Seit dem Frühen Mittelalter gelten nicht mehr nur Bibeltexte als inspiriert, sondern zunehmend auch liturgische Texte und auch die Melodien des Gregorianischen Chorals: Die Buchmalerei stellt Papst Gregor den Großen vor, der liturgische Texte oder Melodien diktiert, die ihm der Heilige Geist in Gestalt einer Taube eingibt. Damit werden Melodien wie Texte zunehmend intangibel, was paradoxerweise Veränderungen nicht ausschließt. Dies gilt besonders für den zentralen Text der Messfeier, das damalig einzige Eucharistiegebet der westlich-römischen Tradition, den Canon Romanus. Der Beitrag möchte zunächst auf die textlichen Veränderungen hin zum Frühen Mittelalter hinweisen. Dann gilt es zu zeigen, wie bei einer einmal festgeschriebenen Textgestalt sich die Interpretation dieses Textes grundlegend wandelte und welche Konsequenzen dies hat. Das um die Jahrtausendwende um sich greifende neue Verständnis des Canon Romanus besteht darin, den sog. Einsetzungsbericht, die verba testamenti, als konsekratorisch zu verstehen: Im Sinne einer Sakralformel bewirkt sein korrektes Aussprechen durch den Priester die Konsekration von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi. Hier zeitigt sich nicht nur eine Akzentverlagerung von der Feier des Todes und der Auferstehung Christi auf die „sachhafte“ Gegenwart Christi in den Mahlgestalten. Zugleich besteht die Neuinterpretation darin, dass der Priester rituell die Rolle Christi nachahmt. In den Sacramentaren tauchen nun Rubriken auf, die den Priester anweisen, wie Jesus im Abendmahlssaal das Brot bzw. den Kelch zu nehmen, die Augen zum Himmel zu erheben und nach erfolgter Konsekration die Arme wie Christus am Kreuz auszubreiten („in modo crucis“). Damit aber ändert sich grundlegend die Rolle des Priesters: Er handelt „in persona Christi capitis“, und von hierher sind es nur wenige Schritte bis zu einem Verständnis der Messe, bei der die Gemeinde deshalb fehlen darf, weil der Priester am Altar als Realisierung der Kirche genügt. Andere seit längerem dem Frühen Mittelalter zugeordnete Motive verstehen sich von der beschriebenen Akzentsetzung: das Motiv der kultischen Reinheit, die der Priester gewähren muss, eine satisfaktorisch geprägte Theologie, die in der Messfeier die Aufopferung des konsekrierten Leibes und Blutes Christi an den Vater ausmacht und so den Akzent auf dem sühnende Handeln der Kirche Gott gegenüber sieht. Schließlich lässt sich das von Arnold Angenendt so genannte „Messesystem Cluny“ ohne die beschriebenen Interpretationsveränderungen nicht denken. Somit bietet der Beitrag ein Beispiel für die Generierung wie Transformation von Offenbarungswissen mittels der drei Sparten Bild, Text und Ritual.

in Religiöses Wissen im vormodernen Europa