Mystische Texte verstehen sich in der Regel als Akt der Kommunikation göttlicher Geheimnisse. Sie behandeln auf mehrfacher Ebene Phänomene der Grenzüberschreitung von irdischem zu göttlichem Wissen bzw. die Vermittlung von göttlich geoffenbartem Wissen in irdische Kontexte hinein. Sie markieren zudem eine Schnittstelle zwischen gelehrtem Wissen und religiöser Praxis, zwischen universitärer Theologie und Laiengemeinschaften, oft auch zwischen maskulin konnotierten Diskursen des Wissens und solchen der Erfahrung, die als feminin wahrgenommen werden. Daher erlauben sie es in besonderer Weise, die innerhalb des Forschungsprogramms des ,Religiösen Wissens‘ zentralen Prozesse von Transformation und Transfer von Offenbarungswissen zu untersuchen. Befragt werden mystische Texte vor allem des 13. und 14. Jahrhunderts unter Rückbezug auf die Hoheliedexegese und theologisches Schrifttum danach, ob es sich bei solchen Grenzüberschreitungen und medialen Vermittlungsakten um Transferleistungen handelt, die ein bisher Spezialisten vorbehaltenes Wissen über das Medium der Volkssprache einer breiteren Leserschaft vermitteln, und ob und inwieweit solche Transfers auch Transformationsprozesse einleiten, in denen sich religiöses Wissen im Prozess seiner Vermittlung über rituelle-liturgische, kommentierende oder ästhetische Verfahren verändert. Beides wird, so die Argumentation dieses Beitrags, an der Figur Mariens und der mit ihr verbundenen Adaptationsprozesse sichtbar – trotz oder eben gerade wegen ihrer Randständigkeit in mystischen Diskursen.

in Religiöses Wissen im vormodernen Europa