Faktischer und hypothetischer Intentionalismus

Einige Bedenken aus methodologischer Sicht gegen eine inzwischen etablierte Unterscheidung

In: Verstehen und Interpretieren
Author:
Jørgen Sneis
Search for other papers by Jørgen Sneis in
Current site
Brill
Google Scholar
PubMed
Close
Open Access

In Bezug auf den hermeneutischen Status der Autorintention beim Interpretieren literarischer Texte waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem zwei Debatten prägend: zum einen die Debatte um den sogenannten ›intentionalen Fehlschluss‹, zum anderen die Debatte um den sogenannten ›Tod des Autors‹. Parallel zu diesen Diskussionen wurde zudem von ganz unterschiedlicher Warte aus die Forderung erhoben, die Autorintention als Richtschnur für die Analyse und Interpretation von Literatur zu verabschieden.1 Inzwischen ist jedoch die Rede von der Rückkehr des Autors ebenso verbreitet wie einst die Rede von seinem Tod.2 Seit knapp drei Jahrzehnten steht bekanntlich die Autorintention sowohl in der (englischsprachigen) analytischen Ästhetik als auch in der (deutschsprachigen) Literaturwissenschaft wieder hoch im Kurs. Mit diesem wiedergewonnenen Interesse für den Autor geht eine allgemeine Revitalisierung der Hermeneutik einher, auf die gelegentlich mit dem Ausdruck ›Neohermeneutik‹ verwiesen wird.3 Die philologische Interpretationstheorie, wie sie gegenwärtig betrieben wird, widmet sich einer Reihe recht heterogener Fragestellungen. Gleichsam als Binnendifferenzierung innerhalb des hermeneutischen Intentionalismus hat sich aber die Unterscheidung zwischen einem ›faktischen‹ und einem ›hypothetischen‹ Intentionalismus fest etabliert.4

Im Folgenden möchte ich einige Bedenken gegen diese Unterscheidung vorbringen, einerseits mit Blick auf ihre theoretische Fundierung und andererseits mit Blick auf die methodischen Konsequenzen, die man daraus gezogen hat. Meine Überlegungen gliedern sich in zwei Teile. Ausgehen möchte ich von der autorzentrierten Interpretationskonzeption Eric Donald Hirschs (Objective Interpretation, 1960; Validity in Interpretation, 1967), und zwar vor allem hinsichtlich der Art und Weise, wie er sich einst in der bereits erwähnten Debatte um den ›intentionalen Fehlschluss‹ zu positionieren suchte. Bedeutsam ist hierbei zum einen, dass Hirsch heute gemeinhin als der Vertreter eines (starken) faktischen Intentionalismus gilt;5 zum anderen möchte ich in diesem ersten Teil zeigen, dass der Dissens zwischen Hirsch und Wimsatt/Beardsley nicht (nur) auf der Ebene liegt, auf der er von späteren Kommentatoren meist lokalisiert worden ist – oder anders: dass es sich hier eben nicht um einen paradigmatischen Widerstreit von Intentionalismus und Anti-Intentionalismus handelt. Vielmehr treffen hier zwei unterschiedliche Positionen aufeinander, die sich gegen eine derartige Gegenüberstellung geradezu sperren. In dieser Hinsicht kann eine Analyse von Hirschs Intentionalismus als eine instruktive Hinführung zu der gegenwärtigen Diskussion dienen. Vor diesem Hintergrund komme ich dann im zweiten Teil zu meinem eigentlichen Thema und wende ich mich einigen Argumenten zu, mit denen die Differenzierung in einen faktischen und einen hypothetischen Intentionalismus begründet worden ist. Ohne mich für oder gegen einen faktischen oder hypothetischen Intentionalismus auszusprechen, vertrete ich hier die Meinung, dass die Unterscheidung selbst im Kontext der Literaturwissenschaft nicht sonderlich geeignet ist, um hermeneutische Fragen zu diskutieren.6

Eric Donald Hirsch und der ›intentionale Fehlschluss‹

In ihrem 1946 erstmals publizierten Aufsatz The Intentional Fallacy hatten William K. Wimsatt und Monroe C. Beardsley (unter anderem) zu zeigen versucht, dass eine Interpretation, die die Bedeutung eines Textes aus der Intention des Autors ableiten will, einem Fehlschluss unterliegt. Diese These löste eine heftige Diskussion über den Status der Autorintention beim Interpretieren literarischer Texte aus.7 Ein zentrales und entsprechend oft zitiertes Argument in Wimsatts und Beardsleys Aufsatz lautet:

One must ask how a critic expects to get an answer to the question about intention. How is he to find out what the poet tried to do? If the poet succeeded in doing it, then the poem itself shows what he was trying to do. And if the poet did not succeed, then the poem is not adequate evidence, and the critic must go outside the poem – for evidence of an intention that did not become effective in the poem.8

Auf den ersten Blick scheint hier ein schwerwiegender Einwand gegen den Intentionalismus vorzuliegen. Zu beachten ist allerdings, dass sich das Argument aus einem bestimmten Intentions- und Bedeutungsbegriff speist. In ihrem Aufsatz verweisen Wimsatt und Beardsley eingangs auf einen gemeinsam verfassten Lexikonartikel, der drei Jahre zuvor erschienen war. Dieser Artikel ist insofern aufschlussreich, als dort eine Unterscheidung getroffen wird, die später zwar vorausgesetzt, aber nicht mehr eigens expliziert wird.9 Über die Bedeutung des Textes schreiben Wimsatt und Beardsley: »In referring to the meaning of a literary work, one should distinguish between (1) the meaning of the work itself, and (2) the meaning that the author intended to express in the work. These two meanings are here called ›actual‹ and ›intentional‹ respectively.«10 Mit diesen beiden Arten von Bedeutung (actual vs. intentional meaning) korrespondieren nun zwei Arten von Belegmaterial, das eine Interpretation stützen oder schwächen kann. Wimsatt und Beardsley sprechen von textinternem im Gegensatz zu textexternem Belegmaterial (internal vs. external evidence). Letztlich umfasst hierbei das textinterne Belegmaterial deutlich mehr als den Text selbst, verstanden als eine bestimmte Folge oder Formation sprachlicher Zeichen.11 Es unterscheidet sich aber vom textexternen Belegmaterial in einem entscheidenden Punkt, nämlich dadurch, dass es nicht bloß privat und idiosynkratrisch sei. So gilt umgekehrt für das textexterne Belegmaterial, es sei »not a part of the work as a linguistic fact«, sondern: »it consists of revelations (in journals, for example, or letters or reported conversations) about how or why the poet wrote the poem – to what lady, while sitting on what lawn, or at the death of what friend or brother.«12 Jenseits der Frage, ob es sich beim ›intentionalen Fehlschluss‹ tatsächlich um einen Fehlschluss im logischen Sinne handelt,13 lässt sich die Position von Wimsatt und Beardsley demnach wie folgt rekonstruieren: Die beiden Arten von Bedeutung sind strikt auseinanderzuhalten,14 wobei ein intentionaler Fehlschluss dann vorliegt, wenn man sie zusammenfallen lässt und auf textexternes Belegmaterial (external evidence) rekurriert, um die Textbedeutung (actual meaning) zu eruieren.15 Bei Wimsatt und Beardsley entsprechen die beiden Arten von Bedeutung zwei unterschiedlichen Verwendungsweisen des englischen Verbs to mean. Auf der einen Seite: what the word means. Auf der anderen Seite: what I mean.16 Auf diese Weise kann die Textbedeutung potentiell mit der vom Autor intendierten Bedeutung in Konflikt geraten.

Von der theoretischen Anlage her verhält es sich diesbezüglich bei Eric Donald Hirsch ganz anders. Wenn Hirsch von Intention spricht, hat er nämlich nicht so etwas wie einen Plan oder eine Absicht vor Augen, die im Text mehr oder weniger adäquat verwirklicht wird;17 und bezeichnet wird mit diesem Ausdruck auch nicht das (wie Hirsch betont: unzugängliche) Innenleben des Autors. Gemeint ist vielmehr stets Intentionalität im Sinne Edmund Husserls. Mit anderen Worten: Hirsch greift hier auf einen Grundbegriff der Phänomenologie zurück, auf einen philosophischen terminus technicus.18 Der phänomenologische Intentionalitätsbegriff bezeichnet im Kern die grundlegende Eigenschaft des Bewusstseins, immer Bewusstsein von etwas zu sein, wobei dieses Etwas als etwas erfasst wird.19 Mit einer oft zitierten Formulierung von Franz Brentano, von dem Husserl den Intentionalitätsbegriff übernimmt: »In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urtheile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt usw.«20 Wie Husserl im Rahmen der sogenannten Psychologismus-Kritik in seinen Logischen Untersuchungen (1900/01) unterscheidet auch Hirsch strikt zwischen einem Bewusstseinsakt und demjenigen Gegenstand, dem dieser Bewusstseinsakt gilt – so z.B. zwischen dem Sehen und dem Gesehenen, dem Lesen und dem Gelesenen, dem Verstehen und dem Verstandenen etc. Die Pointe ist dabei einfach genug. Mit Husserl will Hirsch darauf hinaus, dass es möglich ist, ein und denselben Gegenstand in verschiedenen Akten zu intendieren:

All events of consciousness […] are characterized by the mind’s ability to make modally and temporally different acts of awareness refer to the same object of awareness. An object for the mind remains the same even though what is »going on in the mind« is not the same. The mind’s object therefore may not be equated with psychic processes as such; the mental object is self-identical over against a plurality of mental acts.21

Mit dem Intentionalitätsbegriff will Hirsch so einerseits erkenntnistheoretisch begründen, dass die Bedeutung eines Textes, die er als einen intentionalen Gegenstand im Sinne Husserls konzipiert, reproduzierbar ist.22 Dies ist insofern wichtig, als er die Reproduzierbarkeit der Textbedeutung als eine Möglichkeitsbedingung der Interpretation betrachtet: »Reproducibility is a quality of verbal meaning that makes interpretation possible: if meaning were not reproducible, it could not be actualized by someone else and therefore could not be understood or interpreted.«23 Andererseits soll der Intentionalitätsbegriff aber auch den Interpreten von der unmöglichen Aufgabe befreien, die Absicht (purpose) des Autors bzw. die mens auctoris zu rekonstruieren:

Since we cannot get inside the author’s head, it is useless to fret about an intention that cannot be observed, and equally useless to try to reproduce a private meaning experience that cannot be reproduced. […] But as I suggested, the irreproducibility of meaning experiences is not the same as the irreproducibility of meaning. The psychologistic identification of textual meaning with a meaning experience is inadmissible. Meaning experiences are private, but they are not meanings.24

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, den Stellenwert der Phänomenologie bei Hirsch genauer herauszuarbeiten. Genannt sei aber ein nicht ganz unerheblicher Nebeneffekt, der sich aus dem Rekurs auf Husserl ergibt. Mit dem phänomenologischen Zugriff erübrigt sich nämlich für Hirsch die Frage nach dem ›intentionalen Fehlschluss‹:

Although Husserl’s term is a standard philosophical one for which there is no adequate substitute, students of literature may unwittingly associate it with the intentional fallacy. The two uses of the word are, however, quite distinct. As used by literary critics the term refers to a purpose which may or may not be realized by a writer. As used by Husserl the term refers to a process of consciousness. Thus in the literary usage, which involves problems of rhetoric, it is possible to speak of an unfulfilled intention, while in Husserl’s usage such a locution would be meaningless.25

Von unerfüllter Intentionalität zu sprechen, wäre in der Tat sinnlos, sofern es sich um eine Korrelation von Akt und Gegenstand, von Intention und Intendiertem handelt. Nach Hirsch geht es beim Interpretieren keineswegs um eine Absicht, die im Text ihren Ausdruck finden kann oder nicht, sondern vielmehr um einen Text, wie er wahrscheinlich vom Autor gemeint war.26 In diesem Sinne kann er behaupten: »[T]he intentional fallacy has no proper application whatever to verbal meaning.«27

Wie eingangs bereits erwähnt, gilt Hirsch heute als der wohl prominenteste Vertreter eines (starken) faktischen Intentionalismus – eine Etikettierung, die m. E. aus zwei Gründen äußerst fragwürdig ist: Zum einen bestreitet Hirsch (wie gesehen) vehement, dass man wissen kann, was dem Autor tatsächlich durch den Kopf ging; und zum anderen handelt es sich um eine retrospektive Zuschreibung, die aus einer veränderten Debattenkonstellation heraus sowohl auf systematischer Ebene den Rekurs auf Husserls Intentionalitätsbegriff als auch auf wissenschaftshistorischer Ebene den eigentlichen Impetus von Hirschs Intentionalismus übersieht.28 Der Fall Hirsch ist aber auch insofern instruktiv, als man hier deutlich erkennen kann, dass die Intentionalismus-Debatte (damals wie heute) mit Argumenten geführt wird, die zum Teil auf völlig heterogenen Vorannahmen beruhen – wobei diese Vorannahmen ihrerseits nicht immer zwingend zusammenhängen und deshalb gesondert und separiert diskutiert werden sollten.

Hier lassen sich mindestens vier Aspekte unterscheiden: (a) der vorausgesetzte Bedeutungsbegriff; (b) der vorausgesetzte Intentionsbegriff; (c) die Zielsetzungen des Interpreten und ihre jeweiligen Begründungen; (d) methodische Richtlinien. In diesem Sinne werde ich im Folgenden zu zeigen versuchen, dass die Argumente, mit denen die Unterteilung in einen faktischen und einen hypothetischen Intentionalismus stattgefunden hat, äußerst divers sind. Im Zuge dessen möchte ich auch bestreiten, dass diese Unterscheidung einer philologischen Hermeneutik bzw. einer literaturwissenschaftlichen Methodologie zuträglich ist.

Faktischer und hypothetischer Intentionalismus

Wenn ich es richtig sehe, geht der Ausdruck hypothetical intentionalism als Gegenbegriff zu einem actual intentionalism auf einen 1992 erschienenen Aufsatz von Jerrold Levinson zurück.29 Levinson entwickelt hier seine Position in Auseinandersetzung mit William Tolhurst; im Hintergrund steht bei beiden die Kommunikationstheorie von Paul Grice, die letztlich dem hypothetischen Intentionalismus sein spezifisches Gepräge verleiht. Denn als Interpretationskonzeption zielt der hypothetische Intentionalismus – ausgehend von Grice – auf eine kontextuell eingebettete Äußerungsbedeutung (utterance meaning), und zwar im Gegensatz zu der bloß konventionell gesicherten Bedeutung der einzelnen Wörter und Sätze (word sequence meaning) und der tatsächlich intendierten Bedeutung des Sprechers bzw. Autors (utterer’s meaning). So wird im Rahmen des hypothetischen Intentionalismus die tatsächliche Intention des Autors für irrelevant erklärt.30 Zur bedeutungsbestimmenden Instanz wird stattdessen die intendierte Leserschaft (Tolhurst) bzw. ein idealer Leser (Levinson) erhoben. Als konstitutiv für die Bedeutung hat nun die beste (Levinson) bzw. die am besten begründete (Tolhurst) Hypothese über die Autorintention zu gelten, nicht aber die Autorintention selbst – und gerade darin soll sich der hypothetische Intentionalismus vom faktischen unterscheiden. Auch wenn diese Konzeption nicht überall auf Akzeptanz gestoßen ist, hat sich die Unterscheidung doch als überaus wirkmächtig erwiesen. Dies lässt sich allein daran ablesen, dass sowohl der hypothetische als auch der faktische Intentionalismus in verschiedenen Spielarten vertreten werden.31

Zu Recht ist in der Forschung darauf hingewiesen worden, dass die Konjunktur, die der hypothetische Intentionalismus erlebt hat und immer noch erlebt, auf einer Unzufriedenheit mit bisherigen intentionalistischen Ansätzen beruht – wenn auch vor dem Hintergrund, dass eine intentionalistische Interpretationskonzeption grundsätzlich einer anti-intentionalistischen vorzuziehen ist. So stellt der hypothetische Intentionalismus nicht zuletzt den Versuch dar, die traditionell mit dem Intentionalismus assoziierten Probleme zu lösen, ohne die intentionalistische Grundposition aufzugeben.32 Freilich hat man dabei zugleich in überzeugender Weise zeigen können, dass der hypothetische Intentionalismus sich keineswegs durch eine besondere Problemlösungskapazität auszeichnet, sondern vielmehr selbst mit vielen Unklarheiten und theoretischen Problemen behaftet ist.33 Klärungsbedürftig sei unter anderem, wie sich die beste bzw. die am besten begründete zu einer gültigen Deutungshypothese verhält. Zu den Problemen gehöre außerdem die Begriffsbildung, die insofern irreführend sei, als sich das Attribut actual auf den ontologischen Status der Autorintention, das Attribut hypothetical dagegen auf den epistemologischen Status der Intentionszuschreibung bezieht. Differenzierungen, so das Fazit, würden die Unterscheidung überflüssig machen und den etablierten Begriff des hypothetischen Intentionalismus als ein »theoretisches obstacle épistémologique« erscheinen lassen.34 Dieser Einschätzung möchte ich mich im Ergebnis anschließen, meine Argumentation verläuft aber etwas anders: nicht über eine Rekonstruktion und Kritik des hypothetischen, sondern über eine Sichtung der Haupteinwände gegen diejenige Form von Intentionalismus, die gegenwärtig als ›faktisch‹ bezeichnet wird. Dabei geht es mir nicht darum, den faktischen Intentionalismus als solchen zu verteidigen. In der Überzeugung, dass die traditionell erhobenen Einwände gegen den Intentionalismus keineswegs so schwerwiegend sind, wie sie vielleicht erscheinen mögen, möchte ich vielmehr die Quelle des hypothetischen Intentionalismus aufspüren und auf diesem Wege die Unterscheidung selbst in Frage stellen.

1. Verwiesen sei zunächst auf ein Argument, das immer wieder gegen intentionalistische Interpretationskonzeptionen erhoben wird, nämlich dass die Intention des Autors unzugänglich ist und daher nicht als Richtschnur für die Interpretation fungieren kann. Dass die Innenwelt des Autors nicht zugänglich ist, zumindest nicht in derselben Art und Weise wie die eigene, dürfte als vollkommen unstrittig gelten. Daher hat auch, soweit ich das überblicke, noch kein einziger Interpretationstheoretiker ernsthaft behauptet, er hätte einen direkten Zugang zur Psyche des Autors. Allerdings stützen sich intentionalistische Interpretationskonzeptionen nicht auf die Annahme, dass das Innenleben des Autors zugänglich ist. Die methodologische Pointe besteht vielmehr darin, zulässige von unzulässigen Bedeutungszuschreibungen unterscheidbar zu machen. Ist das Verstehen ganz grundsätzlich als ein Erkennen von Zusammenhängen zu beschreiben,35 so ist das Interpretieren ein Herstellen von Zusammenhängen. Auf einer ganz elementaren Ebene ist also das Ziel des Interpretierens ein tieferes und besseres Verständnis.36 Betrachtet man nun das Interpretieren von Texten als die Zuweisung von Bedeutung an den Text, indem man ihn in einen Kontext stellt und vor diesem Hintergrund versteht,37 dann ist man vor allem mit der Frage konfrontiert, welche Kontexte man beim Interpretieren für relevant erachtet. Entscheidend sind hier zwei Dinge: Zum einen ist die Bedeutung nicht etwa in den sprachlichen Zeichen selbst enthalten, sondern wird ihnen stets von einem tätigen Subjekt zugewiesen, womit der Text also immer nur für jemanden Bedeutung haben kann.38 Sofern der Autor nicht zugegen ist, sofern es sich also nicht um ein Gespräch, sondern tatsächlich um die Interpretation eines Textes handelt, ist der Leser ganz auf sich gestellt. Ob seine Bedeutungszuweisung als legitim gelten kann, hängt dabei von verschiedenen Konventionen und Normen ab.39 Zum anderen gibt der Text selbst in keiner Weise vor, welche Kontexte einschlägig bzw. normativ ausgezeichnet sind.40 Wenn man als Interpret darum bemüht ist, dasjenige zu verstehen, was der Autor zu verstehen geben wollte, dann ist dies ein regulatives Ziel, das man sich selber setzt. Der Text zwingt einen keineswegs dazu, ältere Wortbedeutungen zu ermitteln, sich mit dem Gesamtwerk des Autors auseinanderzusetzen, sich ein bestimmtes (literatur-)historisches Wissen anzueignen etc. Vielmehr stellt man als Interpret gerade solche Zusammenhänge her, wobei es mit sehr viel Aufwand verbunden sein kann, nur einen einzigen Text historisch angemessen zu verstehen. Die Minimalfunktion eines methodologischen Autorkonstrukts besteht darin, den Text historisch und soziokulturell zu verorten, damit etwa anachronistische Bedeutungszuschreibungen in begründeter Weise als solche identifiziert werden können.41 Mit Verweis auf die Autorintention lässt sich z.B. auch begründen, weshalb man eine bestimmte Textstelle als metaphorisch oder wörtlich, als ironisch oder nicht-ironisch, als allusiv oder nicht-allusiv interpretiert (dies wäre sonst kaum zu erklären). Es geht also nicht darum, ob die Absicht oder das Innenleben des Autors tatsächlich zugänglich ist oder ob man mit Gewissheit sagen kann, dass man den Text wirklich im Sinne des Autors verstanden hat. Angesichts eines vorgefundenen Textes, den man verstehen und ggf. erklären will, geht es vielmehr um ein Prinzip, nach dem sich Kontexte auswählen und hierarchisieren lassen und nach dem sich die Relevanz von Wissensbeständen bestimmen lässt.

2. Eine weitere Stellungnahme gegen den Intentionalismus im Allgemeinen ist bekannt als die ›Identitätsthese‹. Der Ausdruck geht auf Beardsley zurück und besagt, dass die Absicht des Autors und die Bedeutung des Textes identisch sind, mithin dass der Text eine bestimmte Bedeutung hat, nur weil der Autor es behauptet.42 Die Ansicht, dass der Autor die Bedeutung des Textes determiniert, ist in der Tat weit verbreitet. Damit ist aber nicht gesagt, dass die Textbedeutung vom Autor allein determiniert wird, ggf. unter (bewusster) Missachtung der Konventionen der natürlichen Sprache. In Reinform ist die Identitätsthese wohl nur von Humpty Dumpty vertreten worden, der im Gespräch mit Alice bekanntlich sagt: »When I use a word […] it means just what I choose it to mean – neither more nor less.«43 Wer also die Identitätsthese gegen den (faktischen) Intentionalismus ins Feld führt, trägt in gewisser Weise ein Scheingefecht aus.44 Aber selbst wenn sich jemand finden sollte, der diese Position vertritt,45 stellt sich immer noch die Frage, ob die Identitätsthese an und für sich plausibel ist. So leuchtet es vor allem nicht ein, weshalb man überhaupt von der Identität von Intention und Bedeutung ausgehen sollte. Anzunehmen ist wohl eher, dass sich ein Autor bestimmter Konventionen bedient, um kommunikative Absichten zu verfolgen – wobei es für den Literaturwissenschaftler völlig unbedenklich ist, sich beim Interpretieren an der vom Autor intendierten Bedeutung zu orientieren. Daraus ergibt sich lediglich eine Hierarchisierung von Kontexten.

3. Der nächste Einwand kreist um die Frage, inwieweit es dem Autor gelungen ist, seine Absicht im Text umzusetzen, und wie man dies als Interpret ggf. wissen kann. Diese Problematik gilt als ein gravierendes Argument gegen den faktischen Intentionalismus46 und spielt bei Proponenten und Opponenten gleichermaßen eine Rolle. So hat z. B. Robert Stecker – ein prominenter Vertreter eines moderaten faktischen Intentionalismus – eine entsprechende Klausel in seinen Bedeutungsbegriff eingebaut: Nach Stecker wird die Textbedeutung vom Autor determiniert, sofern es ihm gelungen ist, seine Intention im Text zu realisieren.47 Damit soll nicht zuletzt die unbefriedigende Konsequenz vermieden werden, dass die zu eruierende Bedeutung eines Textes einer nicht realisierten Absicht gleichkommt.48 Dem Argument nach liegt hier eine Parallele zum ›intentionalen Fehlschluss‹ vor. Zu bemerken ist dabei erneut, dass die Frage nach der gelungenen Umsetzung von Intentionen von weiteren Vorannahmen abhängt. Gewiss drücken sich Intentionen in Handlungen aus, wobei ein Text wohl vernünftigerweise als das Resultat einer Handlung zu beschreiben ist; und gewiss garantiert ein bloßes Intendieren nicht die erfolgreiche Umsetzung des Intendierten.49 Es ist aber durchaus nicht einerlei, ob man dem Autor Intentionen oder dem Text Bedeutung zuschreibt. Gerade dies scheint mir jedoch in der Diskussion oftmals vage zu bleiben.50 Es finden sich sehr wohl Positionen, die sich klar dafür aussprechen, Interpretationen als die Rekonstruktion der Autorintention zu betrachten.51 Es fragt sich allerdings, ob ein solcher Interpretationsbegriff dem neuzeitlichen Literaturbegriff und der tatsächlichen literaturwissenschaftlichen Praxis entspricht. Denn meist interessiert sich der Literaturwissenschaftler nicht primär für die Absichten des Autors, sondern für die Bedeutung des Textes. So wird meist (mehr oder weniger bewusst) zugrunde gelegt, dass Literatur sich zwar nicht kategorisch, aber sehr wohl graduell von der Alltagskommunikation unterscheidet: Wird in der face-to-face-Kommunikation das Kommunikat gleichsam ›verbraucht‹, um unseren Mitmenschen zu verstehen, so weist man dem literarischen Text als einem fiktionalen und ästhetischen Gebilde zumindest ein gewisses Maß an Autonomie zu, womit sich der Fokus von dem Autor auf den Text verschiebt.52 In dem oben bereits erwähnten Aufsatz hatte Levinson diese (relative) Autonomie des Textes als Argument gegen einen faktischen und für einen hypothetischen Intentionalismus herangezogen.53 Dazu zwei Anmerkungen: Zum einen ist dieses Argument von ganz anderer Art als die Annahme, dass die Möglichkeit einer inadäquaten Mittelwahl seitens des Autors eine unüberwindliche methodische Schwierigkeit für den faktischen Intentionalismus darstelle. Hier ist also deutlich zu sehen, dass die Argumente in der Intentionalismus-Debatte sehr divers sind und zum Teil auf unterschiedliche Fragen zielen, die systematisch voneinander zu unterscheiden sind. Zum anderen lässt sich bezweifeln, ob eine bestimmte Interpretationskonzeption in dieser Form aus dem Literaturbegriff abgeleitet werden kann. Ob man sich bei der Kontextbildung an der Autorintention orientiert oder nicht, bleibt auch hier eine Entscheidung des Interpreten. Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass Autoren manchmal inadäquate Mittel wählen, um ihre Absichten zu realisieren. Aus methodologischer Sicht ist dies allerdings nicht unbedingt problematisch, zumindest nicht von vornherein. Als default mode bietet es sich vielmehr an, dem Autor Zweckrationalität zu unterstellen, etwa nach dem Grundsatz: Wenn jemand sich die Mühe macht, einen Text zu verfassen, dann wird er wohl darum bemüht sein, dasjenige zu schreiben, was er schreiben will. Dies ist dann jedoch im Sinne einer widerleglichen Präsumtion zu nehmen.54 Wenn es im Einzelfall starke Indizien dafür gibt, dass ein Autor etwas anderes wollte, als er umzusetzen imstande war, dann wäre dies fallspezifisch zu beschreiben.

4. Der letzte Einwand hängt sachlich mit dem vorigen eng zusammen und verläuft in etwa wie folgt: Wenn man wissen will, ob es dem Autor gelungen ist, seine Absicht im Text zu verwirklichen, dann ist man auf weitere Zeugnisse mit Absichtserklärungen angewiesen, z.B. auf Selbstkommentare, Briefe, Tagebücher etc. Diese Zeugnisse dokumentieren aber dann die Absicht des Autors womöglich besser als der betreffende Text selbst, womit man in gewisser Weise auf diesen Text nicht mehr angewiesen ist. In diesem Sinne wurde der Intentionalismus oftmals als eine ›Vermeidungsstrategie‹ angesehen, als eine unzulässige Abkürzung, die den eigentlichen Untersuchungsgegenstand in seiner ganzen Komplexität aus dem Blickfeld geraten lässt.55 Bereits Wimsatt und Beardsley, die den Rekurs auf external evidence ablehnen, hatten die Unumgänglichkeit des Textes hervorgehoben, und in vergleichbarer Weise spricht etwa auch Gregory Currie von der Zentralität des Textes.56 Freilich ist hier ebenfalls zu hinterfragen, ob überhaupt ein wirkliches Problem vorliegt. Sofern es darum gehen soll, einen bestimmten Text zu interpretieren, dann ist wohl die Zentralität dieses Textes (des Interpretandums) unumstritten. Dokumente wie Briefe oder Tagebücher gehören dann zum Kontext, sind also Interpretamente, die möglicherweise relevant, aber nicht für bare Münze zu nehmen sind; sie sind vielmehr stets im Lichte des betreffenden Textes zu betrachten und sorgfältig auf ihre Erklärungskraft hin zu prüfen. Außerdem sind die Selbstkommentare, Briefe, Tagebücher etc. selbst Texte, die als solche mehr oder weniger interpretationsbedürftig sind.

Als Bilanz lässt sich festhalten, dass die Unterscheidung zwischen einem faktischen und einem hypothetischen Intentionalismus einen Rahmen geschaffen hat, der für den Literaturwissenschaftler nicht dazu geeignet ist, den hermeneutischen Status der Autorintention zu diskutieren. In dieser kategorialen Gegenüberstellung werden ganz unterschiedliche theoretische Vorannahmen und Problemkomplexe miteinander amalgamiert, die besser auseinandergehalten und einzeln diskutiert werden sollten. Die Absichten des Autors waren wohl kaum hypothetisch, sondern faktisch da, auch wenn sie dem Literaturwissenschaftler unzugänglich sind. Und über eine Interpretation lässt sich wiederum sagen, dass sie den Status einer (explanativen) Hypothese hat, die als solche fallibel und revidierbar ist; sie ist ein Erklärungsangebot, für das man argumentieren muss.57 Der Intentionalismus selbst ist aber weder faktisch noch hypothetisch. Wenn man bedenkt, dass der primäre Adressatenkreis und somit auch die Kommunizierbarkeit der Textbedeutung in der ›klassischen‹ Bedeutungskonzeption des sensus auctoris et primorum lectorum immer schon inbegriffen war,58 reicht es m. E. aus, vom Intentionalismus im Singular zu sprechen. Entscheidend bleibt, ob man sich bei der Text-Kontext- Verknüpfung letztlich an der vom Autor intendierten Bedeutung orientiert oder ob eine andere Kontexthierarchie normativ ausgezeichnet ist.

Diese Überlegungen sind zunächst und vor allem theoretischer Natur, haben aber insofern Auswirkungen auf die literaturwissenschaftliche Praxis, als die Vertreter des faktischen und hypothetischen Intentionalismus divergierende Auffassungen von der Zulässigkeit von Belegmaterial haben. Um die faktische Autorintention auszuklammern, wird im Rahmen des hypothetischen Intentionalismus – wie gesehen – die intendierte Leserschaft bzw. ein idealer Leser zur bedeutungsbestimmenden Instanz erhoben. Zulässig sind dementsprechend nur solche Kontextinformationen, die dieser Leserschaft bzw. diesem Leser zugänglich sind. In diesem Sinne darf man dem hypothetischen Intentionalismus zufolge nicht auf private, etwa erst später zugänglich gewordene Aufzeichnungen wie Briefe, Tagbücher und dergleichen rekurrieren; dem faktischen Intentionalismus zufolge darf man aber prinzipiell alles heranziehen, was zu einem besseren Verständnis des Textes bzw. der Autorintention beitragen kann.59 Die theoretische Vorentscheidung schlägt sich damit direkt in der Kontextbildung (und also auch in der Interpretationspraxis) nieder und zeitigt so unter Umständen unterschiedliche Interpretationsergebnisse, auf jeden Fall aber unterschiedliche Rechtfertigungsstrategien. Zur Diskussion steht letztlich auch die Frage, ob und wie theoretische Erwägungen an die Effekte zurückgebunden werden sollten, die sie für die literaturwissenschaftliche Praxis haben. Sofern die Literaturtheorie nicht Selbstzweck, also sofern die Theorie eine klärende und praxisanleitende Funktion haben soll, ergeben sich Folgefragen, die das philologische ›Handwerk‹ überhaupt betreffen: Ist der Gang ins Archiv eine Tugend oder ein methodischer Fehler? Ist eine Briefedition ein sinnvolles Unterfangen? Wenn die Alternative zwischen dem faktischen und hypothetischen Intentionalismus in Wirklichkeit eine Scheinalternative sein sollte – und dafür habe ich zu argumentieren versucht –, dann wären solche Fragen auf anderer Grundlage zu diskutieren.

1

Vgl. etwa: Spoerhase, Carlos, Was ist ein Werk? Über philologische Werkfunktionen, in: Scientia Poetica 11 (2007), 276-344, 276: »Etwa zeitgleich [i. e. mit den beiden erwähnten Diskussionen] werden auch aus anderen literaturtheoretischen Richtungen umfassende Kritiken an der Verwendung von Autorbegriffen in den Geisteswissenschaften formuliert: Ansätze, die beanspruchen, sich von den tradierten Autorbegriffen zu lösen, sind unter anderem die Intertextualitätstheorie, die Diskursanalyse, die Dekonstruktion, die Semiotik und die Empirische Literaturwissenschaft«.

2

Beizupflichten ist hier: Wilde, Sebastian, [Rez.] Schaffrick, Matthias/Willand, Marcus (Hg.), Theorien und Praktiken der Autorschaft [2014], in: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge XXVI (2016), 1, 207-209, 207. Gemeint ist nicht zuletzt der wegweisende Sammelband: Jannidis, Fotis u. a. (Hg.), Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs, Tübingen 1999.

3

Vgl. etwa: Köppe, Tilmann/Winko, Simone, Neuere Literaturtheorien. Eine Einführung, Stuttgart 22013, 133-148.

4

Dies lässt sich unter anderem daran ablesen, dass sie schon längst in Handbücher und Einführungen Eingang gefunden hat; vgl. etwa: Köppe, Tilmann/Winko, Simone, Theorien und Methoden der Literaturwissenschaft, in: Anz, Thomas (Hg.), Handbuch Literaturwissenschaft, Bd. 2 (Methoden und Theorien), Stuttgart 2007, 285-371, 314f. Seit geraumer Zeit wird von einem ›Streit‹ zwischen dem faktischen und hypothetischen Intentionalismus gesprochen; vgl. etwa Carroll, Noël, Interpretation and Intention. The Debate Between Hypothetical and Actual Intentionalism, in: Metaphilosophy 31 (2000), 75-95.

5

So ist es symptomatisch, dass Carlos Spoerhase den faktischen Intentionalismus allein anhand der Position von Hirsch rekonstruiert; vgl. Spoerhase, Carlos, Autorschaft und Interpretation. Methodische Grundlagen einer philologischen Hermeneutik, Berlin 2007, 106-123. Vgl. ferner etwa: Irvin, Sherri, Authors, Intentions and Literary Meaning, in: Philosophy Compass 1 (2006), 2, 114-128, 116.

6

Die folgenden Überlegungen habe ich an anderer Stelle breiter ausgeführt; vgl. Sneis, Jørgen, Phänomenologie und Textinterpretation. Studien zur Theoriegeschichte und Methodik der Literaturwissenschaft, Berlin 2018, 202-267. Dort wird vor allem auf den theorie- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontext von Hirschs Interpretationstheorie und seine Appropriation von Husserls Phänomenologie ausführlicher eingegangen. Für hilfreiche Hinweise zum vorliegenden Aufsatz möchte ich Olav Krämer ganz herzlich danken.

7

Diese Diskussion wurde umfassend aufgearbeitet von: Danneberg, Lutz/Müller, Hans-Harald, Der ›intentionale Fehlschluss‹ – ein Dogma? Systematischer Forschungsbericht zur Kontroverse um eine intentionalistische Konzeption in den Textwissenschaften, in: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie 14.1 (1983), 103-137 [Teil I] sowie 14.2 (1983), 377-411 [Teil II]. Aus der neueren Forschung zum ›intentionalen Fehlschluss‹ sei verwiesen auf Spoerhase, Autorschaft und Interpretation, 68-79.

8

Wimsatt, William K./Beardsley, Monroe C., The Intentional Fallacy, in: The Sewanee Review 54 (1946), 3, 468-488, 469.

9

Dies bemerken auch George Dickie und W. Kent Wilson: The Intentional Fallacy: Defending Beardsley, in: The Journal of Aesthetics and Art Criticism 53 (1995), 3, 233-250, 234.

10

Wimsatt, William K./Beardsley, Monroe C., Intention, in: Shipley, Joseph T. (Hg.), Dictionary of World Literature, New York 1943, 326-329, 326f.

11

Vgl. ebd., 327: »Evidence that the work has a certain actual meaning is derived from a study of the work itself, the words in which it is written and their syntax. Included in the meaning of the words will be their whole history as far as determinable, and all the uses and associations of the words that went to make up their value when the work was produced«. Vgl. auch Wimsatt/Beardsley, The Intentional Fallacy, 477: »[I]t [i. e. what is internal] is discovered through the semantics and syntax of a poem, through our habitual knowledge of the language, through grammars, dictionaries, and all the literature which is the source of dictionaries, in general through all that makes a language and culture […].«

12

Wimsatt/Beardsley, The Intentional Fallacy, 477f.

13

Dass der Intentionalismus nicht logisch oder empirisch falsch ist, gilt in der Forschung als unstrittig; vgl. mit Blick auf den ›intentionalen Fehlschluss‹ zuletzt Dorothee Birke und Stella Butter: Intentional Fallacy, in: Nünning, Ansgar (Hg.), Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, Stuttgart 52013, 341. Vgl. Ferner: Walton, Douglas, Fallacies, in: Craig, Edward (Hg.), Concise Routledge Encyclopedia of Philosophy, London 2000, 271: »Fallacies are common types of arguments that have a strong tendency to go badly wrong […].«

14

Vgl. Dickie/Wilson, The Intentional Fallacy, 234.

15

Vgl. Gary Iseminger, Intentional fallacy, in: Kelly, Michael (Hg.), Encyclopedia of Aesthetics, Bd. 2, New York 1998, 515-517, 516; »[T]he intentional fallacy may be regarded as an inference appealing to, among others, a premise providing ›external evidence‹ (e.g., diaries, first drafts, correspondence) of the meaning that the author intended to express in the work (what Wimsatt and Beardsley call the ›intentional meaning‹, as contrasted, significantly, with the ›actual meaning‹) and concluding with a judgment of the value of the work as proportional to its success in carrying out those intentions. […] Wimsatt and Beardsley’s diagnosis of what is fallacious about the intentional fallacy depends crucially on the distinction between actual meaning and intentional meaning […].«

16

An anderer Stelle unterscheidet Beardsley dementsprechend zwischen textual meaning und authorial meaning; vgl. Beardsley, Monroe C., Textual Meaning and Authorial Meaning, in: Genre 1 (1968), 169-181.

17

Vgl. Wimsatt/Beardsley, The Intentional Fallacy, 469: »Intention is design or plan in the author’s mind.«

18

Vgl. etwa Eric Donald Hirsch, Objective Interpretation [1960], in: E.D. Hirsch, Validity in Interpretation, New Haven 1967, 209-244, 218: »The relation between an act of awareness and its object Husserl calls ›intention‹, using the term in its traditional philosophical sense, which is much broader than that of ›purpose‹ and is roughly equivalent to ›awareness‹. (When I employ the word subsequently, I shall be using it in Husserl’s sense)«. Zumindest in Objective Interpretation (1960), Validity in Interpretation (1967) und The Aims of Interpretation (1976) ist diese Begriffsverwendung konsequent. Völlig zu Recht bemerkt daher Frank Lentricchia (After the New Criticism, Chicago 1980, 271): »Much of the strength and weakness (and ambiguity) of Hirsch’s hermeneutics rests […] on his employment of Husserl’s austere intentional theory of human consciousness.«

19

Vgl. Merz, Philippe u. a., Intentionalität, in: Gander, Hans-Helmuth (Hg.), Husserl-Lexikon, Darmstadt 2010, 153-157 (mit weiterführenden Literaturhinweisen).

20

Franz Brentano, Psychologie vom empirischen Standpunkte, Erster Band, Leipzig 1874, 115.

21

Hirsch, Objective Interpretation, 217f.

22

Vgl. auch Hirsch, Validity in Interpretation, 38: »An unlimited number of different intentional acts can intend (be averted to) the very same intentional object. Since meaning, like anything else that consciousness is averted to, is an intentional object (that is, something there for consciousness), and since verbal meaning is a meaning like any other, the point can be made more specific by saying that an unlimited number of different intentional acts can intend the same verbal meaning. This is, of course, the crucial point in deciding whether it is possible to reproduce a verbal meaning. Like any other intentional object, it is in principle reproducible.«

23

Ebd., 44.

24

Ebd., 16.

25

Hirsch, Objective Interpretation, 218, Anm. 12.

26

Das Wort ›wahrscheinlich‹ steht hier nicht von ungefähr. Allerdings können die probabilistischen Elemente von Hirschs Interpretationstheorie, die in engem Zusammenhang mit den phänomenologischen Grundannahmen stehen, an dieser Stelle lediglich angedeutet werden; vgl. etwa ebd., 236: »The interpreter’s goal is simply this – to show that a given reading is more probable than others. In hermeneutics, verification is a process of establishing relative probabilities.«

27

Hirsch, Validity in Interpretation, 12.

28

Interessant ist hierbei, dass Hirsch im angloamerikanischen Raum gleichsam ein Bindeglied zwischen der älteren und neueren Autorschaftsdebatte darstellt. So ist es symptomatisch, dass Iseminger in seinem Lexikonartikel zum ›intentionalen Fehlschluss‹ schnell auf Hirsch zu sprechen kommt, dessen Position er zugleich als »starting point for most recent discussions« markiert (Iseminger, Intentional Fallacy, 516).

29

Siehe Jerrold Levinson, Intention and Interpretation: A Last Look, in: Iseminger, Gary (Hg.), Intention and Interpretation, Philadelphia 1992, 221-256; erneut erschienen in leicht überarbeiteter Form als: Intention and Interpretation in Literature, in: ders., The Pleasures of Aesthetics. Philosophical Essays, Ithaca 1996, 175-213. Zum hypothetischen und faktischen Intentionalismus siehe unter anderem auch: Iseminger, Gary, Actual Intentionalism vs. Hypothetical Intentionalism, in: The Journal of Aesthetics and Art Criticism 54 (1996), 4, 319-326; Kante, Božidar, In Defense of Actual Intentionalism, in: Acta Analytica 16 (2001), 109-117; Trivedi, Saam, An Epistemic Dilemma for Actual Intentionalism, in: British Journal of Aesthetics 41 (2001), 2, 192-206; Lintott, Sheila, When Artists Fail: A Reply to Trivedi, in: British Journal of Aesthetics 42 (2002), 1, 64-72; Carroll, Noël, Andy Kaufman and the Philosophy of Interpretation, in: Krausz, Michael (Hg.), Is there a single right Interpretation?, University Park 2002, 319-344; Levinson, Jerrold, Hypothetical Intentionalism: Statement, Objections, and Replies, in: Krausz, Is There a Single Right Interpretation?, 309-318; Currie, Gregory, Arts and Minds, Oxford 2004, insbes. Kap. 6; Kiefer, Alex, The Intentional Model in Interpretation, in: The Journal of Aesthetics and Art Criticism 63 (2005), 3, 271-281; Livingston, Paisley, Art and Intention. A Philosophical Study, Oxford 2005, insbes. Kap. 6; Stecker, Robert, Interpretation and the Problem of the Relevant Intention, in: Kieran, Matthew (Hg.) Contemporary Debates in Aesthetics and the Philosophy of Art, Malden 2006, 269-281; Nathan, Daniel O., Art, Meaning, and Artist’s Meaning, in: Kieran, Contemporary Debates in Aesthetics and the Philosophy of Art, 282-293; Irvin, Authors, Intentions and Literary Meaning; Stecker, Robert, Moderate Actual Intentionalism Defended, in: The Journal of Aesthetics and Art Criticism 64 (2006), 4, 429-438; Davies, Stephen, Authors’ Intentions, Literary Interpretation, and Literary Value, in: British Journal of Aesthetics 46 (2006), 3, 223-247; Spoerhase, Carlos, Hypothetischer Intentionalismus. Rekonstruktion und Kritik, in: Journal of Literary Theory 1 (2007), 81-110; Levinson, Jerrold, Defending Hypothetical Intentionalism, in: British Journal of Aesthetics 50 (2010), 2, 139-150; Stecker, Robert/Davies, Stephen, The Hypothetical Intentionalist’s Dilemma: A Reply to Levinson, in: British Journal of Aesthetics 50 (2010), 3, 307-312; Kindt, Tom/Köppe, Tilmann, Conceptions of Authorship and Authorial Intention, in: Dorleijn, Gillis J. u. a. (Hg.), Authorship Revisited. Conceptions of Authorship around 1900 and 2000, Leuven 2010, 213-227; Huddleston, Andrew, The Conversation Argument for Actual Intentionalism, in: British Journal of Aesthetics 52 (2012), 3, 241-256; Reicher, Maria E., Actualist Meaning Objectivism, in: Proceedings of the European Society for Aesthetics 5 (2013), 34-52; Petraschka, Thomas, Kategoriale und semantische Intentionen. Anmerkungen zu einer Unterscheidung und zu ihrer Relevanz für den aktualen und hypothetischen Intentionalismus, in: Konrad, Eva-Maria u. a. (Hg.), Fiktion, Wahrheit, Interpretation. Philologische und philosophische Perspektiven, Münster 2013, 275-292; Irwin, William, Authorial Declaration and Extreme Actual Intentionalism: Is Dumbledore Gay? in: The Journal of Aesthetics and Art Criticism 73 (2015), 2, 141-147; Trivedi, Saam, Surplus, Authorial Intentions, and Hypothetical Intentionalism, in: College Literature 42 (2015), 4, 699-724.

30

Vgl. Spoerhase, Hypothetischer Intentionalismus, 84.

31

Vgl. den Systematisierungsvorschlag ebd., 101-103.

32

Vgl. ebd., 82.

33

Vgl. dazu (auch im Folgenden) ebd., 93-100 und 104f.

34

Ebd., 105.

35

Vgl. Scholz, Oliver R., Verstehen = Zusammenhänge erkennen, in: Sachs-Hombach, Klaus (Hg.), Verstehen und Verständigung. Intermediale, multimodale und interkulturelle Aspekte von Kommunikation und Ästhetik, Köln 2016, 17-32. Zum Verstehensbegriff und zu den Stufen des Sprachverstehens siehe ferner etwa: Rosenberg, Jay F., On Understanding the Difficulty in Understanding Understanding, in: Parret, Herman/Bouveresse, Jacques (Hg.), Meaning and Understanding, Berlin 1981, 29-43; Strube, Werner, Analyse des Verstehensbegriffs, in: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie 16 (1985), 315-333; Scholz, Oliver R., Verstehen und Rationalität. Untersuchungen zu den Grundlagen von Hermeneutik und Sprachphilosophie, Frankfurt a.M. 22001, Teil III.

36

Dies ist natürlich eine recht allgemeine Aussage. Zum Zielpluralismus beim Interpretieren siehe: Bühler, Axel, Die Vielfalt des Interpretierens, in: Analyse & Kritik 21 (1999), 117-137.

37

Ich folge hier: Danneberg, Lutz, Zum Autorkonstrukt und zu einem methodologischen Konzept der Autorintention, in: Jannidis et al., Rückkehr des Autors, 77-105, 101: »Die Interpretation eines Textes, also die Zuweisung von Bedeutung, besteht immer darin, ihn mit etwas zu verknüpfen. ›Text‹ bezeichnet hier nicht mehr als den Gegenstand, dem man eine Bedeutung zuweisen will (das kann ein Einzeltext oder eine Textpassage sein, muß es aber nicht). Die Bedeutungskonzeption legt fest, was als Bedeutung gelten soll. Sie verbindet damit den Text mit einem (primären) mehr oder weniger genau umrissenen Kontext.« Zum Kontext-Begriff vgl. Lutz Danneberg, Kontext, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. 2, hg. v. Harald Fricke, Berlin 2000, 333-337.

38

Diese Position vertritt im Übrigen auch Hirsch, Validity in Interpretation, 4: »[M]eaning is an affair of consciousness not of words. […] A word sequence means nothing in particular until somebody either means something by it or understands something from it. There is no magic land of meanings outside human consciousness. Whenever meaning is connected to words, a person is making the connection […].«

39

Zugrunde gelegt wird hier also ein inferenzbasiertes Kommunikationsmodell: Der Autor kann höchstens durch bestimmte Verfahren bestimmte Schlussfolgerungen nahelegen, die Schlüsse muss aber der Leser selbst ziehen. Dies entspricht im Übrigen den Ergebnissen der empirischen und kognitionswissenschaftlichen Leseforschung. Es besteht hier Einigkeit darüber, dass das Lesen nicht einfach eine datengesteuerte Informationsverarbeitung (bottom-up processing), sondern auch und konzeptgesteuert ist (top-down processing). Der Leser konstruiert auf Grundlage des Textes eine für ihn sinnvolle Lesart. Vgl. die bündige Zusammenfassung von Simone Winko: Textbewertung, in: Anz, Handbuch Literaturwissenschaft, Bd. 2, 233-266, 240f.

40

Vgl. Danneberg, Zum Autorkonstrukt, 101: »Es gibt keinen in irgendeinem spezifischen Sinne natürlichen Kontext für einen zu interpretierenden Text […]; ein Text läßt sich grundsätzlich mit allem verbinden, was dem Interpreten einfallen mag.«

41

Vgl. ebd., 103f.

42

Vgl. etwa Beardsley, Textual Meaning and Authorial Meaning, 169: »The issue over the Identity Thesis must be very sharply and clearly posed. The question is not whether the text’s meaning and the author’s meaning can coincide – i. e., be very similar. Certainly they can. The question is not whether the text’s meaning is often adequate evidence of the author’s meaning. Certainly it often is. The question is whether they are one and the same thing.«

43

Lewis Carroll, Through the Looking-Glass [1871], Chicago 1917, 99.

44

Vgl. Rosebury, Brian, Irrecoverable Intentions and Literary Interpretation, in: British Journal of Aesthetics 37.1 (1997), 15-30, 19: »No intentionalist I am aware of is committed to the obviously false view that authorial intention is the sole determinant of meaning, which would entail that it can make a sentence bear a meaning that is incompatible with any literal meaning available to it at the time of writing […].«

45

In Frage kommen wohl am ehesten: Knapp, Steven/Michaels, Walter Benn, Against Theory, in: Critical Inquiry 8 (1982), 4, 723-742.

46

Vgl. die Einschätzung von Reicher, Actualist Meaning Objectivism, 46: »The most serious objection against actual intentionalism is that actual intentionalism does not have an adequate explanation for communicative failures.«

47

Vgl. Stecker, Moderate Actual Intentionalism Defended, 429.

48

Vgl. Stecker, Interpretation and the Problem of the Relevant Intention, 272.

49

Vgl. Spoerhase, Autorschaft und Interpretation, 69: »Es gehört trivialerweise zu der Logik des handlungstheoretischen Intentionsbegriffs, dass das bloße Intendieren einer Handlung nicht schon die Realisierung dieser Intention verbürgt; gehörte es zur Logik des Intentionsbegriffs, dass Intentionen per se realisiert werden, wäre der Intentionsbegriff überflüssig […]. Im Intentionsbegriff ist also immer die Möglichkeit des Scheiterns der Realisierung der Intention ›eingebaut‹ […].«

50

So scheint z. B. Levinson die beiden Begriffe ›Intention‹ und ›Bedeutung‹ gleichzusetzen; vgl. etwa Levinson, Intention and Interpretation in Literature, 191. Vgl. dazu auch: Hempfer, Klaus W., Die Angst vor dem Text und wie man sie überwindet, in: Germanisch-Romanische Monatsschrift 65 (2015), 1, 43-61, 55.

51

Vgl. etwa Axel Bühler, Ein Plädoyer für den hermeneutischen Intentionalismus, in: Reicher, Maria E. (Hg.), Fiktion, Wahrheit, Wirklichkeit. Philosophische Grundlagen der Literaturtheorie, Paderborn 22010, 178-198, vor allem 179.

52

Ich beziehe mich hier zunächst auf die Interpretation von neuzeitlicher Literatur. Wenn es sich um ältere Literatur oder auch um andere Texte handelt, können natürlich andere Vorannahmen im Spiel sein. – Die Rede von der Autonomie der Literatur, des literarischen Werks etc. ist weit verbreitet, wobei dieser Ausdruck jedoch in vielen Fällen sehr unterschiedlich verwendet wird (und daher in besonderem Maße einer Explikation bedarf). Vgl. hierzu die knappen Hinweise von Köppe/Winko, Neuere Literaturtheorien, 40; ferner: Hermerén, Göran, The Autonomy of Art, in: Fisher, John (Hg.), Essays on Aesthetics. Perspectives on the Work of Monroe C. Beardsley, Philadelphia 1983, 35-49.

53

Vgl. Levinson, Intention and Interpretation, 236f. Siehe dazu auch Iseminger: Actual Intentionalism vs. Hypothetical Intentionalism, 322f.

54

Vgl. dazu die Hinweise von Scholz, Verstehen und Rationalität, 151-153.

55

Vgl. hierzu Spoerhase, Hypothetischer Intentionalismus, 82f.

56

Vgl. Currie, Gregory, Interpretation and Objectivity, in: Mind 102 (1993), 407, 413-428, 419. Hierauf verweist auch Spoerhase, Hypothetischer Intentionalismus, 82f.

57

Diese Ansicht muss man natürlich nicht teilen. Vielmehr könnte man sagen, dass der Zielpluralismus gerade in der Frage besteht, was überhaupt als das Explanandum der Interpretation gelten kann.

58

Zu dieser Bedeutungskonzeption siehe etwa: Danneberg, Lutz, Altphilologie, Theologie und die Genealogie der Literaturwissenschaft, in: Anz, Handbuch Literaturwissenschaft, Bd. 3 (Institutionen und Praxisfelder), 3-25, 6-10.

59

Vgl. Carroll, Interpretation and Intention, 78: »Epistemologically, what this comes down to is that the hypothetical intentionalist permits the interpreter to use all the sorts of information publicly available to the intended, appropriate reader of a text, while debarring information not publicly available to said reader, such as interviews with the artist as well as his or her private papers. Since modest actual intentionalism is open to the circumspective use of such information, this is where hypothetical intentionalism and modest actual intentionalism part company most dramatically.«

  • Collapse
  • Expand