöglichung und universales Medium des Verstehens anzunehmen wie Gadamer dies für »die spekulative Struktur der Sprache«18 vorschlägt. Wenn die Rede vom »hermeneutischen Raum« mehr sein soll als eine – womöglich absolute – Metapher, dann zwingt das zu einer Rekonstruktion hermeneutischer oder logischer Operationen als Beschreibungen räumlicher Verhältnisse oder Bewegungen, wie Figal sie mit der These der konstitutiven Räumlichkeit jeder Begriffsverwendung auch versucht.19 So gut die Raumphilosophie sich als Beschreibung der Möglichkeitsbedingungen von Verstehen eignen mag, sie muss auch alternative Beschreibungen der Tätigkeit des Verstehens geben können, will sie der falschen Alternative von Bezugs- und Vollzugssinn entkommen und Universalität wie Pluralität des Verstehens gleichermaßen einsichtig machen. Nur wenn das gelingt, kann Textverstehen zu einem plausiblen Paradigma für eine Hermeneutik werden, die ihren Universalitätsanspruch zwar anders artikuliert, aber beibehält.

2

Wenn diese Überlegungen zur Theoriebildung der Hermeneutik stimmig sind, dann ist Rudolf Makkreels Entwurf einer Hermeneutik, die ich als ›hermeneutischen Kontextualismus‹ bezeichnen möchte, von besonderem Interesse. Denn im Zentrum diese hermeneutischen Entwurfs steht eine Beschreibung hermeneutischen Tuns, die eine alternative Lösung für das Problem der absoluten Dynamisierung von Verstehen gibt. Dieser Vorschlag ist zwar ungewöhnlich, weil gerade das Urteilen als Grundform des Verstehens rehabilitiert werden soll. Allerdings birgt genau dies auch das Potential, nicht nur an die klassische deutsche Philosophie, sondern auch an andere philosophische Traditionsstränge anzuschließen, die dem Urteilen weniger kritisch gegenüberstehen als die von Heidegger ausgehende Hermeneutik. Zudem liegt es im Begriff des Urteils, dass seine Geltung zwar nicht absolut, aber auch relativ beständig ist. In diesem emphatischeren Sinne sind Urteile nicht bloß Propositionen, sondern eventuell revisionsbedürftige, aber als bleibende auch revisionsfähige Fixpunkte des Verstehens.

Die Theorie des Urteilens, die Makkreel in Orientation and Judgment (2015) vorstellt, entwickelt sich sehr eng an seinen historischen Vorbildern Kant und Dilthey. Doch obwohl neben Husserl gerade diese beiden Autoren das Ziel der von Heidegger und Gadamer vorgebrachten Kritik ist, gelingt Makkreel eine äußerst differenzierte Darstellung und damit die Erneuerung einer stärker transzendentalphilosophisch ausgerichteten Hermeneutik. Dennoch möchte ich Makkreels Buch weniger als eine Rehabilitierung seiner Quellen denn als systematischen Vorschlag interpretieren, wie sich Hermeneutik als Theorie des Urteilens entfalten könnte und dabei das Problem einer überzogenen Dynamisierung des Verstehens vermeiden. Auch wenn Makkreels Buch die ›Orientierung‹ bereits im Titel trägt, ist es jedoch keine raumtheoretische Reformulierung des Verstehens als Urteilen. Zwar suggeriert Jeff Malpas dies in einer Rezension von Makkreels Buch, aber mir scheint Makkreels Ansatz von dem einer topologischen Hermeneutik sehr verschieden, wie sie Malpas selbst vertritt und wie man sie als Aspekt einer räumlichen Hermeneutik im Sinne Figals verstehen könnte (worauf Malpas selbst hinweist)20. Bei Makkreels Beschreibung des Urteilens, die ich im folgenden rekonstruieren möchten, spielen räumliche Ausdrücke oder Raummetaphern zwar eine große Rolle. Aber seine Rehabilitierung des Urteilens zielt weder auf eine Bestimmung der (räumlichen) Bedingungen, unter denen Verstehen überhaupt möglich ist, wie Figals hermeneutische Phänomenologie, noch auf eine (primär räumliche) Beschreibung des Verstehens als topologisch, wie Malpas sie entwickelt,21 sondern auf eine Neubestimmung hermeneutischer Rationalität, indem sie die Tätigkeit des Verstehens wieder als Urteilen spezifiziert. Gerade diese Kombination einer Beschreibung von Urteilsvollzügen in räumlichem Vokabular mit der Zielsetzung einer Theorie hermeneutischer Rationalität macht das Spezifische von Makkreels Ansatz aus. Sie führt allerdings nicht, wie ich im letzten Abschnitt zeigen möchte, zu einer Privilegierung der Räumlichkeit des Verstehens.

Makkreel schlägt vor, als hermeneutische Grundoperationen das Urteilen (judging, judgment) und das Sich-Orientieren (orientation) anzusetzen. Beide unterscheidet und verbindet das Verhältnis zum Kontext (context) eines Urteils: Während ein Urteil immer innerhalb eines bestimmen Verstehenskontexts ausgesprochen wird und in dessen Rahmen gilt, gehört es zur Fähigkeit sich im hermeneutischen Sinne zu orientieren, die richtigen Kontexte für das plausible Verständnis eines Textes, einer historischen Quelle oder eines anderen kulturellen Zeugnisses auszuwählen. Hermeneutische Wahrheit ergibt sich nicht durch die Einbindung in einen ›absoluten Kontext‹ wie jenen des Seins, des Lebens, der Geschichte oder der Überlieferung, sondern durch die Fähigkeit, Kontexte unterscheiden und koordinieren zu können.22

Makkreel setzt explizit ebenfalls beim Problem des Verlusts eines gegenständlichen Bezugspunkts hermeneutischer Erfahrung an:

The aim of understanding is to grasp what is distinctive about a work. Toward that end, interpretation brings more encompassing contexts and relevant variables to bear. Interpretation is a relational process that involves insight and judgment in restructuring what is to be understood – it is not a process of simple mediation where horizons become fused. […] What makes a work of art significant […] is that there is always a hard ›factical core‹ that is stylistically distinctive as an intersection of the aesthetic and the historical.23

Gegen Gadamer argumentiert Makkreel also dafür, dass im Zentrum einer Interpretation immer das Interpretierte stehen muss. Dessen Faktizität besteht gerade darin, als Kreuzungspunkt verschiedener Kontexte etwas anderes als bloßer Vermittlungspunkt von Verstehenshorizonten zu sein.

Interpretation, wie Makkreel sie versteht, vollzieht sich dann dadurch, das zu Interpretierende, Unverstandene in verschiedene und sich erweiternde Verstehenskontexte einzuordnen und innerhalb dieser zu beurteilen. Es geht also nicht darum, das interpretandum und seinen Horizont in den eigenen hinein zu holen oder beide eins werden zu lassen, wie dies Gadamer als »Horizontverschmelzung« beschreibt.24 Vielmehr geschieht Verstehen durch Lokalisierung des Konkreten in verschiedenen Kontexten im Urteilen. Das Urteilen ist jedoch selbst nicht horizonthaft oder horizontbildend. Makkreel sagt wenig über seinen Begriff von ›Kontext‹, aber Kontexte sind offenbar dadurch bestimmt, dass sie das interpretandum umfassen, welches den bleibenden »faktischen« Kern der Interpretation ausmacht. Die Kontexte eines Urteils sind in ungegenständlicher Weise mit dem interpretandum mit da, sind in diesem als Möglichkeiten angelegt und werden im Urteilen aktualisiert. Makkreel ist in seinen Beschreibungen nahe an Husserls Verständnis von Horizontintentionalität, wenn Husserl Horizonte als einem Gegenstand zugehörige Erscheinungsweisen diesen jeweils zuordnet. Horizonte sind für ihn »vorgezeichnete Potentialitäten« der Erfahrung, und das scheint für Makkreels Kontexte ebenso zu gelten.25 Im Verstehen werden dann jene Horizonte möglichen Verstehens, die im interpretierten Text oder Werk ihr Zentrum haben, als Kontext eines Urteils über diesen Gegenstand aktualisiert.26 Bereits diese Beschreibung lässt deutlich werden, dass Makkreel den Fall ausschließt, ein einzelner Kontext könne hinreichende Bedingungen enthalten, um ein interpretandum vollständig zu erklären. Dadurch ist auch ausgeschlossen, dass ein Kontext als Ensemble praktisch koordinierter Sinnproduktion – mit Wittgenstein: als eine Lebensform – auftritt, durch die der zu interpretierende Text gänzlich erklärt werden kann. Der ›hermeneutische Kontextualismus‹ beschreibt nicht allein epistemische Fähigkeiten, Sprach- oder Lebensformen,27 sondern immer etwas, das durch diese Fähigkeiten in einer Pluralität von unterscheidbaren Kontexten verständlich wird. In der Interpretation werden das interpretandum und seine verschiedenen Kontexte in einem Urteil zwar jeweils aufeinander bezogen werden, aber nicht aufeinander reduziert. Das macht ›das Realistische‹ dieses hermeneutischen Ansatzes aus.28

In diesem Punkt unterscheidet sich Makkreels Ansatz allerdings auch deutlich von Varianten eines pragmatischen Kontextualismus, die sich stärker an Wittgenstein orientieren. Jocelyn Benoist beispielsweise wirft der gegenwärtigen Metaphysik vor, eine falsche Alternative zwischen akontextuellem und realistischem Verstehen zu eröffnen. Dabei sei gerade ein pragmatischer Kontextualismus realistisch, der auf die Kontextabhängigkeit von Wissen und Wirklichkeitszuschreibungen achtet.29 Die von Markus Gabriel entwickelte Ontologie kommt einer phänomenologisch-hermeneutischen Variante des Kontextualismus dagegen näher. Denn Gabriel geht von einer Korrelation von Gegenständen und Erfahrungsmöglichkeiten aus, die Gabriel »Sinnfelder« nennt.30 Von hier aus ist es nur ein Schritt, diese Sinnfelder als Urteilskontexte im Sinne Makkreels zu deuten. Der epistemologische Pluralismus verschiedener Erkenntnisformen, deren metaphysische Möglichkeitsbedingungen Gabriel beschreibt, ließe sich somit mit einem hermeneutischen Kontextualismus verbinden.31 Allerdings erlaubt Gabriel indefinit viele Sinnfelder, während Makkreel in Orientierung an Kant eine ganz bestimmte Anzahl und Struktur von Kontexten beschreibt. Dass es andere Urteilskontexte gibt, schließt Makkreel zwar nicht aus, diskutiert aber nur einige, die sich aus seiner Auseinandersetzung mit Kant und Dilthey ergeben.

Konkret benennt Makkreel sechs Kontexte, in denen Gegenstände durch Urteile lokalisiert werden können. Die ersten vier Kontexte ergeben sich im direkten Anschluss an eine Passage der Kritik der Urteilskraft.32 Jeweils kommt es für die Beschreibung dieser Kontexte darauf an, wie sich im Zusammenhang des jeweiligen Kontexts Begriffe zu ihren Objekten verhalten und damit eine Urteilsform präformieren:

1. »Feld« (field) bezeichnet jenen Kontext, in dem, so Kant, »Begriffe […] nach dem Verhältnisse, das ihr Objekt zu unserem Erkenntnisvermögen überhaupt hat«33 bestimmt sind. Das Feld zeichnet also die Modalität des logisch Möglichen aus.

2. »Boden« (territory) bezeichnet jenen Kontext, in dem Menschen »Erkenntnis möglich«34 ist. Diesem Kontext korrespondiert also die Modalität des Wirklichen und als solchen Erkennbaren.

3. »Gebiet« (domain) bezeichnet jenen Kontext, in dem das Wirkliche als gesetzmäßig strukturiert beschreiben wird, sei es durch Naturgesetze oder durch das Sittengesetz. Ein Gebiet meint für Kant demnach, wie Makkreel paraphrasiert, eine »objective and necessary order«35.

4. »Aufenthalt« (habitat) bezeichnet jenen Kontext, in dem sich nur empirische Begriffe verwenden lassen, die zwar gegenstandsbezogen und allgemein sind, aber den Kontext des Aufenthalts nicht notwendig strukturieren. Begriffe des Aufenthalts sind, so Kant, »zwar gesetzlich entstanden, aber nicht gesetzgebend«36. Den Aufenthalt zeichnet also eine subjektive und, modal betrachtet, kontingente Ordnung der Begriffe aus.

Makkreel fügt diesen vier Kontexten, die in der Einleitung zur Kritik der Urteilskraft aufgezählt werden, zwei weitere hinzu. Den fünften »hermeneutical context«37 bezeichnet er als

5. »Organismus« (organism): Im Anschluss an die Diskussion in der Naturphilosophie der Kritik der Urteilskraft beschreibt Makkreel einen Organismus als System, das sich durch die Fähigkeit zur Ein- und Ausschließung auszeichnet. Der Organismus als hermeneutischer Kontext ist, wie Makkreel paraphrasiert, »a special system that establishes its own immanent bounds as it actively responds to its surroundings […] a self-bounding reflective system«38. Diese spezifische Form der Grenzziehung ist es, die von etwas ausgesagt wird, wenn es als ›organisch‹ oder ›lebendig‹ bezeichnet wird.

Während dieser Kontext wie die ersten vier auf Kants Theorie der Erkenntnis der Natur zurückgeht, stellt der sechste Kontext, den Makkreel nennt, einen Schritt über dieses Paradigma hinaus. Er macht darauf aufmerksam, dass als Theorie hermeneutischer Kontexte sich die genannten Unterscheidungen auch auf die historische Welt anwenden lassen. Das gilt insbesondere vom sechsten Kontext:

6. Gemeinschaftlichkeit (»commonality«: »mediums of commonality«39 ) sind etwa historische Zeitgenossenschaft, aber auch Medien und Formen ästhetischer Erfahrung. Jeweils handelt es sich um geteilte kulturelle Voraussetzungen, um etwas in seiner kulturellen Bedeutung verstehen und beurteilen zu können.

In der Beschreibung der Funktionsweise dieser Urteilskontexte (judgmental contexts40 ) ist für Makkreel nun entscheidend, dass trotz der räumlichen Begriffe, die Kant gebraucht, diese Kontexte jeweils reflektive Schemata (reflective schemata41 ) bereitstellen, um zu einem Urteil zu gelangen. Schon Kant selbst halte dabei fest, dass verschiedene Kontexte dasselbe Objekt erfassen können.42 Die Pointe dieser Beschreibungen besteht nun darin, dass Reflexionsurteile über dasselbe je nach Kontext verschiedene »levels of commitment«43 mit sich bringen. Es gibt mithin eine konstitutive Pluralität von Verstehensformen, die nicht allein in der Tätigkeit des Urteilens, sondern in jenem hermeneutischen Gegenstand verschränkt sind, der beurteilt wird.

Diese Überlegung macht deutlich, dass Kants Unterscheidung verschiedener Kontexte die Vorstellung zu Grunde liegt, die Zuordnung zu Begriffen geschehe in so etwas wie einem homogenen Medium logischer Beurteilung. Genau das könnte nahelegen, hier von räumlichen Verhältnissen zu sprechen. Spätestens in ihrer hermeneutischen Transformation handelt es sich nicht mehr um Begriffe einer Naturphilosophie, sondern um die Beschreibung von allgemeinen Grundformen des Verstehens.44 Hermeneutisches Urteilen gebraucht immer, mit Kant gesagt, reflektierende Urteilskraft. Der Gedanke, dass dasselbe interpretandum in verschiedene Kontexte einzuordnen ist, macht deutlich, dass auch jene Kontexte – die Gebiete des Wissens, nach der Kant-Makkreelschen Terminologie – in denen bestimmend geurteilt wird, einen Gegenstand nicht vollständig erfassen. Reflexionsurteile zum Paradigma für alles für das hermeneutische Verstehen überhaupt zu erklären und mit der Beschreibung von Urteilskontexten zu verbinden, hat den Vorzug, die Unabschließbarkeit des Verstehens positiv als Möglichkeit weiterer Urteile über dasselbe zu verstehen, die es in neuen Kontexten verorten und so einen anderen Sinnzusammenhang aktualisieren.45

Das wirft jedoch die Frage auf, wie sich solche jeweils relativ, aber nicht absolut bestimmenden Kontexte zueinander verhalten. Es ist offensichtlich, dass Makkreel hier raumbezogene Ausdrücke für die Beschreibung hermeneutischer Urteilskraft verwendet, so dass Malpas’ Interpretation durchaus Anhalt im Text an. Denn Makkreel beschreibt das Verhältnis verschiedener Kontexte in Anlehnung an Kants Amphibolie der Reflexionsbegriffe zunächst als Amphibolie reflektiver Orientierung (»amphiboly of reflective orientation«46 ). Diese leiste eine Koordinierung verschiedener Bezugssysteme, und in dieser Beschreibung setzt sich räumliches Vokabular wieder durch: »Hermeneutics […] cannot content itself with merely locating and specifying the appropriate contextual frames for inquiry. […] In view of the failure to establish the subordination of everything to one overarching system, hermeneutics seeks instead the coordination of varied frame of reference.«47

Orientierung (orientation) ist mithin, wiederum im Anschluss an Kant, Makkreels Oberbegriff für eine Kontext-Koordination. Kontexte sind, wie Makkreel explizit sagt, »quasi-spatial«48. Makkreel verbindet dies mit Kants Beschreibung ästhetischer Erfahrung in der Kritik der Urteilskraft: Die begriffsbezogene, aber nicht durch Begriffe festgelegte Tätigkeit der Einbildungskraft erlaubt es, mögliche Orientierungskontexte zu erfassen, um diese reflektierend zu bewerten.49 Diesen »recontextualizing mode of schematization«50 versteht er als Erläuterungen der phänomenologischen Epoché und der hermeneutischen Leitmetapher der »Offenheit« des Verstehens.51 Auch hier ist eine räumliche Konnotation unüberhörbar.

3

Dennoch wertet Makkreel die so angesprochene Räumlichkeit nicht als (topologisches) Prinzip des Verstehens oder als (unscheinbare) Bedingung von Verstehen überhaupt. Die Räumlichkeit des Verstehens gewinnt, ausgehend von den begrifflichen Entscheidungen Kants, bei ihm eher den Status einer absoluten Metapher. Makkreels Kant wird so zum Vordenker von Ausdrücken wie ›logischer Raum‹ oder ›Raum der Gründe‹, welche gegenwärtige Beschreibungen von Rationalität prägen und besonders von Wittgenstein ausgehen.52 Seine Pointe ist jedoch nicht so sehr ein Vorrang räumlicher Kategorien zur Bestimmung des Verstehens, wie Malpas das in seiner Rezension nahelegt, sondern die Möglichkeit, aus einer transzendentalen Logik eine alternative Beschreibung für die Gleichordnung von Raum und Zeit als logischen Formen zu entwickeln. Denn Makkreel stellt neben die räumlichen Bestimmungen, die sich aus Kants und seiner Metaphorik ergeben, eine Beschreibung des zeitlichen Aspekts im Urteilsvollzug. Wiederum im Anschluss an Kants eigene Unterscheidung verschiedener Formen des Urteilens in seiner Logik hebt Makkreel vor allem den Gedanken hervor, es könne vorläufige Urteile geben, die eine Sache noch nicht abschließend, sondern eben nur vorläufig und damit im Bewusstsein der Unvollständigkeit in einen Kontext einordnen, hinsichtlich der Zuordnung zu anderen Kontexten aber unbestimmt bleiben. Diese Beschreibung vorläufiger Urteile ist Makkreels kantische Alternative zu Gadamers Theorie der »Vorurteile« als wesentlicher Vollzugsform des Verstehens.53 Während Kontexte »quasi-spatial« sind, beschreiben diese verschiedenen Phasen eine zeitliche Ordnung des Urteilsvollzugs. Makkreels Charakterisierung der zeitlichen Dimension des Verstehensvollzugs möchte ich abschließend skizzieren. Diese beschreibt drei Phasen, die er Assimilation (assimilation), Akquisition (acquisition) und Aneignung (appropriation) nennt und zu dem führen, was Makkreel in Anlehnung an Dilthey als genuin historisches Verstehen (historical understanding54 ) bezeichnet:

1. Assimilation erzeugt Alltags- oder Lebenswissen (everyday life- knowledge), »an experiential intake where the subjective certainties of everyday life coalesce with what we inherit from the past and take for granted in our local community«55.

2. Durch einen Prozess der Akquisition entsteht begriffliches Wissen, worunter Makkreel das Wissen der Natur- und Geisteswissenschaften fasst, das auf Grundlage der Methoden der verschiedenen Disziplinen entsteht.56

3. Der dritte Schritt der Aneignung wiederum führt zu reflexivem Wissen, etwa durch die Artikulation eines Weltbilds (worldview). In diesem verbindet sich eine bewertende Stellungnahme mit dem Ziel einer »encompassing perspective on reality«57.

Diese drei verschiedenen Operationen im Umgang mit Wissen mit ihren jeweils eigenen Zeitverhältnissen stehen jedoch nicht einfach neben den verschiedenen Kontexte des Urteilens als quasi-räumlichen Bestimmungen. Makkreels Pointe besteht vielmehr darin, dass beide konstitutiv interagieren:

We can relate these three phases to what was said about hermeneutical contextualization. Assimilation situates us relative to the familiarity of a local habitat and the commonality of heritage, which acquisition then reorganizes in terms of various theoretical and practical domains that appeal to universal rules. Finally, appropriation relates these conceptual system to the broader territory of human experience that provides the framework for reflection. In each instance, we see a process of recontextualization.58

Was Makkreel damit gewinnt, lässt sich am besten im Anschluss an die Architektonik von Kants Kritiken beschreiben: Er nutzt die komplexere Logik der Reflexionsurteile und vorläufigen Urteile um in einer Art Umstülpung der Kantischen Erkenntnistheorie Zeitlichkeit und Räumlichkeit nicht nur als Kategorien intuitiven Verstehens, sondern als Medien logischer Beurteilung zu denken. In beiden Dimensionen ist dabei entscheidend, dass Kontextualisierung eine weitere Rekontextualisierung erlaubt. Ein vernünftiger Umgang mit der Kontextgebundenheit des Urteilens definiert sich dann durch eine besondere Aufmerksamkeit auf die für jedes Verstehen konstitutive partielle Unbestimmtheit des Verstandenen. Damit wird der Gedanke hermeneutischer Offenheit, die bei Heidegger erst zeitlich (Offenheit der Zukunft), dann räumlich (Offenheit der Lichtung) verstanden wird, und die Gadamer geschichtlich fasst, in eine Beschreibung hermeneutischen Urteilens integriert. Zeitlichkeit und Räumlichkeit werden so zu gleichgeordneten Dimensionen des Verstehens. Durch diese Aufmerksamkeit auf die partielle Unbestimmtheit bietet Makreels Hermeneutik einen kategorialen Rahmen, der das Problem der Dynamisierung des Verstehens angeht, ohne Zeit oder Raum zu privilegieren. Vielmehr zeichnet sich Makkreels Hermeneutik durch die Kantische Bescheidenheit aus, allein die verschiedenen Strukturen und Formen von Rationalität einsichtig zu machen.

Diese Bescheidenheit führt auch dazu, dass seine Theorie systematisch unvollständig bleibt, weil sie ihre metaphysischen Voraussetzungen nicht klärt: Was folgt etwa aus der Beobachtung, dass Verstehen sich an einem »hard ›factical core‹«59 orientieren kann? Dem semantischen Externalismus und dem impliziten Realismus, den diese Beobachtung implizieren, wird eine Kantische Metaphysik kaum Rechnung tragen können, auf die sich Makreel auch nicht stützt. Es läge vielmehr in der Konsequenz seiner Überlegungen, seine Theorie hermeneutischer Rationalität mit gegenwärtigen Vorschlägen für eine ›realistische‹ Metaphysik zu verbinden, ohne dabei die Kontextgebundenheit auch metaphysischer Urteile aus den Augen zu verlieren. Vielmehr würde sich gerade die Aufgabe stellen, eine Metaphysik zu entwickeln, die der Gegenständlichkeit des Sinns ebenso gerecht wird wie der unaufhebbaren Pluralität und partiellen Unbestimmtheit der Verstehenskontexte. Die Welt, in der wir uns mit unseren Urteilen orientieren, ist zwar real, aber sicher nicht eindeutig.60

1

Heidegger, Martin, Ontologie. Hermeneutik der Faktizität, hg. v. Käte Bröcker-Oltmanns, GA 63, Frankfurt a. M. 1988, 9.

2

Heidegger, Martin, Phänomenologie des religiösen Lebens, hg. v. Matthias Jung und Thomas Regehly, GA 60, 3-156.

3

Heidegger, Martin, Sein und Zeit, hg. v. Friedrich-Wilhelm von Herrmann, GA 2, Frankfurt a. M. 1975, 197-204.

4

Heidegger, Martin, Zur Bestimmung der Philosophie, hg. v. Bernd Heimbüchel, GA 56/57, Frankfurt a. M. 1987, 87.

5

Heidegger, Sein und Zeit, 299.

6

Heidegger, Martin, Der Ursprung des Kunstwerkes, in: ders., Holzwege, hg. v. Friedrich-Wilhelm von Herrmann, GA 5, Frankfurt a. M. 22003, 1-74, 6. Vgl. Heidegger, Martin, Die Frage nach dem Ding. Zu Kants Lehre von den transzendentalen Grundsätzen, hg. v. Petra Jaeger, GA 41, Frankfurt a. M. 1984. Zu der sich daraus ergebenden Kant-Lektüre Heideggers, vgl. Neuber, Simone, Alle Wegen führen zu Kant. Heideggers Vorlesung ›Die Frage nach dem Ding‹ und das Programm einer ›aneignenden Verwandlung‹ Kants, in: Frischmann, Bärbel (Hg.), Sprache, Dichtung, Philosophie. Heidegger und der Deutsche Idealismus, Freiburg i. Br. 2010, 174-190.

7

Vgl. Gadamer, Hans-Georg, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik [1960], GW 1, Tübingen 1990, 15-47. Zu Gadamers Humanismus vgl. Keiling, Tobias, Hermeneutic Humanism. Sketches for a Reading of Gadamer, in: International Yearbook for Hermeneutics 15 (2016), 145-162.

8

Gadamer, Wahrheit und Methode, 467. Vgl. zu dieser Formulierung Figal, Günter, Das Tun der Sache selbst. Gadamers hermeneutische Ontologie der Sprache, in: ders., Verstehensfragen. Studien zur phänomenologisch-hermeneutischen Philosophie, Tübingen 2009, 63-85.

9

Gadamer, Wahrheit und Methode, 281.

10

Figal, Günter, Gegenständlichkeit. Das Hermeneutische und die Philosophie, Tübingen 2006, 104-125.

11

Ebd., 126.

12

Ebd., 143-182. Vgl. Figal, Günter, Unscheinbarkeit. Der Raum der Phänomenologie, Tübingen 2015, 9-88.

13

Figal, Unscheinbarkeit, 239-278.

14

Gadamer selbst zieht eine ähnliche Konsequenz, wenn er nach Wahrheit und Methode den Textbegriff ins Zentrum seiner Überlegungen stellt. Vgl. Gadamer, Hans-Georg, Text und Interpretation, in: Wahrheit und Methode. Ergänzungen. Register, GW 2, Tübingen 1986, 330-360.

15

Vgl. Forster, Michael N., On the Very Idea Of Denying the Existence of Radically Different Conceptual Schemes, in: Inquiry 41 (1998), 133-185.

16

Vgl. Forster, Michael N., Art. Hermeneutics, in: Leiter, Brian/Rosen, Michael (Hg.), The Oxford Handbook of Continental Philosophy, Oxford 2007, 30-74.

17

Gadamer, Wahrheit und Methode, 386-494.

18

Ebd., 460.

19

Figal, Unscheinbarkeit, 239-278.

20

Vgl. Malpas, Jeff, Rez.: Rudolf Makkreel, Orientation and Judgment in Hermeneutics, Notre Dame Philosphical Reviews, abrufbar unter: http://ndpr.nd.edu/news/64195-orientation-and-judgment-in-hermeneutics/(22.4.2019).

21

Vgl. Malpas, Jeff, Place and Experience. A Philosophical Topography, Cambridge 2008.

22

Auch andere gegenwärtige Entwürfe haben vorgeschlagen, ›Orientierung‹‚ als Leitbegriff einer Theorie des Verstehens zu gebrauchen. Der Begriff scheint daher in besonderer Weise geeignet, Rationalität in Zeiten des ›spatial turn‹ neu zu konzipieren. Vgl. Ingolf U. Dalferth, Die Kunst des Verstehens, Tübingen 2018, 22-26; Werner Stegmaier, Philosophie der Orientierung, Berlin/New York 2008.

23

Makkreel, Rudolf, Orientation and Judgment in Hermeneutics, Chicago 2015, 41.

24

Gadamer, Wahrheit und Methode, 311.

25

Vgl. Husserl, Edmund, Cartesianische Mediationen und Pariser Vorträge, hg. v. Stephan Strasser, Husserliana I, Den Haag 1950, 82. Husserl verwendet den Horizontbegriff primär im Sinne eines solchen ›Dinghorizonts‹, während Heidegger und Gadamer den Begriff stärker im Sinne einer subjektiven, ›horizontbildenden‹, ›entwerfenden‹ Leistung verstehen. Vgl. Keiling, Seinsgeschichte, 428-439. Es sind diese beiden Aspekte des Horizontbegriffs, die Heidegger in den 1930er Jahren erfolglos zusammenzuführen sucht. Vgl. Keiling, Tobias, Erklüftung. Heideggers Entwurfsdenken in den Beiträgen zur Philosophie, in: Espinet, David/Hildebrandt, Toni (Hg.), Suchen, Entwerfen, Stiften. Randgänge zum Entwurfsdenken Martin Heideggers, München 2014, 107-124.

26

Die Kunsterfahrung kann – mit und gegen Heidegger und Gadamer – dabei tatsächlich als exemplarischer Fall einer solchen Strukturierung von Sinn durch Werkbezogenheit gelten. Vgl. Keiling, Tobias, Kunst, und doch Methode? Überlegungen zu Husserl, Heidegger und Gadamer, in: Phänomenologische Forschungen 2010, 75-99.

27

Zu einer solchen Fähigkeitskonzeption von Wissen, vgl. Kern, Andrea, Quellen des Wissens. Zum Begriff vernünftiger Erkenntnisfähigkeiten, Frankfurt a. M. 2006.

28

Figal versteht seine Arbeiten explizit als »realistische Phänomenologie« (Figal, Unscheinbarkeit, 1). Einen ›hermeneutischen Realismus‹ vertritt gegenwärtig Anton Koch. Zur Einführung, vgl. Koch, Anton Friedrich, Hermeneutischer Realismus, Tübingen 2016. Ebenso Markus Gabriel/Malte Dominik Krüger, Was ist Wirklichkeit? Neuer Realismus und Hermeneutische Theologie, Tübingen 2018.

29

Vgl. Benoist, Jocelyn, Éléments de philosophie réaliste, Paris 2011, 62; Elemente einer realistischen Philosophie, übersetzt von David Espinet, Berlin 2014, 65.

30

Vgl. Gabriel, Markus, Sinn und Existenz. Eine realistische Ontologie, Berlin 2016, besonders 183-223, 465-488. Der Ausdruck ›Sinnfeld‹ wurde übrigens zuvor von Werner Marx gebraucht, führt bei Marx aber nicht zu einer Revision der Ontologie sondern zu einer Mitleidsethik. Vgl. Marx, Werner, Ethos und Lebenswelt. Mitleidenkönnen als Maß, Hamburg 1986, 59.

31

Das hätte jedoch zur Voraussetzung, dass derselbe Gegenstand in verschiedenen Sinnfeldern/Kontexten verortet ist, was Gabriel nicht anzunehmen scheint. Zu diesem Problem, vgl. Arnold, Thomas/Keiling, Tobias, Leitsinn und Unsinn, in: Gaitsch, Peter/Lehmann, Sandra/Schmidt, Philipp (Hg.), Sinn im Erscheinen. Phänomenologische Positionen zur Sinnfeldontologie, Wien 2017, 171-190.

32

Kant, Immanuel, Kritik der Urteilskraft, AA V, Berlin 1963, 174.

33

Ebd.

34

Ebd.

35

Makreel, Orientation and Judgment, 66.

36

Kant, Kritik der Urteilskraft, 174.

37

Makreel, Orientation and Judgment, 73.

38

Ebd., 73.

39

Ebd., 74.

40

Ebd., 65.

41

Ebd.

42

Vgl. ebd., 75.

43

Ebd., 99.

44

Diese Kontinuität ist besonders deutlich in der Beschreibung der Kreis- oder Zirkelform als Grundform des Verstehens, bei der sich eine Kontinuität von der Kritik der Urteilskraft bis zu Gadamer erkennen lässt. Vgl. Keiling, Tobias, Zirkel und Kreise des Verstehens. Gadamer, Emerson, Kant, in: International Yearbook for Hermeneutics (14) 2015, 42-79. Zu dieser logischen Form, vgl. auch die Beiträge in: Berg, Stefan/von Sass, Hartmut (Hg.), Regress und Zirkel. Figuren prinzipieller Unabschließbarkeit, Hamburg 2016.

45

An Reflexionsurteilen orientiert sich auch Gadamers Diskussion der Urteilskraft, deren Relevanz verliert sich jedoch im Laufe von Wahrheit und Methode. Vgl. Gadamer, Wahrheit und Methode, 43. Zum (oft unterschätzen) Einfluss von Kants Kritik der Urteilskraft auf Gadamer, vgl. Robert J. Dostal, Gadamer, Kant, and the Enligthenment, Research in Phenomenology 46 (2016), 337-348.

46

Makreel, Orientation und Judgment, 74.

47

Ebd., 75.

48

Ebd., 81.

49

Ebd., 106.

50

Ebd., 108.

51

Ebd., 108f.

52

Vgl. Keiling, Tobias, Logische und andere Räume. Wittgenstein und Blumenberg über Unbestimmtheit, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 64 (2016), 720-737, wieder abgedruckt in: Espinet, David/Keiling, Tobias/Mirkovic, Nikola (Hg.), Raum erfahren. Epistemologische, ethische und ästhetische Zugänge, Tübingen 2017, 83-98.

53

Gadamer, Wahrheit und Methode, 276-280.

54

Makreel, Orientation and Judgement, 83.

55

Ebd.

56

Vgl. ebd.

57

Vgl. ebd.

58

Ebd.

59

Ebd., 41.

60

So ließen sich vermutlich Überlegungen zum ›ontologischen Pluralismus‹ adaptieren, die sich beim späten Heidegger finden. Vgl. Keiling, Tobias, Die Welten und das Welten. Heideggers ontologischer Pluralismus, in: Novotny, Karel/Nielsen, Cathrin (Hg.), Die Welt und das Reale, Nordhausen 2019, im Erscheinen; Keiling, Tobias, What is phenomenological realism? Metametaphysical considerations, in: Kanev, Alexander (Hg.), New Realism, Sofia 2019, im Erscheinen.

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