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In: Verwandlung
In: Morbides Denken
In: Morbides Denken
Paideia
Bedenkt man, wie vielen Versuchungen und Anfechtungen ein Mensch tagtäglich ausgesetzt ist, will es wie ein Wunder erscheinen, dass er dem etwas entgegenzusetzen hat. Bei aller Schlechtigkeit, die dem Menschen eignet, lässt er sich doch in der Regel vom Guten leiten. Woher kommt der Widerstand in uns? Ist er das Werk von Erziehern, die auch heute noch, aller routinierten Skepsis zum Trotz, so machtvoll in uns wirken, dass wir uns auf den ausgesetzten Pfaden des Lebens zurechtfinden? Oder sind wir selbst es, die sich, wie Oliver Twist, der fast nie etwas Gutes sah und trotzdem zum Guten fand, an der Hand nehmen, sich selber führen?
Man wird selbsterzieherische und fremderzieherische An-teile nicht auswiegen können. Klar ist nur, dass auch gut erzogene Menschen Böses tun und schlecht erzogene Men-schen Gutes. Erziehung stößt an Grenzen.
Und die Angewiesenheit auf Gnade, die einem Einzelnen zuteil werden muss, damit er sich sammeln kann, ist nur um den Preis des Hochmuts zu bestreiten. So behält der alte Traum von der Erziehung des Menschengeschlechts einen fahlen Beigeschmack: Erziehen lassen sich allem Anschein nach nur Einzelne – und auch diese nur begrenzt.
Kulturkritik & Paideia
Was wir uns hierzulande gestatten, als Autorität anzuerkennen, hat in der Regel mit ökonomischem Erfolg und politischer Macht mehr zu tun als mit der Befähigung und Begnadung des erzieherischen Menschen. Wohin ist der Sinn für jenes außerhalb des Menschen liegende Maß entschwunden, welches unser Leben lenken könnte?

Das beklagenswerte Los einer Lehrerschaft, das sich hinter dem Pseudonym des Bildungsbegleiters verbirgt, kann nicht als Unfall bezeichnet werden, sondern weist auf ein problematisches Verständnis der conditio humana. Obwohl kaum ein anderes Wort im öffentlichen Raum so sehr strapaziert wird wie das der Humanität, wird das Inferiore des Menschen, seine Verletzlichkeit und Angst, nicht in dem Maße gewürdigt, wie es zur Wahrscheinlichmachung einer starken Person nötig wäre. Hier darf die Asymmetrie in der Begegnung von Lehrer und Schüler, Wissendem und Lernendem nicht geleugnet werden, sie muss vielmehr anerkannt und mit Achtung durchwirkt werden.
»Das gemessene Band. Kulturkritik & Paideia« enthält Bei-träge von Anthony Carty, Norbert Hummelt, Stephan Steiner, Konrad Weiss u.a.
Humanismus und Anti-Humanismus (I)
In unserer Zeit von einer europäischen Identität zu sprechen, oder gar von einem humanistischen Erbe, das uns in die Hände gelegt worden ist, wäre frivol, ja ruchlos. Denn das hieße nichts Geringeres, als dass wir mit einiger Gewissheit sagen könnten, wie wir uns religiös, politisch und moralisch zu verstehen haben, welcher kulturelle Auftrag uns gegeben ist, was wir weiterzutragen und zu beschützen haben. Für den Einzelnen mag dies sogar möglich sein, und in religiöser Hinsicht ist es nie zu spät. Kulturell aber – und wir leben nun einmal im Hier und Jetzt, wir sind mit einer zweiten, für gewöhnlich rauen Haut überzogen – kann von solcher Gewissheit keine Rede sein. Eher verhält es sich so, dass die höchst unterschiedlich geformten, berückend schönen Kristalle der abendländischen Tradition frei durch den Raum schweben und die Geistesarbeiter unablässig damit beschäftigt sind, die besten von ihnen einzufangen, sie zusammenzulegen und darüber nachzudenken, ob und wie sie zueinander passen könnten. Ob die friedliche Ruhe oder Zustände des Glückes, die sich im Blick auf geordnete und schöne Dinge einstellen, nur eine menschliche Einbildung oder bereits eine Ahnung vom Höheren sind, ist die religiöse Kardinalfrage, die jenseits der kulturellen Zersplitterung, bereits als Problem formuliert, Trost zu spenden vermag.
Das 20. Jahrhundert hat so viele Trümmer angehäuft, dass sich die Nachgeborenen im Zustand der Angst und des Erschauderns vor der Bösartigkeit des Menschen geschworen haben, nie wieder auf politische Utopien hereinzufallen. So vernünftig das Pathos der Mäßigung angesichts des apokalyptischen Wahnsinns wirkte, so deutlich tritt in der Berliner Republik aber auch dessen Kehrseite hervor: eine frivole, selbstgenügsame Prinzipienlosigkeit. Mit dem Verlust unserer geschichtsphilosophischen oder auch nur gesellschaftspolitischen Hoffnungen, von religiöser Zuversicht ganz zu schweigen, neigen wir Bürger dazu, unsere ernsten Erwartungen aneinander gleich mitzubegraben oder pragmatisch aufzulösen. Die Zustimmungsgemeinschaft behauptet in der Republik der Sachzwänge: Gerechtigkeit herrscht, wo alle genügend Geld haben, und Frieden, wo kein lautes Wort zu hören ist. Alles Weitere ist Privatsache, und die Zukunft gehört unseren Kindern.
Bilder des Anfangs jenes Heils, in das wir immer schon hineingestellt sind, erscheinen uns spontan zu fern und in ihrer schauderhaften Würde zu groß. Angesicht des grassierenden Hochmuts, sich das Heil durch Glücksübungen exotischer Art ergrapschen zu wollen, wirkt die Ehrfurcht der Wenigen prima facie reif, klug und abendländisch. Doch birgt unsere täuschend echte Sensibilität, die wir uns als bescheiden tuende Intellektuelle anheften, ein Laster der anderen Art: eine Frivolität, die aus dem Stoff der Angst gemacht ist, frivol zu sein.
Konsequenzlos nörgeln wir uns um den Verstand. Und wenn wir uns einmal dazu durchringen, etwas zu bejahen, dann pflegen wir einen beschwichtigenden Jargon diesseitiger Eigentlichkeit. Bis tief hinein ins christliche Milieu hat sich eine Sprache ausgeprägt, die sich verschließt gegenüber jenen, die ein Ungenügen empfinden an der eigenen, schläfrigen Einsamkeit. Wer sich mit kulturkritischem Nörgeln nicht begnügt und einen neuen Anfang machen will, sei aber gewarnt: nach weltlichem Maß ist jedes Gründer-Ich ein potentielles Unterdrücker-Ich.
»Der Anfang. Kulturkritik II« enthält Beiträge von Anthony Carty, Thomas Brose, Sergej S. Choruzij, Andreas Fliedner, Olivia Mitscherlich, Jörg Schenuit, u.a.
Da mag von der Rückkehr der Religion noch so sehr die Rede sein: Dem Glaubenden, der nach dem Heiligen Ausschau hält, weht im liberalen Gemeinwesen ein profaner Wind entgegen, der ihn stören muss. Dabei sind es nicht die inneren Überzeugungen geistig beweglicher Atheisten, die seine religiöse Lebens-führung behindern. Mit intellektuellen Atheisten, die an sich selbst zweifeln, kann er ins Gespräch kommen. Es ist die zum Dogma erstarrte a-religiöse Gesamttendenz unserer Kultur, die ihm zum Problem geworden ist. Denn in ihrem Sog werden alle Phäno-mene des Lebens unbedacht profan gedeutet. Da-durch sind die Glaubenden genötigt, ihre religiösen Überzeugungen in der Öffentlichkeit zurückzuhalten und sie zu einer bloßen Privatsache zu degradieren. Mit dieser Zumutung leben sie unter den kulturellen Bedingungen einer zementierten laïcité.
Wenn die Abwesenheit Gottes keinen Schmerz mehr auslöst, sind wir in jenem Stadium der Gleichgültigkeit angelangt, das uns zu 'Nurweltlichen' (PETER STRASSER) herabwürdigt. 'Nurweltliche' streben nach nichts Höherem. Sie bescheiden sich mit den Gütern der Welt. Doch die Idee totaler Profanierung, dieses Bild einer areligiösen Welt, in der die Menschen keiner Erlösung bedürfen, weil sie bereits in der Befriedigung ihrer Bedürfnisse die ganze Fülle zu erleben meinen, hat sich als Schreckensutopie erwiesen. Die innere Abkühlung und das fehlende Pathos der Heutigen, der grassieren-de Zynismus und die fehlende Ernsthaftigkeit, ein hohler Party-Hedonismus, gepaart mit zwanghafter Lust an der Schauspielerei, kurz: die nicht mehr gespür-te innere Leere, sind Indizien des Schreckens. Der verzweifelte Schrei nach Gott, der die leere Leere wenigstens auf das Niveau gespürter Leere heben will, ist ein Zeichen des Widerstands. Immer lauter wird sein Echo in den Häuserschluchten der Städte. Doch ob er Resonanz findet im ewigen Gebet, im Flüstern der Glaubenden, ist nicht gesagt. Die Autoren des dritten Bandes der FUGE fragen aus weltanschaulich unterschiedlichen Blickwinkeln nach den Spuren Gottes in der Geschichte. Beiträge u.a. von Joris-Karl Huysmans, Jean-Pierre Wils, Lidia Guzy, John Cottingham, Leo N. Tolstoi, Martin Knechtges, Ekaterina Poliakova und und Jörg Schenuit.