Besserverstehen

Verstehen als Interpretieren

In: Verstehen und Interpretieren
Author:
Florian Priesemuth
Search for other papers by Florian Priesemuth in
Current site
Brill
Google Scholar
PubMed
Close
Open Access

Nichts versteht sich von selbst. Der methodologische Ausgangspunkt der Hermeneutik im Anschluss an Friedrich Schleiermacher ist eine Kritik an der Selbsterschließungskraft von Texten. Texte bedürfen einer Interpretation. Ist damit auch gesagt, dass sie durch jede Interpretation verstanden werden? Ich will im Folgenden zeigen, wie der Verstehensbegriff bei Schleiermacher ein spezifisches Profil gewinnt, das für eine Verhältnisbestimmung der Begriffe Verstehen und Interpretieren fruchtbar gemacht werden kann.

Ich konzentriere mich dazu auf das Theorem vom Besserverstehen, das keine Erfindung frühromantischer Hermeneutik ist, sondern von jeher als das Ziel verstehender Interpretation gelten kann.1 Wie aber wird das Besserverstehen genau verstanden? Und worauf ist das Besserverstehen gerichtet? Lässt sich das Besserverstehen eines Textes von der Intention seiner Verfasserin oder seines Verfassers trennen?

Ich setze zunächst (1.) mit Überlegungen zum Besserverstehen bei Kant ein, weil sich von dort aus wesentliche Weichenstellungen in der Hermeneutik und Interpretationstheorie konturieren lassen. Kant erhebt den Anspruch, Platon besser zu verstehen als dieser sich selbst. Es wird sich zeigen, dass es Kant um ein überbietendes Verstehen des Begriffs der Idee geht. Wie Kant hier mit Platon verfährt, schlägt Dilthey bekanntlich für den Umgang mit der kantischen Philosophie insgesamt vor: Die Wahrnehmung der Texte erfolgt unter vollständiger Absehung von ihren Entstehungsbedingungen. In den Worten Diltheys: »Die Philosophie Kants kann völlig verstanden werden ohne nähere Beschäftigung mit seiner Person und seinem Leben.«2 Der eigene Anspruch der Philosophie Kants ist damit wahrscheinlich treffend charakterisiert. Sein Verständnis des Besserverstehens soll hier aber im Kontext der Hermeneutikgeschichte als Beispiel einer Stellenhermeneutik interpretiert werden, die beim Verstehen eines Textes von der Autorenintention abstrahiert.

Danach greife ich (2.) mit Schleiermacher einen Klassiker der Hermeneutikgeschichte auf, der als zentraler Theoretiker des Besserverstehens gilt. Insbesondere in der Rezeption von Dilthey bis Gadamer ist die Schleiermachersche Hermeneutik auf eine bestimmte Form der »Einfühlungshermeneutik«, einer psychologischen Aneignung der intentio auctoris, hin gelesen worden.3 Unabhängig von den Vereinseitigungen einer solchen Lesart kann bei Schleiermacher gegenüber Kant eine Verschiebung der Frage nach dem Gegenstand des Besserverstehens festgehalten werden: ein Text ist nicht unabhängig von seinem Autor und dessen Intention zu verstehen. Der Text erschließt sich nicht von selbst, bloß anhand seiner Sprache oder nur durch ein vom Leser herangetragenes Denken. Es bedarf einer Hermeneutik als einer kunstmäßigen Interpretationstechnik, die allererst Verstehen ermöglicht.

Meine problemgeschichtlichen Überlegungen zielen insgesamt auf die Frage, wie sich (3.) das Verhältnis von Verstehen und Interpretation bestimmen lässt. Wenn ich vom Verstehen als einer bestimmten Form der Interpretation spreche, begreife ich Hermeneutik als eine bestimmte Interpretationstechnik. Ich möchte im Anschluss an die Hermeneutik Schleiermachers vorschlagen, Interpretation und hermeneutisches Verstehen gerade durch das Ziel des Besserverstehens zu unterscheiden.4 Nicht jede Interpretation will hermeneutisch verstehen, alles hermeneutische Verstehen aber ist Interpretation, die auf ein Besserverstehen aus ist.

1. Besserverstehen bei Kant

Ist Kants Philosophie überhaupt für einen profilierten Begriff des Verstehens einschlägig? Der Begriff ist im Rahmen seiner Philosophie nicht zentral.5 Kant bezeichnet den Vollzug des Verstandesvermögens in Bezug auf Gegenstände der möglichen Anschauung bekanntlich nicht als Verstehen, sondern als Erkenntnis.6

In der Einleitung der Dialektik der Kritik der reinen Vernunft findet sich allerdings die Formulierung, »ihn [sc. Platon] so gar besser zu verstehen, als er sich selbst verstand, indem er seinen Begriff [gemeint ist der Begriff der Idee] nicht genugsam bestimmte«.7 Kant vermeint, Platon besser zu verstehen als dieser sich selbst, weil er dem von ihm eingeführten Begriff der Idee erst zu seinem genuinen Recht im Rahmen seiner kritischen Philosophie verhilft. Er habe unter Idee etwas verstanden, was »niemals von den Sinnen entlehnt« sei.8 »Die Ideen sind bei ihm [sc. Platon] Urbilder der Dinge selbst, nicht bloß Schlüssel zu möglichen Erfahrungen, wie die Kategorien.«9 Auch den praktischen Gebrauch der Ideen hätte Platon trefflich herausgearbeitet, was Kant exemplarisch an der Idee der platonischen Republik zeigt.10 Am Ende der Einleitung Von den transzendentalen Ideen wird dann in der berühmten Stufenleiter eine präzise Einordnung der Idee in die unterschiedlichen Vorstellungsarten vorgenommen. Kant präsentiert diese Übersicht mit dem Anspruch, »den Ausdruck Idee seiner ursprünglichen Bedeutung nach in Schutz zu nehmen«.11 Hier sei nur knapp an das Ergebnis dieses Besserverstehens erinnert:

Der Begriff ist entweder ein empirischer oder reiner Begriff, und der reine Begriff so fern er lediglich im Verstande seinen Ursprung hat (nicht im reinen Bilde der Sinnlichkeit) heißt Notio. Ein Begriff aus Notionen, der die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt, ist die Idee, oder der Vernunftbegriff.12

Wie Kant hier mit Platons Begriff der Idee umgeht, ist für Kant ein auch im Gespräch und in der Textinterpretation häufig anzutreffendes Verfahren. In diesem allgemeineren Zusammenhang verwendet er dann auch die Formel vom Besserverstehen:

Ich merke nur an, daß es gar nicht Ungewöhnliches sei, sowohl im gemeinen Gespräche, als in Schriften, durch die Vergleichung der Gedanken, welche ein Verfasser über seinen Gegenstand äußert, ihn so gar besser zu verstehen, als er sich selbst verstand.13

Für Kant ist das Besserverstehen eine übliche Form des Verstehens, die im Alltag wie in der Wissenschaft Verwendung findet. Begriffsgeschichtliche Forschungen zur Hermeneutik haben zeigen können, dass das Ziel des Besserverstehens, das lange als ein genuin romantisches Konzept galt, schon lange vorher zu den Grundbegriffen der Hermeneutik zählte.14

Eingangs habe ich bereits auf das Nichtverstehen als methodischen Ausgangspunkt der Hermeneutik im Anschluss an Schleiermacher hingewiesen. In Johann Konrad Dannhauers Idea boni Interpretis (1630) begegnet zum ersten Mal die Idee einer allgemeinen Hermeneutik. Dannhauer strebt eine für alle Textarten und alle Wissenschaften geltende regelgeleitete Interpretation an, wobei er methodisch von der Auslegung »dunkler« Textstellen ausgeht. Diese dunklen Stellen sollen anhand der verständlichen erhellt werden. Es galt also, vom Verständlichen her das Unverständliche zu erschließen. Sogar Fehler im Gedankengang der Autoren könnten auf diese Weise erklärt und durch diese Art des Besserverstehens behoben werden. Allgemeine Gesetze des Verstehens ermöglichten ein Besserverstehen auf die innere Kohärenz der Gedanken hin.15

Kant klärt den Begriff der Idee bei Platon also dadurch, dass er die innere Kohärenz der Begriffsbildung in den Kontext seines eigenen philosophischen Systems überführt. Er erweist sich hinsichtlich seines Konzepts des Besserverstehens als Vertreter einer Stellenhermeneutik, wenn er Platons Ideenbegriff als ein Interpretationsproblem herausgreift und ihn durch einen kohärenten Kontext verständlich zu machen sucht.16 Anders als bei Dannhauer ist bei Kant der kohärente Kontext dabei aber nicht dem zu interpretierenden platonischen Text, sondern der Philosophie von Kants erster Kritik entnommen.

2. Besserverstehen bei Schleiermacher

Bei Kant ließ sich das Besserverstehen als erreichbares Ziel einer Interpretation identifizieren, die im Wesentlichen auf innere Kohärenz abstellt. In der Hermeneutik Schleiermachers entfallen die Sicherheiten eines klaren Anfangs- und Endpunktes des Verstehens: »Verstehen« wird als Kunst, als letztlich nicht mit Gesetzen einholbare Technik, verstanden, deren methodischer Ausgangspunkt das Nichtverstehen und deren letztlich nicht erreichbares Ziel das vollständige Verstehen ist.17

Seine Vorläufer in der Hermeneutikgeschichte würdigt Schleiermacher auf seine Weise in den Notizen zur Hermeneutik (1805 und 1809/10): »Die bisherigen Behandlungen der Hermeneutik gehen aus von der Kunstlosigkeit des Verstehens, das nicht eher Kunst bedarf bis es auf Nonsens gestoßen ist.«18 Die Hermeneutik, die nicht das Verstehen als Ganzes problematisiert, kann für Schleiermacher nicht dem Anspruch einer Kunstlehre genügen. Aufgrund dieser Selbsteinschätzung galt Schleiermacher für einer Reihe seiner Interpreten lange als Begründer der allgemeinen Hermeneutik.19

Ich wende mich dem Ziel der Hermeneutik Schleiermachers zu, dem vollkommenen Verstehen. Hier begegnet mehrfach die für die Frage nach seinem Verständnis des Besserverstehens einschlägige Formulierung, die sich so auch bei Kant gefunden hat: »den Schriftsteller besser verstehen als er sich selbst«.20

Schleiermachers Hermeneutik zielt damit, anders als Kants, nicht auf die Klärung eines einzelnen unklaren Begriffs, sondern auf eine möglichst vollständige Rekonstruktion der Entstehungsbedingungen einer sprachlichen Äußerung,

ein erhötes Verständniß von dem inneren Verfahren der Dichter und anderer Künstler der Reden von dem ganzen Hergang der Composition vom ersten Entwurf an bis zur lezten Ausführung. Ja ist überhaupt etwas wahres an der Formel, die höchste Vollkommenheit der Auslegung sei die einen Autor besser zu verstehen als er sich selbst von sich Rechenschaft geben könne so wird wol nur eben dieses damit gemeint sein können.21

Das Zitat zeigt zum einen, dass es sich bei dem Theorem des Besserverstehens um eine aus der Hermeneutiktradition übernommene Formel handelt und meldet zugleich Bedenken über ihre mögliche Missverständlichkeit an. Wenn Schleiermacher vom Besserverstehen spricht, dann nur im Sinne eines methodisch-kontrollierten Verfahrens der Interpretation, bei dem das Ziel eines vollständigen Verstehens nie ganz erreicht werden kann. »Verstehen« gilt ihm als eine »unendliche Aufgabe«.22

Anders als für Kant umfasst für Schleiermacher das Besserverstehen nicht nur bestimmte Teile bzw. Begriffe, sondern den Text als Ganzen einschließlich seiner Genese. Er weitet das Problem des Verstehens aus, indem er die Wechselseitigkeit des Verstehens von Individuellem und Allgemeinem zum Grundprinzip seiner Hermeneutik macht.23 In den beiden Interpretationsrichtungen, der grammatischen und der psychologisch-technischen Interpretation, wird diese Spannung in einem Quadrupel schematisiert: den individuellen und allgemeinen Teil der Sprache in der grammatischen Interpretation und die individuellen und allgemeinen Züge der geistigen Welt in der psychologisch-technischen Interpretation.

Schleiermacher, so lässt sich zusammenfassen, repräsentiert ein teleologisches Verstehensmodell, für das er den Ausdruck »Besserverstehen« verwenden kann. Ein Abschluss dieses Verstehensprozesses aber, ein vollständiges Verstehen, bleibt unerreichbar. Schleiermachers Hermeneutik hebt damit nicht mehr auf eine allgemein nachvollziehbare Verständlichkeit ab, sondern auf eine letztlich unbegreifliche Genialität des Autors, die sich in einer unhintergehbaren Verschränkung von individueller und allgemeiner Sprache sowie individuellem und allgemeinem Denken ausdrückt.

3. Verstehen und Interpretieren

Ausgehend von dem bisher Dargelegten lässt sich das Verhältnis der Begriffe »Verstehen« und »Interpretieren« genauer konturieren. Der gegenwärtige Sprachgebrauch im Deutschen verwendet »Verstehen« im Kontext von intentionalem Handeln und dessen Ergebnissen, nicht allein in Bezug auf bloße Gegenstände der Wahnehmung. So ist etwa der Satz »Ich verstehe nur Bahnhof« gemeinhin Ausdruck von Unverständnis, während man sich etwa auf Bahnhofsarchitektur sehr wohl verstehen kann. Der Bahnhof wird verstanden als Bauwerk in einer bestimmten Funktion und errichtet mit einer spezifischen Intention. Verstehen richtet sich eben auf den Nachvollzug des intentionalen Handelns vernünftiger Subjekte, das hinsichtlich seiner Gründe und Ziele transparent werden soll. Verstehen ist verbunden mit der Nachkonstruktion einer Intention, die für ein individuelles Subjekt in Denken und Handeln leitend war bzw. ist.

Interpretation kann, muss aber nicht notwendig mit einem solchen intentionalen Verstehen verbunden sein. Rein logische Herleitungen oder Naturgesetze bedürfen beispielsweise keines im beschriebenen Sinne intentionalen Verstehens. Besser als der Begriff des Erklärens, der häufig für das gerade nicht verstehende Interpretieren herangezogen wird, scheint mir der Interpretationsbegriff als Oberbegriff geeignet, wenn man den Verstehensbegriff hinsichtlich einer bestimmten Hermeneutik enger fassen will. Ich schlage daher vor, von einem hermeneutischen Verstehen als einer bestimmten Form des Interpretierens zu sprechen.

Von Schleiermacher her lässt sich das Verstehen als eine Kunstlehre beschreiben, die mit dem Besserverstehen ein leitendes Ideal erhält. Den Ideenbegriff besser verstanden zu haben, wie Kant dies im Bezug auf Platon meinte, wäre aus Schleiermachers Sicht allenfalls ein vorläufiges Ergebnis eines unendlichen Verstehensprozesses, der vermutlich nicht als ein Besserverstehen gewertet werden könnte, da Kant sowohl von den sprachlichen als auch den geistesgeschichtlichen Kontexten Platons absehen will. Für Schleiermacher sind es gerade diese sprachlichen und geistesgeschichtlichen Zusammenhänge, die er in seiner Hermeneutik mithilfe der grammatischen und psychologisch-technischen Interpretation heranzieht. Er hat seinen Vorläufern vorgeworfen, noch keine allgemeine Hermeneutik entwickelt zu haben. Auch wenn er mit diesem Vorwurf falsch lag, so hat seine grundsätzliche Problematisierung des Verstehens die Debatte um das Besserverstehen in der Hermeneutik doch bleibend befeuert.

Sein Beitrag zur Hermeneutikgeschichte ist nicht die Erfindung eines psychologisierenden Besserverstehens, sondern Besserverstehen als eine umfassende Problematisierung des Verstehens überhaupt. Jede Art von vermeintlichem Verstehen ist kritisch zu prüfen und auf die zugrundeliegende Hermeneutik hin zu befragen. Diese methodische Skepsis des hermeneutischen Verfahrens unterscheidet das Verstehen von stärker analytischen Formen der Interpretation, deren Methode weniger Kunst als vielmehr Praxis ist.

Verstehen und Interpretieren gehören immer dann zusammen, wenn es sich bei den zu interpretierenden Gegenständen um intentionale Äußerungen handelt. Die Interpretation kann in diesen Fällen einer hermeneutischen Methode folgen. Dass es daneben auch Interpretationen gibt, die nicht im Sinne einer Hermeneutik, einer Kunstlehre des Verstehens, zu interpretieren suchen, lässt sich nicht leugnen. Solche Interpretationen bleiben ihrem eigenen Anspruch nach allerdings bloßes Nachvollziehen anhand bestimmter Interpretationsregeln. Hier von Verstehen oder einer abgeleiteten Form des Verstehens zu sprechen, legt sich von dem hier untersuchten Hermeneutikverständnis her nicht nahe.

Verstehen als eine Form des Interpretierens zu begreifen, betont einerseits die Gemeinsamkeiten von Verstehen und Interpretieren hinsichtlich der zugrundliegenden Rekonstruktionsleistung und macht andererseits einen Unterschied in der Methode deutlich. Hermeneutisches Verstehen ist anders als das Interpretieren notwendig auf intentionale Objekte gerichtet und dabei auch selbst nie ohne Intention. Wenn so das Ziel des Besserverstehens verstanden wird, hat dieses Theorem zu Recht einen Platz im hermeneutischen Basisvokabular.

1

Vgl. Danneberg, Lutz, Besserverstehen. Zur Analyse und Entstehung einer hermeneutischen Maxime, in: Fotis Jannidis et al. (Hg.), Regeln der Bedeutung. Zur Theorie der Bedeutung literarischer Texte, Berlin 2003, 644-711.

2

Dilthey, Wilhelm, Leben Schleiermachers, Berlin ²1922, Bd. 1, XV.

3

Dilthey, Wilhelm, Die Entstehung der Hermeneutik, in: ders., Abhandlungen zur Grundlegung der Geisteswissenschaften, hg. v. Georg Misch, Leipzig/Berlin 1924 (Wilhelm Diltheys Gesammelte Schriften 5), 317-338; Gadamer, Hans-Georg, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen 41960, 172-185.

4

Bei Schleiermacher findet sich eine solche Unterscheidung zwischen Interpretieren und Verstehen nicht. In seiner Hermeneutik nennt er zwei ineinander verschränkte Interpretationsrichtungen, auf die noch zu sprechen zu kommen ist. Er unterscheidet ferner »Verstehen« und »Auslegen«, womit er die Anwendung der Ergebnisse der Interpretation meint, z. B. in der Unterscheidung von Exegese und Predigt. In Schleiermachers Ethik-Vorlesungen tritt neben die sprachliche Mitteilung, die den Gegenstand der Hermeneutik bildet, auch noch die nichtsprachliche Mitteilung vor allem in Kunst und Religion. Vgl. ders., Brouillon zur Ethik (1805/06), hg. v. Hans-Joachim Birkner, Hamburg 1981. Entgegen dem von Schleiermacher erhobenen Anspruch, eine allgemeine Hermeneutik vorzutragen, kommen diese Mitteilungsformen in seinen Hermeneutik-Vorlesungen nicht in den Blick. Zu Schleiermachers Ästhetik und Musikphilosophie vgl. Scholtz, Gunter, Schleiermachers Musikphilosophie, Göttingen 1981; Lehnerer, Thomas, Die Kunsttheorie Friedrich Schleiermachers, Stuttgart 1987.

5

Figal, Günter, Kant und die philosophische Hermeneutik, in: Ders., Verstehensfragen, PhU 21, 126-136, weist auf die hermeneutikgeschichtliche Bedeutung Kants insbesondere für Diltheys Konzept einer Kritik der historischen Vernunft hin und konzentriert sich dabei auf die Kritik der Urteilskraft. Vgl. auch Makkreel, Rudolf A., Imagination and interpretation in Kant, Chicago 1990.

6

Ich zitiere im Folgenden aus der Ausgabe Kritik der reinen Vernunft, hg. v. Jens Timmermann, Hamburg 1998, nach den Seitenzahlen der ersten und zweiten Auflage (A/B).

7

A 314/B 370.

8

A 131/B 370.

9

Ebd.

10

Vgl. A 316/B 372.

11

A 319/B 376.

12

A 320/B 377.

13

A 314/B 370.

14

Vgl. Danneberg, Besserverstehen.

15

Vgl. Bühler, Axel (Hg.), Unzeitgemäße Hermeneutik. Interpretation und Verstehen im Denken der Aufklärung, Frankfurt a. M. 1994; Beetz, Manfred/Cacciatore, Giuseppe (Hg.), Die Hermeneutik im Zeitalter der Aufklärung, Köln 2000. Eine knappe Zusammenfassung der Geschichte der Aufklärungshermeneutik bietet die Einleitung der Herausgeber in: Maier, Georg Friedrich, Versuch einer allgemeinen Auslegungskunst, hg. v. Bühler, Axel/Cataldi Madonna, Luigi, Hamburg 1996, VII-XCVI.

16

Zu Kants Bedeutung für die theologische Hermeneutik vgl. Matern, Harald et al. (Hg.), Bibelhermeneutik und dogmatische Theologie nach Kant, Tübingen 2016.

17

Zur Bestimmung des systematischen Ortes der Hermeneutik in Schleiermachers Philosophie vgl. Scholtz, Gunter, Ethik und Hermeneutik. Schleiermachers Grundlegung der Geisteswissenschaften, Stuttgart 1995. Die Hermeneutikvorlesungen zitiere ich nach Vorlesungen zur Hermeneutik und Kritik, hg. v. Virmond, Wolfgang, KGA II/4, Berlin 2012.

18

KGA II/4, 6.

19

Exemplarisch etwa Ebeling, Gerhard, Art. Hermeneutik, in: RGG3 (1959), 242-262. Prominent ist der erste Satz seines Manuskript zur Hermeneutik von 1819, der diese These nahelegt: »Die Hermeneutik als Kunst des Verstehens existirt noch nicht allgemein, sondern nur mehrere specielle Hermeneutiken.« (KGA II/4, 119) Die Einschätzung Schleiermachers, seine Hermeneutik sei die erste allgemeine Kunstlehre des Verstehens ist historisch nicht zutreffend, da es bereits in der Aufklärungshermeneutik mehrere Entwürfe einer hermeneutica generalis bzw. universalis gab. Vgl. Alexander, Werner, Hermeneutica generalis. Zur Konzeption und Entwicklung der allgemeinen Verstehenslehre im 17. und 18. Jahrhundert, Stuttgart 1993; Ruth, Peter, Hermeneutica universalis. Die Entfaltung der historisch-kritischen Vernunft im frühen 18. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 2002. Zur Verhältnisbestimmung Schleiermachers zur Hermeneutik der Aufklärung vgl. Danneberg, Lutz, Schleiermachers Hermeneutik im historischen Kontext – mit einem Blick auf ihre Rezeption, in: Burdorf, Dieter/Schmücker, Reinold (Hg.), Dialogische Wissenschaft, Perspektiven der Philosophie Schleiermachers, Paderborn 1998, 81-105; Rieger, Reinhold, Interpretation und Wissen. Zur philosophischen Begründung der Hermeneutik bei Friedrich Schleiermacher und ihrem geschichtlichen Hintergrund, SchlA 6, Berlin 1988, und Schnur, Harald, Schleiermachers Hermeneutik und ihre Vorgeschichte im 18. Jahrhundert. Studien zur Bibelauslegung zu Hamann, Herder und F. Schlegel, Stuttgart 1994.

20

Vgl. KGA II/4, 39.50.67.75.114.128.219.341.488.

21

KGA I/11, 618.

22

KGA II/4, 6.

23

Diese zentrale Figur hat besonders Manfred Frank herausgearbeitet. Vgl. ders., Das individuelle Allgemeine. Textstrukturierung und -interpretation nach Schleiermacher, Frankfurt a. M. 1977.

  • Collapse
  • Expand